
Es ist der 1451. Tag. Wer in diesen kalten Februartagen des Jahres 2026 auf die Landkarte der Ukraine blickt, sieht auf den ersten Blick das gewohnte, schrecklich statische Bild: Die Frontlinien im Osten, festgebacken in Schlamm und Blut, bewegen sich kaum, während die Verlustzahlen in einer mechanischen Regelmäßigkeit nach oben ticken. Doch dieser Schein trügt. Der Krieg hat im fünften Jahr seiner vollen Entfaltung eine neue, unheimliche Dimension erreicht. Er hat sich entgrenzt. Wir erleben nicht mehr nur eine Abnutzungsschlacht um Meter und Kilometer im Donbass, sondern eine radikale Eskalation der Reichweiten. Die Geografie selbst scheint keine Schutzwirkung mehr zu entfalten, weder für die Menschen in den tiefsten Hinterländern Russlands noch für die Zivilisten in den scheinbar geschützten Metropolen der Ukraine.
Während Diplomaten in Genf und München ihre Krawatten richten und über Friedensformeln brüten, wird die physische Realität des Konflikts von einer neuen Brutalität bestimmt: der totalen Erreichbarkeit. Die Ukraine streckt ihren Arm so weit aus wie nie zuvor, um das wirtschaftliche Herz des Aggressors zum Stillstand zu bringen, während Russland mit einer Mischung aus massiver technologischer Zerstörungswut und psychologischem Terror antwortet, der darauf abzielt, die Lebensfähigkeit des ukrainischen Staates als solchen zu negieren. Es ist eine Pattsituation, die nicht durch Stillstand, sondern durch eine dynamische Ausweitung des Schreckensraums definiert wird.
Der lange Arm Kiews: Wenn das Hinterland brennt
Lange Zeit galt die Annahme, dass der Krieg an den Grenzen der Ukraine haltmachen würde, zumindest was die physische Unversehrtheit der russischen Tiefe betrifft. Diese Illusion ist im Februar 2026 endgültig zerborsten. Die ukrainischen Sicherheitsdienste, insbesondere der SBU, haben eine strategische Evolution vollzogen, die militärhistorisch bemerkenswert ist. Der Schlag gegen die Raffinerie in Uchta, tief in der russischen Republik Komi, markiert eine Zäsur. Wir sprechen hier nicht von grenznahen Scharmützeln in Belgorod oder Kursk. Wir sprechen von einer Distanz von rund 1.750 bis 2.000 Kilometern.
Dass ukrainische Drohnen eine solche Strecke überwinden, um präzise die atmosphärisch-Vakuum-Anlage einer Lukoil-Raffinerie zu treffen und in Brand zu setzen, ist mehr als ein militärischer Nadelstich. Es ist eine Botschaft an den Kreml: Eure strategische Tiefe existiert nicht mehr. Es gibt keinen sicheren Hafen für die petrochemische Industrie, die den Krieg finanziert und die Panzer rollen lässt. Die Anlage in Uchta, mit einer Verarbeitungskapazität von über vier Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr, ist ein vitaler Knotenpunkt. Wenn solche Giganten brennen, dann bluten nicht nur die Tanks, sondern auch die Staatskasse in Moskau.

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Dies ist kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer systematischen Kampagne. Auch in Wolgograd musste die Feuerwehr ausrücken, nachdem Drohnen zum wiederholten Mal – es war bereits der neunte Angriff seit Invasionsbeginn – die dortige Raffinerie ins Visier genommen hatten. Die Ukraine hat verstanden, dass sie die quantitative Übermacht der russischen Armee an der Frontlinie in Pokrovsk oder Huliaipole nicht durch reine Mannstärke brechen kann. Die Antwort ist Asymmetrie. Man zielt auf die Brieftasche des Krieges.
