
Wenn Jeffrey Epstein in den Jahren nach seiner ersten Haftentlassung 2009 das Wort Massage benutzte, war dies keine bloße Vokabel. Es war ein Code, eine Chiffre, die wie ein feiner Riss durch die Kommunikation der globalen Elite verlief. Jeder, der diesen Riss sah, stand vor einer Wahl: hinsehen oder darüber hinwegsteigen. Die Dokumente, die nun das Innere von Epsteins Netzwerk in jener Dekade zwischen seiner Verurteilung in Florida und seinem Tod in einer Manhattaner Zelle beleuchten, erzählen eine Geschichte, die weit über die individuellen Verbrechen eines Sexualstraftäters hinausgeht. Sie erzählen von einem kollektiven Versagen, einer systemischen Komplizenschaft, die nicht auf Unwissenheit basierte, sondern auf einer sorgfältig kuratierten Ignoranz.
Epstein war zu diesem Zeitpunkt bereits ein verurteilter Sexualstraftäter. Dass er Minderjährige missbraucht hatte, war aktenkundig. Dennoch verbrachte er das Jahrzehnt bis 2019 nicht in gesellschaftlicher Isolation, sondern damit, sein soziales Netzwerk aus Wissenschaftlern, Politikern und Milliardären neu zu knüpfen und zu verfeinern. Während er Pläne für neue Massageräume auf seiner Privatinsel Little St. James wälzte und Marmor für seine New Yorker Residenz auswählte, rekrutierte er weiter junge Frauen.
Das Erschütternde an den nun vorliegenden Einblicken ist nicht die Tat selbst – die Abgründe sind bekannt –, sondern die Reaktion des Umfelds. Es herrschte ein Pakt des Schweigens. Der Preis für den Zugang zu Epsteins Welt, zu seinem Geld, seinen Verbindungen und seiner Soft Power, war die Bereitschaft, wegzusehen. Es war eine stillschweigende Transaktion: Status gegen Moral. Wer an Epsteins Tafel speiste, akzeptierte die Regeln einer Welt, in der Missbrauch zur logistischen Fußnote degradiert wurde.
Die Ökonomie der Andeutungen
Sprache ist verräterisch, besonders wenn sie versucht, das Unaussprechliche zu normalisieren. In der Korrespondenz zwischen Epstein und seinen hochkarätigen Kontakten wurde der Missbrauch in Euphemismen verpackt, die so transparent waren, dass sie kaum als Versteck dienen konnten. Sie fungierten eher als ein Test: Wer den Code akzeptierte, gehörte dazu.
Nehmen wir Boris Nikolic, damals Wissenschaftsberater der Gates Foundation. Als Epstein 2010 per E-Mail andeutete, er beende gerade eine Massage, antwortete Nikolic mit einem zwinkernden Emoji: Mit Happy End, hoffe ich. Epstein, in seiner typisch hastigen Zeichensetzung, replizierte: Ich bin zu ungeduldig, Happy Beginning. Es ist ein kurzer Austausch, banal fast, und doch offenbart er die ganze Mechanik der Verharmlosung. Das Wissen um das, was Massage bei Epstein bedeutete – nämlich sexuelle Handlungen, oft mit sehr jungen Frauen –, war vorhanden. Es wurde jedoch in den Bereich des Herrenwitzes verschoben, wo es seine moralische Schärfe verlor und konsumierbar wurde.

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Noch gravierender wiegt der Fall von Kathryn Ruemmler, der ehemaligen Rechtsberaterin des Weißen Hauses unter Barack Obama. Sie kannte Epsteins juristische Historie genau. Im Jahr 2015 wies sie ihn explizit darauf hin, dass eine Minderjährige rechtlich nicht in Prostitution einwilligen könne. Doch das juristische Wissen hinderte sie nicht daran, zwei Jahre später, 2017, mit Epstein Wohnungen zu besichtigen. In einer E-Mail bezog sie sich sogar auf deine Art von Massage – eine Formulierung, die implizit anerkennt, dass es sich eben nicht um therapeutische Behandlungen handelte.
