Der Brandstifter und sein Profiteur

Illustration: KI-generiert

Donald Trumps isolierter Krieg gegen den Iran zersprengt die westliche Allianz. Während amerikanische Raketenbestände im Nahen Osten schwinden, nutzt Wladimir Putin das Chaos für eine beispiellose strategische Expansion – und Europa muss sich auf ein Zeitalter der Einsamkeit einstellen.

Ein kühler Wind weht über den Asphalt der Dover Air Force Base in Delaware, während die Rampe der Transportmaschine langsam herabgleitet. In dumpfer Stille tragen Soldaten sechs in Flaggen gehüllte Särge ins Freie – die sterblichen Überreste von Mitgliedern der Army Reserve, ausgelöscht durch einen Kamikaze-Drohnenstreik im kuwaitischen Hafen von Shuaiba. Es ist der 7. März 2026, ein Tag, der als Wendepunkt in die Geschichte der amerikanischen Außenpolitik eingehen könnte.

Doch die Reaktion des Mannes, der an diesem Tag als Oberbefehlshaber vor Ort ist, bricht mit jeder diplomatischen und militärischen Tradition. Auf die Enthüllungen angesprochen, dass Russland dem Iran gezielte Informationen für Angriffe auf US-Truppen liefert, findet Donald Trump kein Wort des Gedenkens für die Toten. Stattdessen wischt er die Bedrohung mit einer beiläufigen Bemerkung beiseite: Wenn der Iran Informationen erhalte, helfe ihm das offenbar nicht viel.

Es ist eine Szene von beklemmender Symbolik, die das Ende einer Ära markiert. Während amerikanische Soldaten für eine Strategie sterben, die Washington im Alleingang entworfen hat, scheint der Präsident die Urheber der tödlichen Aufklärung fast schon zu entlasten. In diesem Moment wird deutlich, dass der Krieg gegen den Iran nicht nur ein regionaler Brandherd ist, sondern der Katalysator für eine globale Umwälzung, von der vor allem einer profitiert: Wladimir Putin.

Das asymmetrische Paradoxon am Golf

Der seit dem 28. Februar tobende Konflikt im Nahen Osten folgt einem Muster, das militärische Planer in Washington zunehmend verzweifeln lässt. Trotz der massiven technologischen Überlegenheit der Vereinigten Staaten gelingt es dem iranischen Regime, den Konflikt in die Länge zu ziehen und die Kosten für die Supermacht in astronomische Höhen zu treiben. Es ist ein asymmetrischer Sumpf, der in frappierender Weise an die Verteidigungstaktiken der Ukraine im Schwarzen Meer erinnert.

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Agree to Disagree: Ein Land, zwei Meinungen

Iran operiert ohne funktionierende Luftwaffe oder eine klassische Marine, doch seine Strategie der Drohnenschwärme und Seeminen hat die Straße von Hormuz faktisch unpassierbar gemacht. Während die US-Marine versucht, die Kontrolle über die Wasserwege zurückzugewinnen, schrumpfen die Bestände an Hochtechnologie-Waffen in einem besorgniserregenden Tempo. Allein in den ersten 16 Tagen des Krieges verbrauchten die USA fast 40 Prozent ihres gesamten Lagerbestands an THAAD-Abfangraketen.

Die schiere Menge der eingesetzten Munition sprengt jede bisherige Kalkulation. Über 850 Tomahawk-Marschflugkörper wurden bereits abgefeuert – eine Zahl, die das Vierfache dessen übersteigt, was die US-Rüstungsindustrie in einem gesamten Jahr produzieren kann. Washington verschießt seine strategischen Reserven gegen einen Gegner, der sich tief in Bunkern verschanzt hat, während die eigentliche Bedrohung im Osten Europas und im Pazifik geduldig auf den Moment der totalen Erschöpfung wartet.

Moskaus unersetzliche Lebensversicherung

In den Korridoren des Kremls wird die Entwicklung am Golf mit unterkühlter Genugtuung verfolgt. Für Wladimir Putin hat sich der Iran von einem nützlichen Klienten zu einem strategisch unersetzlichen Partner gewandelt. Anders als im syrischen Bürgerkrieg muss Russland hier keine eigenen Truppen opfern, um amerikanische Kräfte zu binden. Der Iran agiert als ein wehrhafter Außenposten, der die USA genau dort trifft, wo sie am verwundbarsten sind: bei der Sicherung der globalen Energieströme.

Die wirtschaftliche Dividende für Moskau ist gewaltig. Die durch die Sperrung der Straße von Hormuz explodierenden Ölpreise füllen Russlands Kriegskassen schneller, als westliche Sanktionen sie leeren können. In einer ironischen Wendung der Geschichte sah sich die Trump-Administration sogar gezwungen, Sanktionen gegen russisches Öl zu lockern, um den globalen Preisschock abzufedern und die heimische Inflation zu bekämpfen.

