Imperator im Blindflug: Wie Trumps Ego-Krieg die Welt in Brand steckt

Illustration: KI-generiert

Es ist ein surrealer Kontrast, der sich in diesen Tagen in Washington offenbart. Während im Nahen Osten die Bomben fallen und die ersten amerikanischen Soldaten ihr Leben lassen, residiert der Oberbefehlshaber in einem Oval Office, das mit Goldkitsch förmlich überzogen ist. Die spiegelnden Oberflächen und goldenen Trophäen auf dem Kaminsims reflektieren das Licht derart stark, dass der gesamte Raum in einen matten, goldenen Schimmer getaucht wird. Doch dieser fast schon byzantinische Glanz kann die fundamentale Planlosigkeit nicht überstrahlen, die im politischen Zentrum Amerikas herrscht. Der selbsternannte Friedenspräsident, der das Land aus fernen Konflikten heraushalten wollte, hat einen Krieg entfesselt, dessen Dimensionen und Endpunkt niemand abzusehen vermag.

Der Hofstaat und die Hybris der Macht

Wer die Dynamik dieser imperialen Präsidentschaft und ihrer außenpolitischen Eskapaden verstehen will, muss auf die Körpersprache der Macht blicken. Wenn der US-Präsident Hof hält, umgibt er sich mit einer beklemmenden, devoten Unterwürfigkeit. Da sitzt ein Verteidigungsminister, eingezwängt in einen viel zu engen, hellgrauen Anzug, und knetet seine Hände mit einem demütigen Dackelblick derart angespannt, dass die Knöchel weiß hervortreten. Daneben ein Vizepräsident, der sein Gesicht lediglich zu einem hämischen Grinsen verzieht, während der Präsident politische Gegner verhöhnt, und ein Außenminister mit ausdruckslosen, kalten Augen. Es ist eine Atmosphäre der totalen Dominanz, in der junge Frauen im Hintergrund beflissen nicken und Minister stammelnd ihre absolute Zustimmung beteuern.

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Der Präsident selbst inszeniert sich in diesem Gefüge als absoluter Herrscher, getrieben von einem Allmachtsgefühl, bei dem er davon ausgeht, dass seine Macht grenzenlos sei und allenfalls durch seine „eigene Moralität“ eingeschränkt werde. Sinnbildlich für diesen zerstörerischen Drang steht der Umgang mit dem Weißen Haus selbst: In einer rücksichtslosen Nacht-und-Nebel-Aktion ließ er den historischen East Wing abreißen, einzig um Platz für einen gewaltigen Ballsaal zu schaffen. Im Laubengang des Rosengartens prangt nun an der Stelle, wo das Porträt seines demokratischen Vorgängers hängen sollte, das Foto eines profanen Unterschriftenautomaten – ein Akt erlesener Bösartigkeit, der die völlige Respektlosigkeit vor demokratischen Traditionen verdeutlicht. Selbst engste europäische Verbündete werden in diesem Rausch der Selbstherrlichkeit brüskiert. Vor den Augen des stumm zusehenden deutschen Kanzlers attackiert der Präsident Großbritannien und Spanien scharf, weil sie die uneingeschränkte Nutzung ihrer Militärbasen für den aktuellen Feldzug verweigerten.

Der Verrat an der eigenen Basis

Die historische Tragik dieses Krieges liegt in seinem offenkundigen Verrat am eigenen politischen Fundament. Gewählt wurde dieser Präsident mit dem eisernen Versprechen, „America First“ zu leben und das traumatische Zeitalter der „Forever Wars“ sowie der endlosen Regimewechsel endgültig zu beenden. Genau jene Wähler der unteren Mittelschicht, die es längst satt hatten, ihre Söhne und Töchter in Särgen aus fernen Ländern zurückzuerhalten, wenden sich nun fassungslos und enttäuscht ab. Die Ikonen der „Make America Great Again“-Bewegung proben den Aufstand: Einstige loyale Mitstreiterinnen wie Marjorie Taylor Greene führen in den sozialen Netzwerken offene Abrechnungen über gebrochene Wahlversprechen, und einflussreiche konservative Kommentatoren bezeichnen den Angriff auf den Iran schlicht als böse und widerlich.

