Trumps neue Pressesprecherin | Vierzehn Minuten zwischen falschen Titeln und echtem Chaos

Illustration: KI-generiert

Ein freudscher Versprecher, abgelesene Jubelarien und die Flucht vor kritischen Fragen: Der Einstand von Katie Zacharia im Weißen Haus gerät zum Debakel. Während selbst Regierungsmitarbeiter an ihrer Überlebenschance zweifeln, wirft ihre angebliche Karriere als Anwältin gravierende rechtliche Fragen auf. Das Porträt einer Besetzung, die zeigt, wie Donald Trump Loyalität über Kompetenz stellt.

Als Katie Zacharia am Dienstag zum ersten Mal hinter das geschichtsträchtige Pult im vollbesetzten Presseraum des Weißen Hauses tritt, blickt sie mit einem breiten Lächeln in ein Meer aus neugierigen und wohlwollenden Gesichtern, nur um eines der schwierigsten Ämter in Washington binnen vierzehn Minuten auf das Format einer hastigen Pflichtübung zu schrumpfen. Etwa die Hälfte ihrer Redezeit liest die 41-Jährige mit mitunter stockender Stimme aus einer dicken Mappe ab, preist steigende Löhne, sinkende Medikamentenpreise, einen historischen Energieboom sowie großartige Beziehungen zu Venezuela und grinst vielsagend, als sie das Wort „Kriegsministerium“ ausspricht. Selbst die angeblich bis auf den letzten Platz gefüllten Wahlkampfarenen von US-Präsident Donald Trump hebt sie hervor – obwohl dort jüngst reihenweise Sitze leer blieben, was unweigerlich an Trumps allerersten Sprecher Sean Spicer erinnert, der sich gleich an seinem ersten Arbeitstag 2017 mit falschen Behauptungen über Zuschauerzahlen um Kopf und Kragen redete. Als Zacharia schließlich lediglich drei Korrespondenten rechter Medien – von „Breitbart News“, „Fox News“ und der „Daily Mail“ – aufruft und im Gehen noch einen vierten Zuruf aufgreift, weiß sie auf die drängende Frage, ob die US-Regierung den Geheimdienstaustausch mit der Ukraine eingestellt habe, schlicht keine Antwort. Dafür unterläuft ihr bei einer harmlosen Frage zur Vereinbarkeit des Jobs mit ihren vier Kindern und zwei anstehenden Familiengeburtstagen ein entlarvender freudscher Versprecher: „Mein Präsident, Entschuldigung, mein Ehemann“, rutscht es ihr heraus, bevor sie nervös lacht und „Der war gut“ hinterherschiebt. Unmittelbar darauf bricht sie die Fragerunde mit dem Hinweis ab, die Reporter sollten ihre Fragen draußen auf dem Südrasen stellen, da Trump gerade zum Hubschrauber Marine One für einen Wahlkampfauftritt nach Alaska aufbreche. Dass der Präsident das Gebäude tatsächlich erst knapp anderthalb Stunden später verlässt, macht die überstürzte Flucht seiner neuen Stimme nur noch offensichtlicher.

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Bewerbung auf dem Bildschirm und der übergangene Westflügel

Der verkrampfte Auftritt steht in einem scharfen Kontrast zu Zacharias Vorgängerin Karoline Leavitt. Als die damals 27-Jährige das Amt im Januar 2025 zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit übernahm, gehörte sie bereits seit Jahren zum engsten Vertrautenkreis des Präsidenten. Sie benötigte am Pult kaum Notizen und ging in ihrer 17-monatigen Amtszeit regelmäßig mit einem Lächeln in den offenen Nahkampf mit kritischen Reportern, denen sie auch mal ein schroffes „Was für eine dumme Frage“ entgegenschleuderte. Nachdem Leavitt im Mai ihr zweites Kind zur Welt gebracht hatte, räumte sie den Posten im August und wechselt nun zum 1. November als Kommentatorin zu „Fox News“. Zacharia hingegen betritt die Regierungszentrale als politische Außenseiterin, die zuvor noch nie direkt mit Trump zusammengearbeitet hat.

