USA-Jubiläum: Ein Königreich für zweihundertfünfzig Dollar

Illustration: KI-generiert

Amerika wird 250 Jahre alt – und Donald Trump verwandelt das Geburtstagsfest einer Demokratie in eine Krönungsmesse für sich selbst. Während Künstler absagen, Gouverneure boykottieren und Umfragen ein Land der Zweifel zeigen, prüft sich eine Erfindung der Aufklärung gerade selbst: der amerikanische Bürger.

Ein Lied, ein Tanz, eine Botschaft

Es ist der Moment, in dem man begreift, was hier eigentlich gefeiert wird. Auf der Bühne der National Mall, jener großen grünen Achse zwischen Kapitol und Lincoln Memorial, an der das Land an seinen historischen Schwellen seine größten Reden hielt, steht ein gutaussehender Mann in heller Militärparade-Uniform und singt das Disco-Lied „YMCA“. Vor ihm tanzt der Präsident der Vereinigten Staaten, lächelt, genießt. Kurz zuvor donnerten Tarnkappenbomber des Typs B-2 über die Köpfe der Menge, der Country-Sänger Lee Greenwood sang die patriotische Hymne „God Bless the USA“, und ein riesiges Riesenrad drehte sich vor der Kulisse des Kapitols. So beginnt offiziell das 250-jährige Jubiläum der ältesten modernen Demokratie der Welt: mit einem Discosong und einem tanzenden Mann, der sich für das Zentrum dieser Demokratie hält.

Man kann diese Szene als Kuriosum abtun, als typische Trump-Bizarrerie, die schnell wieder vergeht. Doch wer genauer hinsieht, erkennt, dass sich hier etwas verdichtet, was den gesamten Sommer 2026 prägen wird: Ein Jubiläum, das eigentlich einer Nation gehören sollte, wird systematisch zur Bühne eines einzelnen Mannes umgebaut. Das spiegelnde Wasserbecken am Lincoln Memorial, die Mall, der Dollar, sogar die Münzen und die Banknoten – überall sucht sich diese Präsidentschaft Flächen, auf die sie ihren Namen schreiben kann. Das amerikanische Jubiläum wird so zu einem politischen Stresstest. Die Frage, die im Hintergrund mitläuft, ist nicht, wie groß die Feuerwerke werden. Die Frage ist, wem dieses Land eigentlich gehört.

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Eine Wahlkampfbühne, getarnt als Republikfeier

Der Auftakt am 24. Juni gibt die Tonart vor. Auf der Mall, dort, wo der Geburtstag eines Landes inszeniert werden sollte, hält der Präsident eine Rede, die in Form und Inhalt eine Wahlkampfveranstaltung ist. Knapp eine halbe Stunde dauert sein Auftritt, einer der kürzesten seiner zweiten Amtszeit – ein bemerkenswerter Kontrast zu dem über einstündigen Auftritt nur einen Tag zuvor in einer Lastwagenfabrik in Pennsylvania. Hier, am symbolischen Herzstück der Republik, spart sich der Präsident die Anstrengung. Es reicht ihm, präsent zu sein.

Was er sagt, könnte aus jeder beliebigen Kampagnenrede der vergangenen Jahre stammen. Grenze, Transgender-Rechte, ein selbstzufriedener Schwenk auf den Iran, der Kampf gegen Vielfaltsprogramme an Universitäten und Behörden, gegen die kritische Aufarbeitung des Rassismus in amerikanischen Schulen, die Umbenennung des Golfs von Mexiko in „Golf von Amerika“, dazu eine Forderung nach steuerlicher Absetzbarkeit von Zinsen auf Autokredite. Dazwischen, fast beiläufig, ein paar abgenutzte Floskeln über die amerikanische Geschichte, Eisenbahnen, Wolkenkratzer, militärische Siege und ein rätselhafter Verweis auf „die geschichtsträchtigen Gassen von Boston“ – ein Bild, das jeder, der die Stadt kennt, mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen dürfte. Dazu das übliche Selbstlob: Washington sei nun die sicherste, schönste und sauberste Stadt Amerikas, ein Verdienst, das er persönlich verbuche.

