Trumps Krieg frisst seine eigenen Anhänger

Illustration: KI-generiert

Die republikanische Basis trifft sich in Texas, doch der unantastbare Anführer fehlt. Stattdessen offenbart der Nahost-Konflikt einen tiefen Riss in der MAGA-Bewegung: Eine junge, kriegsmüde Generation probt den Aufstand gegen die Falken der Partei.

Zwei simple Einmachgläser, gefüllt mit handelsüblichen Pintobohnen, markieren den tektonischen Bruch einer ganzen politischen Bewegung. Im texanischen Grapevine, wo Pailletten-Handtaschen mit patriotischen Schriftzügen und rote Kappen das optische Grundrauschen bilden , entscheidet der Einwurf einer Bohne über Krieg oder Frieden. Wer ein „Ja“ wählt, befürwortet den militärischen Schlagabtausch im Nahen Osten. Wer ein „Nein“ wählt, offenbart einen Zweifel, der noch vor wenigen Monaten als Ketzerei gegolten hätte. Dieses rudimentäre Stimmungsbarometer auf der diesjährigen Conservative Political Action Conference (CPAC) fängt eine Atmosphäre ein, die von tiefer innerer Zerrissenheit zeugt.

Zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt fehlt der Gravitationskern der Veranstaltung. Donald Trump, der noch vor einem Jahr an gleicher Stelle den Anbruch eines „goldenen Zeitalters“ ausrief, lässt sich entschuldigen. Damals sägte Elon Musk symbolisch mit einer Kettensäge auf der Bühne, um den Abbau des Staatsapparats zu feiern. Heute weht ein kalter Wind durch die Reihen der Getreuen. Der politische Winter hat Einzug gehalten. Die Basis klatscht noch immer enthusiastisch, wenn die geschlossene Grenze oder Steuersenkungen gepriesen werden. Doch abseits der großen Hauptbühne, in den Gängen des Gaylord Texan Resort, gärt ein Konflikt, der die Fundamente der „America First“-Ideologie erschüttert. Der einst unantastbare Konsens zerfällt unter der Last von explodierenden geopolitischen Krisen, wirtschaftlichen Ängsten und gebrochenen Versprechen.

Der Verrat an einer isolationistischen Utopie

Vor zwei Jahren stand derselbe Präsident noch auf der CPAC-Bühne und rühmte sich damit, amerikanische Truppen nach Hause geholt und endlose Konflikte beendet zu haben. Seine Anhänger sollten nicht länger als Kanonenfutter für globale Interessen dienen. Heute ist das Land seit einem Monat in eine brutale Auseinandersetzung im Iran verstrickt. Rund 2000 Menschen haben bereits ihr Leben verloren, darunter 13 amerikanische Soldaten. Tausende weitere Einsatzkräfte verlegen aktuell in die Krisenregion, darunter Einheiten der 82. US-Luftlandedivision.

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Für eine Basis, die mit dem eisernen Versprechen rekrutiert wurde, niemals wieder in die strategischen Fallen des Nahen Ostens zu tappen, wirkt diese Eskalation wie ein eklatanter Wortbruch. Die harte militärische Realität frisst die isolationistische Utopie auf. Und die amerikanische Öffentlichkeit reagiert mit massiver Ablehnung: Etwa 59 Prozent der Bürger empfinden die militärische Härte als exzessiv. Selbst in der unerschütterlichen republikanischen Wählerschaft bröckelt die Loyalität. Über ein Viertel der Parteianhänger hält das Vorgehen für zu weitreichend, und die Hälfte lehnt die Entsendung von Bodentruppen kategorisch ab.

Die Schockwellen dieses Konflikts enden nicht an den Grenzen der Kampfgebiete. Sie schlagen direkt auf die heimische Wirtschaft durch. Wachsende Sorgen um Inflation, steigende Lebenshaltungskosten und explodierende Preise an den Zapfsäulen dominieren die Gespräche. Fallende Aktienkurse beschleunigen den Absturz der ökonomischen Zuversicht. Von einem wirtschaftlichen „Boom“, den die politische Führung unermüdlich proklamiert, spüren weite Teile der Bevölkerung nichts mehr. Stattdessen verdichtet sich die Angst, dass ein neuer Flächenbrand den mühsam erkämpften Wohlstand vernichtet.

