Das Ultimatum von München: Wie Selenskyj zwischen Trumps Deal-Wahn und Putins Drachen kämpft

Illustration: KI-generiert

Es ist kalt geworden in Europa, und das liegt nicht nur am bayerischen Winterwetter, das die Delegierten der Münchner Sicherheitskonferenz am Flughafen empfängt. Wir schreiben den vierten Februar seit dem russischen Überfall, und die geopolitische Temperatur nähert sich dem absoluten Nullpunkt. Wer in diesen Tagen Wolodymyr Selenskyj beobachtet, sieht einen Mann, der nicht mehr nur gegen russische Panzer kämpft, sondern gegen eine Uhr, die in Washington, D.C. tickt. Der ukrainische Präsident wirkt entschlossen, fast trotzig, wenn er sagt: „Ich bin jünger als Putin – das ist wichtig. Er hat nicht allzu viel Zeit.“. Doch die brutale Ironie dieser Tage liegt darin, dass auch Kiew die Zeit davonläuft. Denn im Hintergrund dieser Konferenz, in den Hinterzimmern und diplomatischen Depeschen, formiert sich ein Zangengriff, der das Schicksal der Ukraine noch vor dem Jahresende besiegeln könnte.

Während Selenskyj auf der Bühne in München den Alliierten für Luftabwehrsysteme dankt, die „Leben retten“, ist die Realität in den Bunkern der ukrainischen Luftverteidigung eine andere. Die Magazine sind oft leer. Es ist der Albtraum eines jeden Befehlshabers: Der Kommandeur der Luftwaffe meldet, die Batterien seien verschossen, während der Geheimdienst den nächsten massiven russischen Schlag in 24 bis 48 Stunden prognostiziert. Manchmal treffen die rettenden Raketen erst buchstäblich in letzter Minute ein – geliefert an einem Sonntag, abgefeuert in der Nacht zum Donnerstag. Es ist ein Leben von der Hand in den Mund, eine Existenz am Abgrund, die nicht mehr durch strategische Planung, sondern durch logistische Notfallmedizin aufrechterhalten wird.

Und genau in diese offene Wunde legt die US-Administration unter Donald Trump den Finger. Der amerikanische Präsident, dessen Blick starr auf die Kongresswahlen im November 2026 gerichtet ist, fordert „Bewegung“. Für ihn ist der Frieden in der Ukraine keine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine Trophäe für den Wahlkampf. Selenskyj steht in München also nicht nur als Kriegsherr, sondern als Bittsteller, der einem Ultimatum ins Auge blickt: Ein Deal muss her, und zwar schnell.

Die neue transatlantische Realität – „PURL“ als Lebensversicherung

In dieser Gemengelage hat sich die Architektur der westlichen Hilfe grundlegend verschoben. Wo früher Washington führte, muss nun Europa zahlen, um die amerikanische Maschinerie am Laufen zu halten. Das Zauberwort, das in den Gängen des Bayerischen Hofs geflüstert wird, lautet „PURL“. Es ist das Akronym für das Überleben. Nato-Generalsekretär Mark Rutte beendet kaum ein Gespräch, ohne dieses Programm zu erwähnen. Der Mechanismus ist so zynisch wie genial: Europäische Staaten kaufen US-Waffen, um sie der Ukraine zu übergeben. Europa zahlt, Amerika liefert – und Trump kann seinen Wählern sagen, er verschenke kein Steuergeld mehr.

Selenskyj weiß, dass dies seine einzige Lebensversicherung gegen ballistische Raketen ist. „Europa zahlt für unsere Fähigkeit, ballistische Angriffe zu stoppen“, analysiert er nüchtern. Es ist eine transatlantische Arbeitsteilung der neuen Art: Die USA stellen die Hardware, Europa stellt den Scheck, und die Ukraine stellt das Blut.

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In diesem Vakuum der amerikanischen Führungsstärke versucht Deutschland unter Bundeskanzler Friedrich Merz, eine neue Rolle zu finden. Der Ton zwischen Berlin und Paris hat sich verändert; es geht nicht mehr nur um Geld, sondern um die Existenz. Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron diskutieren offen über einen „europäischen nuklearen Schutzschirm“ – eine Debatte, die noch vor wenigen Jahren in Berlin politischer Selbstmord gewesen wäre. Gleichzeitig treibt Merz die Rüstungskooperation voran. Das Joint Venture „Quantum Frontline Industries“ im bayerischen Gilching ist mehr als ein Symbol; es ist der Versuch, die Ukraine technologisch autonomer zu machen. 10.000 Drohnen sollen hier noch in diesem Jahr produziert werden.