Über die rein ökonomischen Vorteile hinaus findet ein tiefgreifender Austausch von Zerstörungskompetenz statt. Russland liefert dem Iran elektronische Kriegsführung und wertvolle Zielkoordinaten, während es im Gegenzug lernt, wie man ganze Gesellschaften durch Drohnensättigung terrorisiert und internen Widerstand mit brutaler Präzision unterdrückt. Diese Achse der Geächteten basiert auf dem gemeinsamen Glauben, dass die westliche Ordnung nur lange genug unter Druck gesetzt werden muss, bis sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbricht.

Erpressung unter Bündnispartnern

Während die geopolitischen Kosten des Krieges im Nahen Osten exponentiell steigen, richtet der amerikanische Präsident seinen Zorn nicht primär gegen seine strategischen Rivalen, sondern gegen die eigenen Verbündeten. In einer beispiellosen Serie von verbalen Attacken, die an offene diplomatische Erpressung grenzen, verlangt Donald Trump von den europäischen Nationen, die militärische Sicherung der Straße von Hormus selbst zu übernehmen. Seine Botschaft an Kontinentaleuropa und Großbritannien ist von unverhohlener Verachtung geprägt: Wer Öl wolle, solle gefälligst losziehen und es sich selbst besorgen. Staaten wie Frankreich, die sich nicht an den unvorbereiteten US-Angriffen auf den Iran beteiligen wollten, brandmarkt er als extrem wenig hilfreich.

Diese Rhetorik kulminiert in einer Zerreißprobe für das wichtigste Militärbündnis der Weltgeschichte. Als der NATO-Generalsekretär Mark Rutte zu einem zweieinhalbstündigen Krisentreffen im Oval Office erscheint, steht die Existenz der transatlantischen Sicherheitsarchitektur auf dem Spiel. Rutte, der in der Vergangenheit durch ein fast schon unterwürfiges Vorgehen aufzufallen versuchte und Trump einst sogar als „Daddy“ bezeichnete, versucht durch Schmeicheleien und demonstrative Transaktionsbereitschaft eine Katastrophe abzuwenden. Er rühmt Trump als großen Dealmaker und verweist pflichtschuldig auf die logistische Unterstützung europäischer Staaten.

Doch das Fundament der Allianz hat bereits tiefe Risse bekommen. Trumps wiederholte Infragestellung der Beistandsklausel nach Artikel 5 sendet ein unmissverständliches Signal an Moskau. Die Drohung, den amerikanischen Schutzschirm über Europa aus Frust über mangelnde Gefolgschaft im Iran-Krieg abzuziehen, wirkt wie eine offene Einladung an russische Expansionsgelüste. Ohne das amerikanische Rückgrat stünde der Kontinent vor einem Vakuum, das die Verteidigung der eigenen Außengrenzen zu einer schier unlösbaren Aufgabe machen würde.

Die illiberale Achse und der Feind im Innern

Um diese systematische Demontage westlicher Allianzen zu verstehen, greift eine rein transaktionale Betrachtung zu kurz. Die Triebfeder dieser amerikanischen Außenpolitik ist tief ideologisch verwurzelt. Beobachter der innersten Zirkel beschreiben die Haltung des Präsidenten gegenüber dem Kreml-Chef als eine Art unerwiderte Liebe. Es ist das Verlangen nach Anerkennung und Respekt von einem Autokraten, der sich meisterhaft darauf versteht, den amerikanischen Führer am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen. Trump glaubt an eine Weltordnung, die von wenigen Großmächten – Washington, Moskau und Peking – in exklusiven Sphären kontrolliert wird. Dafür ist er bereit, fundamentale amerikanische und europäische Sicherheitsinteressen zu opfern.

Wie weit diese ideologische Entkernung der amerikanischen Außenpolitik fortgeschritten ist, zeigt sich auf den Bühnen Europas. Während der Krieg im Nahen Osten eskaliert, reist US-Vizepräsident JD Vance nach Budapest, um für den schwer in Bedrängnis geratenen ungarischen Premierminister Viktor Orbán Wahlkampf zu machen. Es ist ein beispielloser Eingriff in die inneren Angelegenheiten eines europäischen Landes zugunsten eines Mannes, der als Wladimir Putins treuester Verbündeter innerhalb der EU gilt und aktiv finanzielle Hilfen für die von Russland angegriffene Ukraine blockiert.