Wenn Falken und Kriegsmüde aufeinanderprallen

In den Konferenzsälen von Dallas entlädt sich dieser Druck in einem scharfen Generationenkonflikt. Auf der einen Seite stehen junge Erstwähler, die den Ruf zu den Waffen mit blankem Entsetzen aufnehmen. Studenten wie der 19-jährige Razi Marshall fühlen sich fundamental getäuscht. Sie hatten ihre Stimme einem Kandidaten gegeben, der Frieden und bezahlbaren Lebensraum versprach. Nun zirkulieren unter jungen Männern düstere Scherze über eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht – noch bevor sie das gesetzliche Alter für den Erwerb von Alkohol erreicht haben. Diese Generation, die sich ohnehin oft am Rande des politischen Spektrums bewegt, droht nun, den Wahlurnen bei den anstehenden Zwischenwahlen komplett fernzubleiben.

Auf der anderen Seite formiert sich die alte Garde. Konservative über 45 Jahre verteidigen die Raketenangriffe mit einer unerbittlichen Härte. Für sie handelt es sich nicht um den Beginn eines neuen Krieges, sondern um die längst überfällige Antwort auf eine vier Jahrzehnte andauernde Bedrohung durch radikale Mullahs. Sie vertrauen blind auf die geheimdienstlichen Erkenntnisse des Oberbefehlshabers und weigern sich, diplomatische Kompromisse mit einem Regime einzugehen, das Amerika offen feindlich gegenübersteht.

Befeuert wird diese kompromisslose Haltung durch eine neue, laute Fraktion auf der CPAC: iranische Amerikaner im Exil. Gehüllt in die rot-weiß-grüne Flagge mit dem goldenen Löwen der vorrevolutionären Ära, fordern sie vehement einen militärisch erzwungenen Regimewechsel. Ihre Schlachtrufe lauten „MIGA“ – Make Iran Great Again. Wenn der exilierte Kronprinz Reza Pahlavi die Bühne betritt und einen zukünftigen, pro-amerikanischen US-Verbündeten in Teheran skizziert, tobt der Saal. Für junge Isolationisten, die jeden Tropfen amerikanischen Blutes im Ausland als Verschwendung betrachten, ist dieser Interventionismus ein rotes Tuch.

Der Bürgerkrieg der medialen Elite

Dieser Riss an der Basis spiegelt sich in einer beispiellosen medialen Schlammschlacht wider. Die einflussreichsten Stimmen des konservativen Ökosystems zerfleischen sich öffentlich. Galionsfiguren der isolationistischen Rechten – von Tucker Carlson über Marjorie Taylor Greene bis hin zu Joe Rogan – attackieren die militärische Eskalation frontal. Ihr vernichtendes Urteil: Der aktuelle Kurs diene primär ausländischen, konkret israelischen Interessen („Israel First“), und verrate die amerikanische Kernwählerschaft.

Die neokonservativen Falken und traditionellen Verbündeten des jüdischen Staates, darunter Mark Levin und Ben Shapiro, schießen aus allen Rohren zurück. Die Debatte entgleist rasend schnell ins Persönliche und Obszöne. Als Levin die Podcasterin Megyn Kelly als „unhinged“ (aus den Fugen geraten) und „petulant“ (bockig) diffamiert, kontert diese eiskalt mit dem Spitznamen „Micropenis Mark“. Eine sachliche außenpolitische Diskussion ist längst einer toxischen Schützengrabenmentalität gewichen.

Hinter den Kulissen und abseits der persönlichen Eitelkeiten formulieren Vordenker wie Steve Bannon die eigentliche strategische Gefahr. Bannon warnt eindringlich davor, dass ein zäher, opferreicher Bodenkrieg im Nahen Osten – ein „hard slog“ – die Republikaner bei den kritischen Zwischenwahlen die Mehrheit kosten wird. Wenn amerikanische Familien ihre Kinder an Strände der Straße von Hormus schicken müssen, so seine Warnung, werde die Unterstützung für die konservative Bewegung massiv ausbluten.