Doch all diese Anstrengungen können nicht über den tiefen Riss hinwegtäuschen, der durch das Bündnis geht. Während Selenskyj in München die Einigkeit beschwört, beklagt Verteidigungsminister Boris Pistorius, dass die US-Haltung dem Bündnis schade. Die Amerikaner, so die bittere Erkenntnis in Kiew, üben mittlerweile oft mehr Druck auf die Ukraine aus als auf den Aggressor. Sie senden Signale, dass Kiew Kompromisse eingehen müsse, nicht Moskau. Es ist eine diplomatische Perversion: Der Verteidiger wird zur Flexibilität gezwungen, während der Angreifer auf Zeit spielt.

Die Anatomie der Verhandlungen – Genf, Abu Dhabi und der „Donbass-Deal“

Der Schauplatz dieses diplomatischen Ringens verlagert sich in der kommenden Woche von den glitzernden Hallen Abu Dhabis an den nüchternen Genfer See. Doch die Vorzeichen für die nächste Verhandlungsrunde am Dienstag und Mittwoch stehen schlecht. Russland hat sein Personal demonstrativ ausgetauscht – und Personal ist in der Diplomatie immer Botschaft. Igor Kostjukow, der Chef des Militärgeheimdienstes, ist weg. An seine Stelle tritt Wladimir Medinski. Medinski ist kein Militär, er ist der Kulturbeauftragte Putins, ein Ideologe, der in früheren Gesprächen durch Provokationen auffiel. Für Selenskyj ist dieser Wechsel kein Zeichen des guten Willens, sondern ein Manöver zur Verzögerung. Moskau will Zeit schinden, während seine Truppen Fakten schaffen.

Was liegt auf dem Tisch? Die amerikanischen Vorschläge, die durchgesickert sind, klingen für ukrainische Ohren wie eine Kapitulation auf Raten. Im Zentrum steht die Idee einer „Freien Wirtschaftszone“ im Donbass. Was auf dem Papier wie ein technokratischer Kompromiss aussieht, ist in der Realität vermintes Gelände. Selenskyj stellt die entscheidenden Fragen: Wer garantiert die Sicherheit, wenn ausländische Soldaten patrouillieren und Putin sie provoziert?. Wenn die internationalen Truppen abziehen, droht keine Wirtschaftszone, sondern eine „große Besatzung“.

Noch gefährlicher ist der Zeitplan, den das Team um US-Außenminister Marco Rubio forciert. Die Amerikaner wollen ein „Alles-oder-Nichts“-Paket: Alle Vereinbarungen sollen gleichzeitig unterzeichnet werden. Die Ukraine hingegen besteht auf einer logischen Sequenz: Erst müssen die Sicherheitsgarantien für die Zukunft des Landes unterzeichnet sein, bevor man über den politischen Status der besetzten Gebiete spricht. Kiew weiß: Eine Unterschrift ohne Garantie ist das Papier nicht wert, auf dem sie steht.

Doch Trump braucht den Erfolg. Für den US-Präsidenten gibt es „keinen größeren Sieg“ als den Frieden in der Ukraine – nicht aus humanitärer Sorge, sondern als Krönung seiner politischen Erbschaft. Sein Ziel ist der November 2026, die Midterm-Wahlen. Bis dahin muss der Krieg vorbei sein, egal zu welchem Preis.

Das Schlachtfeld 2026 – Drohnen, Drachen und die Abnutzung

Während in Genf über Paragrafen gefeilscht wird, schafft Russland an der Front blutige Realitäten. Die technologische Spirale hat sich weitergedreht. Moskau setzt nun das System TOS-3 „Drakon“ ein, eine Weiterentwicklung des gefürchteten „Solnzepjok“. Es ist eine Waffe des Terrors: Thermobarische Raketen, die mit einer Reichweite von bis zu 24 Kilometern nun aus sicherer Entfernung ganze Gitterquadrate auslöschen können. Gegen diesen „Drachen“ hilft derzeit nur die asymmetrische Antwort: FPV-Drohnen, die die Werfer jagen, bevor sie feuern können.