Der eigentliche Kern dieser Rede aber liegt in einem Satz, der wie ein Refrain wiederkehrt: „Niemand lacht mehr über uns.“ Hier offenbart sich ein Weltbild, das die feine, aber entscheidende Linie zwischen Patriotismus und Nationalismus verwischt. Patriotismus heißt, sein Land zu lieben, weil es das eigene ist – um seiner Verfassung, seiner Geschichte, seiner Bürger willen. Nationalismus dagegen braucht das Andere, das Niedrigere, das, worüber man triumphiert. Trumps Amerika ist nicht groß, weil es Amerika ist. Es ist nur groß, solange es größer ist als alle anderen. Was bei diesem Auftritt fehlt, ist genau das, was ein Jubiläum eigentlich tragen müsste: das stille Staunen darüber, dass diese Verfassung überhaupt 250 Jahre überlebt hat.

Auch der Verkehrsminister hilft, die Bühne in den richtigen Maßstab zu rücken: Trump sei „der größte Präsident, den dieses Land seit George Washington gesehen hat“. Der Vergleich ist mehr als eine Übertreibung, er ist eine Programmansage. Washington verstand sich, wie er in seinem letzten Willen schrieb, als „Bürger der Vereinigten Staaten, der zuletzt deren Präsident war“. Der Bürger stand vor dem Amt, das Amt war ein vorübergehender Dienst. Genau diese Hierarchie wird heute auf der Mall umgedreht: Das Amt steht vor dem Bürger – und der Mann steht vor dem Amt.

Zwei Stiftungen, ein Machtkampf

Der Konflikt um die Deutungshoheit des Jubiläums hat eine institutionelle Form. Es gibt zwei Organisationen, die sich in den vergangenen Monaten zu rivalisierenden Polen entwickelt haben. Auf der einen Seite America250, eine vom Kongress 2016 ins Leben gerufene, überparteiliche Stiftung mit dem Auftrag, die „Liebe zum Land“ und die „Verpflichtung gegenüber den Idealen der Demokratie“ zu stärken. Ihre Vorsitzende Rosie Rios setzt auf Bildung, lokale Nachbarschaftsfeste, Schüler-Essaywettbewerbe, Zeitkapseln mit Botschaften aus jedem Bundesstaat und Denkmalpflege. Es ist die zurückhaltende, fast nüchterne Variante eines Geburtstags, der sich aus tausend kleinen Festen zusammensetzen sollte.

Auf der anderen Seite Freedom 250, eine Schöpfung der Trump-Administration aus dem Dezember 2025, angedockt an die Stiftung der amerikanischen Nationalparks. Sie organisiert die signaturträchtigen Großereignisse: die Great American State Fair – eine 16-tägige nationale Leistungsschau auf der Mall, in der sich alle Bundesstaaten und Territorien präsentieren –, die „Freedom Trucks“, eine Flotte mobiler Geschichtsmuseen, die durchs Land tourt, sowie das Feuerwerk am 4. Juli. Und sie erhält den Löwenanteil der 150 Millionen Dollar, die der Kongress für die Feierlichkeiten bereitstellte. America250 dagegen wartet bis heute auf 25 Millionen Dollar, die ihr offiziell zugesagt, aber bislang nicht ausgezahlt wurden.

Wie hart die ideologischen Fronten verlaufen, zeigt ein Zitat von Chris LaCivita, einem Trump-Vertrauten, der zunächst für America250 arbeitete und dann zu Freedom 250 wechselte. America250, sagt er, könne sich nicht damit abfinden, dass Trump gewonnen habe – die wollten sich für Amerikas 250. Geburtstag „entschuldigen“, sie aber nicht. Das ist nicht die Sprache eines Mitfeiernden. Es ist die Sprache eines politischen Lagers, das nicht einmal das Geburtstagslied teilen mag.

Hinzu kommen Fragen, die längst die Aufmerksamkeit des Kongresses und der Gerichte beschäftigen: Wer spendet eigentlich an Freedom 250? Welche Gegenleistungen werden Großspendern versprochen? Es gibt eine Klage einer Hinweisgeber-Organisation, die die Herausgabe von Dokumenten erzwingen will. Es gibt Spendenmappen, in denen wohlhabenden Förderern persönliche Begegnungen mit dem Präsidenten in Aussicht gestellt werden. Hinter der Fassade einer Geburtstagsfeier zieht sich also ein klassisches Geflecht aus Geld, Zugang und Macht – nur diesmal in den Farben der Nationalflagge eingewickelt.

