Die Gleichschaltung der Bildschirme

Illustration: KI-generiert

Ein historischer Mega-Deal formt die amerikanische Nachrichtenlandschaft radikal neu. Um den Kauf des Konkurrenten Tegna durchzuboxen, opfert der TV-Gigant Nexstar historische Marktregeln und fundamentale journalistische Prinzipien. Ein Blick in den Maschinenraum eines 6,2-Milliarden-Dollar-Pakts mit der Regierung in Washington.

Es ist ein gewöhnlicher Mittwochabend im September 2025, als die Bildschirme in Dutzenden amerikanischen Städten für ein Millionenpublikum plötzlich das Programm wechseln. Die Kameras des Senders ABC sind auf den Late-Night-Moderator Jimmy Kimmel gerichtet, der sich in seinem Eröffnungsmonolog zynisch über die Reaktionen der MAGA-Bewegung auf den Mord an dem konservativen Aktivisten Charlie Kirk auslässt. Doch das Publikum von 32 lokalen Partnerstationen bekommt diese Sätze nicht zu hören. Die Sendung wird vom Netz genommen, präventiv blockiert und durch ein hastig eingeschobenes Ersatzprogramm ersetzt. Was auf den ersten Blick wie ein spontaner Ausbruch puritanischer Sender-Hygiene wirkt, ist in Wahrheit die dramatische Ouvertüre zu einem der gewaltigsten medienpolitischen Erdbeben der jüngeren US-Geschichte.

Wenige Stunden zuvor hatte der Vorsitzende der Federal Communications Commission (FCC), Brendan Carr, in einem rechten YouTube-Podcast des Moderators Benny Johnson unmissverständlich klargemacht, dass lokale Sender gegen derartige Inhalte rebellieren sollten. Wer nicht „auf die harte Tour“ lernen wolle, müsse sein Verhalten ändern, drohte der oberste Medienaufseher der USA unverhohlen vor laufender Kamera. Die sofortige Kapitulation des Medienkonzerns Nexstar, dem Besitzer jener 32 vorauseilend zensierten ABC-Stationen, war kein Zufall. Es war eine eiskalte, kalkulierte Unterwerfungsgeste. Nexstar stand zu diesem Zeitpunkt unter massivem Druck, einen 6,2 Milliarden Dollar schweren Deal zur Übernahme des Konkurrenten Tegna durch eben jene FCC boxen zu müssen. Die Suspendierung eines politisch unliebsamen Komikers war offensichtlich der erste symbolische Tribut für die Schaffung eines beispiellosen Nachrichtenmonopols – ein Monopol, das die Art und Weise, wie Amerika seine Informationen bezieht, für immer verändern wird.

Das Imperium wächst – Die Dimensionen des Nexstar-Deals

Um die Wucht dieses Manövers zu begreifen, muss man die nackten Zahlen betrachten. Die amerikanische Medienlandschaft ist ein zersplitterter Kontinent, doch Nexstar schickt sich an, ihn nahezu vollständig zu erobern. Mit der 6,2-Milliarden-Dollar-Akquisition von Tegna – einem Unternehmen, das erst 2015 als Spin-off aus dem Zeitungsriesen Gannett hervorgegangen war – sprengt der Konzern alle bisherigen Maßstäbe. Nach dem Vollzug der Übernahme kontrolliert das in Irving, Texas, ansässige Unternehmen ein Heer von 265 Fernsehsendern. Diese beispiellose Flotte sendet ihre Signale in 44 Bundesstaaten sowie in die Hauptstadt Washington, D.C..

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Die Reichweite ist gewaltig: 80 Prozent aller amerikanischen Haushalte empfangen künftig Nachrichten, die von einem einzigen Unternehmensnetzwerk orchestriert werden. Nexstar, das bereits im Jahr 2024 einen gigantischen Umsatz von 5,4 Milliarden Dollar einfuhr, zementiert damit nicht nur seine Position als unangefochtener Spitzenreiter unter den lokalen TV-Besitzern. Es mutiert zu einer Infrastruktur-Macht, deren Einfluss tief in die Wohnzimmer der Republik reicht. Tegna brachte allein rund 64 eigene Sender in die Ehe mit ein, was in etwa 35 geografischen Märkten zu direkten Überschneidungen und einer massiven Konzentration der Sendermacht führt. Es ist die Geburtsstunde eines Giganten, dessen architektonische Ausmaße in der Geschichte des US-Rundfunks keinen Vergleich kennen.