Der Krieg ist längst zu einem mathematischen Gemetzel geworden, bei dem Zahlen zur Waffe der Propaganda werden. Nato-Chef Rutte spricht in München von „wahnsinnigen Verlusten“ der Russen – 65.000 Mann in nur zwei Monaten. Doch diese Zahlen halten einer nüchternen Prüfung kaum stand. Experten und sogar der ukrainische Generalstab widersprechen der Darstellung, es handele sich dabei ausschließlich um Tote. Die Realität ist grausam genug: Russland verliert 156 Soldaten für jeden eroberten Quadratkilometer. Doch Putin scheint bereit, diesen Preis zu zahlen, solange er vorrückt.

Hinter der Front führt Russland einen Krieg gegen die Zivilisation selbst. Die Angriffe auf das Energienetz sind systematisch. In Odessa und Kiew sitzen Hunderttausende Haushalte oft wochenlang im Dunkeln. Es ist der Versuch, den Willen der Bevölkerung zu brechen, indem man ihr das Licht und die Wärme nimmt. Um diesen Krieg zu finanzieren, hat Moskau eine Schattenflotte aufgebaut, die wie ein Krebsgeschwür die Weltmeere befährt. 91 dieser Schiffe hat Selenskyj nun persönlich sanktioniert. Sie fahren unter den Flaggen von Eswatini oder Palau, transportieren Öl aus Noworossijsk und finanzieren so jeden Schuss, der auf Charkiw oder Cherson abgefeuert wird.

Der politische Sprengstoff – Wahlen, Jermak und das Trump-Veto

Der Druck von außen erzeugt Risse im Inneren. Die Entlassung von Andrij Jermak, dem mächtigen Leiter des Präsidialbüros und engsten Vertrauten Selenskyjs, hat in Kiew ein Beben ausgelöst. Offiziell spricht der Präsident von „eigenen Gründen“ und weist jeden Zusammenhang mit Korruptionsskandalen im Energiesektor als Manipulation zurück. Doch der Zeitpunkt ist verräterisch. Jermak war der Architekt vieler Verhandlungen; sein Abgang signalisiert eine tektonische Verschiebung im Machtgefüge, möglicherweise um westlichen Partnern Genüge zu tun, die Transparenz fordern.

Gleichzeitig wirft der Kreml – und mit ihm die US-Administration – das Thema Wahlen in den Ring. Selenskyj, dessen Amtszeit unter normalen Umständen längst geendet hätte, geht in die Offensive: „Gebt uns zwei Monate Waffenruhe, und wir werden Wahlen abhalten“, bietet er in München an. Es ist ein vergiftetes Angebot, denn er weiß, dass Russland niemals eine echte Waffenruhe garantieren würde. Die Forderung nach Wahlen inmitten eines existentiellen Krieges dient nur einem Ziel: der Destabilisierung der ukrainischen Führung.

US-Außenminister Marco Rubio spielt dabei eine ambivalente Rolle. Einerseits reist er nach Ungarn und in die Slowakei, um diese Länder endlich von russischen Energieimporten abzukoppeln. Andererseits gibt er in München offen zu: „Wir wissen nicht, ob Russland ernsthaft auf eine Beendigung des Krieges aus ist“. Dennoch treibt er den Prozess voran. Kritiker wie der Ökonom Anders Aslund warnen in drastischen Worten vor diesem Weg. Er bezeichnet Trump und sein Umfeld als „Mafiosi“ und fordert, die USA müssten aus den Friedensverhandlungen „rausgeworfen“ werden. Dass solche radikalen Positionen nun offen diskutiert werden, zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber Washington im pro-ukrainischen Lager sitzt.

Die europäische Festung – „Reverse Enlargement“ und der Orbán-Faktor

Wenn die NATO-Mitgliedschaft an Putins Veto und Trumps Desinteresse scheitert, was bleibt dann? Die Europäische Union bastelt in Brüssel an einem Rettungsring, der den technokratischen Namen „Reverse Enlargement“ (umgekehrte Erweiterung) trägt. Der Plan ist revolutionär: Die Ukraine soll bereits am Tisch der EU sitzen, bevor sie alle Reformen abgeschlossen hat – eine Teilmitgliedschaft bis 2027. Es ist der Versuch, politische Zugehörigkeit zu schaffen, wo militärische Garantien fehlen. Selenskyj drängt auf ein festes Datum, denn ein von der EU, den USA und Russland unterzeichnetes Beitrittsdatum wäre eine Sicherheitsgarantie eigener Art.