Das Nein als patriotischer Akt

Vielleicht ist es die wichtigste Geschichte dieses Sommers, dass die Republik sich nicht widerstandslos einverleiben lässt. Zehn Bundesstaaten haben ihre Teilnahme an der nationalen Leistungsschau abgesagt: Connecticut, Hawaii, Illinois, Maine, Massachusetts, North Carolina, Oregon, Rhode Island, Vermont und Washington. Bis auf Vermont stehen alle unter demokratischer Führung. Pennsylvania zögert. Der Grund klingt zunächst nüchtern: Geld. Zwischen 100.000 Dollar und einer Million Dollar sollen die Staaten für die Errichtung ihres Pavillons aufbringen, dazu Personalkosten, Logistik und Auftritte.

Doch hinter der Kostenfrage steckt eine politische. Massachusetts-Gouverneurin Maura Healey bringt das offene Misstrauen auf den Punkt: Der Präsident lade die Staaten ein und verlange dann auch noch Gebühren, damit sie sich auf „seiner Ausstellung“ präsentieren dürften. Aus Oregon ist die Rede von einer Veranstaltung, die „deutlich parteiischer“ geworden sei, als sie ursprünglich vorgestellt wurde. Mit anderen Worten: Wer sich an der Leistungsschau beteiligt, leiht sich nicht der Republik aus, sondern dem Präsidenten. Und genau das wollen einige Gouverneure nicht.

Eine ähnliche Bewegung gibt es bei den Künstlern. Reihenweise zogen Musiker ihre Zusagen zurück, als sie merkten, in was für eine Veranstaltung sie gebucht worden waren. Martina McBride, Young MC, Milli Vanilli, die Commodores – sie alle sagten, sie seien über den politischen Charakter des Auftritts getäuscht worden. Trumps Reaktion fiel aus wie die eines gekränkten Gastgebers, dem die Gäste das Fest verderben: Er strich die gesamte Konzertreihe und kündigte stattdessen an, selbst aufzutreten – mit der „größten Rallye, EVER“. Lee Greenwood und ein Tenor namens Christopher Macchio rückten als Ersatz nach. Die Botschaft an die Branche ist eindeutig: Wer hier auftritt, tritt für ihn auf.

Es ist ein bemerkenswerter Vorgang. Üblicherweise gilt: Wer absagt, wirkt unpatriotisch. Doch in diesem Sommer kehrt sich die Logik um. Wer absagt, wahrt die Würde der Verfassung. Wer nicht teilnimmt, schützt das Jubiläum vor seiner Vereinnahmung. Selbst eine Stimme aus dem amerikanischen Kommentariat, Michelle Cottle in der „New York Times“, ruft zum Boykott auf: Lieber sollten die Staaten zu Hause bleiben und ihr Geld in lokale, weniger spaltende Feiern stecken. Es ist eine ungewohnte Geste – ein patriotischer Akt im Modus der Verweigerung.

Das Gesicht auf dem Geld

Wenn man den Charakter einer Herrschaft verstehen will, lohnt sich ein Blick auf das, was sie auf ihr Geld druckt. Im alten Rom prägten Kaiser ihre Profile in die Münzen, in den Monarchien des Commonwealth blickte Elizabeth II. jahrzehntelang von den Scheinen von Neuseeland bis Südafrika. Republiken haben sich von dieser Praxis bewusst abgewandt. Sie zeigten ihre Helden – aber erst nach deren Tod. Genau das ist die Bedeutung jenes Gesetzes, das der Kongress 1866 erließ, nachdem ein Finanzbeamter namens Spencer Clark sein eigenes Gesicht auf einen Fünf-Cent-Schein hatte drucken lassen: Auf amerikanischen Banknoten erscheint nur, wer nicht mehr lebt. Es war ein bewusster Gegenakt zur Monarchie, eine Erinnerung daran, dass die Souveränität bei den Bürgern liegt und nicht bei einem Mann.

