
Cory Booker will für die Demokraten ins Weiße Haus. Dafür streift der sanfte Senator sein altes Image ab und probt den brutalen Straßenkampf. Doch hinter der inszenierten Härte verbirgt sich ein unlösbarer Widerspruch.
Ein Hauch von Genervtheit huscht über das Gesicht des Mannes, wenn das Gespräch auf das Kämpfen kommt. Warum, so fragt Cory Booker unvermittelt, verwechseln die Menschen Freundlichkeit eigentlich ständig präventiv mit Schwäche? Der Vorwurf, der den demokratischen Senator aus New Jersey seit Jahren begleitet und der von Kritikern wie Anhängern gleichermaßen geäußert wird, lautet schlicht: Er ist zu nett, um die US-Präsidentschaft zu erobern. In einer zutiefst unzivilisierten politischen Ära versucht Booker nun mit aller Macht zu beweisen, dass der pathologisch harmoniebedürftige Prediger aus dem Wahlkampf 2020 sehr wohl in der Lage ist, jemanden brutal auf die Bretter zu schicken.
Um diese Transformation zu belegen, greift der 56-Jährige tief in die eigene Biografie zurück, mehr als 30 Jahre in die Vergangenheit. Als Tight End der zweiten Garde an der Stanford University stand er einst kurz davor, nach dem ersten Spielzug gegen die University of Southern California eine Schlägerei mit dem künftigen NFL-Hall-of-Famer Junior Seau anzuzetteln. Nur das weise Eingreifen eines Teamkollegen verhinderte Schlimmeres. Ein Trainer gab Booker damals eine Lektion mit auf den Weg, die er heute als politische Maxime verkauft: Zwischen den Pfiffen auf dem Feld müsse man grausam sein, doch nach dem Pfiff helfe man dem Gegner auf – genau diese Kombination sei für die Gegenseite am furchteinflößendsten. Es ist kein Zufall, dass Booker diese Sportler-Anekdoten derzeit quer durch die Vereinigten Staaten trägt. Er will der Nation eine klare Botschaft senden: Man kann an die Liebe zum Nächsten glauben und gleichzeitig jemanden direkt ins Gesicht schlagen.
Der Geist von Newark: Die Flucht in die eigene Legende
Um seine plötzliche Kampfbereitschaft zu untermauern, beschwört Booker den rebellischen Lokalpolitiker herauf, der er in seinen Zwanzigern und Dreißigern war. Mit einem überirdischen Lebenslauf ausgestattet – Highschool-Footballstar, Rhodes-Stipendiat, Abschlüsse von Stanford und der Yale Law School – entschied sich der Sprössling aus einem wohlhabenden Vorort bewusst für die harte Realität von Newark. Vor drei Jahrzehnten zog er dort für 400 Dollar im Monat in eine kleine Pension, Tür an Tür mit einer verlassenen Drogenhöhle. Später lebte er im Sozialbauprojekt Brick Towers und gehörte zu den letzten Mietern, die das Gebäude vor dessen Abriss verließen.

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Booker nutzte Bravour und Charisma, um die festgefahrenen Strukturen der Stadt aufzubrechen. Seine Methoden waren radikal: 1999 trat der aufstrebende Stadtrat in einen zehntägigen Hungerstreik, um gegen den offenen Drogenhandel zu protestieren. Ein Jahr später lebte er monatelang in einem Lieferwagen, mit dem er durch die Straßen patrouillierte, um Kriminalität und Verfall schonungslos zu dokumentieren. Kritiker warfen ihm damals vor, er sei lediglich auf Aufmerksamkeit aus. Bookers Reaktion war trotzig: Öffentlichkeitswirksame Stunts seien absolut notwendig, um Probleme in den Fokus zu rücken.