Die Botschaft dieser Besuche ist von brutaler Klarheit. Die Bewegung, die derzeit das Weiße Haus kontrolliert, begreift den politischen Liberalismus und demokratische Institutionen als weitaus größere Bedrohung als autokratische Tyrannei. Die Feinde im Inneren – politische Gegner, kritische Medien, unabhängige Justiz – werden mit einer Schärfe bekämpft, die an totalitäre Systeme erinnert. In diesem post-liberalen Weltbild ist Wladimir Putin kein geostrategischer Rivale mehr, sondern das Vorbild eines globalen, illiberalen Netzwerks, dem man sich bereitwillig anschließt.

Europas Schattenkrieg und das späte Erwachen

Während Washington sich in autokratischen Fantasien verliert, hat der Krieg den europäischen Kontinent längst erreicht – leise, unsichtbar und hochgefährlich. Russische Einheiten testen die rote Linie des Westens mit einem beispiellosen Schattenkrieg. Die russische Geheimdiensteinheit GUGI koordiniert Einsätze von Angriffs- und Spionage-U-Booten, die vor den Küsten Großbritanniens und Norwegens patrouillieren. Ihr Ziel ist es, kritische Unterwasserinfrastruktur und Kommunikationskabel zu kartografieren und für potenzielle Sabotageakte im Konfliktfall zu markieren. Es ist die Vorbereitung auf einen Krieg unterhalb der Schwelle der nuklearen Eskalation.

Doch anders als der Kreml und das Weiße Haus es vielleicht erwartet hatten, reagiert Europa nicht mit Unterwerfung, sondern mit einer robusten Emanzipation. Das jahrelange Stillhalten ist einer wehrhaften Haltung gewichen. In konzertierten Aktionen haben europäische Marinen damit begonnen, Schiffe der russischen Schattenflotte abzufangen. Die französische Marine beschlagnahmte den Tanker Boracay, dänische Einsatzkräfte setzten die Nora fest, und Finnland stoppte ein Frachtschiff, das mutmaßlich Unterseekabel beschädigt hatte. Gleichzeitig zerschlugen Sicherheitsbehörden in Polen und Rumänien Sabotage-Netzwerke, die Brandanschläge und Paketbomben koordinierten, und Hunderte russische Agenten wurden vom Kontinent verwiesen.

In den Hauptstädten Europas greift eine bittere, aber notwendige Erkenntnis um sich. Die Verteidigungsministerien, allen voran in Deutschland, erarbeiten erstmals wieder operative Pläne für eine direkte militärische Konfrontation mit Russland. Regierungen von Warschau bis London begreifen, dass sie zwei Versicherungspolicen benötigen. Die Ära, in der man sich bedingungslos auf den amerikanischen Schutzschild verlassen konnte, ist vorbei. Europa wird gezwungen, seine Sicherheitspolitik autark zu denken, um in einer zunehmend feindseligen Welt nicht zerrieben zu werden.

Die Architektur der neuen Vernetzung

Die Ereignisse dieser Wochen – die Toten in Kuwait, die U-Boote in der Nordsee, die brennenden Öl-Tanker im Golf – entziehen sich einer isolierten Betrachtung. Sie sind die tektonischen Verschiebungen eines neuen Weltkrieges. Ähnlich wie im Siebenjährigen Krieg des 18. Jahrhunderts sind die Schlachtfelder zwar geografisch getrennt, aber strategisch unauflösbar miteinander verwoben. Ein militärischer Schlag im Nahen Osten saugt Ressourcen auf, die zur Abschreckung in Osteuropa fehlen. Jeder Funke in der Straße von Hormus entfacht das Feuer im Donbas weiter.

Die Welt erlebt das Ende der von den Vereinigten Staaten nach 1945 aufgebauten Ordnung. Ein amerikanischer Präsident, der unkalkulierbare Kriege aus Eitelkeit beginnt und seinen engsten Verbündeten in den Rücken fällt, zerschlägt das sicherheitspolitische Fundament der freien Welt. Indem Regierungen den rücksichtslosen Einsatz von Militärgewalt als primäres Mittel der Politik wiederentdecken und dabei grundlegende Völkerrechtsnormen ignorieren, stürzen sie die Weltgemeinschaft in ein Chaos unvorhersehbaren Ausmaßes.

Was bleibt, ist ein globales Machtvakuum. In diese Leere stoßen autokratische Systeme mit eiskalter Präzision vor. Der Iran bindet die militärische Kraft Amerikas, Russland testet die Belastungsgrenzen Europas, und Washington demontiert sich selbst. Für Europa bedeutet dies den Anbruch einer radikal neuen Epoche: Der Kontinent steht vor der gewaltigen historischen Aufgabe, seine Demokratie, seine Wirtschaft und sein schieres Überleben aus eigener Kraft verteidigen zu müssen – während der einstige Beschützer den Brandstiftern die Hand reicht.

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