Diese mehr als 150 Jahre alte Linie zieht der Präsident nun in Zweifel. Zum 250. Jubiläum soll, so der Plan, eine 250-Dollar-Note in Umlauf kommen, die sein Porträt trägt. Es wäre die größte Überarbeitung der amerikanischen Währung seit über einem Jahrhundert. Das Finanzministerium bestätigt, dass die für die Herstellung der Banknoten zuständige Behörde bereits an Designkonzepten arbeitet. Finanzminister Scott Bessent erklärt unbeirrt, er sehe daran „nichts Anstößiges“. Dass das Vorhaben mit geltendem Recht kollidiert, scheint es nur zu beschleunigen, nicht zu bremsen.

Hinzu kommt eine ganze Reihe von Maßnahmen, die das Bild rahmen. Eine 24-karätige Goldgedenkmünze mit Trumps Porträt wurde bereits genehmigt – mit der juristisch fragwürdigen Begründung, eine Münze sei eben keine „Währung“. Trump ließ als erster amtierender Präsident seine Unterschrift auf die regulären Dollarscheine setzen, an die Stelle, an der traditionell die Treasurerin oder der Treasurer signiert. Und schon im Mai postete er auf seiner eigenen Social-Media-Plattform den Entwurf eines 100-Dollar-Scheins mit seinem Gesicht. Das letzte Mal, dass ein lebender Präsident auf einer US-Banknote zu sehen war, war 1861: Abraham Lincoln auf einem Zehn-Dollar-Schein während des Bürgerkriegs.

Senatorin Elizabeth Warren und ihr Kollege Jeff Merkley haben die interne Aufsichtsbehörde des Finanzministeriums eingeschaltet und eine Untersuchung gefordert: Wie kann es sein, dass mit Steuermitteln eine Banknote vorbereitet wird, deren Herstellung gegen geltendes Recht verstoßen würde? Doch auch hier zeigt sich ein juristisches Schlupfloch: Es ist alles andere als klar, wer überhaupt berechtigt wäre, vor Gericht dagegen zu klagen.

Ein Historiker aus Georgia formuliert die Symbolik so trocken wie treffend: Herrscher hätten ihr Bild schon immer auf Geld gebracht. Ein Münzexperte aus Kentucky fügt hinzu, dies sei „Botschaft in der Hosentasche jedes Bürgers“. Es ist genau diese Logik – die Logik der Allgegenwart –, die das Vorhaben so beunruhigend macht. Wer sein Gesicht auf die Banknote bringt, der will nicht erinnert werden. Der will gegenwärtig bleiben, jeden Tag, in jeder Transaktion. Hinzu kommen all die anderen Trump-gebrandeten Produkte dieser Amtszeit: die „Trump Gold Card“ für Visa-Antragsteller, die „Trump Accounts“ als Investmentfonds für Kinder, die Apotheken-Plattform „TrumpRx“. Eine Präsidentschaft wird zur Marke. Und die Nation wird zum Markenbotschafter.

Eine Hauptstadt unter Umbau

Was sich auf dem Geldschein abzeichnet, hat seine räumliche Entsprechung in Washington selbst. Die Stadt verändert sich unter dieser Präsidentschaft auf eine Weise, die mehr ist als kosmetisch. Der Ostflügel des Weißen Hauses ist abgerissen worden, um Platz zu schaffen für einen Ballsaal. In der Nähe des Nationalfriedhofs Arlington soll ein über 75 Meter hoher Triumphbogen errichtet werden – ein architektonisches Vokabular, das man eher aus den Boulevards napoleonischer Städte kennt als aus einer Republik, die ihre Helden traditionell in zurückhaltenden Denkmälern ehrt. Auch der East Potomac Park, eine Parkanlage am Fluss, steht auf der Liste der präsidialen Umgestaltungen.

Symbolisch besonders dicht ist der Fall des spiegelnden Wasserbeckens vor dem Lincoln Memorial. Trump ließ es renovieren, doch die Sanierung verlief unglücklich: Algen breiteten sich aus, Reparaturversuche scheiterten, ein politisches Eigentor wurde aus dem, was als persönliches Vermächtnis gedacht war. Demokratische Stimmen werten den Vorgang als Lehrstück über die Prioritäten dieser Präsidentschaft: Steuergelder fließen in Eitelkeitsprojekte, während die größeren Aufgaben des Landes liegenbleiben. Und doch klammert sich der Präsident an die historische Bedeutung dieses Ortes. Er erinnert sich, dass er hier im Jahr 2019 eine Rede zum Nationalfeiertag hielt, und stellt sie in eine Linie mit der berühmten „I Have a Dream“-Rede Martin Luther Kings.

