Der Prophet, der nicht ins gelobte Land durfte: Jesse Jacksons unvollendete, amerikanische Revolution

Illustration: KI-generiert

Es liegt eine bittere, fast literarische Ironie darin, wie Jesse Jackson diese Welt verließ. Der Mann, dessen Stimme über Jahrzehnte wie Donner durch die Stadien, Kirchen und Kongresshallen Amerikas rollte, verstummte lange vor seinem Herzen. Am Ende war es eine seltene, neurodegenerative Erkrankung, die progressive supranukleare Blickparese, die ihm die Sprache raubte. Jene Sprache, die er wie kein Zweiter als Waffe und als Balsam einzusetzen wusste, um die Verzweifelten, die Verdammten, die Enterbten sichtbar zu machen.

Am Dienstagmorgen starb Jesse Jackson im Alter von 84 Jahren in Chicago, umgeben von seiner Familie. Sein Tod markiert mehr als nur das Ende eines biologischen Lebens; es ist das Verblassen des letzten großen Titanen einer Ära, in der Politik noch Prophezeiung war. Die Reaktionen auf sein Ableben spiegeln die gewaltige Spannbreite seines Wirkens wider: Von Donald Trump, der ihn als Naturgewalt würdigte, bis zu seinem einstigen Schützling Al Sharpton, der in ihm einen Mentor und Transformator der Nation sah. Doch um Jesse Jackson zu verstehen, darf man nicht nur auf die Lobreden schauen. Man muss auf die Risse blicken, die er in das Fundament der amerikanischen Gesellschaft geschlagen hat – Risse, durch die später ein Barack Obama ins Weiße Haus schlüpfen konnte. Jackson war der Architekt des modernen Amerika, auch wenn er selbst nie den Schlüssel zur Eingangstür erhielt.

Das blutige Hemd – Die Geburt aus dem Trauma

Um die Psychologie dieses unermüdlichen Kämpfers zu begreifen, muss man zurückkehren zu jenem Abend im April 1968, der die amerikanische Seele verdunkelte. Jesse Jackson war 26 Jahre alt, ein junger, ungestümer Protegé von Martin Luther King Jr., als dieser auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis erschossen wurde. Jackson stand unten auf dem Parkplatz.

Was in den Stunden und Tagen danach geschah, sollte Jacksons Ruf für den Rest seines Lebens prägen – als Held für die einen, als skrupellosen Opportunisten für die anderen. Am nächsten Morgen trat Jackson im Fernsehen auf, in der Today-Show, und trug einen Rollkragenpullover, der – wie er sagte – vom Blut des Märtyrers getränkt war. Er erzählte der Welt, King sei in seinen Armen gestorben. Es war eine Inszenierung von biblischer Wucht: Hier präsentierte sich der legitime Erbe, gesalbt durch das Blut des Propheten.

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Doch die Geschichte war komplizierter. Andere Vertraute Kings, darunter Andrew Young und Ralph Abernathy, bestritten Jacksons Darstellung vehement. Sie sahen darin einen kalkulierten Griff nach der Macht, den Versuch, sich im Chaos der Tragödie als neuer Anführer zu installieren. Diese Ur-Szene seiner Karriere enthüllte den zentralen Konflikt seines Lebens: Ein unbändiger Drang nach Bedeutung, gepaart mit einem fast verzweifelten Wunsch, Geschichte nicht nur zu erleben, sondern sie zu formen.

Der Bruch mit dem Establishment der Bürgerrechtsbewegung war unvermeidlich. 1971 suspendierte Abernathy Jackson wegen administrativer Unregelmäßigkeiten aus der Southern Christian Leadership Conference (SCLC). Für Jackson war dies kein Ende, sondern eine Befreiung. Er gründete Operation PUSH (People United to Save Humanity) in Chicago und schuf sich seine eigene Kanzel. Wenn ihm das Erbe nicht gegeben wurde, würde er es sich nehmen. Er war, wie ein Beobachter es ausdrückte, ein Opfer seines eigenen Erfolgs, getrieben von dem Wissen, dass er die Energie besaß, die den anderen fehlte, aber immer beäugt mit dem Verdacht, dass es ihm mehr um das Ich als um das Wir ging.

„Run, Jesse, Run“ – Wie er die Mathematik der Macht änderte

Jacksons wahres Meisterstück war jedoch nicht die Bürgerrechtsbewegung im klassischen Sinne, sondern deren radikale Übersetzung in die Realpolitik. Als er 1984 ankündigte, für die Präsidentschaft zu kandidieren, wurde dies vom politischen Establishment als bloße Protestgeste abgetan. Ein schwarzer Mann im Weißen Haus? In Ronald Reagans Amerika eine Absurdität. Doch Jackson sah, was andere nicht sahen: Eine Rainbow Coalition – ein Regenbogenbündnis aus Afroamerikanern, Latinos, Arbeitern, Frauen und liberalen Weißen, die sich von der Demokratischen Partei nicht mehr vertreten fühlten.

