Der Tanz auf dem Vulkan: Wie die Wette auf Künstliche Intelligenz die US-Wirtschaft spaltet und gefährdet

Illustration: KI-generiert

Während Tech-Giganten Billionen in eine Zukunft investieren, die noch gar nicht existiert, entkoppelt sich die Realwirtschaft von den Börsenkursen. Der KI-Boom hält Amerika am Leben – doch im Maschinenraum dieser neuen industriellen Revolution knirscht es gewaltig: durch undurchsichtige Finanzierungen, geopolitische Tauschgeschäfte und einen Handelsminister, dessen Familie am Rausch mitverdient.

Es fühlt sich an wie ein Rausch, der kein Ende finden will, und doch schwingt in jedem Rekordhoch an der Wall Street eine leise, unheimliche Note mit. Wer im Jahr 2025 auf die US-Wirtschaft blickt, sieht ein Bild der extremen Zerrissenheit. Auf der einen Seite stehen die gleißenden Türme der Technologiekonzerne, die sogenannten „Magnificent Seven“, deren Börsenbewertungen in Sphären vorgedrungen sind, die das Bruttoinlandsprodukt ganzer Industrienationen in den Schatten stellen. Auf der anderen Seite liegt eine breite Wirtschaftslandschaft, die stagniert, ächzt und nach Orientierung sucht.

Die Vereinigten Staaten haben ihre ökonomische Seele einer einzigen Technologie verschrieben: der Künstlichen Intelligenz. Doch was als Motor für Innovation und Wohlstand gepriesen wird, entwickelt zunehmend die Charakteristika einer gigantischen Finanzblase, deren Platzen Schockwellen weit über das Silicon Valley hinaus senden würde. Es ist eine Wette von historischem Ausmaß – finanziert mit geliehenem Geld, gebaut auf Hoffnungen und getrieben von einer Angst, den Anschluss zu verpassen, die Rationalität längst verdrängt hat.

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Die Zweiteilung der Welt: Boom gegen Stagnation

Um zu verstehen, was gerade geschieht, muss man den Blick von den glänzenden Präsentationen der Tech-CEOs abwenden und in die Bilanzen schauen. Die US-Wirtschaft wächst, ja. Doch dieses Wachstum ist monokausal. Investitionen in KI-Infrastruktur – in Chips, Serverfarmen und Software – fungieren derzeit als fast alleiniger relevanter Treiber. Während traditionelle Sektoren wie das verarbeitende Gewerbe oder der Einzelhandel mit Kaufkraftverlusten und Margendruck kämpfen, fließt das Kapital in einem noch nie dagewesenen Strom in Richtung der Algorithmen.

Es ist eine gefährliche „Zweigleisigkeit“. Wenn eine Volkswirtschaft nur noch auf einem Zylinder läuft, wird jede Fehlzündung zur Existenzbedrohung. Die Mechanismen dahinter sind simpel und brutal: Das Kapital sucht Rendite, und in einer Welt der Unsicherheit erscheint KI als das einzige verbliebene El Dorado. Doch anders als bei früheren Goldräuschen wird hier nicht nur geschaufelt; es wird eine komplett neue Realität auf Pump gebaut, noch bevor klar ist, ob die Bewohner dieser neuen Welt überhaupt bereit sind, Miete zu zahlen.

Schattenbanken und das Echo der Dotcom-Ära

Die Parallelen zur Jahrtausendwende, zum großen Knall der Dotcom-Blase, sind nicht mehr von der Hand zu weisen. Doch die Finanzarchitektur des Jahres 2025 ist komplexer und damit potenziell toxischer. Damals waren es oft naive Kleinanleger, die den Preis zahlten. Heute sind die Risiken tiefer im System vergraben.

Besonders alarmierend ist die Finanzierung der zweiten Reihe. Während Giganten wie Microsoft oder Google ihre massiven Ausgaben („Capex“) noch aus dem Cashflow stemmen können, greifen kleinere Akteure und Start-ups wie CoreWeave oder Nebius zu riskanteren Mitteln. Da traditionelle Banken zögern, Milliarden für Serverfarmen zu verleihen, deren einziger Wert in schnell veraltender Hardware besteht, springen private Kreditgeber und Schattenbanken ein. Instrumente wie Wandelanleihen erleben eine Renaissance.

Diese „Schattenverschuldung“ ist das dunkle Geheimnis des Booms. Unternehmen wie Oracle oder die genannten Start-ups hebeln ihre Bilanzen in der Hoffnung, dass die Einnahmen aus KI-Anwendungen exponentiell steigen werden. Doch das ist die große Unbekannte. Experten warnen eindringlich davor, dass die Monetarisierung der Technologie – also der Moment, in dem aus einem schlauen Chatbot echter Umsatz wird – viel langsamer voranschreitet als der Aufbau der Infrastruktur. Wir bauen Autobahnen für Autos, die noch gar nicht gebaut sind. Wenn die Einnahmen ausbleiben, sitzen diese Firmen auf Bergen von Schulden und veralteten Chips.