Wie er das tut, verrät viel über seine Vorstellung von Geschichte. Man habe damals gesagt, King habe eine Million Zuhörer gehabt, er selbst nur 25.000, erzählt Trump. Aber wenn man die Bilder anschaue, dann seien seine Leute doch dichter gedrängt gewesen, also habe er eigentlich mehr Menschen vor sich gehabt. Es ist ein Satz, der eine bestimmte Form der Erinnerungskultur entlarvt: Die Vergangenheit ist nicht der Maßstab, an dem man sich misst, sondern ein Wettbewerber, den man besiegen will. Selbst Martin Luther King wird zum Konkurrenten. Selbst der „Traum“ wird zur Vergleichsgröße im eigenen Größenrekord.

Dass diese Inszenierung gelegentlich auch ins Groteske kippt, zeigte sich am 80. Geburtstag des Präsidenten Mitte Juni. Im Garten des Weißen Hauses wurde ein Profikampf im Käfig nach den Regeln der Mixed-Martial-Arts-Liga UFC veranstaltet, finanziert weitgehend vom Mutterkonzern der Liga. Anwesende Soldaten waren, so berichten es Augenzeugen, nach ihrem Verhältnis von Taille zu Körpergröße ausgewählt worden – eine „Zone ohne Übergewichtige“, wie eine Kommentatorin spöttisch schrieb. Auf der Bühne riss einer der Kämpfer einen abfälligen Witz über die ehemalige First Lady Michelle Obama. Eine repräsentative Umfrage des Instituts Reuters/Ipsos ergab kurz darauf, dass nur 16 Prozent der Amerikaner es gutheißen, den „Garten des Volkes“ in eine Kampfarena zu verwandeln.

Ein Präsidentschaftshistoriker bringt das Muster auf eine prägnante Formel: Trump betrachte sich nicht als Verwalter der Präsidentschaft, sondern als deren Verkörperung. Das ist mehr als eine Stilfrage. Es ist ein verfassungspolitischer Bruch. Eine Verwalterin tritt zurück, wenn ihre Amtszeit endet. Eine Verkörperung tut das nicht – sie ist das Amt.

Was die Umfragen verraten

Hinter all diesem Spektakel liegt ein Land, dessen Stimmungslage erstaunlich uneindeutig ist. Eine aktuelle Erhebung der Nachrichtenagentur Associated Press und des Meinungsforschungszentrums NORC zeigt: Rund vier von zehn erwachsenen Amerikanern sind „stolz“ auf das 250-jährige Jubiläum, drei von zehn beschreiben sich als „begeistert“. Doch hinter diesen Durchschnittszahlen klaffen tiefe Gräben. Bei den Republikanern empfinden rund sieben von zehn Stolz, bei den Unabhängigen drei von zehn, bei den Demokraten nur zwei. Während rund 60 Prozent der über 60-Jährigen sich stolz nennen, sagen junge Erwachsene unter 30 deutlich häufiger, sie planten überhaupt nicht zu feiern.

Noch aufschlussreicher ist die Frage, was die Amerikaner über sich selbst denken. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup hat etwas Bemerkenswertes erhoben: Rund 80 Prozent glauben, dass die Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung mit dem heutigen Zustand des Landes enttäuscht wären. Nur etwa 20 Prozent meinen, sie wären zufrieden. Im Jahr 1999, als diese Frage zum ersten Mal gestellt wurde, lag der Anteil der „Enttäuschten“ noch bei 55 Prozent. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts hat sich das amerikanische Selbstbild also dramatisch verschoben – weg von einem Land, das mit seinen Gründungsidealen im Reinen ist, hin zu einem Land, das den eigenen historischen Maßstab als Anklage gegen sich selbst empfindet.

