Der Bumerang-Krieg: Wie Trumps Iran-Feldzug seine eigene Präsidentschaft sabotiert

Illustration: KI-generiert

Es ist, als würde man dabei zusehen, wie bei einem gigantischen Gefährt die Bremsen gelöst werden – und niemand weiß genau, wie schnell die Fahrt bergab gehen wird. Was als außenpolitischer Paukenschlag gedacht war, entpuppt sich zunehmend als das Fundament einer historischen innenpolitischen Krise. Als Donald Trump den Befehl zum Angriff auf den Iran gab, schien die Welt für einen Moment den Atem anzuhalten. Doch der wahre Schock entfaltet sich nicht nur an den Frontlinien des Nahen Ostens, sondern an den Zapfsäulen von Ohio, in den Bilanzen der Tech-Giganten und in den enttäuschten Wohnzimmern jener Wähler, die einst auf das Versprechen eines isolationistischen, wirtschaftlich prosperierenden Amerikas vertrauten. Ein Präsident, der angetreten war, um das Land vor fremden Konflikten zu bewahren und den Wohlstand der Mittelschicht zu mehren, sieht sich nun mit einer schwindenden Zustimmung, explodierenden Preisen und dem Verlust von 92.000 Arbeitsplätzen konfrontiert. Die Frage drängt sich auf: Wie lange lässt sich eine politische Illusion aufrechterhalten, wenn die nackte wirtschaftliche Realität eine völlig andere Sprache spricht?

Die gebrochenen Versprechen und der ökonomische Schock

Man muss sich an den Wahlkampf zurückerinnern, um die Fallhöhe der Gegenwart zu begreifen. Mit der ihm eigenen Lautstärke hatte Donald Trump versprochen, die Preise „von Tag eins an“ nach unten zu zwingen. Unter seiner Führung, so das vollmundige Gelübde, würden sich die USA verpflichten, die Energie- und Stromkosten binnen zwölf, maximal 18 Monaten um mindestens die Hälfte zu senken. Die Realität nach dreizehneinhalb Monaten im Oval Office zeichnet ein gänzlich anderes, düsteres Bild.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben

Das Leben der amerikanischen Durchschnittsfamilie ist empfindlich teurer geworden. Selbst wenn man jene Zölle herausrechnet, die der Oberste Gerichtshof kürzlich blockierte, zahlt ein Haushalt heute 800 Dollar mehr pro Jahr für seine Lebenshaltungskosten als noch Anfang 2025. Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht in Sicht: Trump hat bereits angekündigt, neue, dauerhafte Tarife erheben zu wollen. Gegen diesen Versuch, über den Paragrafen 122 neue Zehn-Prozent-Zölle an den Gerichten vorbeizuschleusen, klagen mittlerweile 24 Bundesstaaten. Die finanzielle Mehrbelastung für die Bürger könnte laut Berechnungen des Yale Budget Lab locker die 1.000-Dollar-Marke überschreiten.

Besonders schmerzhaft spüren die Amerikaner diese Entwicklung bei der Energie. Strom ist im Landesdurchschnitt gut sechs Prozent teurer geworden, Erdgas kostet etwa zehn Prozent mehr. Der landesweite Durchschnittspreis für eine Gallone Benzin schoss binnen einer einzigen Woche um elf Prozent in die Höhe und erreichte 3,32 Dollar. Auf diese dramatischen Preissteigerungen, die das Budget von Pendlern und Familien auffressen, reagierte der Präsident erstaunlich gleichgültig: Der Konflikt sei wichtiger, und wenn die Preise eben steigen, „dann steigen sie“. Eine Bemerkung, die wie Hohn klingen muss in den Ohren jener 83 Prozent der Amerikaner, die in Umfragen angeben, über die steigenden Energiekosten „besorgt“ zu sein. Mittlerweile sagen 80 Prozent der Bürger, unter diesem Präsidenten sei rein gar nichts günstiger geworden.

Die Kettenreaktion der globalen Märkte und der Lieferketten

Der Konflikt im Nahen Osten hat eine globale Kettenreaktion ausgelöst, deren Epizentrum eine schmale Wasserstraße ist. Als Vergeltung für die US-Angriffe hat der Iran die Straße von Hormus faktisch dichtgemacht. Durch dieses Nadelöhr der Weltwirtschaft fließen für gewöhnlich knapp ein Drittel des weltweit verschifften Rohöls und ein Vünftel des Flüssigerdgases (LNG). Zusätzlich traf ein iranischer Drohnenangriff die größte Gasverflüssigungsanlage Katars in Ras Laffan, was die LNG-Exporte des Emirats abrupt zum Stillstand brachte.