Diese kognitive Dissonanz zieht sich durch das gesamte Netzwerk. Richard Branson bezeichnete Epsteins Entourage als Harem. Peter Attia, ein prominenter Langlebigkeits-Influencer, witzelte in einer E-Mail, dass Pussy tatsächlich Low Carb sei. Attia nennt dies heute juvenil, und Ruemmler beteuert, sie habe Epstein nicht als das Monster gekannt, als das er sich entpuppte. Doch diese Erklärungen greifen zu kurz. Sie unterschlagen die Funktion dieser Sprache. Die codierte Kommunikation bot den Beteiligten eine plausible Abstreitbarkeit. Solange der Beweis für erneuten Sexhandel einem nicht buchstäblich ins Gesicht sprang, wie es die Sozialpsychologin Tessa West formuliert, konnte man das Offensichtliche auf ein bloßes ungutes Gefühl oder ein Gerücht herunterstufen.
Es ist ein psychologischer Schutzmechanismus: Wenn die Mehrdeutigkeit groß genug ist, interpretieren wir Situationen so, dass sie uns nützen. Und Epstein nützte vielen. Er war der Fixpunkt in einem Netz aus Gefälligkeiten, in dem Moral zur Verhandlungsmasse wurde.
Die Psychologie der Komplizenschaft
Warum aber schwiegen so viele? Warum löste die Anwesenheit der Mädchen, wie Epstein sie nannte – oft sehr junge Frauen, deren Rolle offensichtlich war – keinen Alarm aus? Die Antwort liegt tief in der Struktur menschlicher Gruppenprozesse und der Verführungskraft von Exklusivität.
Wissenschaftler beschreiben Epsteins Zirkel als eine In-Group, die durch optimale Distinktheit aufgewertet wurde. Epstein stand wie ein Türsteher am samtenen Seil und entschied, wer hineindurfte. Die Gäste an seinem Tisch mussten interessant, mächtig oder nützlich sein. Wer drinnen war, gehörte zur Elite. Diese Exklusivität wirkte wie ein Rauschmittel. Je hochkarätiger die Gesellschaft – Elon Musk, Bill Gates, Steve Bannon –, desto begehrter war der Zugang.
In diesem geschlossenen System fungierten Geheimnisse als sozialer Klebstoff. Sie schufen eine unsichtbare Grenze zwischen den Eingeweihten und dem Rest der Welt. Epstein verstand es meisterhaft, diese Dynamik zu nutzen. Er deutete in E-Mails geteilte Vertraulichkeiten an, die wie eine gegenseitige Verschuldung wirkten, und erzwang eine strikte Diskretion. Als ein Bekannter den Fehler machte, direkt das Büro von Michael Bloomberg zu kontaktieren, wies Epstein ihn zurecht: Je weniger Leute es wissen, desto besser. Das Geheimnis macht es paradoxerweise leichter, mit dem Unbehagen zu leben, weil es das Gefühl der Auserwähltheit verstärkt.
Ein weiterer, beunruhigender Aspekt ist die Machtdynamik, die Regelbrüche begünstigt. Studien zeigen, dass Gruppen dazu neigen, transgressives Verhalten von Mächtigen zu tolerieren, solange sie selbst davon profitieren. Es ist das Prinzip des Mannes, der sich ungefragt Kaffee nimmt: Wenn er die Kanne teilt, wächst seine Macht. Epstein teilte großzügig. Er bot finanzielle Möglichkeiten, soziale Verbindungen und Geld in einer akademischen Welt, in der Mittel oft knapp sind. Er organisierte Massagen für Freunde und vermittelte Frauen als Geschenke oder Gefälligkeiten. Selbst Deepak Chopra bat nach einem stressigen Tag um zwei Mädchen, was Epstein prompt arrangieren wollte.
Wer von den Regelbrüchen profitiert, stellt keine Fragen. Das Schweigen war der Tribut, den die Gäste für ihren Platz am Tisch entrichteten. Es war, wie Tessa West es nennt, eine vorsätzliche Untätigkeit. Man sah die roten Flaggen, aber man handelte nicht, man entmutigte das Verhalten nicht.
Ware Mensch – Die Dehumanisierung der Opfer
Hinter den verschlossenen Türen dieser exklusiven Zirkel wurden Menschen zu Waren degradiert. Die Dokumente offenbaren eine erschreckende Kälte, mit der Frauen bewertet, optimiert und gehandelt wurden. Epstein und seine Scouts sprachen über junge Frauen nicht als Individuen, sondern wie über Vieh auf einer Auktion.