Er verlor 1984, natürlich. Er wurde Dritter hinter Walter Mondale und Gary Hart. Aber er hatte 3,2 Millionen Stimmen gesammelt. Vier Jahre später, 1988, kehrte er zurück – besser organisiert, besser finanziert und mit einer Botschaft, die die weiße Arbeiterklasse erreichte. Er gewann 13 Vorwahlen und Caucuses, holte fast sieben Millionen Stimmen und siegte kurzzeitig sogar im Industriestaat Michigan.

Was Jackson in diesen Jahren leistete, war eine tektonische Verschiebung der Macht. Er zwang die Demokratische Partei, ihre Regeln zu ändern. Vor Jackson galt in vielen Vorwahlen das Prinzip „The winner takes all“. Jacksons Lager erzwang ein System der proportionalen Delegiertenvergabe. Ohne diese technische Revolution, die Außenseitern eine Chance gibt, Schwung aufzubauen, wäre der spätere Sieg von Barack Obama gegen die Parteimaschinerie der Clintons im Jahr 2008 kaum denkbar gewesen.

Jackson bewies, dass ein schwarzer Kandidat weiße Wählerstimmen gewinnen kann. Er pflügte den Acker, auf dem später andere ernteten. Carol Moseley Braun, die erste schwarze Frau im Senat, und viele andere schwarze Politiker verdankten ihren Aufstieg direkt der Mobilisierung, die Jackson ausgelöst hatte. Er hatte die statistischen Unmöglichkeiten früherer Wahlen ignoriert und einfach neue Wähler geschaffen.

Hymietown und die Schatten des Egos

Doch so hell das Licht war, das Jackson warf, so dunkel waren die Schatten seines Egos. Seine Karriere war durchzogen von Momenten, in denen sein Temperament und seine Vorurteile ihn sabotierten. Der tiefste Fall ereignete sich 1984, als er im Gespräch mit Reportern jüdische Amerikaner als Hymies und New York als Hymietown bezeichnete. Es war ein vulgärer, antisemitischer Ausfall, der seine moralische Autorität schwer beschädigte. Zuerst leugnete er, dann sprach er von einer Verschwörung, bevor er sich schließlich entschuldigte. Doch der Schaden war angerichtet, verstärkt durch seine Weigerung, sich schnell und eindeutig von Louis Farrakhan zu distanzieren, der selbst durch antisemitische Rhetorik aufgefallen war.

Auch sein Verhältnis zu Barack Obama, dessen Wegbereiter er war, blieb ambivalent. Es schien, als könne Jackson es nur schwer ertragen, dass ein anderer den Gipfel erreichte, den er selbst nur aus der Ferne gesehen hatte. 2008, als Obama bereits auf dem Weg zur Nominierung war, fing ein offenes Mikrofon bei Fox News eine private Lästerei Jacksons ein: Er warf Obama vor, herablassend zu schwarzen Menschen zu sprechen (talking down). Wieder musste er sich entschuldigen, diesmal sogar öffentlich zurechtgewiesen von seinem eigenen Sohn, dem Kongressabgeordneten Jesse Jackson Jr., der ihn ermahnte, persönliche Angriffe zu unterlassen.

Sein Privatleben war ebenfalls nicht frei von Widersprüchen für einen Mann der Kirche. 2001 wurde bekannt, dass er ein uneheliches Kind, Ashley, mit einer Mitarbeiterin seiner Organisation gezeugt hatte. Es war ein Moment der Demütigung, der ihn zwang, sich vorübergehend aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Doch Jackson wäre nicht Jackson gewesen, wenn er nicht auch diese Krise überlebt hätte. Er übernahm die Verantwortung, finanziell und emotional, und kehrte auf die Bühne zurück. Sein Leben war, wie er selbst in einer berühmten Rede sagte, wie der Weg einer Weintraube zur Rosine: Er verlor an Volumen, aber er wurde süßer, oder zumindest haltbarer.

Diplomat ohne Mandat – Außenpolitik als One-Man-Show

Während er im Inland polarisierte, agierte Jackson auf der Weltbühne oft als ein Schatten-Außenminister, der dort Erfolge erzielte, wo die offizielle Diplomatie versagte. Er verstand Außenpolitik nicht als Protokoll, sondern als persönliche Intervention. 1984 reiste er nach Syrien und verhandelte die Freilassung des Navy-Piloten Robert Goodman, der über dem Libanon abgeschossen worden war. Die US-Regierung war skeptisch, doch Jackson kam mit dem Piloten nach Hause.

Er wiederholte dieses Kunststück mehrfach. Er holte Gefangene aus Kuba, verhandelte 1990 mit Saddam Hussein, um Frauen und Kinder aus Kuwait und dem Irak zu befreien, und reiste 1999 nach Belgrad, um drei US-Soldaten aus der Gewalt von Slobodan Milošević zu lösen.

