
Bevor Donald Trump die amerikanische Politik veränderte, ging er bei dem berüchtigten juristischen Strippenzieher Roy Cohn in die Lehre. Ein psychologischer Blick auf zwei Männer, die das Justizsystem als persönliche Waffe und die Wahrheit als reine Verhandlungsmasse betrachteten.
Es ist eine Nacht im Oktober 1973, die das Fundament der modernen amerikanischen Politik gießen wird. Im schummrigen Licht des elitären Manhattaner Nachtclubs „Le Club“ sucht ein 27-jähriger Immobilienentwickler den Rat eines gefürchteten Anwalts. Donald Trump, hochgewachsen und ehrgeizig, steht unter massivem Druck. Das Justizministerium wirft dem Familienunternehmen vor, schwarze Wohnungssuchende in seinen New Yorker Immobilien systematisch abzuweisen. An einem Nebentisch sitzt Roy Cohn, eine Erscheinung mit stechend blauen Augen, schweren Lidern und permanenter Sonnenbräune. Cohn ist kein gewöhnlicher Jurist, er ist ein politischer Straßenkämpfer. Trump bittet um Hilfe, und Cohn liefert ihm keinen trockenen juristischen Rat, sondern eine kompromisslose Kampfansage. Er instruiert den jungen Trump, der Regierung zu sagen, sie solle zur Hölle fahren, und die Angelegenheit mit absoluter Härte vor Gericht auszufechten. In dieser Szene schmieden zwei Männer eine Symbiose, die das politische Playbook der Gegenwart definiert.
Die Trumps folgen der Anweisung ihres neuen Mentors bedingungslos und ziehen mit einer Gegenklage auf 100 Millionen Dollar wegen Diffamierung in den rechtlichen Krieg. Es ist ein absurdes Manöver, das jeder Jurastudent sofort als reine Theatralik durchschauen würde. Der zuständige Bundesrichter weist die Klage unweigerlich ab. Nach zwei Jahren zermürbender juristischer Schlammschlacht und unbegründeter Anschuldigungen gegen die Staatsanwaltschaft endet das Verfahren in einem profanen Vergleich. Die Familie Trump muss einen Vertrag unterzeichnen, der weitere Diskriminierung verbietet, legt aber kein formelles Schuldeingeständnis ab. Für Roy Cohn und seinen begierigen Schüler ist die juristische Realität völlig irrelevant, denn die wahre Schlacht findet auf den Titelseiten der Boulevardpresse statt. Sie treten vor die Mikrofone und deklarieren den Ausgang ungeniert zu einem triumphalen Sieg. Hier verinnerlicht Trump die drei eisernen Regeln seines Lebens: Gib niemals auf, gehe immer sofort zum Gegenangriff über und verkünde ungeachtet aller Fakten stets den totalen Triumph.
Die Architektur dieses permanenten Angriffs entwarf Cohn bereits Jahrzehnte zuvor, in den paranoiden Hochzeiten des Kalten Krieges. Als blutjunger Chefberater des Senators Joseph McCarthy orchestrierte er in den 1950er Jahren eine antikommunistische Hexenjagd, die zahllose Karrieren und Existenzen vernichtete. Mit unbarmherziger Kälte drängte Cohn den Richter im Spionageprozess gegen Julius und Ethel Rosenberg zur Verhängung der Todesstrafe. In dieser Ära erkannte Cohn sein eigentliches strategisches Kapital. Er begriff instinktiv, dass man politische Macht nicht durch das Lösen realer Probleme festigt, sondern durch das Erschaffen eines furchteinflößenden, karikierten Feindbildes. Wer die Hysterie kontrolliert, kontrolliert die Massen. Das Gesetz diente ihm fortan nicht als Respektsperson, sondern als Instrument der Einschüchterung.
Sein gesamtes Leben baute der Anwalt auf einer monumentalen, zynischen Heuchelei auf. Im Verborgenen nahm er an ausschweifenden Sexpartys teil, betätigte sich als Anwalt des hedonistischen Studio 54 und besaß heimlich Anteile an schwulen Bars. In der Öffentlichkeit hingegen hetzte er aggressiv gegen Gesetze zur Gleichstellung homosexueller Bürger und ruinierte Bundesangestellte wegen ihrer sexuellen Orientierung. Cohn inszenierte sich meisterhaft als rebellischer Außenseiter, der mutig gegen ein arrogantes Establishment ankämpft. In Wahrheit stützte er seine Macht auf ein tief verstricktes, elitäres Netzwerk aus konservativen Politikern, gefügigen Medienmogulen und gnadenlosen Mafia-Bossen wie Anthony Salerno.
Doch das Geschäft mit der Macht kennt keine echte Loyalität, und das Ende der Freundschaft zwischen Trump und Cohn zeugte von erschütternder Kälte. Im Jahr 1986 schloss man Cohn endgültig aus der New Yorker Anwaltskammer aus, nachdem er unter anderem einen sterbenden Mandanten bei der Testamentsunterzeichnung genötigt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Cohn bereits schwer von der Immunschwächekrankheit AIDS gezeichnet. Als sein Körper verfiel und sein politischer Einfluss schwand, distanzierte sich Trump spürbar von seinem einstigen Lehrmeister. Diese eiskalte Zurückweisung entlockte dem Sterbenden die bittere Erkenntnis, Trump pinkle reines Eiswasser. Dennoch rühmte der Immobilienmogul seinen verstorbenen Mentor Jahre später und lobte ihn ungeniert als harten Kämpfer, der das bedingungslose Gewinnen über alles liebte.
Das Echo dieses Mannes hallt heute lauter denn je durch die Korridore der Macht in Washington. Während seiner Präsidentschaft und den folgenden Amtsenthebungsverfahren verlangte Trump verzweifelt nach einem loyalen Juristen vom Schlage eines Roy Cohn. Er hat die Strategie der skrupellosen Selbstinszenierung tief in seine politische DNA eingeschrieben. Die gezielte Streuung von alternativen Fakten, die absolute Blockade von legitimen Untersuchungen und der gnadenlose Angriff auf die Institutionen sind keine spontanen Instinkte. Sie sind die meisterhaften Adaptionen jener Methoden, die im Manhattan der Siebzigerjahre perfektioniert wurden. Der tiefe Verfall der politischen Normen in den Vereinigten Staaten begann nicht erst mit Donald Trump; er fand seinen unheilvollen Ursprung in der maßlosen Skrupellosigkeit seines Lehrers.