Parallel dazu zeigt eine andere Befragung, dass nur noch rund ein Viertel der Amerikaner glaubt, ihr Land stehe über allen anderen. Im Jahr 2016 sagten noch 19 Prozent, andere Länder seien besser – heute sind es drei von zehn. Und der Anteil derer, die eine demokratisch gewählte Regierung als „extrem oder sehr wichtig“ für die Identität des Landes ansehen, ist von 80 Prozent im Jahr 2021 auf etwa zwei Drittel gefallen. Es ist eine schleichende Erosion. Sie macht keine Schlagzeilen, aber sie verschiebt das Fundament.

Die Zustimmungswerte des Präsidenten passen in dieses Bild: 37 Prozent insgesamt, 33 Prozent für seine Wirtschaftspolitik, 40 Prozent für seine Einwanderungspolitik, 34 Prozent für seinen Iran-Kurs. Die Inflation liegt höher als zum Zeitpunkt seines Amtsantritts, die Löhne kommen nicht hinterher, das Haushaltsdefizit steigt weiter. Und doch finden sich, wie immer in einer polarisierten Gesellschaft, prototypische Stimmen, in denen sich die unterschiedlichen Lager spiegeln.

Da ist Duane Mitchell, 78 Jahre alt, Vietnam-Veteran in Montana, der seinen Chevrolet-Kleintransporter aus dem Jahr 1954 rot, weiß und blau lackiert hat und einen Adler auf der Ladefläche montiert. Er wird in der Lokalparade mitfahren, Kinder werden Süßigkeiten in die Menge werfen. Für ihn ist das Jubiläum eine Pflicht der Erinnerung: Freiheit sei nie umsonst, sagt er. Da ist Laura Davis, 44, aus Chicago, sie nennt sich eine progressive Liberale und beobachtet mit Unbehagen, was sie „amerikanische Großmannssucht“ nennt – den Ballsaal-Anbau am Weißen Haus, das umstrittene Wasserbecken am Lincoln Memorial. Und da ist Sydney Crispin, 39, aus Maine, die das Fundament des Landes weiterhin für „unglaublich“ hält, sich aber Sorgen macht über den Verfall des respektvollen Diskurses. Drei Stimmen, drei Amerika.

Das andere Amerika feiert leiser

Während sich die Aufmerksamkeit auf Washington konzentriert, läuft im Rest des Landes ein anderes Jubiläum ab, das in seiner Vielfalt fast schon ein Gegenentwurf ist. America250 veranstaltet am 4. Juli in Los Angeles ein großes Konzert unter dem Titel „America’s Block Party“, also „Amerikas Nachbarschaftsfest“, moderiert von Queen Latifah, mit Chris Stapleton und den Smashing Pumpkins. Der Eintritt kostet symbolisch 17,76 Dollar – eine Verbeugung vor dem Gründungsjahr 1776 –, der Erlös fließt in eine Wohltätigkeitsinitiative. In New York wird unter dem Namen „Sail4th 250“ eine Parade von rund 80 historischen und militärischen Schiffen vor der Skyline ankern. In Philadelphia, der Geburtsstadt der Unabhängigkeitserklärung, spielen Christina Aguilera, Will Smith, Jill Scott, The Roots, Seal und Wanda Sykes kostenlos – ein Konzert, das ganz bewusst „Unity Concert“, also Konzert der Einheit, heißt. Virginia veranstaltet im historischen Freilichtmuseum Colonial Williamsburg eine Übertragung auf dem öffentlich-rechtlichen Sender PBS mit Judy Collins und Ken Burns, South Carolina ein Festival am Wasser, Colorado eine Serie von 150 Drohnen-Lichtshows über das ganze Jahr verteilt.

Vielleicht das schönste Symbol dieses anderen Amerika steht aber in einem Museum nur wenige Schritte von der Mall entfernt. Im Smithsonian-Museum für amerikanische Geschichte wurde zum Jubiläum eine Ausstellung mit dem Titel „Auf der Suche nach Leben, Freiheit und Glück“ eingerichtet – ein direktes Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung. Dort hängen nebeneinander der Hammer von Nancy Pelosi, mit dem sie als erste Frau die Sitzungen des Repräsentantenhauses eröffnete, und eine „Make America Great Again“-Kappe. Daneben ein „Silence = Death“-Shirt aus den Tagen der AIDS-Krise, ein Symbol des Protests gegen die damalige Untätigkeit der Regierung, und ein Wahlkampf-Shirt für Ronald Reagan, dessen Regierung damals genau dafür kritisiert wurde. Die Direktorin des Museums formuliert die Idee dieser Inszenierung so klug wie tröstlich: Geschichte sei voller Momente, in denen man glaubte, das Land falle auseinander – und dann eben doch wieder zusammengefügt werde.