Die wahre Härteprüfung folgte im Jahr 2002 im Kampf gegen Sharpe James, den autokratisch regierenden Bürgermeister von Newark. Der Wahlkampf war von einer Brutalität geprägt, die selbst nach heutigen Maßstäben extrem wirkt. James diffamierte Booker als „Republikaner, der Geld vom KKK nahm“ und absurd behauptete, Booker würde „mit den Juden kollaborieren, um Newark zu übernehmen“. Die Polizei hörte Bookers Telefon ab, und Bewohner von Sozialwohnungen fürchteten die Zwangsräumung, wenn sie Unterstützerschilder für ihn ins Fenster hängten. Vor einer Jugend-Basketballhalle eskalierte die Situation derart, dass Booker kurz davor stand, James ins Gesicht zu schlagen – ein Moment, den er heute als „einen der schmachvollsten meines Lebens“ bezeichnet, den er jedoch in seinem neuen Buch mit der diebischen Freude eines Studenten erzählt, der sich an eine peinliche Party erinnert. Die bittere Rivalität ist längst verblasst; als James letztes Jahr verstarb, lobte Booker den Mann, der ihn einst einen „faggot white boy“ genannt hatte, großmütig als „geliebte Säule unserer gemeinsamen Gemeinschaft“.
Vom Straßenkämpfer zum Systemling: Die Washingtoner Metamorphose
Doch die Legenden aus Newark sind ein Vierteljahrhundert alt. Seit seinem Wechsel nach Washington hat sich Bookers Image merklich weichgezeichnet. Der Weg in den Senat im Jahr 2013 war keineswegs vorgezeichnet; eigentlich dachte Booker darüber nach, den damaligen Gouverneur Chris Christie herauszufordern. Es war der damalige Mehrheitsführer Harry Reid, der ihn überzeugte, für den vakanten Sitz des verstorbenen Frank Lautenberg zu kandidieren, mit dem Versprechen, im Senat mehr bewirken zu können, als er glaube.
In der Hauptstadt verwandelte sich der laute Bürgermeister in einen pragmatischen Gesetzgeber. Sein größter Triumph bleibt der „First Step Act“, ein umfassendes Paket zur Strafrechtsreform, das er als demokratischer Verhandlungsführer durchsetzte und das zu den wenigen echten überparteilichen Erfolgen unter Donald Trump zählte. Doch genau diese Geräuschlosigkeit enttäuschte die eigene Basis. Progressive Beobachter werfen Booker vor, den hohen Erwartungen nie gerecht geworden zu sein. Er gelte als zu eng vernetzt mit der Wall Street und Big Tech. Ein anonymer Aktivist resümierte ernüchtert, Booker sei zwar ein passabler Senator, aber weder transformativ noch sonderlich inspirierend.
Der Wendepunkt dieser schleichenden Entfremdung vollzog sich kurz nach der zweiten Amtseinführung Trumps im Gefrierregal eines Whole-Foods-Marktes in der Innenstadt von Newark. Ein älterer Wähler sprach Booker dort an und kanalisierte die Frustration der Basis: Die Demokraten würden Trump nicht aggressiv genug entgegentreten. Als Booker versuchte, die fehlenden Mehrheiten im Kongress als Grund anzuführen, unterbrach ihn der Mann. Wo denn der Typ geblieben sei, der 1998 die politische Maschine in Newark besiegt habe? Wo sei der Typ mit dem zehntägigen Hungerstreik? Diese direkte Konfrontation, die beinahe wie ein Drehbuch von Aaron Sorkin wirkt, entzündete ein neues Feuer in Booker.
Die 25-Stunden-Rebellion: Der kalkulierte Ausbruch
Die Antwort auf den Vorwurf der Ohnmacht war ein strategisch geplantes Spektakel. Booker wies seine Mitarbeiter an, ausreichend Material vorzubereiten, damit er im Senat „so lange sprechen könne, wie ich physisch in der Lage bin“. Die Berater waren zunächst ratlos, da kein spezifisches Gesetz blockiert werden sollte. Doch Booker wollte der verzweifelten Basis ein klares Signal der Kampfbereitschaft senden. Die physische Vorbereitung war extrem: Booker fastete ein ganzes Wochenende und reduzierte seine Wasseraufnahme drastisch, um Toilettengänge zu vermeiden. Die Idee, eine Windel zu tragen, verwarf er strikt – „Peeing in my pants on C-SPAN is a step too far“, notiert er dazu in seinem neuen Buch Stand.
