Der Bumerang am Golf: Wie Trumps Iran-Feldzug Wladimir Putin zum wahren Sieger macht

Illustration: KI-generiert

Es ist, als würde man dabei zusehen, wie der Kapitän eines gigantischen Ozeandampfers mit voller Kraft auf ein Riff zusteuert, in dem unerschütterlichen Glauben, das Gestein werde schon beiseite rücken. Die Vereinigten Staaten haben unter der Führung von Donald Trump einen Krieg gegen die Islamische Republik Iran vom Zaun gebrochen. Es sollte eine Demonstration purer, amerikanischer Stärke werden, ein rascher Schlag, um den unliebsamen Unruhestifter im Nahen Osten endgültig auszuschalten und vielleicht sogar einen Regimewechsel in Teheran zu erzwingen. Doch die bittere Realität dieses Konflikts entfaltet sich längst nicht mehr nur am Himmel über dem Persischen Golf. Sie offenbart sich an den Zapfsäulen von Kansas, in den Tresorräumen des Kremls und in der tektonischen Verschiebung der globalen Machtverhältnisse.

Aus einer vermeintlich kontrollierten Strafaktion ist ein unkontrollierbarer Flächenbrand geworden, der die Achillesferse der westlichen Welt freilegt: den unstillbaren Durst nach fossiler Energie. In einem historischen Akt der Verzweiflung sieht sich die Trump-Administration nun gezwungen, das Sanktionsregime gegen Russland aufzuweichen, um den eigenen innenpolitischen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Was als Feldzug gegen die Mullahs in Teheran begann, endet in einer grotesken geopolitischen Paradoxie: Der größte militärische Gegenspieler des Westens, Wladimir Putin, wird zum lachenden Dritten – finanziert und legitimiert durch jene Supermacht, die ihn eigentlich in die Knie zwingen wollte.

Der blinde Fleck der Supermacht

Die Geschichte amerikanischer Präsidenten ist gesäumt von den stets wiederkehrenden, beinahe rituellen Beschwörungen der eigenen Energieunabhängigkeit. Ob Richard Nixon 1973 sein „Project Independence“ ausrief, Jimmy Carter zur Schlacht um die Energie blies oder Barack Obama Jahrzehnte später warnte, Amerika dürfe nicht länger das Opfer globaler Ölmärkte sein – der Vorsatz glich stets dem eines Süchtigen, der sich einredet, morgen ganz gewiss mit dem Trinken aufzuhören. Auch Donald Trump sonnte sich gern in der Illusion, er habe durch ungehemmte heimische Öl- und Gasförderung die USA endgültig vom Tropf des Auslands befreit.

Doch diese Unabhängigkeit entpuppt sich im Licht der brennenden Frachter im Persischen Golf als fatale Fata Morgana. Die amerikanischen Raffinerien lechzen weiterhin nach importiertem Rohöl, das Land bleibt unabdingbar mit den Nervenbahnen des globalen Marktes verdrahtet. Vor diesem Hintergrund wirkt die strategische Naivität, mit der das Weiße Haus in diesen Krieg stolperte, beinahe surreal. Weder der Nationale Sicherheitsrat noch das Pentagon oder das Energieministerium scheinen sich ernsthaft auf das naheliegendste aller Szenarien vorbereitet zu haben: dass Teheran die Straße von Hormus – jenes Nadelöhr, durch das ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung gepumpt wird – als Waffe einsetzen würde.

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Dabei hat der Einsatz von Öl als asymmetrische Waffe im Nahen Osten eine tief verwurzelte Tradition, von den arabischen Ölembargos 1967 und 1973 bis hin zu den brennenden Ölquellen Saddam Husseins 1991. Doch die Trump-Administration agierte nicht nach den Regeln der historischen Empirie, sondern nach purem Bauchgefühl. Man hielt das Regime in Teheran für erschöpft und sich selbst für den allmächtigen Architekten einer neuen Ordnung im Nahen Osten. Das Resultat ist ein eklatantes Vakuum an Planung. Es gibt keine Strategie, wann und wie die verminte und von iranischen Drohnen belagerte Wasserstraße wieder freigekämpft werden kann. Stattdessen fordert der US-Präsident die Tankerkapitäne lapidar auf, mehr „Mumm“ zu zeigen und einfach durch das Sperrgebiet zu fahren. Es ist die Bankrotterklärung einer Supermacht, die agiert, ohne die Reaktionen der Welt auch nur im Ansatz kalkuliert zu haben.

