Trumps Frieden, Chameneis Sarg, Teherans Rechnung

Illustration: KI-generiert

Ein Interimsabkommen soll den Krieg am Golf beenden. Doch zwischen den Trauerbühnen in Teheran, den Hinterzimmern von Doha und dem verschlossenen Luftraum über Riad zeichnet sich eine andere Wahrheit ab: Der Vertrag fixiert Amerikas Machtverlust, ohne ihn beim Namen zu nennen.

Am dritten Juli tritt eine Delegation nach der anderen an einen Sarg, den die iranische Flagge bedeckt und ein schwarzer Turban krönt. Im Grand Mosalla von Teheran verneigen sich Milizionäre, Geistliche und Staatsgäste vor Ajatollah Ali Chamenei, der seit dem 28. Februar tot ist und nun endlich beigesetzt werden soll. Zwischen den Trauergästen: der frühere russische Präsident Medwedew, ein Vizechef des chinesischen Volkskongresses, der pakistanische Premier samt Feldmarschall, dazu die Taliban-Größen Baradar und Muttaqi.

Zur selben Stunde sitzen im katarischen Doha Steve Witkoff und Jared Kushner mit dem Emir zusammen. Direkt reden die Amerikaner und Iraner nicht miteinander; Pakistaner und Katarer tragen die Botschaften hin und her. Weniger als drei Wochen nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands vom 17. Juni ist der Golf bereits durch vier Angriffstage in der Straße von Hormus zerrüttet. Und die Frage, die alles überschattet, lautet: Was steht eigentlich in diesem Papier – und wer profitiert davon?

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Sechzig Tage aus Watte

Der zentrale Satz des Memorandums klingt harmlos. Iran soll „mit besten Bemühungen Vorkehrungen treffen“, damit Handelsschiffe die Meerenge sechzig Tage lang sicher passieren können. Was „Vorkehrungen“ bedeutet und was „beste Bemühungen“ heißt, definiert das Papier nicht. Diese Lücke ist kein Redaktionsversehen; sie war der Preis, der überhaupt eine Unterschrift ermöglichte.

Nur schuldigt sich diese Vagheit inzwischen ab. Washington behandelt den gebührenfreien Transit als eherne Regel des Seerechts, Außenminister Marco Rubio spricht davon, kein Staat dürfe Schiffen etwas berechnen. Teheran liest denselben Absatz als taktisches Zugeständnis auf Zeit, als Atempause, nicht als Verzicht. Zwei Deutungen, ein Text, sechzig Tage – so lange trägt die Fiktion.

Wenige Stunden bevor iranische Streitkräfte am 25. Juni ein Containerschiff torpedieren, warnt Teheran alle Kapitäne per Funkspruch: Nur die iranisch kontrollierte Route sei zulässig. Die von Oman und der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation neu ausgewiesene südliche Passage bleibt gesperrt. Die amerikanische Vergeltung folgt binnen Stunden: Marschflugkörper gegen Raketen- und Drohnenlager, Küstenradare pulverisiert, unmittelbar darauf iranische Drohnenschläge gegen die US-Basis in Bahrain. Der Waffenstillstand ist zwölf Tage alt.

Für den neuen Machtzirkel um Mojtaba Chamenei ist Hormus nach dem Verlust der nuklearen Abschreckung schlicht das Wichtigste, was Iran noch hat. Wer den globalen Ölmarkt in Geiselhaft nehmen kann, verhandelt aufrecht – und die 34 Schiffe pro Tag, die zuletzt die Meerenge passierten, sind gemessen an mehr als hundert vor dem Krieg der beste Beweis für diese Erpressbarkeit. Analysten am Golf beschreiben den neuen Führungskreis nicht mehr als Anhänger der alten Doktrin des „weder Krieg noch Frieden“, sondern als Elite mit einem gänzlich anderen Risikoappetit. Man kann in Doha lächeln und in Hormus zuschlagen. Man tut sogar beides gleichzeitig.