Ihre Berufung verdankt die gebürtige Kalifornierin vor allem dem Umstand, dass sie ihre Auftritte als konservative Kommentatorin bei Sendern wie „Fox News“, „Newsmax“, „One America News“ und CNN gezielt in jene Zeitfenster legte, in denen der Präsident vor dem Fernseher saß. Als Trump den Sommer über an der Westküste weilte, schickte er ihr nach ihren Sendungen begeisterte Kurznachrichten; in seinem Umfeld gilt sie als optische Idealbesetzung wie aus dem Katalog einer Schauspielagentur. Nach zwei persönlichen Treffen im Weißen Haus machte Trump die Personalie am vergangenen Freitag auf seiner Plattform Truth Social perfekt und rühmte ihre „makellose Bilanz der Unterstützung“. Dabei handelte das Staatsoberhaupt derart eigenmächtig, dass er selbst seine mächtige Stabschefin Susie Wiles überging: Wiles und andere Spitzenbeamte erfuhren erst am Donnerstagabend vor der öffentlichen Verkündung von der Entscheidung.

Entsprechend chaotisch verlief der Start hinter den Kulissen. Während Zacharia noch den Umzug ihrer Familie von Kalifornien nach Washington organisierte, blieben ihr weniger als 24 Stunden zur Vorbereitung; ihre Mappe erhielt sie erst am Dienstagmorgen. Selbst Trumps frühere Sprecherin Kayleigh McEnany gab zu bedenken, ihre Nachfolgerin habe kaum Anlaufzeit gehabt. Wie begrenzt Zacharias internes Gewicht im Machtapparat vorerst ist, verrät zudem die Raumverteilung im Westflügel, wo Quadratmeter traditionell mit politischem Einfluss gleichzusetzen sind. Ein vom Presseamt veröffentlichtes Video, das ihren ersten Gang zum Pult mit kreischender E-Gitarrenmusik untermalt und im Vergleich zu einem lockeren Clip von Vizepräsident JD Vance aus dem Vormonat merklich hölzern wirkt, offenbart ein vielsagendes Detail: Das große, repräsentative Eckbüro von Karoline Leavitt hat sich Kommunikationsdirektor Steven Cheung gesichert, während Zacharia in eine deutlich kleinere Kammer einziehen musste, die Leavitt ganz zu Beginn der Amtszeit genutzt hatte.

Radikale Parolen, gelöschte Spuren und ein prominenter Rauswurf

Dass Trump bei seiner Wahl vor allem auf ideologische Linientreue setzte, belegt Zacharias bisheriger Werdegang. Noch im Februar dieses Jahres schilderte sie in einem Gastbeitrag für die „New York Post“, wie sie sich in einem kalifornischen Fitnessstudio weigerte, ihre „Team Trump 2024“-Mütze abzunehmen – verbunden mit dem Kampfesruf, anständige Bürger dürften gegenüber „Tyrannen der Linken“ niemals nachgeben. Sie saß im Beirat der Abtreibungsgegner-Organisation „White Rose Resistance“, fungierte im Februar und März 2026 für wenige Wochen als Sprecherin des Heimatschutzministeriums, unmittelbar bevor Ministerin Kristi Noem im März ihren Posten räumen musste, und beriet seit Juni die Trump Media & Technology Group, die Betreibergesellschaft von Truth Social. Aus ihrer Stippvisite im Heimatschutzministerium verfügt sie immerhin über enge Kontakte zu Lauren Bis, die heute als stellvertretende Pressesprecherin im Weißen Haus agiert, sowie zu Kommunikationsdirektor Cheung.

In den sozialen Netzwerken fiel Zacharia in den vergangenen Jahren durch weit radikalere Töne auf. Neben der Forderung nach einem kompromisslosen Migrationskurs verbreitete sie Beiträge, die an die längst widerlegte „Pizzagate“-Verschwörungserzählung anknüpften, streute haltlose Gerüchte über Barack und Michelle Obama und erhob unbegründete Pädophilievorwürfe gegen prominente Demokraten und Größen aus Hollywood. Vor ihrem Amtsantritt wurden etliche ihrer älteren Wortmeldungen eilig gelöscht. Darunter befanden sich nicht nur kritische Bemerkungen über den Umgang der Trump-Regierung mit den Epstein-Akten, sondern auch die drastische Forderung, für Migranten das verfassungsmäßige Grundrecht auf Haftprüfung („Habeas Corpus“) auszusetzen – ihnen also jede Möglichkeit zu nehmen, eine Inhaftierung durch ein Gericht auf ihre Rechtmäßigkeit überprüfen zu lassen.