Die Kapitulation vor der Zapfsäule

Die Rechnung für diese imperiale Hybris wird der amerikanischen Gesellschaft derzeit schonungslos präsentiert. Die Mullahs haben den USA eine eiskalte Machtprobe aufgezwungen: Wer hält die Schmerzen länger aus – das theokratische Regime, das ums nackte Überleben kämpft, oder der amerikanische Verbraucher, dessen Zorn über steigende Lebenshaltungskosten Wahlen entscheidet?

Die Antwort zeichnet sich bereits ab. Die Tankstelle ist rasch zum härtesten, unerbittlichsten Gegner Donald Trumps avanciert. Der Preis für die Referenzsorte Brent schoss zeitweise auf über 100 Dollar pro Fass. Warnungen iranischer Militärs, die Welt müsse sich gar auf 200 Dollar pro Barrel einstellen, hängen wie ein Damoklesschwert über der Weltwirtschaft. Die Konsequenzen einer derart massiven, historischen Versorgungsstörung reichen weit über das bloße Betanken von Fahrzeugen hinaus. Öl ist das Schmiermittel der modernen Zivilisation. Steigt sein Preis, verteuern sich Düngemittel, Logistik, Alltagsprodukte und Chemikalien. In einem Jahr, in dem für die Republikaner ohnehin heikle Zwischenwahlen anstehen, droht ein dramatischer Rückgang des Konsums, der das Land in eine schwere Rezession stürzen könnte. Trumps Basis erwartet von ihm, dass er die Inflation besiegt – nicht den Iran.

Getrieben von dieser blanken innenpolitischen Panik hat die US-Regierung eine Entscheidung getroffen, die einem Offenbarungseid gleichkommt. In einer hastigen Notmaßnahme hob das US-Finanzministerium unter Scott Bessent die Sanktionen für russisches Öl vorübergehend auf. Für zunächst 30 Tage, bis zum 11. April, dürfen bis zu 128 Millionen Barrel Rohöl, die bislang von amerikanischen Strafmaßnahmen blockiert auf den Weltmeeren dümpelten, straffrei auf den Weltmarkt gespült werden. Bessents verzweifelter Versuch, diesen Schritt auf sozialen Netzwerken als „kurzfristige Maßnahme“ zur Marktberuhigung zu verkaufen, von der Moskau angeblich kaum finanziell profitieren werde, entlarvt lediglich die Hilflosigkeit Washingtons. Der Markt reagierte auf diese Kapitulation bezeichnenderweise nicht mit Entspannung, sondern trieb die Preise sogar noch weiter in die Höhe.

Putins unverhoffter Triumph

Wer das ganze Ausmaß dieses strategischen Desasters begreifen will, muss den Blick nach Moskau richten. Während die amerikanische Führung sich in Widersprüche verstrickt, knallen im Kreml metaphorisch die Korken. Wladimir Putin, dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine durch westliche Sanktionen massiv unter Druck geraten war, erlebt durch Trumps Irankrieg eine wundersame ökonomische Wiederauferstehung.

Noch im Februar waren die russischen Öleinnahmen drastisch eingebrochen, das Land sah sich gezwungen, sein Rohöl mit enormen Preisabschlägen von teils 30 Dollar pro Barrel auf dem asiatischen Markt regelrecht zu verramschen. Das Budgetdefizit wuchs bedrohlich. Doch Trumps Nahost-Abenteuer zerschmetterte dieses westliche Kalkül in Rekordzeit. Allein in den ersten zwölf Tagen des Konflikts spülte der explodierende Ölpreis der russischen Kriegskasse geschätzte Mehreinnahmen von 1,3 bis 1,9 Milliarden Dollar in den Schoß. Ökonomen kalkulieren mit einem täglichen Extragewinn von 150 Millionen Dollar. Der Preis für die russische Sorte Urals hat sich quasi über Nacht verdoppelt und die schmerzhaften Rabatte gehören der Vergangenheit an.

Mehr noch: Die US-Regierung legitimiert mit ihrer Ausnahmegenehmigung faktisch die gigantische russische „Schattenflotte“. Hunderte alternder Tanker, die bislang ihre Radarsysteme fälschen mussten, um Sanktionen zu umgehen, dürfen nun ganz offiziell am globalen Handel teilnehmen, ihre Fracht löschen und sofort neues russisches Öl laden. Der russische Sondergesandte Kirill Dmitrijew verhöhnte den Westen bereits unverhohlen auf Telegram: Die USA müssten das Offensichtliche anerkennen – ohne russisches Öl gebe es keine globale Stabilität.