Der Sultan schreibt die Rechnung

Während Washington sich als Wächter der Meerengen inszeniert, hat ein anderer bereits die Feder in der Hand. Oman, jener neutrale Sultanstaat, dessen Küste die Südflanke von Hormus bildet, legt Amerikanern und Europäern einen förmlichen Vorschlag vor: Reedereien sollen Servicegebühren entrichten, nach dem Vorbild eines von Japan finanzierten Fonds für die Malakkastraße. Der Charme dieser Konstruktion ist juristischer Natur – eine freiwillige Abgabe verstößt nicht gegen die völkerrechtliche Freiheit der Schifffahrt.

Doch schon in der Definition der Freiwilligkeit trennen sich die Wege. Wo omanische Diplomaten von unverbindlichen Beiträgen sprechen, beharrt Teheran auf einer Pflicht und nennt die Kassierung offen eine Bedingung für die Wiedereröffnung des Verkehrs. Der Berater eines iranischen Chefunterhändlers formuliert es mit spöttischer Klarheit: Nirgendwo auf der Welt gebe es kostenlose Dienstleistungen. Ob man diese Zahlung nun Gebühr, Maut, Sicherheitsbeitrag oder Spende nenne, sei letztlich Semantik.

Für Trump ist die Sache damit noch längst nicht erledigt. Bereits im Mai hatte er Oman mit Bombardierungen gedroht, sollte es „sich nicht wie alle anderen benehmen“. Vor wenigen Tagen nannte er jede Gebühr, egal welchen Namens, schlicht „inakzeptabel“. Trotzdem liegt der Vorschlag auf dem Tisch, und der Generalsekretär der IMO hält einen freiwilligen Fonds inzwischen sogar für praktikabel. Auch Riad protestiert – der saudische Außenminister verlangt öffentlich die Rückkehr zum Vorkriegszustand und lehnt jede „neuartige Ordnung“ ab, die dem Konflikt entspringe.

Der eigentliche Punkt liegt tiefer als die Zolldebatte. Ein amerikanischer Verbündeter entwirft mit dem gestrigen Kriegsgegner ein neues Regelwerk für rund ein Fünftel des globalen Ölflusses – und Washington sitzt am Katzentisch. Die europäischen Hauptstädte, längst zermürbt vom Energieschock des Frühsommers, haben Muskats Vorstoß bereits durchgewinkt, sofern nur die völkerrechtliche Fassade gewahrt bleibt. Der amerikanische Anspruch, den Golf allein zu ordnen, wird nicht widerlegt. Er wird einfach übergangen.

Der Verbündete, der den Frieden torpediert

Noch heftiger als der stille Ordnungswechsel im Golf wirkt der offene Sabotageakt aus Israel. Amerikanische Beamte fürchten seit dem Frühjahr, Jerusalem plane die Liquidierung genau jener zwei Männer, mit denen Trumps Team am Verhandlungstisch spricht: Außenminister Abbas Aragtschi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf. So groß wird die Sorge, dass Washington über Mittelsmänner die Iraner selbst warnt – ein diplomatisch beispielloser Schritt. Man warnt einen Gegner vor dem eigenen Verbündeten.

Die Logik dahinter ist bitter. Wer die Pragmatiker abräumt, tötet die Verhandlung mit. Zwei potenzielle Ansprechpartner sind längst nicht mehr am Leben: der Sicherheitsberater Ali Larijani, im März durch israelischen Luftschlag getötet, und der frühere Außenminister Kamal Kharazi. Beide standen mit Amerikanern in Kontakt, als sie starben. In der Rückschau amerikanischer Diplomaten war nicht die Ermordung des Obersten Führers, sondern die Larijanis der wahre Wendepunkt, an dem sich die Kriegsziele beider Verbündeter unwiderruflich entkoppelten.

Die Chronik der Beinahe-Tötungen Ghalibafs liest sich wie ein Thriller. Beim Zwölf-Tage-Krieg im Sommer 2025 wird er aus einem Trümmerfeld geborgen; im laufenden Konflikt fast erneut, als israelische Kampfjets einen Bunker unter einem Berg ins Visier nehmen, in dem sich die iranische Führung besprochen hatte. Im April muss seine Maschine auf dem Rückflug von einem Treffen mit Vizepräsident Vance in Islamabad ins nordostiranische Maschhad umgeleitet werden, weil zwei israelische Jets iranischen Luftraum vom irakischen Grenzstreifen aus durchbrechen. Von dort aus bringt die Delegation acht Stunden Landweg hinter sich, um Teheran zu erreichen.