Letztlich stand Booker mehr als 25 Stunden am Pult. Damit brach er nicht nur den Rekord von Ted Cruz aus dem Jahr 2013, sondern übertraf auch die historische Bestmarke des Segregationisten Strom Thurmond aus dem Jahr 1957 um fast eine Stunde. Die Symbolik, dass ein schwarzer Senator den Rekord eines Mannes brach, der einst gegen Bürgerrechte filibusterte, war unübersehbar. Am Ende applaudierte der gesamte Senat, inklusive der republikanischen Senatorin Cynthia Lummis.
Der Marathon-Auftritt brachte zwar keine inhaltlichen Änderungen, durchbrach aber die mediale Dominanz Trumps in den ersten Monaten des Jahres 2025 massiv. Gleichzeitig katapultierte das Ereignis Booker zurück ins Zentrum der digitalen Aufmerksamkeit. Am Morgen der Rede startete er seinen offiziellen Senats-TikTok-Kanal und streamte das Ereignis live; zeitweise sahen über 300.000 Menschen plattformübergreifend zu. Heute orchestriert Booker die strategische Kommunikation der gesamten demokratischen Fraktion und treibt die älteren Kollegen zu einer Steigerung der Social-Media-Interaktionen um 430 Prozent an. Dennoch bleibt die Frage, ob diese Aktion mehr war als nur ein virales Strohfeuer, das bald wieder verglüht.
Das Trauma von 2020: Die Lektion des Scheiterns
Der Zwang, sich als aggressiver Kämpfer neu zu erfinden, resultiert direkt aus dem Trauma des Jahres 2020. Damals begann Booker seine Kampagne in seinem bescheidenen Haus in Newark mit dem Vorsatz, einen aufrichtigen, positiven und von Hoffnung getragenen Wahlkampf zu führen. Er wollte das absolute Gegenmittel zu Trumps Hass und Spaltung sein. „Wenn die Partei das will“, sagte er damals zu seinen Beratern, „wird sie mich hier treffen und ich werde gewinnen. Und wenn nicht, werde ich verlieren“.
Er verlor. Seine Botschaft der Liebe prallte an der Realität ab. Die Wähler glaubten nicht daran, dass „ein schwarzer Typ aus Newark, der über Liebe und Einheit predigt“, Trump schlagen könnte. In den Umfragen krebste er im niedrigen einstelligen Bereich herum. Den Progressiven war er nicht links genug, den Moderaten nicht erfahren und sicher genug. Schwarze Wähler in South Carolina blieben loyal bei Joe Biden.
Besonders schmerzhaft war das Fehlen des entscheidenden, viralen Durchbruchs auf der TV-Bühne. Durch eine unglückliche Auslosung stand Booker beim ersten großen Fernsehduell nicht neben dem Spitzenreiter Joe Biden. Stattdessen nutzte Kamala Harris diese Gelegenheit, um Biden scharf wegen dessen früherer Haltung zum Busing von Schülern anzugreifen („That little girl was me“) – ein Moment, der ihr kurzzeitig enormen Auftrieb verlieh. Bookers Berater trauern dieser verpassten Chance noch heute nach. Allerdings bezweifeln enge Vertraute, dass Booker überhaupt fähig gewesen wäre, Biden derart persönlich zu attackieren. „Das ist einfach etwas, das Cory nicht tun würde“, erklärt sein Berater Mo Butler, „Er war ein fröhlicher Krieger“. Heute, so behauptet Booker, sei die Lage anders. Er sei „weit mehr genervt“ als 2020, er sei „viel wütender“.
Der ökonomische Köder: Populismus nach Trump-Muster
Um nicht erneut im Mittelfeld zu stranden, arbeitet Booker intensiv an einer wirtschaftspolitischen Agenda, die auf die verlorene Arbeiterklasse zielt. Die Blaupause dafür lieferte paradoxerweise Donald Trump mit seinem genialen Wahlkampfversprechen „Keine Steuern auf Trinkgelder“. Booker hat dieses Konzept radikalisiert: Sein zentraler Vorstoß sieht vor, die Bundeseinkommensteuer auf die meisten Einkommen bis zu 75.000 Dollar komplett abzuschaffen.