Trotz ihrer geringen politischen Erfahrung gelang es Zacharia bei ihrem Kurzeinsatz am Dienstag immerhin, eine handfeste Personalnachricht zu verkünden, was der frühere Bush-Pressesprecher Ari Fleischer als dankbare Erleichterung für jeden Neuling auf diesem Posten wertete. Auf Nachfrage bestätigte sie, dass die Regierung die US-Botschafterin in Griechenland, Kimberly Guilfoyle, zum sofortigen Rücktritt aufgefordert habe. Die frühere Verlobte von Donald Trump Jr. war in massive Bedrängnis geraten, nachdem bekannt geworden war, dass sie im Vorfeld ihrer Senatsbestätigung im vergangenen Jahr von einem republikanischen Großspender 100.000 Dollar verlangt hatte, um ihre private American-Express-Kreditkartenrechnung zu begleichen.

Das Rätsel um die Anwaltszulassung: Von Kalifornien nach Peking

Doch kaum hatte Zacharia das Podium verlassen, wurde sie selbst zum Gegenstand einer unangenehmen Überprüfung, die die Regierungszentrale in erhebliche Erklärungsnot brachte. Trump hatte seine neue Sprecherin bei ihrer Ernennung ausdrücklich als „Anwältin“ vorgestellt. Auch sie selbst hatte sich in ihren sozialen Netzwerken sowie bei mindestens 18 Auftritten auf „Fox News“ als Volljuristin präsentiert. Zudem führte sie auf ihrem LinkedIn-Profil an, von 2024 bis 2025 als Chefjustiziarin für die gemeinnützige Organisation „Fix California“ des Trump-Vertrauten und früheren US-Botschafters in Deutschland, Richard Grenell, gearbeitet zu haben.

Das Problem: In keinem einzigen der 50 US-Bundesstaaten und auch nicht im Hauptstadtbezirk Washington existiert ein Beleg dafür, dass Zacharia jemals die staatliche US-Anwaltsprüfung bestanden hat. Zwar bestätigte die kalifornische Pepperdine University, für die Zacharia später auch in der Spendenakquise tätig war, dass sie dort 2007 ihren Bachelor und 2011 ihren juristischen Studienabschluss erworben hat. Doch die kalifornische Anwaltskammer stellte offiziell klar, dass weder unter ihrem Ehenamen Zacharia noch unter ihrem Geburtsnamen Black oder verschiedenen Vornamensvarianten jemals eine Lizenz zum Praktizieren vorlag – und verwies nüchtern auf Paragraf 6126 des kalifornischen Berufsrechts, der es unter Strafe stellt, sich ohne gültige Zulassung als praktizierender Rechtsanwalt auszugeben.

Als ein Reporter den Präsidenten am Dienstag auf dem Weg zum Hubschrauber lautstark fragte, in welchem Bundesstaat seine Sprecherin die Prüfung abgelegt habe, trat Trump zur Seite, blickte Zacharia an und hakte nach: „Welcher Staat?“ Zacharia murmelte daraufhin die kuriose Antwort: „Als ich nach China zog.“ Das Weiße Haus teilte später ausweichend mit, sie sei ihrem Mann wegen dessen Arbeit bei einer amerikanischen Beteiligungsgesellschaft nach Peking gefolgt, habe dort von 2011 bis 2013 für die Großkanzlei Zhong Lun im Bereich des internationalen Transaktionsrechts gearbeitet und anschließend zwischen 2014 und 2020 vorwiegend ihre vier Kinder betreut.

Renommierte Rechtswissenschaftler lassen diese Verteidigungslinie jedoch nicht gelten. Ein bloßer Universitätsabschluss mache einen Absolventen noch lange nicht zum Anwalt, betonten die Jura-Professoren Stephen Gillers von der New York University und Bruce A. Green von der Fordham University übereinstimmend; wer sich in US-Medien ohne einschränkenden Hinweis schlicht als Anwalt bezeichne, führe die Öffentlichkeit in die Irre. Leonard M. Niehoff von der University of Michigan betonte, dass zwischen einem Jurastudium und einer Zulassung Welten lägen, und warnte vor gravierenden ethischen wie strafrechtlichen Konsequenzen, wenn jemand sich zu Erwerbszwecken fälschlich als zugelassener Rechtsbeistand ausgebe. Und auch die China-Spur läuft ins Leere: Wie der auf chinesisches Recht spezialisierte Professor Donald C. Clarke von der George Washington University und der Kanzlei-Experte Lester Ross von WilmerHale klarstellten, dürfen Ausländer die chinesische Anwaltsprüfung überhaupt nicht ablegen, da diese ausschließlich chinesischen Staatsbürgern vorbehalten ist. Selbst bei einer angesehenen Kanzlei wie Zhong Lun hätte Zacharia als Ausländerin niemals vor chinesischen Gerichten auftreten dürfen.

