Operation Epischer Zorn: Trumps historisches Spiel mit dem Feuer am Golf

Illustration: KI-generiert

Es ist, als würde man dabei zusehen, wie bei einem gigantischen Gefährt die Bremsen gelöst werden – und niemand weiß genau, wie schnell die Fahrt bergab gehen wird. An einem gewöhnlichen Samstagmorgen, zu Beginn der neuen Arbeitswoche im Nahen Osten, erwachen die Menschen zu einer radikal veränderten Weltordnung. Der Himmel über der Region ist zerrissen vom Heulen der Sirenen, vom Donner der Marschflugkörper und vom Aufsteigen pechschwarzer Rauchsäulen. Die Vereinigten Staaten von Amerika und Israel haben eine koordinierte, massive Militäroffensive gegen die Islamische Republik Iran entfesselt. Was als vermeintlicher Präventivschlag deklariert wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein beispielloser, hochriskanter Versuch, die Architektur des Nahen Ostens gewaltsam neu zu ordnen. Der US-Präsident, der stets versprach, endlose Kriege zu beenden, stößt das Tor zu einem Konflikt auf, dessen Dimensionen und Endpunkt völlig im Dunkeln liegen. Es ist der blinde Flug in einen erzwungenen Regimewechsel, bei dem die militärische Zerstörungskraft die strategische Leere übertünchen soll.

Schock und Strategie – Die Anatomie des Angriffs

Die nackten Zahlen des Aufmarsches sprechen für sich: Es ist die gewaltigste Konzentration amerikanischer militärischer Macht im Nahen Osten seit dem Einmarsch in den Irak im Jahr 2003. Unter dem Codenamen Operation Epic Fury auf amerikanischer und Löwengebrüll auf israelischer Seite entlädt sich ein Arsenal, das über Monate zusammengezogen wurde. Zwei amerikanische Flugzeugträger, darunter die USS Abraham Lincoln und die USS Gerald R. Ford, dirigieren gemeinsam mit einer Flotte von Zerstörern im Arabischen Meer eine Symphonie der Zerstörung. Mehr als 50 Kampfflugzeuge durchschneiden den Luftraum.

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Die Zielauswahl dieses Morgens offenbart eine fundamentale strategische Verschiebung. Es geht nicht mehr primär um tief im Gebirge verborgene Zentrifugen des Atomprogramms, wie noch beim begrenzten Schlag im vergangenen Jahr. Das Fadenkreuz liegt diesmal mitten in den urbanen Zentren. Die Angriffe zielen auf die Nervenzentren der Macht: Es gibt direkte Einschläge im Bereich der Pasteur-Straße in Teheran, dem hochgesicherten Viertel, in dem sich die Residenzen des Präsidenten Massud Peseschkian und des Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei sowie der Nationale Sicherheitsrat befinden. Auch Gebäude in der Nähe des Geheimdienstministeriums und anderer Ministerien im Süden der Hauptstadt werden erschüttert. Die Logik ist unmissverständlich: Dies ist kein chirurgischer Eingriff zur Abrüstung, sondern ein gezielter Enthauptungsschlag gegen die Führungsriege des theokratischen Staates.

Die radikale Wende in Washington

Die politische Dimension dieses Krieges manifestiert sich in einer achtminütigen Videobotschaft, die tief in der amerikanischen Nacht in die Welt gesendet wird. Der Präsident spricht nicht mehr die Sprache der Diplomatie oder der bloßen Abschreckung. Er formuliert offen das Ziel, die iranische Marine zu vernichten und die Raketenindustrie dem Boden gleichzumachen. Doch der bemerkenswerteste Bruch mit der bisherigen amerikanischen Doktrin ist sein direkter Aufruf zum Umsturz. Er fordert die 92 Millionen Iraner auf, nach dem Ende der fallenden Bomben die Regierung zu übernehmen.

Gleichzeitig richtet er ein Ultimatum an die schwer bewaffneten Revolutionsgarden und die Polizei: Sie sollen ihre Waffen niederlegen und totale Immunität genießen – oder dem sicheren Tod ins Auge blicken. Es ist eine Rhetorik, die von einer fast naiven Vorstellung über die Machtstrukturen in Teheran zeugt. Um diesen historischen Schritt zu gehen, umgeht das Weiße Haus konsequent die eigenen demokratischen Institutionen. Der US-Kongress, der laut Verfassung als einziges Gremium das Recht zur Kriegserklärung besitzt, wurde nicht konsultiert. Vertreter beider Parteien, von dem Republikaner Thomas Massie bis zum Demokraten Jack Reed, zeigen sich brüskiert über diesen Alleingang. Selbst die eindringlichen Warnungen des eigenen Generalstabschefs Dan Caine, dass amerikanische Soldaten bei diesem Unterfangen getötet oder verwundet werden könnten, werden mit der lapidaren Bemerkung weggewischt, dass so etwas oft im Krieg passiert.