Im Schatten der Verschwörungen: Epstein und die Grenzgewalt

Doch nicht nur außenpolitische Abenteuer entfremden Teile der Anhängerschaft. Ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber globalen Eliten, das den Aufstieg der MAGA-Bewegung einst befeuerte, wendet sich nun teilweise gegen das eigene Lager. Über Jahre hinweg versprach die politische Führung, die verborgenen Abgründe des Establishments schonungslos offenzulegen – allen voran die berüchtigten Jeffrey-Epstein-Akten. Das Ausbleiben dieser Veröffentlichung, gepaart mit politischem Mauern, hat fatale Folgen.

In den Echokammern der extremen Rechten keimt der Verdacht, höchste Kreise würden geschützt oder seien gar selbst involviert. Diese Paranoia hat längst die Mitte der Gesellschaft erreicht: Etwa die Hälfte der US-Bevölkerung, darunter ein Viertel der Republikaner, vermutet hinter dem rechtzeitigen Ausbruch des Krieges ein bewusstes Ablenkungsmanöver, um die Epstein-Enthüllungen zu begraben. Die populistisch geschürte Wut lässt sich nicht mehr beliebig an- und abschalten.

Gleichzeitig verblasst der Glanz des vermeintlich größten innenpolitischen Triumphs: der radikalen Einwanderungspolitik. Zwar feiern die Hardliner auf der CPAC das Herunterfahren der Grenzübertritte und die Null-Toleranz-Strategie. Eigens angereiste Kommandeure der Grenzschutzbehörden lassen sich bejubeln. Doch in der breiten Bevölkerung kippt die Stimmung. Die Bilder von brutalen, militärisch anmutenden Razzien durch Regierungsagenten weit im Landesinneren, wie jüngst in Minnesota, bei denen zwei Demonstranten starben, hinterlassen ein tiefes Unbehagen. Der eiserne Besen der Exekutive kehrt vielen Bürgern plötzlich zu nah vor der eigenen Haustür.

Der Stellvertreterkrieg in Texas: Graswurzel gegen Establishment

Wie massiv der Machtverlust des Partei-Establishments und wie volatil der Einfluss des fehlenden Anführers geworden ist, zeigt sich nirgendwo deutlicher als in der texanischen Lokalpolitik. Ein erbitterter Kampf um einen Sitz im US-Senat wird zum ultimativen Stresstest für die interne Parteidisziplin. Auf der einen Seite steht der amtierende Senator John Cornyn: massiv finanziert, tief im Washingtoner Apparat verankert, aber an der Basis verhasst. Auf der anderen Seite Ken Paxton, der texanische Generalstaatsanwalt, der trotz schwerer Korruptionsvorwürfe und eines Amtsenthebungsverfahrens als unantastbarer Held der MAGA-Graswurzelbewegung gilt.

Ursprünglich rieten politische Berater in Washington dringend dazu, den als sicherer geltenden Cornyn offiziell zu unterstützen, um den Senatssitz nicht an die Demokraten zu verlieren. Ein entsprechender Text war im März bereits entworfen. Doch als diese Pläne durchsickerten, explodierte die Basis. Die Drohung der Anhängerschaft war unmissverständlich: Eine Einmischung zugunsten des Establishments würde schlichtweg ignoriert. Man habe seine eigene Entscheidung bereits getroffen.