Für die Verbündeten in Europa und vor allem für die Ukraine ist dies ein kaum erträglicher Verrat. Während die EU-Staaten mühsam Milliarden für das ukrainische Budget zusammenkratzen, finanziert Washington unfreiwillig Putins Militärmaschinerie. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rechnete vor, dass dieser einzige amerikanische Zugeständnis-Akt den Russen 10 Milliarden Dollar bescheren könnte, und fasste die bittere Ironie in Worte: Die Aufhebung der Sanktionen führe lediglich dazu, dass künftig noch mehr russische Drohnen auf ukrainische Städte stürzen. In Kiew prägte man bereits den sarkastischen Satz, man versuche einen Ajatollah in Teheran zu töten, nur um einem anderen Ajatollah in Moskau zu helfen. Gleichzeitig werden dringend benötigte amerikanische Patriot-Raketen, die ukrainische Heizkraftwerke im Winter vor russischen Angriffen schützen könnten, nun in gigantischen Mengen über dem Persischen Golf verschossen. Die militärischen und politischen Kollateralschäden für Europa sind verheerend – und Trumps Gesandte wie Steve Witkoff erklären allen Ernstes, man könne den Zusicherungen des Kremls, keine Geheimdienstinformationen an Iran weiterzugeben, durchaus vertrauen.

Teherans asymmetrische Überlebenskunst

Um die Kaltblütigkeit der iranischen Strategie zu begreifen, muss man den Blick in die traumatische Vergangenheit der Islamischen Republik werfen. Das Regime agiert nicht aus dem luftleeren Raum heraus, sondern ist tief geprägt von den Erfahrungen des Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren. Damals stand das Land allein gegen Saddam Hussein und weite Teile der arabischen und westlichen Welt – eine Ära der erbarmungslosen Schützengräben und der allgegenwärtigen strategischen Einsamkeit. In diesem brutalen Überlebenskampf wurde die Doktrin geschmiedet, auf die Teheran heute zurückgreift: Wenn man in einem direkten, konventionellen Schlagabtausch hoffnungslos unterlegen ist, muss man den Konflikt asymmetrisch führen und die Schmerzgrenze des Gegners testen.

Die Mullahs wissen, dass sie gegen die technologische und militärische Übermacht der Vereinigten Staaten und Israels auf dem offenen Schlachtfeld keine Chance haben. Doch sie spielen ein anderes Spiel. Es ist die Logik der horizontalen Eskalation – die gezielte Ausweitung des Krieges in Raum und Zeit. Die Sperrung der Straße von Hormus und die Angriffe auf die globale Schifffahrt sind keine verzweifelten Kurzschlussreaktionen, sondern das eiskalte Kalkül eines Regimes, das um seine nackte Existenz kämpft. Teheran testet die Verwundbarkeit der globalen Blutbahn. Die iranische Führung operiert in der festen Überzeugung, dass sie eine weit höhere Toleranz für Leid und Zerstörung besitzt als die wohlstandsverwöhnten Gesellschaften des Westens. Wenn das eigene Land brennt, so die makabre Logik, muss man die Weltwirtschaft mit in den Abgrund reißen, bis der Druck auf Washington unerträglich wird. Es ist ein Zermürbungskrieg, der darauf abzielt, die Munitionsdepots – und die politische Geduld – der Gegner zu erschöpfen.

Die Illusion des schnellen Deals

Angesichts dieser hochkomplexen, historisch gewachsenen Bedrohungslage wirkt die diplomatische Flanke der US-Regierung beinahe grotesk unterbesetzt. Die Vorstellung, man könne diesen Konflikt behandeln wie eine feindliche Übernahme in der Immobilienbranche, erwies sich als fataler Irrtum. Vertraute des Präsidenten, wie die Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner, reisten zu Geheimverhandlungen, in der naiven Erwartung, die Iraner würden rasch kapitulieren. Es fehlte an grundlegendem technischem Verständnis, an Fachexpertise und an der schieren Professionalität, um die Fähigkeiten der Gegenseite überhaupt realistisch einzuschätzen – man war gar überrascht, dass Iran eigene, hochkomplexe Zentrifugen bauen kann.

Die amerikanische Strategie klammert sich vielmehr an die Fiktion eines sauberen Regimewechsels, oft als „venezolanisches Modell“ verklärt. Die Illusion: Man köpft die Führungselite durch präzise Militärschläge und übergibt die Macht an eine moderate Übergangsregierung. Doch in der Realität der iranischen Gesellschaft existiert diese Blaupause nicht. Mit Bomben lässt sich keine lebensfähige demokratische Alternative herbeizaubern. Es gibt keine organisierte Opposition mit einem funktionierenden Netzwerk am Boden, die ein derartiges Vakuum füllen könnte.

