
Es gibt Momente in der Geschichte von Institutionen, die eine Epoche beenden. Für CBS News, das ehrwürdige „Tiffany Network“, das einst von Walter Cronkite verkörpert wurde, war dieser Moment nicht einfach ein Wechsel an der Spitze. Es war die Sprengung der Spitze. Die Ernennung von Bari Weiss zur Chefredakteurin ist nicht weniger als ein Donnerschlag, ein kalkulierter strategischer Bruch mit der fast hundertjährigen Führungskultur des Senders. Gekauft für rund 150 Millionen Dollar – dem Preis, den der neue Eigentümer David Ellison für Weiss‘ Online-Publikation The Free Press zahlte – ist ihre Berufung das Herzstück eines radikalen Experiments: der Versuch, die DNA einer meinungsstarken „Anti-Woke“-Guerilla in einen der letzten Giganten des traditionellen Nachrichten-Establishments zu verpflanzen.
Dies ist keine sanfte Kurskorrektur. Es ist ein hochriskantes Manöver, das auf der These basiert, das alte CBS sei kaputt und nur durch die Methoden seiner schärfsten Kritiker zu retten. Doch während die neue Führung von einer „ill-served“ Mehrheit spricht, die sie bedienen will, erlebt die Belegschaft in den Gängen von CBS einen Kulturschock, der sich in Angst, prominenten Kündigungen und einer tiefen Verunsicherung über die eigene Mission Bahn bricht. Die „Free Press-ifizierung“ von CBS News ist im Gange – und sie stellt die fundamentalste Frage der modernen Medienwelt: Was ist „Nachricht“ im 21. Jahrhundert? Und was bleibt übrig, wenn man versucht, das Vertrauen der Mitte zu gewinnen, indem man die Ränder anzündet?

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Der Pakt – Wie ein Trump-Vergleich den Boden bereitete
Um die Ankunft von Bari Weiss zu verstehen, muss man das Fundament betrachten, auf dem sie nun baut. Es ist ein Fundament, das bereits tiefe Risse hatte, bevor Weiss überhaupt den Fuß über die Schwelle setzte. Man könnte sagen: Der Boden wurde für sie bereitet, und zwar mit einem 16-Millionen-Dollar-Scheck an Donald Trump. Die Übernahme von Paramount, der Muttergesellschaft von CBS, durch David Ellisons Skydance war ein Mammut-Deal. Doch bevor die Tinte trocknen konnte, musste ein juristisches Problem aus der Welt geschafft werden: eine Klage von Präsident Trump gegen „60 Minutes“ wegen eines Interviews mit Kamala Harris. Der Vergleich war mehr als nur eine finanzielle Transaktion; er war ein politisches Statement. Paramount stimmte nicht nur der Zahlung von 16 Millionen Dollar zu, sondern verpflichtete sich auch zu zwei entscheidenden Zugeständnissen, die das journalistische Immunsystem des Senders nachhaltig schwächten. Erstens: die Einsetzung eines Ombudsmanns zur Prüfung von „Bias“-Beschwerden. Die Wahl fiel auf Kenneth Weinstein, den ehemaligen Leiter des konservativen Hudson Institute. Zweitens: die Abschaffung der Diversitätsinitiativen im Unternehmen. Diese Schritte waren ein klarer politischer Sieg für Trump und ein Signal an die Redaktion: Die alten Regeln der Unabhängigkeit und die neueren Bemühungen um repräsentative Strukturen waren verhandelbar geworden. Das Umfeld, in dem Weiss nun agiert, ist also eines, das bereits durch politischen Druck von außen und durch unternehmerisches Entgegenkommen von innen geprägt – manche würden sagen: kompromittiert – wurde.