Das Kalkül in Tel Aviv und die Widersprüche der Verbündeten

In Israel betrachtet Premierminister Benjamin Netanjahu die brennenden Gebäude in Teheran als den Höhepunkt seines jahrzehntelangen politischen Lebenswerks. Für ihn geht es darum, die existenzielle Bedrohung, die das Regime für den jüdischen Staat, den Nahen Osten und die Welt darstellt, endgültig auszulöschen. Um sich für das unweigerliche Beben zu wappnen, mobilisiert Israel in einer beispiellosen Kraftanstrengung 70.000 Reservisten, die vornehmlich die heimische Luftverteidigung und den Grenzschutz verstärken sollen.

Doch während der israelische Premierminister und der amerikanische Präsident verbal an einem Strang ziehen und betonen, man wolle die Bedingungen schaffen, damit das tapfere iranische Volk sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen kann, offenbaren sich in den militärischen Rängen eklatante Risse. Ein ranghoher Sprecher des israelischen Militärs widerspricht der politischen Führung kurz nach Angriffsbeginn diametral: Es handele sich ausdrücklich nicht um eine Operation zum Regimewechsel. Man nehme lediglich jene Individuen ins Visier, die aktiv Pläne zur Zerstörung Israels schmieden und Teil der operativen Kriegsmaschinerie seien. Diese Dissonanz offenbart, wie unklar die strategischen Endziele dieser gigantischen Militäroperation selbst unter den engsten Verbündeten definiert sind.

Der diplomatische Kurzschluss

Die Tragik dieses Kriegsausbruchs wird noch greifbarer, wenn man auf die Stunden unmittelbar davor blickt. Die Diplomatie war nicht tot; sie stand möglicherweise kurz vor einem Durchbruch. Erst am Donnerstag saßen amerikanische Sondergesandte – darunter Steve Witkoff und Jared Kushner – in Genf iranischen Vertretern gegenüber. Unter der Vermittlung des omanischen Außenministers Badr Albusaidi zeichneten sich Konturen einer Einigung ab. Teheran hatte sich offenbar bereit erklärt, dauerhaft auf die Lagerung von hochangereichertem Uran zu verzichten, was das Kernargument des amerikanischen Drucks obsolet gemacht hätte.

Doch für das Weiße Haus war dieser Kompromiss nicht genug. Man forderte das absolute Ende jeglicher Urananreicherung und die sofortige Abkehr von allen stellvertretenden Milizen im Nahen Osten. Als sich abzeichnete, dass diese Maximalforderungen am Verhandlungstisch nicht augenblicklich erfüllt werden würden, verlor der amerikanische Präsident die Geduld. Er erklärte öffentlich, er sei nicht glücklich mit den Gesprächen, und ließ kurz darauf die Waffen sprechen. Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Monate, dass die USA mitten in laufenden Verhandlungen Bomben auf den Iran abwerfen – ein Vorgehen, das jegliches verbliebene diplomatische Vertrauen in Schutt und Asche legt.

Die Realität im Iran – Zwischen Panik, Blackout und Hoffnung

Während in den Hauptstädten des Westens über Strategien debattiert wird, bricht auf den Straßen Teherans das nackte Chaos aus. Der Angriff beginnt an einem Samstagmorgen, dem ersten Tag der iranischen Arbeitswoche. Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit, Kinder sitzen in den Klassenräumen. Mit den ersten Detonationen beginnen heillose Fluchtbewegungen; Hauptverkehrsadern wie der Sattari-Highway verstopfen mit Autos, weil die Bewohner verzweifelt versuchen, die Metropole zu verlassen. An den Tankstellen bilden sich endlose Schlangen. Der Staat reagiert auf die Krise mit seinem bewährten Instrument der Repression: Er kappt die digitale Nabelschnur. Das Internet fällt laut Beobachtern auf winzige vier Prozent seiner normalen Kapazität, was die Menschen in ein Informationsvakuum stürzt und sie von ihren Liebsten isoliert.

Die emotionale Zerrissenheit der iranischen Gesellschaft könnte in diesen Stunden nicht größer sein. Auf der einen Seite steht das unfassbare menschliche Leid, wie die Berichte aus dem Süden des Landes zeigen, wo mutmaßlich etliche Schülerinnen einer Mädchenschule durch Raketeneinschläge ihr Leben verloren haben sollen. Auf der anderen Seite offenbart sich der tiefe, unüberwindbare Hass vieler Iraner auf das eigene theokratische Regime, das erst vor kurzem wieder Tausende friedliche Demonstranten auf den Straßen niedermetzeln ließ. Auf den Dächern Teherans stehen junge Frauen, die den Qualm über der Residenz des Obersten Führers beobachten und dabei befreit lachen und jubeln. Einige Bürger äußern in der Dunkelheit der Bombardements die stille Hoffnung, dass amerikanische Bomben das Ende jener Machthaber bedeuten könnten, die ihr Leben seit Jahrzehnten in Geiselhaft halten. Es ist eine zutiefst tragische Paradoxie: Die Bomben einer fremden Macht werden als Instrument der eigenen Befreiung herbeigesehnt.