Doch vor diesem Ausweg steht ein Mann wie ein Felsblock: Viktor Orbán. Der ungarische Premier nennt die Ukraine mittlerweile offen „unseren Feind“ und schwört, das Land werde „niemals“ der EU beitreten. In den europäischen Hauptstädten reift daher eine Erkenntnis: Mit Orbán ist kein Staat mehr zu machen. Sollte Trump seinen Freund in Budapest nicht umstimmen können, liegt die „nukleare Option“ der EU-Verträge auf dem Tisch: Artikel 7, der Entzug des Stimmrechts für Ungarn. Dass Diplomaten diesen Schritt nun als „absolut möglich“ bezeichnen, zeigt, wie sehr sich Europa im Kriegsmodus befindet.

Auch die Demografie spricht eine deutliche Sprache. Zwar haben über 470.000 Ukrainer Deutschland verlassen, doch noch immer sind über 1,1 Millionen als Schutzsuchende registriert. Sie sind das menschliche Pfand in diesem Konflikt, und ihre Rückkehr hängt allein davon ab, ob in der Heimat mehr als nur Trümmer auf sie warten.

Humanitäre Karten und Propaganda-Krieg

In diesem zynischen Spiel um Macht und Land werden selbst Kinder zu diplomatischen Schachfiguren. Dass kürzlich fünf ukrainische Kinder, die von Russland verschleppt wurden, zu ihren Familien zurückkehren konnten, ist ein seltener Lichtblick. Doch der Dank, den die Initiative „Bring Kids Back UA“ ausspricht, lässt aufhorchen: Er gilt Melania Trump. Es ist ein bemerkenswerter Versuch Kiews, über die First Lady einen emotionalen Zugang zum Weißen Haus zu finden, wo rationale Argumente oft verhallen.

Währenddessen zieht Russland den digitalen Vorhang zu. Der Kreml hat den Zugang zu WhatsApp blockiert und sperrt Webseiten wie „Hochu vernut“ („Ich will zurückkommen“), auf denen die Daten von über 250.000 gefallenen oder verwundeten russischen Soldaten verzeichnet sind. Putin fürchtet die Wahrheit über seine eigenen Verluste mehr als die westlichen Sanktionen. Dass selbst Chef-Propagandist Wladimir Solowjow im russischen Fernsehen plötzlich wirtschaftliche Probleme und geschlossene Restaurants in Moskau thematisiert, deutet auf Risse in der heimischen Fassade hin. Das Regime versucht, die Realität auszublenden, doch die Realität hat die Angewohnheit, sich ihren Weg zu bahnen – notfalls per VPN.

Der Preis des Schweigens der Waffen

Wenn die Delegierten München verlassen und die Verhandler in Genf ihre Akten öffnen, steht die Ukraine vor der schwersten Prüfung ihrer Unabhängigkeit. Der Frieden, der hier skizziert wird, trägt nicht die Züge von Gerechtigkeit, sondern die Narben der Erschöpfung. Selenskyj muss einen Weg finden, den amerikanischen Drang nach einem schnellen Deal zu befriedigen, ohne sein Land dem russischen Bären zum Fraß vorzuwerfen.

Die Gefahr ist real, dass am Ende ein Pakt der Pufferzonen steht: Ein formaler Frieden, erkauft mit dem Verlust des Donbass unter dem Deckmantel einer „Wirtschaftszone“, und eine Ukraine, die zwar an den Tisch der EU darf, aber vor den Toren der NATO bleiben muss. Europa versucht verzweifelt, diesen Deal mit dem PURL-Programm und Wiederaufbauversprechen zu vergolden. Doch Gold kann keine Sicherheit garantieren, wenn der Nachbar Russland heißt und imperiale Träume träumt.

Das Jahr 2026 wird nicht auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern in der Frage, ob der Westen bereit ist, für die Ukraine mehr zu opfern als nur Geld. In München wurde viel gedankt, aber in Genf wird der Preis festgelegt. Und die Währung sind nicht mehr nur Waffen, sondern Quadratkilometer, Souveränität und die Zukunft einer ganzen Generation.

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