Die Architekten der neuen Zeit: Ellisons Vision und Weiss‘ Mission
In dieses vorbereitete Feld treten nun zwei Schlüsselfiguren: David Ellison und Bari Weiss. Ellison, der Erbe des Tech-Milliardärs und Trump-Unterstützers Larry Ellison, ist der neue Eigentümer, der die finanzielle Macht besitzt, eine Institution neu zu erfinden. Weiss, eine 41-jährige Journalistin, die die New York Times im Streit über eine vermeintlich illiberale Redaktionskultur verließ, ist sein intellektuelles Werkzeug. Ellisons unternehmerisches Ziel scheint eine strategische Doppel-Investition zu sein. Er erwirbt nicht nur CBS, einen Sender, der mit sinkenden Quoten bei den „Evening News“ zu kämpfen hat, sondern gleichzeitig auch The Free Press, eine agile, kontroverse Digitalmarke, die ihre Relevanz gerade aus der Kritik an Institutionen wie CBS bezieht. Die 150-Millionen-Dollar-Akquisition ist der Kauf einer Ideologie und einer Zielgruppe. Ellison wettet darauf, dass er die etablierte Reichweite von CBS mit der „Anti-Woke“-Energie von Weiss‘ Marke kreuzen kann, um ein neues, profitables Produkt zu schaffen.
Weiss‘ Mission ist dabei explizit ideologisch. Sie selbst, eine „radikale Zentristin“, die sich durch ihre Nähe zu konservativen Milliardären und ihre unnachgiebige Haltung im Kulturkampf definiert, sieht ihre Aufgabe darin, einer vermeintlich „illiberalen“ Linken und der „Wokeness“ entgegenzutreten. Ihr Ziel sei es, die „ill-served“ Mehrheit in der Mitte Amerikas zu erreichen. Diese Neuausrichtung ist somit beides: Sie ist eine Reaktion auf die offensichtliche Quotenkrise der Hauptnachrichtensendung, die weit hinter NBC und ABC zurückliegt. Und sie ist ein primär ideologisches Projekt. Die Wette lautet, dass die Quotenkrise durch die ideologische Neuausrichtung gelöst werden kann – ein gefährliches Spiel. Die größte Hypothek dieses Plans ist jedoch Weiss selbst. Sie ist eine brillante Publizistin und eine erfolgreiche Medienunternehmerin, aber sie verfügt über keinerlei Erfahrung im Management einer großen TV-Nachrichtenredaktion. Das Handwerk des Fernsehens, die Logistik von Live-Berichterstattung und die Führung von Hunderten Journalisten unterliegen anderen Gesetzen als der Betrieb einer meinungsgetriebenen Website. Diese fehlende Erfahrung könnte ihre Fähigkeit, die versprochene „prinzipientreue“ Vision umzusetzen, massiv beeinträchtigen, wenn sie auf den Widerstand einer etablierten Bürokratie und einer skeptischen Belegschaft trifft.
Wenn das Fundament bröckelt: Abgänge und Entlassungen
Die Reaktion des Hauses CBS auf die neue Führung ist nicht nur skeptisch; sie ist von fundamentaler Furcht und offenem Widerstand geprägt. Das „Immunsystem“ des Senders reagiert mit Abstoßungserscheinungen, die die tiefen Gräben zwischen der alten und der neuen Garde offenlegen. Der symbolträchtigste Abgang ist zweifellos der von John Dickerson. Als Co-Anchor der „Evening News“ und Sohn von Nancy Dickerson, der ersten weiblichen Korrespondentin des Senders, war er journalistisches CBS-Urgestein. Sein Rückzug zum Jahresende ist ein stilles, aber verheerendes Urteil über die neue Führung. Während Dickerson selbst schweigt, sind sich Mitarbeiter intern einig: Sein Weggang ist direkt mit der Ankunft von Bari Weiss verknüpft. Er ist das erste unübersehbare Zeichen, dass die Träger der alten „Capital-J Journalism“-Tradition keinen Platz mehr für sich sehen.
Doch Dickerson ist nur die Spitze des Eisbergs. Wichtiger noch für das journalistische Gefüge sind die Rücktritte in den Schlüsselpositionen, die das ethische Rückgrat des Senders bildeten. Claudia Milne, die über die „Standards and Practices“ – die journalistischen Leitplanken – wachte, hat gekündigt. Bill Owens, der legendäre Produzent von „60 Minutes“, warf schon vor der Fusion das Handtuch und begründete dies explizit mit dem Verlust der journalistischen Freiheit. Diese Abgänge signalisieren einen fundamentalen Konflikt: Es geht nicht um Nuancen in der Berichterstattung, sondern um die Unabhängigkeit der Redaktion selbst.
