
Jahrelang kannte Florida nur den Weg nach rechts. Doch vor den Zwischenwahlen herrscht plötzlich Panik bei den Republikanern. Hohe Preise, Massenabschiebungen und der Streit um KI-Rechenzentren entfremden die eigene Basis. Während Präsident Donald Trump zur Belastung wird, wagen die Demokraten den Angriff mit einem radikal ungleichen Duo.
In den vergangenen Wahlzyklen glich das politische Ritual im Süden der Vereinigten Staaten einem verlässlichen Uhrwerk: Immer wieder erklärten hoffnungsvolle Demokraten den Bundesstaat Florida vor den Wahlen für offen umkämpft – nur um am Wahlabend krachend widerlegt zu werden. Kein anderer Staat hat sich im letzten Jahrzehnt so rasant und tiefrot verfärbt, nachdem Gouverneur Ron DeSantis 2022 mit 19 Prozentpunkten Vorsprung triumphierte und Donald Trump zwei Jahre später mit 13 Punkten Abstand gewann. Mit einem Polster von 1,5 Millionen registrierten Wählern und prall gefüllten Wahlkampfkassen schien die republikanische Vorherrschaft für Jahrzehnte in Stein gemeißelt. Doch vor den Zwischenwahlen im Herbst 2026 hat sich das Bild komplett gedreht: Während die Demokraten kaum noch große Töne spucken, schlagen hinter den Kulissen plötzlich die Republikaner Alarm. Ähnlich wie in Texas oder Iowa schrumpfen auch in Florida sicher geglaubte Vorsprünge im Rennen um das Gouverneursamt und den US-Senat in den einstelligen Bereich. Unter der Oberfläche des Sonnenstaates vollzieht sich ein politisches Experiment mit offenem Ausgang, angetrieben von wirtschaftlicher Frustration über die Regierung Trump, gesellschaftlicher Wut und einem bemerkenswerten Rollenwechsel beider Parteien.

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Das Erbe von „Meatball“ Ron: Geliebter Macher mit dunklen Flecken
Ein Schlüssel zum Verständnis dieser Verunsicherung liegt beim scheidenden Gouverneur. Ron DeSantis, von Trump einst spöttisch „Meatball“ getauft und nach seinem 59-Prozent-Erdrutschsieg von der New York Post als Zukunft der Nach-Trump-Partei gefeiert, verlässt die Bühne mit einer stabilen Zustimmungsrate von rund 50 Prozent. Er ist in seinem Bundesstaat deutlich beliebter als der Präsident im Weißen Haus. Viele konservative Wähler verbinden mit ihm eine fast nostalgische Erinnerung an die Corona-Pandemie, als Florida mit offenen Stränden statt strenger Ausgangssperren zum Sehnsuchtsort für Zuzügler aus dem ganzen Land wurde. Auch sein unorthodoxer Einsatz für den Verfassungszusatz „Amendment 3“ sowie seine scharfe, klug formulierte Skepsis gegenüber Künstlicher Intelligenz (KI) und gigantischen Rechenzentren verschaffen ihm Respekt und heben ihn deutlich von Trump ab. Selbst für die gestiegenen Lebenshaltungskosten infolge der massiven Zuwanderung oder die aggressiven Abschiebelager – im Volksmund als „Alligator Alcatraz“ bekannt – wird DeSantis kaum persönlich haftbar gemacht.
Dennoch hat der Glanz des Gouverneurs empfindliche Kratzer bekommen, vor allem durch die Affäre um die „Hope Florida Foundation“. Dabei wurden zehn Millionen Dollar aus einem Medicaid-Vergleich mit dem Versicherungskonzern Centene über die mit seiner Ehefrau Casey DeSantis verbundene Stiftung an externe politische Komitees weitergeleitet, um 2024 die Legalisierung von Marihuana zu verhindern. Der Vorwurf wiegt schwer: Gelder, die eigentlich der Gesundheitsversorgung kranker Kinder und dem Bildungsbereich zugutekommen sollten, seien zweckentfremdet worden, um politische Kampagnen zu finanzieren. Brisant ist dabei nicht nur, dass die damalige Generalstaatsanwältin Ashley Moody die Zahlung absegnete und DeSantis’ damaliger Stabschef und heutiger Generalstaatsanwalt James Uthmeier das politische Komitee leitete. Ausgelöst wurden die Nachforschungen ausgerechnet von Republikanern im Repräsentantenhaus von Florida, die DeSantis nach seiner gescheiterten Präsidentschaftskandidatur in die Schranken weisen wollten.