Die gesellschaftliche Realität spricht eine unerbittliche Sprache. Die Hälfte der Amerikaner lehnt diesen Krieg rundweg ab. Die Wählergruppen, die den jüngsten Wahlsieg überhaupt erst ermöglichten – Unabhängige, junge Wähler, Latinos –, flüchten in Scharen, was Einbrüche von bis zu 19 Prozentpunkten in der Zustimmung zur Folge hat. Um dieses rasant wachsende Desaster zu kaschieren, flüchtet sich der Oberbefehlshaber in plumpe, militärische Symbolik. Er, der gefallene Soldaten auf einem Soldatenfriedhof in Paris einst wegen des regnerischen Wetters mied und sie als „Deppen und Verlierer“ verspottete, verteilt nun plötzlich wie am Fließband höchste Tapferkeitsmedaillen an Veteranen. Doch das strahlende Gold dieser Orden kann die bittere Wahrheit nicht verdecken: Bereits am vierten Tag dieses Konflikts trauerten Senatoren um sechs amerikanische Soldaten, die in Särgen in ihre Heimat zurückkehrten.

Der Einflüsterer und das Caracas-Momentum

Wie konnte es zu diesem radikalen Kurswechsel kommen? Die Antwort findet sich in einer hochgefährlichen Mischung aus narzisstischer Eitelkeit und einer völlig falschen Interpretation militärischer Erfolgserlebnisse. Es war ein neokonservativer Senator, der den Präsidenten beim gemeinsamen Golfspielen genau an seinem empfindlichsten Punkt traf: Er stellte ihm einen historischen Triumph in Aussicht, einen Regimewechsel in Teheran, der in seiner Dimension dem Fall der Berliner Mauer gleichkomme.

Doch der eigentliche Katalysator für den Ausbruch dieses Krieges war ein scheinbar makelloser Spezialauftrag im Januar. Die nächtliche Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro, die sich für den US-Präsidenten wie eine unterhaltsame, actiongeladene Fernsehshow anfühlte, wirkte wie eine gefährliche Droge. Berauscht von der chirurgischen Geschwindigkeit, der Gewalt und der völligen Risikofreiheit dieser Aktion, verfiel er dem Irrglauben, globale, hochkomplexe Konflikte ließen sich mit einem schnellen militärischen Handstreich lösen. Verstärkt wurde diese toxische Illusion durch den permanenten Druck des israelischen Premierministers, der sich nach dem Luftschlag auf das Dach seines Verteidigungsministeriums stellte und triumphierend verkündete, er habe nun das umgesetzt, wovon er 40 Jahre lang geträumt habe.

Teherans tödliche Mathematik

Die Illusion des schnellen, sauberen Krieges zerschellt jedoch derzeit krachend an der asymmetrischen Realität des Nahen Ostens. Zweifellos: Das System im Iran, das seit der Gründung 1979 ganze Staaten durch Stellvertretermilizen wie die Hisbollah oder die Huthis in chaotische, verelendete Kampfzonen verwandelt und heimlich nach Atomwaffen strebt, ist ein dauerhafter Hort der Aggression. Und tatsächlich ist das theokratische Regime durch die gezielte Tötung seines Obersten Führers fundamental erschüttert. Doch anstatt wie erhofft sofort zu kollabieren, funktioniert der eiserne Apparat weiter; ein hastig gebildeter Übergangsrat hat die Kontrolle übernommen, während das Internet für die eigene Bevölkerung gekappt bleibt.

Das iranische Regime setzt auf einen zermürbenden, dezentral organisierten Abnutzungskrieg. Es ist eine geradezu diabolische militärische Mathematik, die sich hier entfaltet: Während kleine, autonom agierende Einheiten präzise Kamikaze-Drohnen abfeuern, die in der Produktion lediglich 30.000 US-Dollar kosten, muss die westliche Allianz für jedes Abfangmanöver Raketen in den Himmel schießen, die eine Million US-Dollar verschlingen. Der Iran setzt so täglich tausend Nadelstiche, um seine Gegner nicht auf dem Schlachtfeld zu besiegen, sondern sie finanziell und politisch derart ausbluten zu lassen, bis die amerikanische Öffentlichkeit den Druck auf das Weiße Haus so weit erhöht, dass ein zermürbender Deal erzwungen wird.