Die Folgen für die globalen Lieferketten sind verheerend. Eine vierstellige Zahl an Handelsschiffen, darunter etwa 500 mit Öl und Gas beladene Tanker, sitzt in der Region fest. Der Versuch der Trump-Administration, die Sicherheit durch staatliche Garantien der US Development Finance Corporation (DFC) zu gewährleisten, wirkt angesichts der astronomischen Zahlen utopisch. Die Versicherungsprämien für große Öltanker sind von 0,25 Prozent auf bis zu 5 Prozent des Schiffswerts explodiert. Allein die Absicherung der 329 in der Region verbliebenen Öltanker würde sich auf 352 Milliarden Dollar summieren – eine Summe, die die Mittel der DFC bei Weitem übersteigt.

An den internationalen Märkten herrscht Alarmstimmung. In Asien schossen die Spot-Preise für LNG um fast 40 Prozent in die Höhe, in Europa verteuerten sich die Terminkontrakte gar um 70 Prozent. Um den Energiehunger zu stillen, sehen sich Länder wie Bangladesch, Taiwan und Japan gezwungen, klimaschädliche Kohlekraftwerke wieder hochzufahren. In Indien und Pakistan müssen Düngemittelhersteller ihre Produktion drosseln, was die weltweiten Preise für Urea bereits um 25 Prozent steigen ließ – ein Vorbote für global steigende Lebensmittelkosten.

Auch die Aktienmärkte blieben von den Erschütterungen nicht verschont. Nachdem sich die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass der Konflikt nicht in Tagen, sondern in Wochen gemessen werden muss, brach der deutsche Leitindex Dax um fast 3,5 Prozent ein. Der südkoreanische Kospi erlebte mit einem Minus von zwölf Prozent den größten Tagesverlust seiner Geschichte. Der Ölpreis der Sorte Brent kletterte rasch über die Marke von 80 Dollar und kratzte zeitweise an 89 Dollar. Die Europäische Zentralbank rechnet vor, dass ein um zehn Prozent höherer Ölpreis die allgemeine Teuerungsrate direkt um 0,4 Prozentpunkte nach oben treibt. Kurioserweise zeigte sich ausgerechnet die hochspekulative Kryptowährung Bitcoin in dieser Krise überraschend stabil und stieg zeitweise auf über 68.000 Dollar, während der vermeintlich sichere Hafen Gold aufgrund von Nachschussforderungen der Broker (Margin Calls) massiv unter Druck geriet und an Wert verlor.

Der Arbeitsmarkt kippt – Das Dilemma der Notenbank

Die geopolitischen Beben treffen auf ein amerikanisches Fundament, das zunehmend Risse aufweist. Der Schock des jüngsten Arbeitsmarktberichts sitzt tief: Im Februar strich die US-Wirtschaft 92.000 Stellen, die Arbeitslosenquote stieg auf 4,4 Prozent an. Der Jobabbau zieht sich durch alle Schichten. Das Baugewerbe und die Logistik bluten ebenso aus wie der erfolgsverwöhnte Informationssektor, der 11.000 Stellen einbüßte. Selbst der Tech-Gigant Oracle plant aufgrund von Liquiditätsengpässen durch teure Rechenzentren Tausende Entlassungen. Auch die verarbeitende Industrie, die von Trumps Zöllen eigentlich beschützt und wiederbelebt werden sollte, verlor 12.000 Arbeitsplätze. Zudem rissen großflächige Streiks im Gesundheitswesen – etwa bei Kaiser Permanente – tiefe Löcher in die Statistik.

Für die US-Notenbank Federal Reserve gleicht diese Gemengelage einem Drahtseilakt ohne Netz. Sie steht vor einem klassischen Dilemma: Auf der einen Seite ein schwächelnder Arbeitsmarkt, der eigentlich nach Zinssenkungen ruft, auf der anderen Seite die durch Krieg und Zölle befeuerte Inflation. Es wird weithin erwartet, dass die Fed die Zinsen vorerst in einer Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent belassen wird. Führende Notenbanker wie Beth Hammack aus Cleveland warnen eindringlich vor voreiligen Zinssenkungen; sie schließt sogar erneute Zinserhöhungen nicht aus, sollte die Inflation nicht spürbar in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels sinken.

Doch diese geldpolitische Vernunft kollidiert offen mit dem politischen Willen des Weißen Hauses. Um drastische Zinssenkungen zu erzwingen, hat Donald Trump seinen Wunschkandidaten Kevin Warsh für den Vorsitz der Zentralbank nominiert. Gleichzeitig hat das Justizministerium eine strafrechtliche Untersuchung gegen den noch amtierenden Fed-Chef Jerome Powell wegen Umbaukosten am Hauptquartier eingeleitet – ein Vorgang, den Powell in einer beispiellosen Videobotschaft als direkten Versuch wertete, die unabhängige Notenbank durch Nötigung zu Zinssenkungen zu zwingen.