Die Vorschläge sollen leicht verdaulich und ideologisch grenzüberschreitend sein. Doch innerhalb seiner eigenen Partei erntete er dafür sofort scharfen Gegenwind. Kritiker monieren, das Steuermodell nutze letztlich den Wohlhabenden mehr als der eigentlichen Zielgruppe. Gleichzeitig sucht Booker nun ganz bewusst die offene Konfrontation mit den eigenen Reihen. Im vergangenen Sommer attackierte er seine Senatskolleginnen Amy Klobuchar und Catherine Cortez Masto wegen eines überparteilichen Pakets zur Polizeifinanzierung schwer. Er warf ihnen vor, sich zum Komplizen Trumps zu machen, da das Gesetz der Regierung erlauben würde, blauen Staaten wie New Jersey Gelder vorzuenthalten. „Nicht unter meiner Aufsicht“, donnerte Booker und inszenierte sich als Beschützer der Verfassung. Klobuchar konterte bissig und wies darauf hin, dass Booker bei der entscheidenden Ausschusssitzung zu dem Gesetz gefehlt habe. Solche Vorfälle nähren bei Progressiven den Verdacht, dass Bookers neue Kampfeslust selektiv, hochgradig choreografiert und letztlich rein performativ sei.
Die unüberwindbare Natur: Die Risse in der Kampf-Fassade
Der Versuch, den instinktiven Prediger in einen unbarmherzigen Boxer umzuwandeln, stößt schnell an natürliche Grenzen. Booker kann nicht aus seiner Haut. Er ist weiterhin der Mann, der Umarmungen und Selfies verteilt, als Motivationsredner auftritt und Dutzende inspirierende Zitate in seine Reden streut. Er lacht über alberne Vaterwitze, in denen er sich als Kinderloser „Faux Pa“ nennt. Der fast 57-Jährige, der im Herbst erstmals geheiratet hat, trägt mit Erlaubnis seiner Frau einen Gesundheits-Tracker (Oura-Ring) anstelle eines Eherings und freut sich über eine „erholsame Zeit“, weil er das Beintraining im Fitnessstudio geschwänzt hat.
Seine viel beschworene Angriffslust erlischt sofort, wenn es um das Personal der eigenen Partei geht. Die Forderung nach einer Absetzung von Minderheitsführer Chuck Schumer wehrt er ab, indem er lediglich milde über dessen Klapphandy witzelt. Den potenziellen Konkurrenten Gavin Newsom, bekannt für seine harten Attacken im Trump-Stil, greift er nicht an, sondern lobt dessen Tweets als „urkomisch“. „Ich will keine demokratische Version von Donald Trump“, stellt Booker klar.
Der größte Riss in seiner künstlich aufgebauten Fassade zeigt sich jedoch an der Basis. Wenn Booker vor den Wählern in South Carolina steht, ist der dramaturgische Höhepunkt seiner Rede keine Kampfansage gegen das System. Es ist eine ausufernde, emotionale Erzählung über den Hurrikan Sandy im Jahr 2012. Er beschreibt, wie er als Bürgermeister durch das Chaos fährt, wie Präsident Obama und Gouverneur Christie anrufen, um überparteilich zu helfen. Der wahre Held der Geschichte ist ein normaler Bürger, der im prasselnden Regen mit einer Lampe wedelt, um seine Nachbarn vor einer herabgefallenen Stromleitung zu warnen. „Das sind wir! Das ist die Geschichte Amerikas!“, ruft Booker in das Mikrofon und bringt die durchgefrorene Menge am MLK-Day dazu, sich von den Sitzen zu erheben.
In diesen Momenten ist Cory Booker wieder vollkommen bei sich. Er warnt davor, sich politisch zu sehr zu verbiegen, und zieht den rapiden Wandel von J.D. Vance als warnendes Beispiel heran. „Das sind wir. Wir rücken nicht ab“, sagt Booker und hält die Hand ruhig vor sich. Wenn die Zeit und der Moment ihn einholen, sei das großartig. Doch das ist das zentrale Dilemma, das seine Ambitionen für 2028 überschattet: Die Demokraten suchen verzweifelt einen brutalen Gladiator. Booker aber ist, im tiefsten Inneren, noch immer der Mann, der nach dem Pfiff die Hand ausstreckt, um dem Gegner aufzuhelfen.