Die zertrümmerte Grenze – Der Fall der 39-Prozent-Regel

Ein Imperium dieser Größenordnung hätte unter normalen rechtsstaatlichen Umständen niemals entstehen dürfen. Seit Jahrzehnten existiert in den Vereinigten Staaten eine eiserne medienrechtliche Schutzmauer: die nationale Eigentumsobergrenze. Zuletzt vom Kongress im Jahr 2004 bestätigt, verbietet diese Regelung strikt, dass ein einzelner Senderbesitzer mehr als 39 Prozent der US-Haushalte erreicht. Die Philosophie dahinter war stets unantastbar: Das Frequenzspektrum ist ein öffentliches Gut, das der demokratischen Vielfalt und nicht der grenzenlosen Bereicherung von Konzernen dienen soll.

Doch für Nexstar, das bereits vor der Fusion haarscharf an dieser 39-Prozent-Marke kratzte, war dieses Gesetz ein unerträgliches Hindernis. Um die Expansion auf 80 Prozent durchzusetzen, brauchte es juristische Sprengkraft. FCC-Chef Brendan Carr lieferte sie. Mit einem Federstrich und unter Verweis auf angebliche Präzedenzfälle eines Bundesberufungsgerichts hebelte er die historische Grenze durch großzügige Ausnahmegenehmigungen („Waiver“) einfach aus. Die Kritik an diesem Vorgehen ist vernichtend. Tom Wheeler, ein ehemaliger FCC-Vorsitzender, erinnerte verzweifelt daran, dass Frequenzen einst für den Dienst an der Öffentlichkeit vergeben wurden. Die amtierende demokratische FCC-Kommissarin Anna M. Gomez verurteilte den Akt als intransparenten Hinterzimmer-Deal. Ohne offene Debatte, ohne Abstimmung der gesamten Kommission und völlig abgeschirmt von den Augen jener Bürger, die die Konsequenzen tragen müssen, wurde ein zentrales Stück amerikanischer Anti-Monopol-Gesetzgebung leise beerdigt.

Der Überlebenskampf – Das Argument der TV-Bosse

Wie rechtfertigt man die Schaffung eines solchen Medienkartells vor einer kritischen Öffentlichkeit? Die Antwort der Konzernzentralen lautet: nackte wirtschaftliche Panik. Nexstar-CEO Perry Sook inszeniert die Fusion nicht als aggressiven Expansionsakt, sondern als verzweifelten Überlebenskampf. Der lokale Rundfunk, so die Erzählung, werde von den übermächtigen Algorithmen des Silicon Valley erdrückt. Tech-Giganten wie Alphabet (Google) und Meta (Facebook) saugen rücksichtslos die Werbemilliarden ab, ohne an geografische Grenzen oder publizistische Auflagen gebunden zu sein. Sook fordert ein „Level playing field“, gleiche Waffen im Krieg um die Aufmerksamkeit.

Die Statistiken scheinen ihm auf den ersten Blick recht zu geben. Das traditionelle abendliche Lokalfernsehen verblutet; zwischen 2016 und 2023 brach das Publikum der Nachrichtensendungen um ein Viertel ein. Doch der Verweis auf den Zuschauerschwund verschleiert den wahren, hochprofitablen Kern des Geschäftsmodells. Der eigentliche finanzielle Motor von Nexstar sind längst nicht mehr nur die lokalen Werbespots, sondern die explodierenden Durchleitungsgebühren („Retransmission Fees“). Kabelanbieter müssen Unsummen zahlen, um die Signale der lokalen Stationen einspeisen zu dürfen. Binnen weniger Jahre schossen diese Einnahmen bei Nexstar von 298 Millionen Dollar im Jahr 2015 auf aberwitzige 2,9 Milliarden Dollar im Jahr 2024 in die Höhe. Die Fusion mit Tegna ist demnach weniger eine journalistische Rettungsmission als vielmehr der Aufbau einer gigantischen Verhandlungsmasse, um die Gebührenspirale gegenüber den Kabelnetzbetreibern gnadenlos weiter nach oben zu drehen.