Die drei fatalen Motive des Präsidenten

Wie konnte es zu dieser folgenschweren Eskalation kommen? Wenn man die diplomatischen Nebelkerzen beiseite wischt, offenbaren sich drei zentrale Motive, die den Präsidenten in dieses Abenteuer trieben.

Erstens drängt die Zeit. Donald Trump, der stets erklärte, als großer Friedensstifter in die Geschichte eingehen zu wollen, blickt auf die nahenden Midterm-Wahlen im Herbst. Um sein politisches Erbe zu zimmern, brauchte er dringend einen massiven, historischen Erfolg.

Zweitens scheint ein gefährlicher Übermut Einzug ins Weiße Haus gehalten zu haben, genährt durch den Erfolg in Südamerika. Am 3. Januar hatten US-Spezialeinheiten den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro in einer chirurgischen, beinahe filmreifen und vor allem blutlosen Aktion gefangen genommen. Dieser scheinbar mühelose Regimewechsel verleitete die Administration offenbar zu der trügerischen Annahme, ein ähnlicher Coup ließe sich auch im Iran orchestrieren. Die Ironie der Geschichte: Während am Persischen Golf die Infrastruktur brennt, reist US-Innenminister Doug Burgum bereits durch das „befreite“ Venezuela, um Investoren für strategische Mineralien zu begeistern.

Drittens beugte sich der Präsident einer immensen Lobbyarbeit. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu war in den Monaten zuvor unablässig in Washington vorstellig geworden, um Trump von der Notwendigkeit eines harten Schlags zu überzeugen. Flankiert wurde er dabei von republikanischen Hardlinern wie Senator Lindsey Graham, der dem Präsidenten einflüsterte, ein Zusammenbruch des Mullah-Regimes sei in seiner historischen Dimension mit dem Fall der Berliner Mauer gleichzusetzen.

Die Rebellion der MAGA-Basis und Vances Schadensbegrenzung

Der Preis für dieses militärische Abenteuer ist hoch – vor allem politisch. Die isolationistische Rechte, die „America First“-Bewegung, wendet sich zunehmend entsetzt von ihrem einstigen Idol ab. Prominente rechte Influencer wie das Podcast-Duo „Hodgetwins“ oder die Abgeordnete Marjorie Taylor-Greene bezeichnen den Angriff offen als den „schlimmsten Verrat“. Das alte Narrativ ist zurückgekehrt, kräftiger denn je: Die elitäre Klasse verstrickt das Land in endlose Kriege und lässt die Söhne der einfachen Leute in Särgen heimkehren, während die amerikanische Durchschnittsfamilie kaum noch ihre Stromrechnung bezahlen kann. Bislang haben mindestens sechs US-Soldaten in diesem Konflikt ihr Leben verloren. Entsprechend desaströs ist das Stimmungsbild im Land: Nur noch einer von vier Amerikanern befürwortet den Angriff auf den Iran.

Inmitten dieses Sturms versucht Vizepräsident JD Vance verzweifelt, Risse zu kitten und die Wogen zu glätten. In Interviews bittet er die Bevölkerung um Geduld. Man könne den Kaufkraftverlust, der unter der Biden-Administration entstanden sei, unmöglich „an einem Tag“ reparieren, lautet seine Verteidigungslinie. Um der eigenen Basis Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, wurde Vance an die Spitze eines neuen Regierungsprojekts gegen Betrug gesetzt. Diese Initiative soll laut Vance wesentlich strukturierter und erfolgreicher verlaufen als das Department of Government Efficiency (DOGE), das unter der temporären Führung von Elon Musk hinter den Erwartungen zurückgeblieben war.

Doch die Baustellen häufen sich. Selbst bei Trumps absolutem Kernthema, der Einwanderungspolitik, bröckelt der Rückhalt massiv. Die Zustimmung für seinen Kurs ist auf magere 40 Prozent gesunken; mittlerweile empfinden 58 Prozent der Amerikaner die harten Deportationsmaßnahmen als zu extrem. Dieser harte Kurs führte gar zu einem offenen Konflikt zwischen Vance und der katholischen Kirche. Nachdem die Regierung Bundesgelder für kirchliche Flüchtlingsprogramme gestrichen hatte, warf Vance den Bischöfen indirekt vor, ihre Urteilskraft sei von finanziellen Interessen getrübt – eine Bemerkung, die ihm eine scharfe Rüge von Kardinal Timothy Dolan einbrachte und für die sich Vance im Nachhinein rechtfertigen musste.