Seine Kritiker nannten es Einmischung, seine Bewunderer humanitären Mut. Besonders sein Engagement gegen die Apartheid in Südafrika war prägend. Lange bevor es Mode wurde, forderte er den Rückzug amerikanischer Konzerne aus dem Unrechtsregime und verglich Investitionen dort mit Ziegelsteinen in der Festungsmauer der Apartheid. Er besuchte Südafrika 1979, als Mandela noch im Gefängnis saß, und predigte in den Slums den Menschen zu, dass sie jemand seien. Er war ein Diplomat ohne Mandat, legitimiert allein durch seine moralische Überzeugung und seine unerschrockene Chuzpe.

„I Am Somebody“ – Die Ökonomie der Würde

Vielleicht ist Jacksons nachhaltigstes Vermächtnis jedoch nicht in Delegiertenzahlen oder diplomatischen Noten zu finden, sondern in drei einfachen Worten: I Am Somebody (Ich bin jemand). Dieser Slogan, den er 1972 sogar in der Sesamstraße mit einer Gruppe von Kindern skandierte, war mehr als ein Reim. Es war eine psychologische Intervention für eine Gemeinschaft, der jahrhundertelang der Status als vollwertige Menschen abgesprochen wurde.

Jackson verstand früh, dass Bürgerrechte ohne wirtschaftliche Macht hohl bleiben. Sein Wall Street Project, gestartet 1997, zielte darauf ab, das Kapital der amerikanischen Wirtschaft für Minderheiten zugänglich zu machen. Er kaufte Aktien, um Zugang zu Aktionärsversammlungen zu erhalten, und konfrontierte CEOs direkt mit dem Mangel an Diversität in ihren Vorständen.

Auch hier war sein Vorgehen nicht unumstritten. Kritiker aus der Wirtschaftswelt warfen ihm vor, seine Taktik gleiche einer Erpressung: Er drohe mit Rassismusvorwürfen und Boykotten, bis die Firmen spendeten oder Verträge an seine Verbündeten vergaben. Jackson wies dies stets zurück. Für ihn war es wirtschaftliche Inklusion. Er sah sich als jemanden, der Mauern einreißt, damit andere hindurchgehen können. Er nannte sich selbst einen Tree Shaker – jemanden, der am Baum rüttelt, damit andere, die Jelly Makers, die Früchte einsammeln und verarbeiten können.

Der Patriarch im Winter

In den letzten Jahren wurde es stiller um den Mann, der die Stille nie ertragen konnte. Die Diagnose Parkinson im Jahr 2017, später präzisiert als die noch aggressivere progressive supranukleare Blickparese (PSP), zwang seinen Körper in die Knie. Doch sein Geist blieb wach, gefangen in einem Körper, der ihm zunehmend den Dienst versagte.

Er musste zusehen, wie sein ältester Sohn, Jesse Jackson Jr., einen fast shakespeareschen Aufstieg und Fall erlebte: Vom Kongressabgeordneten zum Häftling, verurteilt wegen der Veruntreuung von Wahlkampfgeldern. Es brach dem Vater das Herz – er sagte, Champions müssten auch mit Schmerzen spielen – doch er erlebte auch, wie sein Sohn Jonathan 2023 in den Kongress einzog und das politische Erbe der Familie fortführte.

Selbst im hohen Alter, als er bereits im Rollstuhl saß, ließ Jackson nicht locker. Er war bei den Protesten nach dem Mord an George Floyd dabei , er ließ sich demonstrativ gegen COVID-19 impfen, um in der schwarzen Community Ängste abzubauen, und er erschien noch 2024 auf dem Parteitag der Demokraten. Bis zu seinen letzten Tagen gab er seiner Tochter Santita Feedback zu ihrer Radiosendung. Er wollte, wie sie sagte, mit den Stiefeln an sterben.

Ein unvollendeter Quilt

Als Barack Obama 2008 in der Wahlnacht im Grant Park von Chicago vor die Welt trat, schwenkte die Kamera auf Jesse Jackson. Tränen liefen über das Gesicht des alten Kämpfers. Es waren Tränen der Freude, sicher, aber vielleicht auch Tränen des Wissens um den Preis, der gezahlt wurde. Er dachte an Martin Luther King, an Medgar Evers, an die Märtyrer, die diesen Moment nicht mehr erleben durften.

Jesse Jackson war nie perfekt. Er war eitel, er war laut, er war fehlerhaft. Aber er war notwendig. In seiner berühmten Rede von 1984 verglich er Amerika mit einem Quilt, einem Flickenteppich aus vielen Farben, Stoffen und Größen, die nur durch einen gemeinsamen Faden zusammengehalten werden. Jesse Jackson war dieser Faden – oft rau, manchmal verheddert, aber unzerreißbar.

Er hinterlässt ein Amerika, das immer noch mit seinen Dämonen ringt, aber es ist ein Amerika, in dem das Unmögliche möglich geworden ist. Seine Aufforderung, die er Generationen von Amerikanern ins Gedächtnis brannte, bleibt sein eigentliches Testament: Keep Hope Alive. Er hat die Hoffnung nicht nur am Leben erhalten; er hat ihr Beine gemacht, damit sie laufen konnte, auch wenn er selbst am Ende nicht mehr gehen konnte.

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