Ein Markt wird aufgeteilt – Die lokalen Konsequenzen

Wer die abstrakten Milliardenbeträge dieses Deals auf die harte Realität amerikanischer Vorstädte herunterbricht, blickt auf eine erschütternde publizistische Verödung. Indianapolis dient hierbei als geradezu prophetisches Laboratorium für die Zukunft des lokalen Rundfunks. Wenn dort künftig ein Fernsehzuschauer abends durch die Kanäle schaltet, landet er bei einem perfekt orchestrierten Monopol. Nexstar besitzt in der Metropole des Mittleren Westens bereits die beiden Schwergewichte CBS 4 und Fox 59. Hinter den Kulissen dieser angeblich unabhängigen Sender herrscht längst eine straffe personelle und redaktionelle Zentralisierung; Reporter werden ausgetauscht, die Fäden laufen bei einem einzigen Nachrichtendirektor, CJ Hoyt, zusammen. Durch die Übernahme von Tegna schluckt dieser Apparat nun zusätzlich den NBC-Partner WTHR. Drei der wichtigsten Informationsquellen einer ganzen Stadt verschmelzen zu einem einzigen, profitgesteuerten Sendeblock.

Indianapolis ist kein Einzelfall, sondern die Blaupause für eine landesweite Gleichschaltung. In rund 35 regionalen Märkten, darunter strategisch wichtige Knotenpunkte wie Tampa und New Orleans, überschneiden sich die Sendegebiete der beiden fusionierenden Konzerne massiv. Die Folgen dieser brutalen Konsolidierung für den demokratischen Diskurs vor Ort sind verheerend. Jim Shella, ein altgedienter politischer Beobachter, der 34 Jahre lang für einen ehemals lokal geführten Sender in Indianapolis vor der Kamera stand, fasst die Dynamik nüchtern zusammen: Der Deal garantiert weniger Reporter auf den Straßen und eine drastische Ausdünnung der substanziellen Berichterstattung. Wo früher konkurrierende Redaktionen um die Aufdeckung von Lokal-Skandalen rangen, diktiert künftig ein einzelner texanischer Konzernvorstand die Relevanzkriterien für Millionen von Bürgern.

Politischer Pakt und vorauseilender Gehorsam

Ein Deal dieser tektonischen Wucht lässt sich nicht allein mit wirtschaftlichen Argumenten durch die regulatorischen Instanzen peitschen. Er erfordert ein politisches Bündnis – und Nexstar-Chef Perry Sook bewies eine bemerkenswerte Skrupellosigkeit darin, dieses Bündnis zu schmieden. In einer Ära, in der das Weiße Haus Medienunternehmen zunehmend als Feinde oder Vasallen betrachtet, positionierte sich der TV-Gigant unmissverständlich. Sook verteilte öffentliche Loyalitätsbekundungen wie diplomatische Präsente und dankte der Trump-Administration sowie dem FCC-Vorsitzenden Brendan Carr explizit dafür, die „dynamischen Kräfte“ der Medienlandschaft erkannt und die historische Transaktion ermöglicht zu haben. Der amtierende Präsident, der der Fusion anfangs noch skeptisch gegenüberstand, wandelte sich wundersam zu einem Befürworter des gigantischen Zusammenschlusses.