Dass DeSantis selbst unmittelbar vor dem Eintreffen eines Hurrikans nach Miami eilt, um den Fernsehsender CBS Miami wegen eines durchgestochenen Grand-Jury-Berichts frontal anzugreifen, unterstreicht seinen Ruf als kompromissloser Straßenkämpfer. Doch genau diese Härte sorgt hinter den Kulissen für ein feindseliges Arbeitsklima, in dem Mitarbeiter bei Fehlern sofort als Sündenböcke dienen. Während etwa die Stäbe von Senator Rick Scott über Jahre hinweg bedingungslos loyal bleiben, verprellte DeSantis einst sogar seine Strategin Susie Wiles – die daraufhin prompt zu Trump wechselte und dessen Sieg gegen DeSantis orchestrierte. Im aktuellen Wahlkampf hält sich der Gouverneur auffallend zurück: Zwar schnitt er die Wahlkreise neu zu und half einzelnen Kandidaten für das Repräsentantenhaus wie Dan Green im Duell gegen Darren Soto mit Geld und Auftritten in der Gouverneursresidenz, doch große gemeinsame Werbespots mit den landesweiten Spitzenkandidaten fehlen. Dahinter steckt kühles Kalkül für die Zeit nach Trump: Sollten die eng an den Präsidenten gebundenen Kandidaten bei den Zwischenwahlen scheitern, wäre dies der endgültige Beweis für DeSantis’ alte These, dass Trump die eigene Partei in den Abgrund zieht.
Das Gouverneursrennen: Der Trump-Albatros und der Zorn über Rechenzentren
Unter dieser halbherzigen Unterstützung leidet vor allem der Kongressabgeordnete Byron Donalds, der DeSantis im Gouverneursamt nachfolgen will. Zwar führt er in den Umfragen mit drei bis fünf Punkten, verharrt aber oft unter der wichtigen 50-Prozent-Marke. Donalds und DeSantis verbindet seit dem Präsidentschaftsvorwahlkampf und einem offenen Streit über die Lehrpläne zur afroamerikanischen Geschichte ein unterkühltes Verhältnis; vor den Vorwahlen verweigerte DeSantis ihm sogar die formelle Wahlempfehlung. Noch schwerer wiegt für Donalds jedoch die enge Bindung an das Weiße Haus. Bei einer Spendenveranstaltung im Hotel Fontainebleau brachte es der Meinungsforscher Tony Fabrizio vor Geldgebern auf den Punkt: Trump ist gleichzeitig der größte Antreiber für die harte Parteibasis und die schwerste Belastung für alle anderen Wählerschichten.
Bei enttäuschten Trump-Wählern, die mit der Amtsführung des Präsidenten in den letzten zwei Jahren hadern, wirkt dessen Unterstützung für Donalds wie ein „Todeskuss“. Obwohl der Abgeordnete durchaus als wortgewandt und geradlinig geschätzt wird und inhaltlich mehrfach vom Präsidenten abwich – er sprach sich gegen Trumps 5.000-Dollar-Schecks aus, widersprach beim großen Sport-Gesetz und fordert das Recht der Bundesstaaten auf eigene KI-Gesetze –, nehmen ihn viele Wähler als unselbstständigen Gefolgsmann wahr, der Trump niemals offen widersprechen würde. Dass der Hinweis auf Trumps Unterstützung jüngst stillschweigend von seiner Wahlkampf-Website verschwand, zeugt von wachsender Nervosität. Zudem schrecken moderate Wähler vor dem harten Kulturkampf im Bildungsbereich zurück – etwa wenn Lehrer wegen der Verwendung eines falschen Spitznamens entlassen werden.
Zusätzlich belasten Donalds sein privater Aktienbesitz sowie fünf Millionen Dollar an Wahlkampfhilfe aus den Vorwahlen, die von Lobbygruppen der KI- und Rechenzentrumsbranche stammten. Wie schon in den Wahlkämpfen von Abigail Spanberger, Mikey Sherrill oder im Senatsduell zwischen Jon Husted und Sherrod Brown in Ohio erweist sich der Widerstand gegen Rechenzentren als gewaltiger Sprengsatz. Gerade ländliche, traditionell konservative Wähler hassen die riesigen Bauten in ihrer Nachbarschaft und fürchten steigende Strompreise, Umweltschäden beim Trinkwasser sowie den Verlust ihrer Arbeitsplätze durch Künstliche Intelligenz.