Parallel zu diesen Abgängen rollt eine Entlassungswelle durch das Haus. Rund 100 Mitarbeiter wurden informiert, dass sie gehen müssen. Diese Kürzungen sind keine reine Sparmaßnahme; sie sind ein strategischer Kahlschlag. Besonders hart trifft es Bereiche, die für eine progressive, moderne Nachrichtenausrichtung standen: Das „Race and Culture Unit“ wurde komplett aufgelöst. Das gefeierte Klimateam wurde massiv geschwächt. Diese Prioritätenverschiebung ist unübersehbar: Themen, die von Weiss‘ Klientel oft als „woke“ oder „ideologisch“ gebrandmarkt werden, verlieren ihre redaktionelle Heimat.
Innerhalb dieser Entlassungen schwelen zudem schwere Vorwürfe. Ein Produzent machte öffentlich, dass in seinem Team vier „People of Color“ entlassen wurden, während fünf weiße Kollegen umgesetzt werden konnten. Die offizielle Begründung des Managements, man habe jene behalten, „mit denen man schon gearbeitet hat“, nährt den Verdacht eines „disparaten Einflusses“ – einer Praxis, die zwar nicht offen rassistisch sein muss, aber im Ergebnis bestehende Ungleichheiten zementiert. Es ist ein verheerendes Signal in einer Zeit, in der die Redaktion ohnehin schon um ihre Seele fürchtet.
Die „Free Press-ifizierung“ der Nachrichten
Was Mitarbeiter als „Dread“ – eine Art lähmende Furcht – beschreiben, ist der tägliche Kulturkonflikt, der seit Weiss‘ Ankunft in den Redaktionen tobt. Ihre erste Amtshandlung war ein Memo an alle Mitarbeiter, in dem sie um Ideen und eine Darlegung der eigenen Arbeit bat – ein Vorgang, den viele als „extrem einschüchternd“ empfanden, besonders den Schlusssatz, der eine „gemeinsame Vision“ einforderte. Es ist das Gefühl einer Gesinnungsprüfung, das sich breitmacht. Dieser Konflikt manifestiert sich am deutlichsten in der Verschmelzung von CBS und The Free Press. Die Grenzen, die traditionelle Nachrichtenorganisationen mühsam zwischen Berichterstattung und Meinung ziehen, zerfließen in Echtzeit. Mitarbeiter von The Free Press, darunter Weiss‘ Schwester, treten nun regelmäßig auf CBS-Streaming-Kanälen auf, um ihre Recherchen zu präsentieren. Mehr noch: Artikel von The Free Press erschienen als bezahlte Anzeigen am Ende von CBS-Nachrichtenartikeln.
CBS setzt sich damit einem enormen Risiko aus. Wenn das Publikum nicht mehr unterscheiden kann, ob es sich bei einem Inhalt um eine unabhängig recherchierte Nachricht oder um die geschickt platzierte Meinung von Weiss‘ Privatunternehmen handelt, erodiert die Glaubwürdigkeit – das einzige Kapital, das ein Nachrichtensender besitzt. Mitarbeiter sind „wild“ und „unklar“ darüber, welche Standards nun gelten: Gelten für die Free Press-Mitarbeiter dieselben Social-Media-Richtlinien wie für CBS-Korrespondenten?
Die gespaltene Realität zeigte sich exemplarisch bei einer Wahlnacht-Party in Brooklyn. Auf der einen Seite stand Ed O’Keefe, der erfahrene CBS-Korrespondent, der im „Button-up“-Stil nüchtern seine Analyse lieferte. Auf der anderen Seite stand Olivia Reingold, eine Free Press-Autorin, die ebenfalls für CBS vor Ort war. Sie dokumentierte ihre Wartezeit in der Schlange auf Instagram im Influencer-Stil und wurde von einem linken Kommentator vor laufender Kamera für ihre frühere Berichterstattung über Gaza konfrontiert. Es ist ein Riss, der durch die Redaktionskonferenzen verläuft. Mitarbeiter beschreiben Weiss‘ Story-Vorschläge – etwa ein Interview mit „Da Vinci Code“-Autor Dan Brown oder ein „Buzzfeed-listicle“ über die Heavy-Metal-Vorlieben einer japanischen Politikerin – als „frivol“. Es ist der „Capital-J Journalism“, der auf eine „Anti-Woke“-Persönlichkeitsshow trifft. Das alte CBS, so ein langjähriger Mitarbeiter, sei wie die „Carol“ in einer „60 Minutes“-Reportage über Alzheimer: „Ich liebe, was CBS früher war.“
Ein riskantes Spiel: Die ungewisse Zukunft von CBS
Experten sind sich einig: Was wir bei CBS erleben, ist ein klarer ideologischer „Rechtsruck“ und der Versuch, den Sender zu „Free Press-ify“. David Ellison und Bari Weiss gehen eine enorme Wette ein. Sie setzen darauf, dass es eine schweigende, von „linken“ Medien entfremdete Mehrheit gibt, die nur darauf wartet, von einem „gereinigten“ CBS News angesprochen zu werden. Das Risiko dieses Ansatzes ist jedoch gewaltig. Die Forschung zeigt, dass die öffentliche Wahrnehmung von Medienmarken extrem „hartnäckig“ ist. Es ist unwahrscheinlich, dass konservative Zuschauer, die CBS jahrelang als Teil des „liberalen Establishments“ gesehen haben, nun in Scharen zurückkehren, nur weil Bari Weiss am Ruder sitzt. Gleichzeitig riskiert der Sender, sein verbleibendes, traditionelles Stammpublikum zu verprellen, das von dem neuen, meinungsgetriebenen Stil und den Angriffen auf liberale Positionen abgeschreckt wird.