Die Führung knickte ein und zog sich zurück, die Entscheidung bleibt vorerst offen. Auf der CPAC gleicht Paxtons Auftritt einem Triumphzug. Er wird in geschlossenen Räumen hofiert, hält die Festrede beim exklusiven Ronald-Reagan-Dinner und demütigt Cornyn in einer informellen Abstimmung mit einem Ergebnis von drei zu eins. Paxton nutzt diese Macht gnadenlos aus. Er erpresst seinen Konkurrenten regelrecht: Erst wenn Cornyn seine jahrzehntelange Verteidigung der Senats-Filibuster aufgibt, um strengere Wahlgesetze (den SAVE Act) durchzupeitschen, würde er einen Rückzug überhaupt in Erwägung ziehen. Innerhalb einer Woche vollzieht Cornyn eine demütigende 180-Grad-Wende und opfert seine Prinzipien dem Druck der Basis. Die Graswurzelbewegung beweist: Sie braucht keine Direktiven von oben mehr, um Karrieren zu beenden oder zu erzwingen.

Casting für 2028: Der unausweichliche Machtkampf

Mitten in diesem Chaos bricht das größte Tabu der letzten Jahre auf: Man denkt laut über die Zeit danach nach. Auch wenn die aktuelle Präsidentschaft noch fast drei Jahre andauert, gleicht die Atmosphäre in den Gängen von Dallas einem frühen Schaulaufen potenzieller Erben. Die informelle Umfrage für das Jahr 2028 liefert ein kristallklares Bild der tiefen ideologischen Spaltung.

An der Spitze steht Vizepräsident J.D. Vance. Mit 53 Prozent der Stimmen dominiert der 41-Jährige das Feld. Er verkörpert die radikale, anti-interventionistische Strömung. Die Kriegskritiker und isolationistischen Kräfte sehen in ihm den reinen Erhalter der ursprünglichen Doktrin. Doch sein Rückhalt ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich geschrumpft.

Ihm dicht auf den Fersen ist ein Mann, der das exakte Gegenteil repräsentiert: Außenminister Marco Rubio. Der 54-jährige Falke und Hardliner im aktuellen Nahost-Konflikt konnte seinen Zuspruch innerhalb eines Jahres von lächerlichen drei Prozent auf gewaltige 35 Prozent katapultieren. Seine Anhänger schätzen seine jahrzehntelange außenpolitische Erfahrung und seinen unerbittlichen Willen, amerikanische Macht global zu projizieren.

Dieses Duell – Vance gegen Rubio – ist weit mehr als ein simpler Beliebtheitswettbewerb. Es ist die komprimierte Schicksalsfrage der amerikanischen Konservativen. Wird sich die Partei in Zukunft einigeln und den Rest der Welt seinem Schicksal überlassen, oder greift sie nach den Waffen, um die globale Ordnung mit Gewalt zu formen?. Beide Fraktionen rüsten sich für den finalen Machtkampf.

Das Ende des blinden Gehorsams

Als der rechte Kommentator Brandon Straka auf die Hauptbühne der CPAC tritt, formuliert er einen Gedanken, der die neue tektonische Realität der Bewegung offenlegt. Straka verteidigt die wegen ihrer Kriegskritik zur Verräterin gestempelte Marjorie Taylor Greene und greift dabei das Konzept des blinden Gehorsams direkt an. Wahre Patrioten, so ruft er dem Publikum entgegen, seien nicht verpflichtet, ihren Anführer bedingungslos zu preisen und zu verehren. Eine solche „Führerverehrung“ („leader worship“) existiere nur in unfreien Nationen.

Diese Worte verhallen nicht im Nichts. Sie sind das Symptom einer Transformation. Der absolute Kontrollgriff über die Gedankenwelt der eigenen Anhänger bröckelt. Die ständige Forderung der Konferenz-Organisatoren nach innerer Geschlossenheit und Einigkeit verkommt zu einem flehenden Mantra gegen den drohenden Zerfall. Die Basis trägt zwar weiterhin Pailletten und skandiert Parolen, doch die ideologische Monokultur ist vorbei. Der Krieg hat Denkräume geöffnet, Widersprüche offenbart und eine kritische Masse an Wählern produziert, die selbstbewusst genug ist, den Kurs ihres eigenen Establishments in Frage zu stellen. Das vermeintlich „goldene Zeitalter“ erstickt im texanischen Staub. Übrig bleibt eine hochgradig unberechenbare Partei, die verzweifelt nach einer Identität für die Zeit nach ihrem großen Architekten sucht.

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