Sollte das Regime diesen Sturm überstehen – möglicherweise unter der Führung von Ali Khameneis Sohn – steht die Welt vor einem weit gefährlicheren Szenario. Ein verwundetes, aber nicht vernichtetes System wird radikaler denn je nach der ultimativen Lebensversicherung streben: der Atombombe. Schon jetzt liegt die Zeitspanne, die Teheran benötigen würde, um ausreichend spaltbares Material für eine Waffe zu produzieren, bei nur noch sechs Tagen. Die religiösen Bedenken gegen Massenvernichtungswaffen dürften im Angesicht der existenziellen Bedrohung rasch weichen. Ein überlebender iranischer Staat hätte aus diesem Krieg vor allem eine Lektion gelernt: Nur wer über das ultimative nukleare Abschreckungsmittel verfügt, ist vor den Launen amerikanischer Präsidenten sicher.

Die tektonische Verschiebung der Weltordnung

Während die Vereinigten Staaten versuchen, ein Feuer am Persischen Golf auszutreten, und sich dabei gezwungen sehen, Russland den finanziellen Rettungsring zuzuwerfen, vollzieht sich im Hintergrund eine noch viel gravierendere Verschiebung der Macht. Der heimliche, langfristige Profiteur dieses geopolitischen Bebens sitzt in Peking.

Auf den ersten Blick mag China, als weltgrößter Ölimporteur, extrem verwundbar für Schocks aus dem Nahen Osten erscheinen. Doch die Führung der Volksrepublik hat genau für diesen Tag vorgesorgt. In den gigantischen Tanks des Landes lagert eine strategische Reserve von 1,2 Milliarden Barrel Öl – ein beispielloser Puffer, der monatelange Importausfälle kompensieren kann. Viel entscheidender ist jedoch die tektonische Fluchtbewegung, die ein dauerhaft hoher Ölpreis global auslösen wird. Wenn fossile Energie zu einem unkalkulierbaren Sicherheitsrisiko mutiert, wird der Übergang zu erneuerbaren Energien nicht mehr nur aus klimatologischer Überzeugung, sondern aus blanker nationaler Überlebensnotwendigkeit forciert.

Und genau hier schnappt die strategische Falle zu. Eine Welt, die fluchtartig von Öl und Gas loskommen will, muss sich unweigerlich in die Arme der chinesischen Industrie begeben. Ob Windkraftanlagen, Solarpaneele, Lithium-Ionen-Batterien oder die dominierende Produktion von Elektroautos – China hält beinahe ein Monopol auf die Technologien der Zukunft. Ein von den USA ausgelöster, langwieriger Öl-Krieg beschleunigt paradoxerweise jenen globalen Wandel, der Peking zur unangefochtenen energetischen Supermacht des 21. Jahrhunderts krönt.

Gleichzeitig verliert die schärfste nicht-militärische Waffe Washingtons dramatisch an Wert: das Sanktionsregime. Wenn die USA ihre eigenen, mühsam orchestrierten Wirtschaftsblockaden gegen einen Aggressor wie Russland beim ersten Anzeichen häuslicher Unruhe an den Zapfsäulen wieder einreißen, signalisieren sie der Welt, dass amerikanische Drohungen letztlich verhandelbar sind. Die Glaubwürdigkeit der westlichen Finanzmacht wird auf dem Altar des Benzinpreises geopfert.

Das Ende der imperialen Illusion

Am Ende dieses unkalkulierten Feldzuges steht nicht die triumphale Rückkehr amerikanischer Dominanz, sondern die schmerzhafte Offenlegung ihrer Grenzen. Die Trump-Administration hat eindrucksvoll bewiesen, dass man Kriege vielleicht mit militärischer Überlegenheit beginnen, aber nicht zwingend mit ihr beenden kann. Die Welt erlebt eine Supermacht, die sich selbst in ein Netz aus Widersprüchen verstrickt hat.

Um einen Feind im Nahen Osten zu schwächen, füllt man die Kriegskasse des Feindes in Osteuropa. Um Stärke zu demonstrieren, offenbart man die eigene Abhängigkeit von den unbarmherzigen Mechanismen des globalen Energiemarktes. Und während Washington in der Vergangenheit feststeckt, bereitet China die Infrastruktur für die Zukunft vor. Der Krieg gegen Iran wird nicht als strategisches Meisterstück in die Geschichte eingehen, sondern als jener Moment, in dem die USA bewiesen, dass selbst die größte Militärmacht der Welt am Ende vor der Zapfsäule kapitulieren muss. Wladimir Putin hat nichts weiter tun müssen, als auf die Fehler seiner Gegner zu warten. Der Bumerang, der am Persischen Golf geworfen wurde, hat Moskau eine unerwartete Atempause verschafft – und die Gewissheit, dass die amerikanische Weltordnung Risse zeigt, die tief in das Fundament der Macht reichen.

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