Genau diese Schwachstelle nutzt sein demokratischer Herausforderer David Jolly. Der ehemalige republikanische Kongressabgeordnete hat geschafft, woran andere prominente Trump-Gegner wie George Conway in New York, Jeff Duncan in Georgia oder Alex Vindman in Florida gescheitert sind: den erfolgreichen Wechsel zur Demokratischen Partei. Jolly verspricht einen sofortigen Baustopp für Rechenzentren und reiste eigens nach Virginia, um in einem Video den ohrenbetäubenden Lärm und den Gestank der dortigen Anlagen zu dokumentieren. Fast zwei Jahre lang stellte er sich auf Hunderten Bürgerversammlungen den kritischen Fragen der demokratischen Basis, um seine früheren konservativen Abstimmungen, etwa gegen das Abtreibungsrecht, zu erklären. Dennoch steckt Jolly in einer Zwickmühle: Manche Konservative misstrauen seinem Seitenwechsel als bloßem Opportunismus und werfen ihm wegen seiner Ablehnung von „Amendment 3“ Angstmache bezüglich vermeintlicher Kürzungen bei Polizei und Feuerwehr vor. Den von DeSantis zermürbten Demokraten wiederum erscheint der freundliche, gemäßigte Brückenbauer in einer wütenden Zeit fast zu sanft – zumal Jolly eine TV-Debatte gegen Donalds absagte, ein in Florida seit über einem halben Jahrhundert einmaliger Vorgang.
Kampf um den Senat: Scheuer „Keller-Wahlkampf“ gegen linke Rebellion
Ein völlig anderes Bild bietet das Rennen um den früheren Senatssitz von Marco Rubio. Hier verteidigt die 2025 ernannte Republikanerin Ashley Moody einen Vorsprung von sechs bis sieben Punkten gegen die demokratische Landesabgeordnete Angie Nixon. Moody, eine ehemalige Richterin und Generalstaatsanwältin, irritiert selbst eigene Parteifreunde mit einem extrem scheuen „Keller-Wahlkampf“, der stark an das einstige Vorgehen von Joe Biden erinnert. Sie meidet offene Pressekonferenzen, spricht vor handverlesenen 30 Zuhörern ohne Kameras oder gibt wohlfeile Interviews bei Fox News und Newsmax. Als Vizepräsident JD Vance Florida besuchte, schirmte ihr Stab sie auf dem Rollfeld bei der Air Force Two rigoros vor Reportern ab; bei einem Termin im venezolanisch geprägten Doral flüchtete sie nach einer dreiminütigen Ansprache durch die Hintertür, weil ein anwesender Journalist zum „Hope Florida“-Skandal recherchierte. Selbst konservative Wähler bemängeln ihr fehlendes Rückgrat gegenüber Trump, ihre hohen Ausgaben für Polizei und Justiz sowie ihre lukrativen Aktiengeschäfte seit dem Wechsel nach Washington.
Ihre Herausforderin Angie Nixon verkörpert das exakte Gegenteil. Die langjährige Aktivistin, die im Parlament einst ganz in Pink gekleidet mit einem Megafon gegen den Neuzuschnitt der Wahlkreise protestierte, schlug in den Vorwahlen völlig überraschend den prominenten Alex Vindman mit zwölf Punkten Vorsprung. Im Juni trat sie den Democratic Socialists of America (DSA) bei – obwohl deren eigene Mitglieder in durchgesickerten internen Chats an ihren Siegchancen zweifelten –, spielt das Etikett aber herunter, verweist auf ihre Mitgliedschaften bei der Working Families Party sowie der Bürgerrechtsorganisation NAACP und grenzt sich in den Medien Punkt für Punkt von Teilen des DSA-Programms ab.
Nixon tritt gemeinsam mit Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez auf, weint vor laufender Kamera über ihre persönliche Geschichte, gibt ungeschminkte Interviews mit dem Handy aus ihrem Lieferwagen und verströmt einen ungeskripteten Angriffswillen, der im Stil verblüffend an Trump und DeSantis erinnert. Wenn sie Bauern auf dem Land besucht, denen wegen der Abschiebungen die Erntehelfer fehlen, oder auf Bürgerversammlungen in tiefroten Landkreisen gegen geplante Rechenzentren wettert, gewinnt ihre unermüdliche Präsenz sogar frustrierte Trump-Wähler für sich.