Eine 21-Jährige wurde als sehr schön, frisch beschrieben – ein Adjektiv, das man eher für Lebensmittel verwendet als für Menschen. Eine andere wurde abgetan mit: Nettes Mädchen, aber fast gar kein Englisch. Epstein selbst pries eine Frau gegenüber Steve Tisch, dem Vorsitzenden der New York Giants, mit den Worten 10 ass an, als würde er ein Auto oder ein Rennpferd bewerten. Diese Sprache ist kein Zufall; sie ist ein Werkzeug der Entmenschlichung. Sie erlaubt es den Tätern und ihren Zuschauern, die Empathie abzuschalten.
Diese Objektifizierung ging so weit, dass Epstein aktiv in die Körperlichkeit der Frauen eingriff. Er schickte sie zu Schönheitschirurgen – er wird dich zu seinem Partner schicken, der Fett von deinem Arsch nimmt und es in deine Brüste packt, schrieb er einer Frau. Er bezahlte für Massagekurse, um sie für seine Zwecke nutzbar zu machen. Sie waren austauschbare Komponenten in einer Maschinerie der Befriedigung.
Besonders zynisch zeigt sich diese Haltung in einem Austausch mit dem Hedgefonds-Manager Tancredi Marchiolo. Dieser beschwerte sich über eine 25-jährige Frau, deren Brüste aussähen wie die einer 70-jährigen, hängenden Frau. Zudem habe sie ein Kind. Sein vernichtendes Urteil: Sobald eine Frau ein Kind geboren hat, ist die Party vorbei. In dieser Welt hat eine Frau nur so lange Wert, wie sie dem männlichen Blick und Begehren als makellose Projektionsfläche dient. Sobald sie durch Alter oder Mutterschaft aus diesem Raster fällt, wird sie entsorgt. Es ist eine Weltanschauung, die Frauen auf ihre biologische Verfügbarkeit reduziert und jegliche Menschlichkeit negiert.
Der Mythos vom Genie und die Banalität des Bösen
Wie konnte sich ein solcher Abgrund inmitten der intellektuellen Elite verbergen? Die Antwort liegt in der Konstruktion eines Mythos. Epstein inszenierte sich nicht nur als Finanzgenie, sondern als intellektueller Provokateur, der sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzte.
Wissenschaftler wie der Harvard-Mathematiker Martin Nowak bestätigten ihn in diesem Bild und nannten ihn wiederholt ein Genie. Epsteins Hang zu extremen, sozialdarwinistischen Thesen – etwa dass hässlich meist ungesund sei oder Deformitäten Krankheit signalisierten – wurde von seinen Gesprächspartnern nicht als Warnsignal, sondern als intellektuelle Ehrlichkeit missverstanden. Der Kognitionswissenschaftler Joscha Bach fand Epsteins politische Inkorrektheit – die bis zu Spekulationen über Eugenik und Euthanasie reichte – faszinierend und sah darin ein Zeichen für völlig uneingeschränktes Denken. Dieser intellektuelle Anstrich diente als perfektes Alibi. Man besuchte keinen Zuhälter, sondern einen exzentrischen Mäzen.
Gleichzeitig wurde das moralische Urteilsvermögen durch schiere Ästhetik und Luxus betäubt. Der Dirigent Frederic Chaslin beschrieb seinen Aufenthalt auf Epsteins Ranch in Santa Fe als berauschend, als wäre er innerhalb eines Kunstwerks. Das Essen auf der Privatinsel war besser als alles, was wir im Ritz hatten. Dieser Überfluss an Annehmlichkeiten wirkte wie ein Weichzeichner. Er machte es leicht, die Realität auszublenden.
Hinzu kommt das Phänomen, das der Moralphilosoph Kurt Gray beschreibt: Die Banalität der Logistik verdrängt das moralische Entsetzen. Die E-Mails sind voll von alltäglichen Details – Flugpläne, Tickets nach Davos, Menüwünsche für den veganen Mort Zuckerman oder Pilates-Termine für Soon-Yi Previn. Wer sich auf diese logistischen Kleinteile konzentriert – Ich muss meine Forschung finanzieren, Ich brauche eine Mitfahrgelegenheit –, schafft Distanz zum eigentlichen Geschehen. Man verliert sich im Wie und vergisst das Was. Man sitzt am Tisch, will dazugehören, nicht abgelehnt werden, und blendet dabei die Not der jungen Frauen, die das Essen servieren oder massieren, vollkommen aus. Es ist eine Form der moralischen Kurzsichtigkeit, die durch den Alltagskomfort ermöglicht wird.
