Befehl, Gehorsam und der Galgen: Wenn der Eid auf die Verfassung zum Verrat erklärt wird

Illustration: KI-generiert

Es ist ein Rauschen, das längst über den politischen Lärmpegel hinausgeht und eine Frequenz erreicht hat, die das institutionelle Glas in Washington zum Zerspringen bringt. Was als strategischer Kommunikationszug einer Gruppe demokratischer Abgeordneter begann, hat sich binnen 48 Stunden in eine verfassungsrechtliche Kernschmelze verwandelt. Der Auslöser: Ein Video, kaum länger als anderthalb Minuten. Die Reaktion des Präsidenten: Die Forderung nach der Todesstrafe für gewählte Volksvertreter. Wir erleben in diesen Tagen eine Verschiebung der tektonischen Platten der amerikanischen Demokratie. Es geht nicht mehr nur um den üblichen Schlagabtausch zwischen Republikanern und Demokraten, sondern um die fundamentale Frage, wem die Loyalität des amerikanischen Soldaten gehört: Dem Mann im Weißen Haus oder dem Papier, auf dem die Republik gründet.

Das Video als Katalysator: Die Uniform als politisches Schutzschild

Die Szenerie wirkt fast schon klassisch staatstragend. Sechs Abgeordnete, allesamt Veteranen der Streitkräfte oder der Nachrichtendienste, wenden sich direkt an die Truppe. Unter ihnen Senatorin Elissa Slotkin, eine ehemalige CIA-Analystin, und Senator Mark Kelly, einst Navy-Pilot und Astronaut. Ihre Botschaft ist juristisch präzise und doch politisch explosiv: Sie erinnern die Soldaten daran, dass ihr Eid der Verfassung gilt und nicht einer Person. Sie betonen die Pflicht, illegale Befehle zu verweigern. Der Zeitpunkt dieser Botschaft ist kein Zufall, sondern ein präzise kalkuliertes Manöver. Die Administration Trump plant, das Militär tief in innenpolitische Konfliktfelder zu ziehen – von massenhaften Abschiebungen bis hin zu militärischen Schlägen gegen Drogenkartelle, womöglich sogar auf fremdem Territorium ohne Kriegserklärung.

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Die Demokraten nutzen ihre eigene Biografie hierbei als Schutzschild. Sie sprechen nicht als Parteisoldaten, sondern als Kameraden. Ihr strategisches Ziel ist es, eine Brandmauer innerhalb der Kasernen zu errichten, bevor die umstrittenen Befehle überhaupt erteilt werden, und das Gewissen des Einzelnen gegen die Befehlsgewalt des Oberkommandierenden in Stellung zu bringen. Doch dieser Versuch, die Truppe moralisch zu imprägnieren, trifft auf einen Präsidenten in seiner zweiten Amtszeit, der jede Einschränkung seiner Macht als existenzielle Bedrohung wahrnimmt.

Die Rhetorik der Vernichtung: Verräter, Galgen, Tod

Die Reaktion Donald Trumps markiert eine qualitative Entgrenzung, selbst für seine Verhältnisse. Auf seiner Plattform Truth Social bezeichnete er die Aktion als „aufrührerisches Verhalten“ („Seditious Behavior“), beging den rhetorischen Schritt zur Kriminalisierung der Opposition und endete bei der ultimativen Strafe: „Punishable by DEATH“. Um keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Wut zu lassen, teilte er Beiträge, die George Washington beschworen und den Galgen forderten. Hier geschieht etwas Ungeheuerliches, das in der Abstumpfung des politischen Alltags unterzugehen droht: Der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten fordert den Tod von Senatoren und Kongressabgeordneten, weil diese geltendes Militärrecht zitieren. Es ist der Versuch, die Interpretation des Rechts zu monopolisieren. Wer das Gesetz zitiert, ohne den Willen des Führers zu berücksichtigen, wird zum Staatsfeind erklärt.

Diese Rhetorik ist mehr als nur Dampf ablassen. Sie ist ein Signal an die Basis und an die Justiz. Wenn Trump von „Verrätern“ spricht und seine Verbündeten, wie der stellvertretende Stabschef Stephen Miller, von einer „offenen Aufforderung zum Aufstand“ fantasieren, dann wird der Boden für politische Gewalt bereitet. Gouverneur Josh Shapiro warnte treffend davor, dass der Präsident „politische Gewalt aktiv ermutigt“. In einem Land, in dem politische Gegner bereits physisch attackiert wurden, ist das Markieren von Zielscheiben auf der Stirn von Abgeordneten kein metaphorischer Akt mehr.