Das Perpetuum Mobile: Die Illusion der zirkulären Geschäfte

Um die Märkte bei Laune zu halten, hat sich in der Tech-Branche eine Praxis etabliert, die Analysten zunehmend nervös macht: das „zirkuläre Geschäft“ oder „Round-Tripping“. Das Prinzip ist so genial wie fragwürdig. Ein Tech-Gigant investiert Milliarden in ein vielversprechendes KI-Start-up. Dieses Start-up nutzt das frische Kapital jedoch nicht für Personal oder Büromöbel, sondern kauft damit fast ausschließlich Cloud-Dienstleistungen oder Chips – und zwar genau bei jenem Giganten, der das Geld gegeben hat.

Das Ergebnis ist eine künstliche Aufblähung der Umsatzzahlen. Das Geld fließt im Kreis, doch in den Bilanzen taucht es als Wachstum auf. Diese „Circular Deals“ verschleiern die wahre Marktnachfrage. Sie suggerieren eine Stabilität und einen Bedarf, der organisch vielleicht gar nicht existiert. Es ist, als würde man sich selbst Geld leihen, um im eigenen Laden einzukaufen, und sich dann für den Rekordumsatz feiern lassen. Für die Bewertung der Marktstabilität ist dieser Mechanismus Gift, denn er entkoppelt den Börsenwert von der realen wirtschaftlichen Substanz.

Beton, Strom und die Rückkehr der Atome

Der KI-Boom ist längst nicht mehr nur ein Phänomen aus Nullen und Einsen. Er frisst sich in die physische Welt, mit Konsequenzen, die lokale Gemeinschaften und globale Energiemärkte gleichermaßen treffen. Der Bau riesiger Rechenzentren hat Dimensionen angenommen, die an die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts erinnern. Doch anders als Fabriken, die Tausende Arbeitsplätze schufen, sind moderne Rechenzentren oft einsame Monolithen. Nach der Bauphase bieten sie kaum Jobs, treiben aber die lokalen Immobilienpreise und belasten die Infrastruktur.

Vor allem der Energiehunger der KI ist unersättlich. Energieversorger stehen vor der paradoxen Situation, dass sie in Zeiten der Energiewende fossile Kraftwerke länger am Netz lassen oder – noch drastischer – stillgelegte Kernkraftwerke reaktivieren müssen. Die Wiederbelebung von Reaktoren wie Three Mile Island ist kein Science-Fiction-Szenario mehr, sondern ökonomische Notwendigkeit für die Tech-Konzerne.

Hier zeigt sich die ganze Ambivalenz des Fortschritts: Um eine Technologie zu betreiben, die uns in die Zukunft katapultieren soll, greifen wir auf die Energielösungen der Vergangenheit zurück. Die lokalen Auswirkungen sind spürbar: Stromnetze geraten an ihre Belastungsgrenzen, und die Frage, wer diesen Strom bekommt – der Bürger oder der Server –, birgt sozialen Sprengstoff.

Der geopolitische Basar: Chips gegen Geld

Da das Kapital im Inland teurer wird und die Bilanzen sich dehnen, richten die US-Konzerne ihren Blick nach Osten – in den Nahen Osten. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sitzen auf den Petrodollars, die das Silicon Valley dringend braucht. Doch die Scheichs geben ihr Geld nicht ohne Gegenleistung.

Es hat sich ein geopolitischer Tauschhandel etabliert: Hochleistungschips gegen Kapitalinvestitionen. Die USA exportieren ihre wertvollste Technologie, die modernen KI-Beschleuniger, und erhalten im Gegenzug Milliarden für ihre Infrastrukturprojekte. Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Nationale Sicherheitsinteressen kollidieren hier frontal mit dem Profitstreben. Regierungen versuchen zwar regulatorisch einzugreifen, um zu verhindern, dass diese Chips am Ende geopolitischen Rivalen dienen, doch die Gier nach Kapital droht diese Schranken aufzuweichen.

Auch Elon Musks Unternehmen xAI spielt in diesem Konzert eine zentrale Rolle. Durch Partnerschaften mit saudischen Staatsfonds sichert sich Musk die Ressourcen, um im Wettlauf mit OpenAI und Anthropic nicht den Anschluss zu verlieren. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die amerikanische Vorherrschaft in der Zukunftstechnologie zunehmend von den alten Geldern der fossilen Ära abhängig ist.

Der Sumpf in Washington: Die Akte Lutnick

Während die Unternehmen um Marktanteile kämpfen, vermischen sich in Washington Politik und privater Profit auf eine Weise, die ethische Grundsätze bis zur Unkenntlichkeit dehnen. Im Zentrum der Kritik steht US-Handelsminister Howard Lutnick. Als oberster Förderer der US-Wirtschaft treibt er den Ausbau von Rechenzentren aggressiv voran. Er übt Druck auf ausländische Regierungen aus, in den Standort USA zu investieren.