Nebelkerzen und neue Manöver im Weißen Haus

Anstatt die drängenden wirtschaftlichen und außenpolitischen Probleme ehrlich zu adressieren, hüllt sich die Administration zunehmend in einen Kokon aus Nebelkerzen und PR-Manövern. Kevin Hassett, der Direktor des Nationalen Wirtschaftsrates, verweigerte sich angesichts der miserablen Arbeitsmarktdaten der Realität. Er schob den Verlust von 92.000 Jobs auf schlechtes Wetter und Streiks, lobte die Wirtschaft weiterhin als „wirklich stark“ und erteilte einer Freigabe der strategischen Ölreserven zur Senkung der Benzinpreise eine klare Absage.

Um von den hohen Stromrechnungen abzulenken – 65 Prozent der Wähler missbilligen Trumps Umgang mit der Inflation –, inszenierte das Weiße Haus ein Treffen mit den CEOs großer Tech-Konzerne wie Oracle, Microsoft und OpenAI. Dort verkündete man vollmundig einen „Ratepayer Protection Pledge“, in dem die Unternehmen rein freiwillig und ohne Androhung von Sanktionen zusicherten, die immensen Energiekosten ihrer neuen KI-Rechenzentren selbst zu tragen, anstatt sie auf den Endverbraucher abzuwälzen. Auffällig war dabei die Abwesenheit des KI-Unternehmens Anthropic; dieses war kurz zuvor vom Pentagon als Sicherheitsrisiko eingestuft und auf eine schwarze Liste gesetzt worden.

Auch im Finanzsektor zeigt sich das erratische Vorgehen des Präsidenten. Mit einem überraschenden Manöver mischte sich Trump massiv in die Verhandlungen um ein neues Krypto-Gesetz ein. Er griff die traditionellen Banken scharf an und stellte sich demonstrativ hinter die Forderungen von Coinbase-CEO Brian Armstrong, der sich dafür einsetzt, dass Betreiber von sogenannten Stablecoins Zinsen auszahlen dürfen. Welch wundersame Zufälle diese neue Krypto-Freundlichkeit begleitet, zeigt der Fall des Milliardärs Justin Sun: Die Börsenaufsicht SEC ließ eine Klage wegen Marktmanipulation gegen eine milde Zahlung von zehn Millionen Dollar fallen. Kurz darauf investierte Sun 75 Millionen Dollar in eine Kryptowährung, die eng mit der Familie Trump verbunden ist.

Die Midterm-Abrechnung

Die politische Quittung für diese Mixtur aus militärischer Eskalation, wirtschaftlichem Schock und durchschaubaren Ablenkungsmanövern rückt unaufhaltsam näher. Die Umfragewerte sprechen eine vernichtende Sprache: Lediglich 39 Prozent der Amerikaner bescheinigen Donald Trump derzeit eine gute Amtsführung – ein Wert, der sogar noch unter dem seines ohnehin chronisch unbeliebten Vorgängers Joe Biden zum selben Zeitpunkt dessen Präsidentschaft liegt.

Die Demokraten riechen Lunte und bringen sich in Position. Chuck Schumer, der demokratische Minderheitsführer im Senat, bezeichnet die aktuellen Jobzahlen als „gellenden Alarm“ und warnt davor, dass Trumps Politik die amerikanische Wirtschaft geradewegs über die Klippe in eine Rezession stürzen werde – ein Szenario, dessen Wahrscheinlichkeit die Analysten von JPMorgan bereits vor dem jüngsten Schock auf 33 Prozent bezifferten. Gleichzeitig arbeitet Senator Chris Van Hollen an einem Gesetzentwurf, der die politische Debatte dominieren könnte: Die komplette Befreiung aller Arbeitnehmer, die weniger als 46.000 Dollar verdienen, von der Bundeseinkommensteuer, finanziert durch eine massive Reichensteuer. Es ist die clevere, progressive Antwort auf Trumps Versprechen, Trinkgelder steuerfrei zu stellen.

Die eigentliche Gefahr für den Präsidenten lauert jedoch in den eigenen Reihen. Wenn die enttäuschte, von Inflation und Kriegsmüdigkeit zermürbte MAGA-Basis bei den anstehenden Zwischenwahlen aus Frust zu Hause bleibt, droht den Republikanern der Verlust beider Kammern des Kongresses. Eine solche Niederlage würde Donald Trump für die verbleibende Zeit seiner Amtszeit zu einer machtlosen „lame duck“ degradieren. Der Ökonom Adam Posen bringt es auf den Punkt: Sollten die anhaltende Inflation und die enormen Lebenshaltungskosten die Wähler weiter entfremden, werde Trumps Nimbus endgültig zerstört. Das Meisterstück der amerikanischen Isolationisten droht an der eigenen imperialen Versuchung zu zerschellen.

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