Spott nach der Scaramucci-Skala und ein Publikum aus einer Person

Während das Weiße Haus das Debüt offiziell als „souverän“ feierte, Kommunikationsdirektor Cheung seine Kollegin als „messerscharf“ pries, der Sprecher der rechten Jugendorganisation Turning Point USA, Andrew Kolvet, sie als „sympathisch“ verteidigte und die konservative Podcasterin Megyn Kelly um Nachsicht bat, weil sich niemand den Weg von A nach Z ersparen könne, fiel das Urteil hinter verschlossenen Türen vernichtend aus. Regierungsmitarbeiter verfolgten den nervösen Auftritt kopfschüttelnd an ihren Schreibtischen und stuften ihn intern als „brutal schlecht“ ein. Ein Beamter unkte bereits, wenn sie sich nicht rasch steigere, werde sie den Negativrekord von Anthony Scaramucci brechen – jenem Kommunikationsdirektor aus Trumps erster Amtszeit, der 2017 nach einer vulgären Schimpftirade nach nur elf Tagen gefeuert worden war. Scaramucci selbst ließ es sich nicht nehmen, auf der Plattform X zu spotten: „Die Uhr tickt. Bisher ein Elftel eines Scaramucci.“ Und Jen Psaki, die frühere Pressesprecherin von Präsident Joe Biden, bilanzierte trocken, die Veranstaltung habe wie ein Sketch aus der Comedy-Show „Saturday Night Live“ gewirkt – „nur dass es keiner war“.

Ungeachtet des Spotts fügt sich Zacharias Rollenverständnis nahtlos in Trumps Strategie wenige Wochen vor den wichtigen Kongress-Zwischenwahlen im November ein, bei denen die Republikaner um ihre Mehrheit kämpfen. Seit der ehemalige Journalist George E. Akerson 1929 unter Präsident Herbert Hoover als erster Pressesprecher des Weißen Hauses antrat, diente die Institution stets der Informationsvermittlung, der Verteidigung des Präsidenten und mitunter auch der kunstvollen Verschleierung. Zacharia hingegen erwähnte die Pflicht, die amerikanische Bevölkerung verlässlich zu informieren, mit keinem Wort. Sie wolle im Regierungsamt schlicht das fortsetzen, was sie zuvor im Fernsehen getan habe: Trumps Agenda „verstärken, vervielfachen und ausbauen“. Da Trump sich ohnehin für seinen eigenen besten Sprecher hält, sollen künftige Pressekonferenzen nicht mehr täglich oder wie unter Leavitt zumindest wöchentlich stattfinden, sondern nur noch dann, wenn der Präsident es ausdrücklich verlangt.

Zugleich verschärft sich der Konflikt mit den etablierten Hauptstadtmedien. Während Zacharia ankündigte, die von ihrer Vorgängerin eingeführten Plätze für sogenannte „neue Medien“ – zumeist wohlwollende Blogger, Podcaster und Influencer aus dem MAGA-Lager – nach Möglichkeit noch weiter auszubauen, kämpfen traditionelle Redaktionen vor Gericht um ihren Zugang. Erst im September hatte Trump die Berichterstattung von CNN, „Politico“ und MS NOW als „Fake News“ gebrandmarkt und die Häuser aus dem Weißen Haus verbannt. Noch am Dienstagabend versetzte ein Bundesrichter der Regierung jedoch einen Dämpfer und sicherte den ausgeschlossenen Journalisten für die Dauer des laufenden Verfahrens den weiteren Zutritt zu, da der Rauswurf wahrscheinlich ihre verfassungsmäßigen Rechte verletze. Für Katie Zacharia zählte an diesem turbulenten ersten Arbeitstag ohnehin nur die Kritik eines einzigen Zuschauers. Als Donald Trump schließlich mit reichlich Verspätung zum Hubschrauber schritt und seine neue Sprecherin hinter ihm auf dem Rasen wartete, gab er den Reportern seine eigene Rezension zu Protokoll: „Ich fand, sie hat das exzellent gemacht. Sie war sehr gut.“ In einem Regierungssystem, das politische Kommunikation vollends zur Fernsehunterhaltung für den eigenen Chef umgebaut hat, entscheidet am Ende keine Anwaltskammer und kein Hauptstadtjournalist über das Überleben am Pult – sondern allein die Frage, wie lange die neue Hauptdarstellerin den Mann mit der Fernbedienung im Oval Office noch zu fesseln vermag.

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