Das wäre an sich seine Jobbeschreibung – gäbe es da nicht eine pikante familiäre Verflechtung. Lutnicks Familienunternehmen, die Immobilienfirma Newmark, ist einer der großen Profiteure genau dieses Booms. Newmark verdient an den Deals, die durch die Politik des Ministers begünstigt werden, prächtig mit. Es entstehen Interessenkonflikte von atemberaubender Offensichtlichkeit. Wenn der Vater die Rahmenbedingungen schafft, unter denen die Firma der Familie reich wird, erodiert das Vertrauen in die staatliche Integrität. Es wirft die Frage auf, ob politische Entscheidungen noch dem Gemeinwohl dienen oder der Optimierung des familiären Portfolios.

Die Psychologie der Gier und die Stimme der Vernunft

Warum tun sie es? Warum riskieren erfahrene CEOs die Stabilität ihrer Unternehmen für eine Technologie, deren Profitabilität noch in den Sternen steht? Die Antwort liegt in der Psychologie: „FOMO“ – Fear Of Missing Out. Es herrscht eine „Land-Grab-Logik“. Niemand will derjenige sein, der das nächste Internet verschlafen hat. Selbst wenn interne Zweifel an der kurzfristigen Rentabilität bestehen, ist die Angst vor dem Bedeutungsverlust größer als die Angst vor dem finanziellen Ruin.

Doch es gibt Stimmen, die differenzieren. Nvidia-CEO Jensen Huang, der naturgemäß zu den größten Optimisten zählt, argumentiert, wir stünden nicht in einer Blase, sondern am Beginn einer neuen industriellen Ära, vergleichbar mit der Elektrifizierung. Andere Akteure handeln strategisch kühler: SoftBank etwa verkaufte seine Nvidia-Anteile, um direkt in OpenAI zu investieren – ein Manöver, das zeigt, dass institutionelle Investoren das Risiko nicht mehr in der Hardware, sondern in der Anwendung sehen.

Jeff Bezos wiederum geht mit seinem Projekt „Prometheus“ einen anderen Weg. Statt nur auf Sprachmodelle zu setzen, fokussiert er sich auf physische Anwendungen in Ingenieurwesen und Fertigung. Es ist der Versuch, die KI aus dem Chat-Fenster in die Fabrikhalle zu holen – dorthin, wo echte Wertschöpfung stattfindet.

Diskrepanz zwischen Hype und Alltag

Ein Blick in die Unternehmen zeigt jedoch eine ernüchternde Diskrepanz. Während Privatnutzer KI-Tools millionenfach adoptieren, verläuft die Implementierung in breiten Unternehmensprozessen schleppend. Viele Firmen experimentieren, doch der „Productivity Jump“, den die Ökonomen herbeisehnen, bleibt oft aus. KI schreibt E-Mails und generiert Bilder, aber sie löst (noch) nicht die komplexen Probleme der Lieferketten oder der Medikamentenentwicklung in einem Maßstab, der die gigantischen Investitionen rechtfertigt.

Diese Lücke zwischen der Adoptionsrate im Kleinen und der Profitabilität im Großen ist der Riss im Fundament. Wenn Unternehmen feststellen, dass der teure KI-Assistent am Ende doch nur marginale Effizienzgewinne bringt, könnten die Investitionsbudgets so schnell zusammengestreicht werden, wie sie aufgebläht wurden.

Das systemische Risiko: Wenn die Musik aufhört zu spielen

Was passiert, wenn die Blase platzt? Die Folgen wären nicht auf den Tech-Sektor beschränkt. Ein Rückgang der KI-Investitionen würde wie ein Dominoeffekt durch die Wirtschaft rasen. Zuliefererindustrien, das Baugewerbe, das gerade Kapazitäten für Rechenzentren hochgefahren hat, der Energiesektor und die Chiphersteller – sie alle haben auf Wachstum gewettet. Überkapazitäten würden zu Preisschocks und Entlassungen führen.

Noch gefährlicher ist das Klumpenrisiko an den Aktienmärkten. Pensionsfonds und Altersvorsorgepläne von Millionen Amerikanern hängen am Tropf der „Magnificent Seven“. Eine Korrektur bei Nvidia oder Microsoft ist kein isoliertes Ereignis, sondern ein Angriff auf den Wohlstand der Mittelschicht. Die Volatilität dieser wenigen Aktien bestimmt den Puls des gesamten Marktes.

Wir erleben einen historischen Moment der Ungewissheit. Die USA haben alles auf eine Karte gesetzt. Geht die Wette auf, könnte ein goldenes Zeitalter der Produktivität beginnen. Geht sie schief, droht ein Kater, der die Schmerzen der Dotcom-Krise wie ein leichtes Kopfweh erscheinen lässt. Die Musik spielt noch, und alle tanzen – doch der Boden unter ihnen wird immer heißer.

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