Flächenbrand am Golf – Die iranische Vergeltung

Wer geglaubt hat, das iranische Regime würde sich angesichts der amerikanischen Übermacht stumm in sein Schicksal fügen, wird in diesen Stunden eines Besseren belehrt. Teheran hat sich exakt auf diesen Tag vorbereitet und antwortet mit massiver, regionaler Vergeltung. Die Gegenwehr beschränkt sich nicht auf das Abfangen feindlicher Flugzeuge. Wellen von ballistischen Raketen und Drohnen steigen in den Himmel auf, adressiert nicht nur an Israel, sondern an das gesamte Netzwerk amerikanischer Präsenz am Persischen Golf.

Die Einschläge zeichnen eine Karte der Eskalation: Die Basis der fünften US-Flotte im Inselstaat Bahrain wird direkt getroffen, Rauch steigt aus den Gebäuden des amerikanischen Marinekommandos auf. Weitere Geschosse nehmen die Al-Udeid Air Base in Katar, die Ali Al Salem Air Base in Kuwait und die Al Dhafra Air Base in den Vereinigten Arabischen Emiraten ins Visier. In Abu Dhabi bezahlt ein Zivilist durch herabfallende Trümmerteile abgewehrter Raketen diesen geopolitischen Machtkampf mit seinem Leben. Parallel dazu erwacht das schiitische Milizen-Netzwerk, die sogenannte Achse des Widerstands, aus ihrer relativen Ruhe. Nach direkten Treffern auf ihre Einrichtungen im Irak kündigt die mächtige Kata’ib Hisbollah sofortige Angriffe auf US-Basen an, während die Huthi-Rebellen im Jemen schwören, das Rote Meer wieder zur Gefahrenzone für die internationale Schifffahrt zu machen. Der Versuch der USA, den Iran zu isolieren, droht die gesamte Region in einen unkontrollierbaren Flächenbrand zu stürzen.

Das Tag danach-Dilemma – Warum Luftschläge keine Demokratie bauen

Zieht man den Schleier der martialischen Rhetorik und der taktischen Geländegewinne zur Seite, offenbart sich ein erschreckendes strategisches Vakuum. Ein Regimewechsel in einem Land mit 92 Millionen Einwohnern – mehr als doppelt so groß wie der Irak – lässt sich nicht per Knopfdruck aus der Luft herbeibomben. Die historische Bilanz amerikanischer Interventionen in der Region ist ein düsteres Mahnmal. Im Irak zerstörte man die Strukturen eines Diktators und ertrank anschließend im Chaos eines jahrelangen Aufstands. In Libyen half man aus der Luft beim Sturz Muammar al-Gaddafis, nur um das Land als zerfallenen Staat zurückzulassen.

Der amerikanische Präsident fordert das theokratische Regime in Teheran zur bedingungslosen Kapitulation auf, doch es stellt sich die zwingende Frage: An wen genau sollen sich die gut ausgebildeten, fanatisierten Kommandeure der Revolutionsgarden ergeben? Es gibt auf iranischem Boden keine organisierte, bewaffnete Rebellenarmee, die bereitstünde, das Machtvakuum im Stile einer demokratischen Übergangsregierung zu füllen. Die weitaus wahrscheinlicheren Szenarien sind fatal: Entweder krallt sich das angeschlagene Regime mit noch brutaleren Mitteln an die Macht und richtet ein beispielloses Blutbad unter der eigenen Bevölkerung an, oder der Staat zerfällt vollständig. Ein Iran als gescheiterter Staat würde Schockwellen radikaler Instabilität aussenden, die neue gigantische Fluchtbewegungen bis nach Europa auslösen und den globalen Terrorismus befeuern könnten. Der Traum vom chirurgischen Regimewechsel entpuppt sich als strategische Illusion; man setzt auf einen historischen Glückstreffer, der selten aufgeht.

Die bittere Erkenntnis dieses Kriegstages ist, dass Zerstörung keine Ordnung gebiert. Die amerikanische und israelische Luftwaffe mag in der Lage sein, die militärische Infrastruktur des Irans in Schutt und Asche zu legen, doch sie kann keine funktionierende Zivilgesellschaft aus den Ruinen zusammenbauen. Während das Regime in Teheran für seine eklatanten Verbrechen im In- und Ausland gewiss keinen Schutzschirm der Sympathie verdient, gleicht der Versuch, es ohne einen fundierten, tragfähigen Plan für den Tag danach militärisch auszuradieren, einem Sprung ins Leere. Wer den Anker des Völkerrechts und der Diplomatie kappt, um mit Bomben Frieden zu stiften, muss sich am Ende an den Trümmern messen lassen, die er hinterlässt. Die USA haben das Feuer eröffnet; ob sie in der Lage sind, es auch wieder zu löschen, steht auf einem völlig anderen Blatt.

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