Die Botschaft dieser Bilder ist unmissverständlich. Amerika verhandelt Frieden; Israel führt Krieg gegen dieselben Männer, mit denen Amerika verhandelt. Selbst Trump räumt öffentlich ein, dass der Attentatskurs des Premiers Netanjahu seine Verhandlungspartner ausdünnt. Sie hätten schlicht „alle ausgelöscht“, er wolle nicht, dass sie getötet würden. Es ist die diplomatische Kapitulation im Gewand einer Beschwerde – und ein Eingeständnis, dass der wichtigste Verbündete nicht mehr auf Zuruf hört. In Jerusalem wird die Übereinkunft ohnehin als Katastrophe wahrgenommen: kein Regimewechsel, kein zerstörtes Raketenprogramm, kein amputierter Nuklearsektor, dafür aber die Aussicht auf Milliardenzahlungen an Teheran. Wer so denkt, sabotiert.

Als der Kronprinz Nein sagte

Auch der andere große Verbündete am Golf zieht die Notbremse. Am 4. Mai startet das Pentagon eine Operation mit dem programmatischen Namen „Project Freedom“: Marine und Luftwaffe sollen Handelsschiffe durch Hormus geleiten und iranische Übergriffe abschrecken. Doch schon Stunden nach dem Beginn verweigert Riad den eigenen Luftraum. Konsultiert hatte Washington den Kronprinzen zuvor nicht.

Es folgt ein diplomatischer Amoklauf. Trump, Vance, Rubio, Kushner und Witkoff greifen zum Hörer, an drei aufeinanderfolgenden Tagen wählen sie die Nummer Mohammed bin Salmans. Der Prinz bleibt hart. Nach weniger als achtundvierzig Stunden ist die Operation Geschichte. Sein Motiv ist banal und verheerend zugleich: Die Saudis fürchten, Iran würde sie noch härter treffen, wenn sie amerikanischen Fluggeräten den Weg freigeben – und sie trauen der Bereitschaft Washingtons nicht mehr, sie danach zu schützen.

Das Misstrauen hat historische Wurzeln. Es reicht zurück ins Jahr 2019, als Trump nach dem präzedenzlosen iranischen Angriff auf saudische Ölanlagen jede Vergeltung schuldig blieb. Man zettele einen großen Streit an, langweile sich dann und gehe einfach weg – so beschreiben Analysten das Muster amerikanischer Nahostpolitik dieser Dekade. Die Saudis, so das ernüchternde Fazit einer Golf-Denkfabrik, fühlten sich wie Charlie Brown, dem Lucy immer wieder den Football wegzieht.

Riad reagiert nicht mit Loyalität, sondern mit Diversifikation. Der saudische Außenminister reist nach Peking, das 2023 die Wiederannäherung zwischen Königreich und Islamischer Republik vermittelt hatte. Über den chinesischen Kanal spricht Mohammed bin Salman inzwischen direkt mit Teheran über Milizen, Raketen und Meerengenkontrolle – Themen, die in Riad längst als bedrohlicher gelten als die iranische Nuklearfrage. Zeitgleich verhandelt man mit Washington über Landrouten, die Hormus umgehen sollen. Rubio überspringt bei seiner jüngsten Golfreise ausgerechnet Riad und trifft stattdessen Bahrain, Kuwait und die Emirate. Die Botschaft an den Kronprinzen ist offensichtlich, seine Antwort schon längst gegeben.

Trauerpomp und Wirtschaftsmirage

All dies bildet die Kulisse für die Bühne, die Teheran gerade errichtet. Sechs Tage, zwei Länder, fünf Städte – vom Grand Mosalla über Ghom und die schiitischen Heiligtümer Kerbela und Nadschaf bis nach Maschhad – dauert die Beerdigungsinszenierung, die das Regime für Ajatollah Chamenei aufführt. Das Emblem der Zeremonie ist eine geballte Faust und der Slogan „Wir müssen uns erheben“. Eine Choreografie der Kontinuität in Zeiten des Bruchs, eine gebaute Antwort auf die berechtigte Frage, ob dieser Staat den Tod seines Übervaters überhaupt überleben kann.

