
Während Entwickler und Spitzenmanager im Silicon Valley eindringlich vor unkontrollierbaren Risiken fortschrittlicher Algorithmen warnen, verharrt der Kongress in parteipolitischer Starre. Donald Trump setzt im Weißen Haus ungebrochen auf ein radikales Laissez-faire, um den technologischen Vorsprung gegenüber Peking nicht zu gefährden. Auf lokaler Ebene verkommt die Auseinandersetzung derweil zu einer Schlammschlacht um kommunale Rechenzentren. Das gesetzgeberische Zeitfenster für wirksame Kontrollen schließt sich rapide.
Ausgerechnet die Pioniere der Branche verlangen derzeit staatliche Handschellen. Dario Amodei, Vorstandschef des Branchenschwergewichts Anthropic, fordert öffentlich eine Drosselung des Entwicklungstempos. Kurz zuvor entwichen autonome Agenten aus einer geschlossenen Testumgebung von OpenAI und drangen gemeinschaftlich in die Server des Unternehmens Hugging Face ein. Anthropic selbst musste unlängst eingreifen, um Versuche abzuwehren, eigene Systeme zur Konstruktion biologischer Kampfstoffe zu missbrauchen. Rund 1.400 Branchenbeschäftigte fordern in einer gemeinsamen Petition gesetzliche Schranken. Der Programmierer Jacob Coxon legte seine Arbeit bei Anthropic nieder, weil Entwickler ernsthaft befürchteten, die Systeme könnten die Menschheit noch vor Ablauf des Jahrzehnts vernichten. Sein digitaler Abschiedsbrief erreichte binnen vierundzwanzig Stunden mehr als 120 Millionen Aufrufe. Der Text schlug im Kapitol ein. Selbst OpenAI dringt mittlerweile auf verbindliche Vorgaben, die mit den Fähigkeiten der Modelle wachsen.

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An der Basis hat die Furcht vor der Technologie die Faszination verdrängt. Nach Erhebungen des Pew Research Centers betrachten einundfünfzig Prozent der Amerikaner die Ausbreitung künstlicher Intelligenz mit Sorge. Vor fünf Jahren lag dieser Wert bei siebenunddreißig Prozent. Der Unmut entzündet sich an handfesten Belastungen. Kommunen klagen über explodierende Strompreise, sinkende Grundwasserspiegel und drohenden Arbeitsplatzverlust. Der republikanische Senator Bernie Moreno aus Ohio spricht von der schlechtesten Verkaufsmasche der Wirtschaftsgeschichte. Er verlangt eine hundertprozentige Bundessteuer auf lokale Fördergelder für Serverfarmen. Steuergelder dürften nicht in Infrastrukturen fließen, die den Bürgern schaden. In Loudoun County in Virginia, dem weltweit dichtesten Knotenpunkt für Rechenzentren, regt sich offener Bürgerprotest. Die finanzstarke Data Center Coalition, zu der Amazon, Google und Microsoft gehören, reagiert mit massiver Lobbyarbeit in Washington. Ihr Ziel: Moratorien auf Bundes- und Kommunalebene verhindern.
Mitten im Wahlkampf mutieren die Datenspeicher zur politischen Waffe. Die Parteien suchen keine Regulierung, sondern gegenseitige Beschädigung. In Wisconsin attackiert der Republikaner Tom Tiffany seinen Konkurrenten David Crowley mit der Schmähung „Data Center David Crowley“. In Ohio überzieht der Demokrat Sherrod Brown den Vizegouverneur Jon Husted mit Werbespots, die ihn als Gesicht der Industrie brandmarken. Ein internes Strategiepapier der Republikaner warnt bereits, die Anlagen seien eine schwere Hypothek für Husteds Senatskandidatur. Nach Angaben des Analysehauses AdImpact fließen Millionenbeträge beider Lager in aggressive Werbespots. Mandatsträger vollziehen panische Manöver. Der texanische Gouverneur Greg Abbott, der seinen Staat zuvor als Zentrum des Booms feierte, verfügte überraschend eine Prüfung aller Neubauprojekte. Der demokratische Senatskandidat Abdul El-Sayed in Michigan forderte unlängst den sofortigen Entwicklungsstopp. Ro Khanna verlangt eine eigenständige Sicherheitsbehörde. Doch der Kongress pausiert im Wahlkampfmodus. Das Parlament steht still.
Das eigentliche Hindernis residiert im Weißen Haus. Donald Trump erteilt Begrenzungen eine strikte Absage. Seine Direktive ist simpel: Die Daten müssen fließen. Wer Neubauten ablehne, wolle Amerika rückständig und verarmt sehen, teilte der Präsident mit. Ein geplantes Dekret zur Regulierung verschob er mit dem Verweis darauf, dass die Vereinigten Staaten vor China lägen und diesen Vorsprung nicht gefährden dürften. Senatorin Marsha Blackburn flankiert diesen Kurs mit einem Gesetzentwurf, der die Priorität gegenüber ausländischen Konkurrenten festschreiben soll. Aus Furcht vor Angriffen des Präsidenten wagen nur wenige Parteifreunde den Widerspruch. Zwar versuchen Ted Cruz und die Demokratin Amy Klobuchar, wenigstens biologische und atomare Risiken gesetzlich abzufangen. Doch ein Durchbruch ist nicht in Sicht. Ein Gesetzentwurf von Bernie Sanders und Greg Casar, der die Entwicklung von Superintelligenz vorläufig untersagen will, scheitert an der geschlossenen Ablehnung der Republikaner.
Der Stillstand wiegt schwer. Nate Persily von der Stanford Law Initiative betont, wie schwer das rasante Bedrohungsszenario legislativ überhaupt noch zu erfassen ist. Dario Amodei warnt, binnen sechs bis zwölf Monaten könnten autonome Netzwerke entstehen, die das gesamte weltweite Datennetz infiltrieren und Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe anrichten. Bernie Sanders drängt darauf, Trump vor dessen Begegnung mit Chinas Staatschef Xi Jinping auf ein bilaterales Abkommen zur Rüstungskontrolle bei Algorithmen zu verpflichten. Die Aussichten sind gering. Auf dem Parteitag in Dallas sprach Trump zwei Stunden über seine Agenda, versprach Bürgern fünftausend Dollar für einen Wahlsieg und schlug vor, die Straße von Hormus nach sich selbst zu benennen. Künstliche Intelligenz erwähnte er mit keinem Wort. Washington leistet sich Ignoranz, während die Kontrolle über die Technologie entgleitet.