Das Dilemma des Soldaten: Zwischen Gehorsam und Gewissen

Mitten in diesem Sturm steht der einzelne Soldat, gefangen in einem juristischen und moralischen Minenfeld. Der Uniform Code of Military Justice (UCMJ) ist in der Theorie klar, in der Praxis jedoch oft ein nebliges Gebiet. Ja, Soldaten haben die Pflicht, rechtswidrige Befehle zu verweigern. Doch der UCMJ unterscheidet strikt zwischen einem offensichtlich illegalen Befehl – wie der Exekution von Gefangenen – und einer politisch umstrittenen, aber formal legitimen Anweisung. Das Problem liegt in der Grauzone. Wenn die Administration Drogenkartelle zu terroristischen Vereinigungen erklärt, um militärische Schläge zu rechtfertigen, ist der Befehl zum Angriff dann illegal? Militärjuristen können debattieren, aber der Soldat im Feld muss entscheiden. Verweigert er den Gehorsam, droht ihm das Kriegsgericht wegen Missachtung von Befehlen (Artikel 90 und 92 UCMJ). Gehorcht er, macht er sich womöglich strafbar.

Die „Nürnberger Verteidigung“ – das bloße Berufen auf Befehle – schützt nicht vor Strafe, das ist historisch und rechtlich verbrieft. Doch die aktuelle Debatte verdreht diese Logik: Die Aufforderung, nicht blind zu gehorchen, wird nun selbst als krimineller Akt, als Aufwiegelung zur Insubordination, umgedeutet. Das Risiko für den einzelnen Soldaten, in diesem Konflikt zerrieben zu werden, ist immens. Er muss abwägen zwischen seiner Karriere, seiner Freiheit und seinem Gewissen – eine Last, die in der Hitze des Gefechts kaum zu tragen ist.

Die Institutionalisierung der Rache

Was diese Episode von früheren Ausfällen unterscheidet, ist die Reaktion des Apparats. Es bleibt nicht bei wütenden Posts. Das Justizministerium, unter der Führung von Trump-Loyalisten, scheint bereit, die rhetorischen Drohungen in juristische Realität zu übersetzen. Todd Blanche, der zweithöchste Beamte im Justizministerium, deutete bereits an, dass man sich das Video „sehr genau ansehen“ werde und die Macher zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Hier zeigt sich das wahre Gesicht der zweiten Amtszeit: Die Justiz wird zur Waffe gegen die politische Opposition.

Es gibt keine Brandmauer mehr zwischen dem Zorn des Präsidenten und den Ermittlungen der Staatsanwälte. Die Unabhängigkeit der Militärjustiz steht auf dem Spiel, wenn der Oberbefehlshaber bereits das Urteil („Tod“) und das Delikt („Verrat“) öffentlich festlegt, bevor überhaupt eine Anklage formuliert ist. Selbst prominente Figuren wie Speaker Mike Johnson versuchen nicht mehr, mäßigend einzuwirken. Stattdessen legitimieren sie die Eskalation, indem sie behaupten, der Präsident „definiere lediglich ein Verbrechen“. Diese Normalisierung des Abnormalen ist das eigentliche Gift, das in die Institutionen sickert.

Ablenkung oder Agenda?

Man darf bei aller Empörung die taktische Komponente nicht übersehen. Die Eskalation kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Administration unter Druck steht. Schlechte Umfragewerte, interne Revolten und die drohende Veröffentlichung brisanter Akten im Fall Jeffrey Epstein setzen das Weiße Haus unter Stress. Ein Streit über Patriotismus, Verrat und das Militär ist das perfekte Ablenkungsmanöver. Es zwingt die Demokraten in die Defensive, mobilisiert die eigene Basis und überlagert alle anderen Nachrichten. Doch der Preis für dieses Manöver ist hoch. Der Vorwurf, Teile der Legislative würden zum bewaffneten Aufstand anstiften, vergiftet das Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Militär nachhaltig. Das Pentagon versucht verzweifelt, seine Neutralität zu wahren – Sprecher betonen mantraartig, dass man „rechtmäßige Befehle“ befolge –, doch die Institution wird unweigerlich in den politischen Strudel gesogen.

Ein Blick in den Abgrund

Die Ereignisse dieses Novembers sind ein Warnsignal. Wenn der Hinweis auf die Verfassung als Verrat gilt, wenn politische Rede mit der Todesstrafe bedroht wird und wenn das Justizministerium bereitsteht, diese Drohungen zu exekutieren, dann verlassen wir den Boden des demokratischen Diskurses. Es ist, als würde man dabei zusehen, wie bei einem gigantischen Gefährt die Bremsen gelöst werden – und niemand weiß genau, wie schnell die Fahrt bergab gehen wird. Die Demokraten haben versucht, eine Sicherung einzubauen, indem sie an das Gewissen der Soldaten appellierten. Trumps Reaktion darauf war der Versuch, diese Sicherung mit dem Vorschlaghammer zu zerschlagen. Was zurückbleibt, ist eine verunsicherte Truppe und eine Nation, die sich fragen muss, ob ihre Institutionen stark genug sind, um einen Oberbefehlshaber auszuhalten, der das Gesetz nicht als Schranke, sondern als Waffe versteht.

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