Die Geiselnahme der Golfstaaten

Um diesen Druck ins Unermessliche zu steigern, hat Teheran den Radius des Schreckens eiskalt ausgeweitet. Anstatt frontal die massiv hochgerüsteten US-Basen zu attackieren, zielt das Regime auf die weiche Flanke der Region: die zivile Infrastruktur der reichen arabischen Nachbarn. Wenn iranische Drohnen in die Wolkenkratzer von Dubai einschlagen oder den dortigen Flughafen bedrohen, geht es nicht nur um geborstenes Glas und brennenden Asphalt. Es geht um die gezielte Vernichtung einer Existenzgrundlage, die primär auf dem Image als sicherer, hochgradig effizienter und stabiler Zufluchtsort für das globale Kapital ruht.

Die Golfmonarchien, die diesen Krieg nie wollten und den amerikanischen Erstschlag aus tiefer Sorge vor einem drohenden Staatszerfall im Iran massiv ablehnten, stehen nun vor den Trümmern ihrer Sicherheitsarchitektur. Verzweifelt und tief besorgt wägen sie Gegenschläge ab, fürchten aber gleichzeitig, in eine vernichtende Falle zu tappen. Da sie sich von der amerikanischen Schutzmacht im Stich gelassen fühlen, nehmen sie nun Europa vehement in die Pflicht. Hinter verschlossenen Türen fordern sie von Staaten wie Deutschland eine „lock-step solidarity“ – handfeste, bedingungslose Solidarität und massive militärische Unterstützung bei der extrem kostenintensiven Luftabwehr. Währenddessen zahlt die Zivilbevölkerung den ultimativen, blutigen Preis dieses Kalküls. Allein in den ersten vier Kriegstagen zählte der Rote Halbmond fast 800 Todesopfer durch Luftangriffe, darunter über 170 Schülerinnen, die bei einem verheerenden Bombardement im Süden des Landes ihr Leben verloren.

Der blinde Fleck – Der Tag danach

Was inmitten dieses globalen Bebens bleibt, ist die beängstigendste aller Erkenntnisse: Es gibt in Washington schlicht keinen Plan. Die amerikanische Führung hat keinerlei Ausstiegsstrategie entworfen, es existiert keine sogenannte „Landezone“ für einen Frieden. Auf die drängende Frage von Journalisten, wer denn das zerrüttete Land in Zukunft regieren solle, antwortet der mächtigste Mann der Welt mit einem entwaffnenden Zynismus: Die meisten Personen, an die man als potenzielle Führungskräfte gedacht habe, seien durch die eigenen Bomben leider bereits tot.

Die jahrzehntelange Doktrin amerikanischer Außenpolitik – wer ein Land zerbricht, muss auch die Verantwortung für den anschließenden Aufbau tragen („You break it, you own it“) – wurde stillschweigend und unzeremoniell beerdigt. Stattdessen fordert der Präsident das iranische Volk per Videobotschaft lapidar auf, das Regime nun gefälligst selbst zu stürzen und die Regierung zu übernehmen. Begleitet wird dies von der kalten Drohung, dass dies womöglich die einzige Chance für Generationen sei. Wenn es brenzlig wird oder die Geduld schwindet, so die unausgesprochene Botschaft, sind die USA längst wieder verschwunden. Um das massive inhaltliche und strategische Vakuum zu füllen, flüchtet sich der Oberbefehlshaber während der Pressekonferenz in die endlose Wiederholung alter, widerlegter Lügenmärchen. Er parliert allen Ernstes darüber, wie ein demokratischer Vorgänger angeblich die Sitze aus Flugzeugen reißen ließ, um sie bis unter das Dach mit grünen Dollarnoten vollzustopfen und den Mullahs in Teheran zu übergeben.

Es scheint, als stünde die Welt an einem historischen Wendepunkt, dessen zerstörerische Tragweite noch nicht vollends zu begreifen ist. Ein amerikanischer Präsident, angetrieben von einer toxischen Melange aus reiner Eitelkeit, Profilierungssucht und einer fatalen Entrücktheit von der Realität, hat die Büchse der Pandora im Nahen Osten weit geöffnet. Er brüstet sich vor laufenden Kameras mit der Demontage gegnerischer Radaranlagen und Marinestützpunkte und feiert dies als einen großen Sieg. Gleichzeitig ist die gesamte Architektur einer ohnehin fragilen Weltgegend im Begriff, vollständig in Flammen aufzugehen. Wenn imperiale Hybris auf grenzenlose militärische Macht trifft und jede Form von strategischer Vernunft fehlt, dann bleibt am Ende nur eines: absolute verbrannte Erde.

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