Allerdings trägt Nixon schweres politisches Gepäck mit sich: Zahlreiche jüdische Spender und Mandatsträger der Demokraten verweigern ihr die Unterstützung und drohen damit, den Stimmzettel an dieser Stelle leer zu lassen. Grund sind eine von ihr kurz nach dem 7. Oktober im Landesparlament eingebrachte Resolution, die als antisemitisch empfunden wurde, sowie einschlägige Online-Kommentare eines Mitarbeiters. Anders als Zohran Mamdani in New York, der sich klar von radikalen Parolen distanzierte und durch hartnäckige Präsenz in jüdischen Gemeinden Vertrauen zurückgewann, reichen Nixons bisherige Gesprächsrunden vor jüdischem Publikum vielen Kritikern nicht aus. Dass Senatorin Moody diese massive Angriffsfläche bisher kaum öffentlich bespielt, gehört zu den größten taktischen Rätseln dieses Wahlkampfs.
Angst gegen Wut: Das lateinamerikanische Dilemma und die ländliche Depression
Letztlich entscheidet sich das Schicksal Floridas im Spannungsfeld zwischen Angst und Wut. In den vergangenen Wahlzyklen triumphierten die Republikaner vor allem deshalb, weil sie bei den vielen Einwanderern aus Lateinamerika erfolgreich die tief sitzende Furcht und das familiäre Trauma vor sozialistischen Diktaturen wachriefen. Doch diesmal sticht diese Waffe kaum. Abgesehen von Senator Rick Scott in Miami wird die Warnung vor dem Sozialismus von den Spitzenkandidaten nur halbherzig vorgetragen; JD Vance begnügte sich bei seinem Auftritt sogar damit, sich über Nixon lustig zu machen. Nixon selbst dreht den Spieß in Miami geschickt um: Sie verweist auf regierungsfinanzierte Pro-Trump-Werbespots sowie dessen Selbstbereicherung beim geplanten Bau einer Präsidentenbibliothek in Mar-a-Lago und fragt offensiv, wer hier eigentlich wie ein sozialistischer Diktator agiere.
Gleichzeitig überlagert die blanke Wut über den Alltag die alten ideologischen Gräben. Die Aufhebung des temporären Schutzstatus (TPS) und die rücksichtslosen Massenabschiebungen reißen tiefe Löcher in das gesellschaftliche Gefüge, etwa im Wahlkreis der Republikanerin Maria Elvira Salazar in Miami: Kirchlichen Kindergärten fehlen plötzlich die Kinder, Krankenhäusern das Pflegepersonal. Noch bedrohlicher für die Republikaner ist jedoch die tiefe Niedergeschlagenheit in den ländlichen Regionen. Jene Wähler, die sonst als zuverlässiger Raketentreibstoff der Partei dienen, leiden materiell am stärksten unter den explodierenden Lebensmittel- und Benzinpreisen, den Zöllen und den Folgen des Krieges. Sie fühlen sich von Präsident Trump verraten und von ihren schwachen lokalen Kandidaten im Stich gelassen.
Das ungleiche Duo: Zerreißprobe für den Sonnenschein-Staat
Damit wird Florida zur Bühne einer richtungsweisenden Frage für die gesamte amerikanische Opposition: Gelingt der Durchbruch über die sanfte Versöhnung der bürgerlichen Mitte, wie sie der Ex-Republikaner Jolly verkörpert, oder über die kompromisslose Mobilisierung der Straße durch eine Volkstribunin wie Nixon, die selbst frustrierte Trump-Anhänger bei ihrer wirtschaftlichen Wut packt? Für einen demokratischen Doppelsieg bräuchte es angesichts der leeren Kassen und des extrem teuren Medienmarkts wohl ein politisches Wunder – zumal ein außenpolitisches Manöver Trumps in Kuba oder Venezuela in den letzten Wochen vor der Wahl die Exil-Gemeinden in Miami-Dade schlagartig wieder hinter den Republikanern vereinen könnte. Vielleicht reicht die Kraft der Demokraten am Ende nur für einen Achtungserfolg oder den knappen Gewinn eines kleineren Amtes wie desjenigen des Generalstaatsanwalts. Doch wenn selbst in der konservativen Musterfestung Florida die ländliche Basis aus Erschöpfung zu Hause bleibt und hispanische Wähler aus Wut über die Abschiebungen rebellieren, ist das weit mehr als eine regionale Laune: Es ist das Vorbeben einer tektonischen Verschiebung, die das politische Koordinatensystem der späten Ära Trump im ganzen Land erschüttert.