Es lohnt sich, diese Zurückhaltung mit dem Stil früherer Präsidenten zu vergleichen. 1976, zur 200-Jahr-Feier, sprach Gerald Ford in der Independence Hall in Philadelphia, dem Ort, an dem 1776 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde, von der „amerikanischen Reise“ als einem „fortlaufenden Prozess“. Auf der Mall in Washington versammelte sich damals etwa eine Million Menschen – aber Ford sprach dort nicht. 1986, am 100. Jahrestag der Freiheitsstatue, scherzte Ronald Reagan im Hafen von New York, er werde es gar nicht erst versuchen, mit einem Feuerwerk in Konkurrenz zu treten. Beide hatten verstanden, dass ein Jubiläum die Stunde der Nation ist, nicht die Stunde ihres Präsidenten. Sie traten zurück, damit die Geschichte hervortreten konnte.

George Washington schließlich, an dessen Größenmaß sich der heutige Präsident gerne messen lässt, ließ sich in seinem letzten Willen mit einem schlichten Titel bezeichnen: „Bürger der Vereinigten Staaten, der zuletzt deren Präsident war“. Es ist eine Reihenfolge, die alles über die Republik sagt, die er mitbegründete. Bürger zuerst, Präsident zuletzt. Genau diese Reihenfolge hat sich auf der Mall am 24. Juni 2026 umgekehrt.

Die kleinste Inszenierung der größten Demokratie

Am Ende führt jeder Faden zu jener Szene zurück, mit der diese Geschichte begann. Ein Präsident, der zu „YMCA“ tanzt. Ein Militäroffizier, der für ihn singt. Eine Bühne, die nicht das Land verherrlicht, sondern den Mann darauf. „Euer Lieblingspräsident wird sprechen, also kommt bitte zahlreich“, rief er der Menge auf der Mall zum Abschied zu – als sei das amerikanische Jubiläum eine Wahlkampftour, deren nächste Stationen noch ausstehen.

Doch das eigentliche Drama dieses Sommers spielt sich nicht auf dieser Bühne ab. Es spielt sich in den Absagen ab, die diese Bühne erst entstehen ließen. In den zehn Gouverneuren, die ihre Pavillons nicht bauen. In den Künstlern, die ihre Auftritte zurückzogen, sobald sie merkten, in welchem Drehbuch sie standen. In den 80 Prozent der Amerikaner, die glauben, ihre Gründerväter wären enttäuscht – nicht als Geste der Verzweiflung, sondern als Mahnung, dass man die eigenen Maßstäbe noch nicht aufgegeben hat. Und in einer Smithsonian-Vitrine, in der MAGA-Kappe und Pelosi-Hammer nebeneinander hängen, ohne dass eine die andere verdrängt.

Vielleicht ist das die paradoxe Pointe dieses 250. Geburtstags. Eine Präsidentschaft versucht, das Jubiläum so groß zu machen wie sich selbst – und macht es dadurch nur kleiner. Eine Demokratie aber, die sich weigert, vereinnahmt zu werden, ist nie kleiner als ihre Versuchung. Sie ist genau so groß, wie sie sich entschließt zu sein. Vor 250 Jahren erfanden die Amerikaner einen Titel, der höher stand als jedes Amt: den des Bürgers. Im Sommer 2026 prüft sich diese Erfindung selbst. Nicht auf der Mall. Nicht im Feuerwerk. Sondern an den unspektakulären Orten republikanischer Selbstbehauptung – in einem Gouverneursbüro, das Nein sagt. In einem Künstler, der absagt. In einem Wähler, der im November an die Urne tritt. Und in der schlichten, fast altmodischen Idee, dass eine Demokratie ihrem Geburtstag nicht dadurch gerecht wird, dass ihr Präsident tanzt – sondern dadurch, dass ihre Bürger aufrecht stehen.

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