Weiss‘ erklärtes Ziel, CBS zur „vertrauenswürdigsten Nachrichtenorganisation“ zu machen, wirkt vor diesem Hintergrund fast paradox. Sie versucht, Vertrauen aufzubauen, indem sie die Methoden einer Publizistin anwendet, die ihre Karriere auf dem Misstrauen gegenüber genau jenen Institutionen aufgebaut hat, die sie nun leitet. Woran wird man den Erfolg oder Misserfolg dieses Experiments messen? Sicherlich an den Quoten. Aber auch daran, ob es Weiss gelingt, hochkarätige Talente der alten Garde – wie das Team von „60 Minutes“ – zu halten oder ob die Abwanderung weitergeht. Und es wird sich daran messen lassen, ob Werbekunden bereit sind, ihr Geld in ein Umfeld zu investieren, das unweigerlich polarisierender und kontroverser werden wird.
Das Stewart-Paradoxon: Ellisons doppelgleisige Strategie
Und hier, in diesem scheinbaren Chaos, liegt die vielleicht brillanteste oder zynischste Facette von Ellisons Strategie: das Stewart-Paradoxon. Während David Ellison mit der einen Hand Bari Weiss installiert, um CBS News in eine kulturkämpferische, „Anti-Woke“-Bastion umzubauen, unterschreibt er mit der anderen Hand einen millionenschweren neuen Vertrag für Jon Stewart. Stewart, der einmal wöchentlich „The Daily Show“ auf dem ebenfalls zu Paramount gehörenden Sender Comedy Central moderiert, ist das genaue Gegenteil von Weiss‘ Agenda. Er ist ein unverblümter, scharfer und ungemein populärer Kritiker von Donald Trump und der konservativen Bewegung. Wie passt das zusammen? Wie kann ein Konzernchef gleichzeitig die Speerspitze der „Anti-Wokeness“ und den König der liberalen Satire finanzieren?
Es gibt zwei Lesarten. Die eine ist, dass Ellison ein reiner Pragmatiker ist, der auf dem Medien-Schachbrett zwei völlig getrennte Spiele spielt. Er sieht ein Marktsegment für die „Free Press“-Ideologie bei CBS News und ein anderes für die liberale Kritik von Stewart. Solange beide Geld einbringen, ist die ideologische Inkohärenz irrelevant.
Die andere Lesart ist tiefgründiger: Es könnte der ultimative Ausdruck einer rein post-ideologischen, auf Publikumssegmente zugeschnittenen Medienstrategie sein. In dieser Welt geht es nicht mehr um eine einheitliche journalistische Mission oder um gesellschaftliche Verantwortung. Es geht darum, Nischen zu bedienen. Ellison baut keinen Sender mehr, er kuratiert ein Portfolio aus einander widersprechenden Marken.
Für die Journalisten bei CBS News, die einst glaubten, Teil einer größeren, gemeinsamen Mission zu sein, ist diese Erkenntnis die vielleicht bitterste von allen. Der Kampf um die Seele von CBS ist nicht nur ein Kampf zwischen Links und Rechts. Es ist der Kampf zwischen einer aussterbenden Tradition des Journalismus als öffentlichem Gut und einer neuen Ära der Medien als reinem Konsumprodukt.