Der Applaus dafür kommt aus einer Weltregion, die Washington gerne exklusiv definieren würde. Über tausend ausländische Würdenträger reisen an; mit ihnen kommen die Familien getöteter Hisbollah-Kommandeure und die Anführer irakischer Milizen, die noch vor wenigen Wochen US-Ziele beschossen. Sogar Iraks Präsident und Parlamentspräsident geben sich die Ehre, obwohl die Regierung in Bagdad unter erheblichem amerikanischen Druck steht, Distanz zu Teheran zu halten. Wer diese Bilder liest, sieht keinen Trauerzug, sondern einen Empfangssalon der neuen multipolaren Ordnung.

Zugleich preist Vizepräsident Vance den iranischen Verhandelnden das Übermorgen an. Dreihundert Milliarden Dollar Wiederaufbaugelder sind im Memorandum genannt, dazu die vollständige Aufhebung der Sanktionen – vorausgesetzt, Iran legt seine Ideologie ab, verabschiedet sich von den regionalen Milizen und akzeptiert dauerhafte Nuklearbegrenzungen. Der Vizepräsident glaubt an einen Generationenwechsel in Iran, der nach 47 Jahren erkenne, dass die anti-amerikanische Politik ein Fehler gewesen sei. Es ist ein Bild, das kaum jemand am Verhandlungstisch mit ihm teilt.

Die Geschichte spricht dagegen. Als 2015 der Atomdeal unterschrieben wurde, warb der damalige Präsident Rohani in einem Manhattaner Hotel bei erfolgreichen iranisch-amerikanischen Unternehmern für Rückkehr und Kapitaltransfer. Was folgte, war eine Verhaftungswelle der Revolutionsgarden gegen genau jene Doppelstaatler. Chamenei senior warnte damals öffentlich vor amerikanischer „Infiltration“ und ließ jeden weiteren Öffnungsschritt Rohanis abwürgen. Die mächtigsten Wirtschaftsakteure Irans sind bis heute die Revolutionsgarden und halbstaatliche, klerikal kontrollierte Konglomerate – ihre Geschäftsinteressen würden bei einer echten Öffnung als Erste verdampfen. Eine wirkliche Transformation? Diplomaten, die den letzten Deal aushandelten, halten das für ein Märchen.

Was nach Doha bleibt

Es ist das gleiche Muster in allen Kapiteln dieser noch nicht geschriebenen Nahost-Geschichte: Washington fordert Prinzipien, alle anderen schaffen Fakten. Die sechzig Tage werden verlängert werden, ganz gewiss – doch jede Woche, in der Verhandler Zwischenfälle in Hormus abarbeiten müssen, geht der eigentlichen Agenda verloren. Das Nuklearprogramm, die Milizen, die Raketen – all das sollte in dieser Runde besprochen werden. Stattdessen verhandelt man über Bomben in der Meerenge und über die Frage, wer welche Schifffahrtsroute freigeben darf.

Der Deal hält den Krieg an. Das ist keine kleine Leistung, und der eingebrochene Ölpreis, die zurückkehrenden Tanker, die entlasteten Aktienmärkte belegen es täglich. Aber er tut es zu einem Preis, den Trump seinem Land noch nicht beziffert hat: die faktische Anerkennung iranischer Oberhoheit über Hormus, die Duldung eines israelischen Schattenkrieges gegen die eigene Diplomatie, die schleichende Emanzipation Riads und die Bühne, auf der Moskau und Peking gerade in Teheran ihren Auftritt hatten. In dem Moment, als Iran die Meerenge erstmals schloss, hat sich die gesamte Psychologie des Golfs verschoben. Ein Damoklesschwert hängt jetzt dauerhaft über der Weltwirtschaft, und der, der die Schnur in der Hand hält, sitzt in Teheran.

Was in Doha weiterverhandelt wird, ist deshalb nicht länger eine Friedensordnung. Es ist der höfliche Vorhang vor einer neuen Golf-Ordnung. Amerika liefert noch die Waffen. Die Regeln schreiben andere.

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