Der Preis für dieses politische Wohlwollen offenbarte sich in der beispiellosen Zensur-Episode rund um Jimmy Kimmel. Sook beteuert zwar wortreich in Wirtschaftsinterviews, er diktiere keine zentralen, politisch gefärbten „Must-run“-Skripte quer durch alle Zeitzonen, wie es der erzkonservative Konkurrent Sinclair in der Vergangenheit praktizierte. Doch die Realität straft ihn Lügen. Als Carr auf einem rechten Videopodcast die lokalen Sender subtil aufforderte, unliebsame Inhalte zu blockieren, gehorchte Nexstar augenblicklich. Die Konzernführung präemptierte die Ausstrahlung des kritischen Late-Night-Monologs auf 32 konzerneigenen ABC-Stationen und hielt diese Blockade nach Ablauf der offiziellen Disney-Suspendierung sogar noch eine weitere Woche aufrecht. Die Belohnung folgte prompt: Carr bedankte sich öffentlich auf Social Media bei Nexstar dafür, „das Richtige“ getan zu haben. Es ist ein eklatanter Kuhhandel: Im Gegenzug für das Wegschauen der Kartellwächter bei der Schaffung eines 6,2-Milliarden-Dollar-Monopols liefert der Sender vorauseilenden Gehorsam bei der Kontrolle des öffentlichen Diskurses.

Aufstand der Bundesstaaten – Der juristische Widerstand

Doch die Kapitulation der Bundesbehörden vor der texanischen TV-Macht bleibt nicht unwidersprochen. Während die FCC hinter verschlossenen Türen den Weg freimachte, formierte sich an den Rändern der Republik ein harter juristischer Widerstand. Acht demokratische Generalstaatsanwälte – angeführt von New York, Colorado und Virginia – zogen in einer konzertierten Aktion vor die Bundesgerichte, um die Fusion in letzter Sekunde zu torpedieren. Die Klageschrift seziert die Mär vom harmlosen wirtschaftlichen Überlebenskampf schonungslos: Der Deal vernichte den Wettbewerb zwischen einst rivalisierenden Sendern und konsolidiere die Macht auf Kosten der Zuschauer. Die New Yorker Chefanklägerin Letitia James nannte das Vorgehen eine „illegale Fusion“, die den lokalen Journalismus existenziell bedrohe und die Gebühren für Verbraucher durch die gewaltige Marktmacht massiv in die Höhe treiben werde.

Auch aus der Wirtschaft feuern Akteure scharfe Salven auf das Konstrukt. Der Satelliten-TV-Anbieter DirecTV reichte eine separate Klage ein und brandmarkte den Zusammenschluss unumwunden als wettbewerbswidrig und gegen das öffentliche Interesse gerichtet. Um diesen Sturm der Entrüstung auf juristischer Ebene abzufedern, verordnete die Trump-treue FCC dem Giganten Nexstar eine geradezu lächerliche Alibi-Strafe: Das Unternehmen wurde angewiesen, läppische sechs Fernsehstationen – unter anderem in Colorado, Virginia und Arkansas – zu veräußern. Angesichts eines neu geschaffenen Imperiums von 265 Sendern gleicht diese Auflage einem kosmetischen Feigenblatt, das die brutale Realität der Monopolisierung lediglich notdürftig kaschieren soll.

Das neue Zeitalter der Echokammern

Der 6,2-Milliarden-Dollar-Deal markiert einen unumkehrbaren Wendepunkt. Die Epoche, in der unabhängige Lokaljournalisten in den Rathäusern von Ohio, Indiana oder Florida der regionalen Politik auf die Finger schauten, weicht einer Ära der ferngesteuerten Medienkartelle. Die verzweifelten Warnungen von Journalistengewerkschaften und Interessenverbänden, die in Brandbriefen an die FCC dargelegt hatten, dass die Erschaffung gigantischer Nachrichten-Syndikate den Journalismus nicht retten, sondern zerstören und Arbeitsplätze vernichten werde, verhallten ungehört in den Fluren der Macht.

Was als wirtschaftliche Strategie zur Abwehr des Silicon Valleys verkauft wurde, entpuppt sich als Ausverkauf der amerikanischen Öffentlichkeit. Lokale Berichterstattung ist fortan kein öffentliches Gut mehr , sondern eine hochkonzentrierte Waffe im Arsenal national agierender Konzerne, gestützt von einer Regierung, die Zensur mit Deregulierung belohnt. Wenn die Mikrofone der Konkurrenten verstummen und die Bildschirme eines ganzen Kontinents im Takt einer einzigen Unternehmenszentrale flimmern, stirbt nicht nur der lokale Wettbewerb. Es stirbt das Fundament jener informierten Wählerschaft, auf der die amerikanische Demokratie einst erbaut wurde.

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