Strukturelle Straflosigkeit – Die Parallelwelt der Superreichen
Doch Epsteins Handeln und das Schweigen seiner Gäste lassen sich nicht nur psychologisch erklären. Sie sind Symptome einer soziologischen Realität, die der Forscher Grégory Salle als eine Welt der strukturellen Straflosigkeit beschreibt. Wir haben es mit einer Klasse von Superreichen zu tun, die sich physisch und moralisch von der Gesellschaft abgekoppelt hat.
Für diese Menschen gelten, soziologisch betrachtet, keine Regeln und Normen mehr. Sie leben in der Überzeugung, Gesetze umgehen zu dürfen, weil ihre Erfahrung sie lehrt, dass sie damit durchkommen. Ob es Steuerhinterziehung ist, Verstöße gegen das Arbeitsrecht auf Superjachten oder die Erpressung von Politikern – die Konsequenzen bleiben aus. Epstein ist das extremste Beispiel dieser Hybris: Selbst nach seiner Verurteilung 2008 genoss er Haftbedingungen mit täglichem Freigang, die für jeden normalen Häftling undenkbar wären, und kehrte danach nahtlos in die High Society zurück .
Diese Parallelwelt manifestiert sich auch geografisch. Privatjets und Superjachten sind der Inbegriff eines ultimativen Separatismus. Auf einer Jacht oder einer Privatinsel wie Little St. James existiert keine staatliche Kontrolle. Es sind rechtsfreie Räume, in denen der Besitzer zum Souverän wird. Epstein beging viele seiner Verbrechen in seinem Privatjet oder auf seiner Insel – Orte, die dem Zugriff der normalen Welt entzogen sind.
Der Reichtum dieser Klasse ist so gewaltig, dass er unser Vorstellungsvermögen sprengt. Salle vergleicht es anschaulich: Eine Million Sekunden sind elf Tage, eine Milliarde Sekunden sind 32 Jahre. Wer über solche Mittel verfügt, lebt in einer anderen zeitlichen und materiellen Dimension. Diese Entrücktheit fördert eine Selbst-Heroisierung. Milliardäre inszenieren sich als Genies, denen der Reichtum aufgrund ihrer Brillanz zusteht, und leiten daraus das Recht ab, über den Dingen zu stehen.
Der Riss, der hier durch die Gesellschaft geht, ist tief. Während Menschen für Schwarzfahren ins Gefängnis müssen, wartet ein Ex-Präsident wie Nicolas Sarkozy in seiner Villa auf Berufung und schreibt Memoiren . Dieses doppelte Maß zerstört das Vertrauen in die Demokratie. Epsteins Netzwerk zeigt, wie eine Gruppe ihre Macht nutzt, um sich gegenseitig zu schützen und dunkle Geheimnisse zu bewahren, solange sie ihren Interessen dienen.
Das Zerbrechen des Vertrauens
Die Epstein-Files sind mehr als eine Sammlung schmutziger Details. Sie sind das Protokoll einer moralischen Bankrotterklärung. Sie zeigen, dass Jeffrey Epstein kein einsamer Wolf war, der die Elite täuschte. Er war ein Produkt dieser Elite. Er bot genau das an, was in diesen Kreisen begehrt war: Diskretion, Exzess und die Illusion, dass Regeln nur für andere gelten.
Das Erschreckende ist die Normalität des Wegsehens. Es brauchte keine finstere Verschwörung im klassischen Sinne. Es reichte die Banalität von Karriereinteressen, die Gier nach Status und die Bequemlichkeit des Luxus, um das Leid Dutzender junger Frauen unsichtbar zu machen. Die Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer, die Epsteins Gastfreundschaft genossen, mögen sich heute distanzieren und ihr Bedauern ausdrücken. Doch ihre damalige Anwesenheit, ihr Lachen über zweideutige Witze und ihre Bereitschaft, die Augen vor der Realität zu verschließen, waren das Fundament, auf dem Epsteins Missbrauchsimperium stand.
Die Lektion aus diesen Akten ist bitter: Wenn Reichtum und Macht sich unkontrolliert konzentrieren, entstehen Räume, in denen Menschlichkeit keinen Platz mehr hat. Epstein ist tot, aber die Strukturen, die ihn ermöglichten – die hermetisch abgeriegelte Welt der Superreichen, der Glaube an die eigene Unantastbarkeit und die Käuflichkeit von Schweigen –, diese Strukturen sind lebendiger denn je.