Doch die Strategie geht über die reine Ökonomie hinaus. Sie zielt auch auf das russische Bewusstsein. In Belgorod, der russischen Grenzregion, ist der Krieg längst im Alltag angekommen. Ukrainische Drohnen und Artillerie haben dort gezielt die Energieinfrastruktur, wie das Heizkraftwerk Luch, attackiert. Mitten im Winter saßen Zehntausende Russen in kalten Wohnungen, Schulen und Universitäten mussten schließen. Gouverneur Gladkow sprach von einer fast katastrophalen Situation. Das Kalkül Kiews ist hierbei von einer kalten Logik geprägt: Solange die Ukraine friert, soll auch der Aggressor zittern. Es ist der Versuch, die Kosten des Krieges für die russische Zivilbevölkerung spürbar zu machen, in der Hoffnung, dass der Unmut irgendwann die Mauern des Kremls erreicht. Präsident Selenskyj formulierte es unmissverständlich: Energieinfrastruktur ist ein legitimes Ziel, da sie die Kriegsmaschine antreibt.
Terror aus der Luft: Die Systematik der Zerstörung
Die Antwort Moskaus auf diese Nadelstiche ist von einer wütenden, fast blinden Zerstörungskraft. Die Nächte im Februar 2026 sind für die Menschen in der Ukraine ein einziger Albtraum aus Sirenen und Explosionen. In einer einzigen Nacht, vom 12. auf den 13. Februar, entlud sich ein Gewitter aus 16 Raketen und 197 Drohnen über dem Land. Zwar gelingt es der ukrainischen Luftabwehr immer wieder, Wunder zu vollbringen – so wurden in der darauffolgenden Nacht 111 Drohnen neutralisiert – doch die schiere Masse der Angriffswellen sorgt dafür, dass immer wieder Geschosse ihr Ziel finden.
Was wir beobachten, ist der Versuch einer systematischen Strangulation. Russland führt einen Krieg gegen die Logistik und die Lebensadern der Ukraine. Die Zahlen, die Vizepremier Oleksij Kuleba dem Parlament vorlegte, sind erschütternd: Seit Beginn der Invasion wurden 686 Objekte in den Häfen und rund 24.000 Einrichtungen der Eisenbahn beschädigt oder zerstört. Die Eisenbahn, das Rückgrat der ukrainischen Verteidigung und Wirtschaft, wird gnadenlos gejagt. Allein in den ersten Wochen des Jahres 2026 gab es 266 Angriffe auf Bahnknotenpunkte und Züge.
Das Ziel ist offensichtlich: Ganze Regionen sollen wirtschaftlich isoliert, vom Nachschub abgeschnitten werden. Es ist der Versuch, das Land in nicht lebensfähige Inseln zu zerstückeln. Besonders hart trifft es den Süden. In Odessa und der umliegenden Region zielen die russischen Shahed-Drohnen auf alles, was das Leben ermöglicht: Energieanlagen, Wohnblocks, Hafenlager. Wenn in Odessa die Lichter ausgehen und die Heizungen kalt bleiben, weil Umspannwerke brennen, dann ist das kein Kollateralschaden. Es ist das operative Ziel.
Die menschlichen Kosten dieser Strategie sind kaum in Worte zu fassen. Hinter den nüchternen Berichten über beschädigte Wohninfrastruktur verbergen sich Tragödien von antiker Wucht. In Kramatorsk löschte ein einziger russischer Schlag fast eine ganze Generation einer Familie aus. Drei Brüder starben in den Trümmern ihres Hauses: zwei 19-jährige Zwillinge und ihr achtjähriger kleiner Bruder. Die Mutter und die Großmutter überlebten schwer verletzt, körperlich wie seelisch gebrochen. Solche Vorfälle sind keine Ausnahmen, sie sind die blutige Routine dieses Krieges, der laut dem Conflict Intelligence Team (CIT) im Jahr 2025 mehr zivile Opfer forderte als in jedem Jahr zuvor.
Psychologische Kriegsführung: Der Bluff mit der Apokalypse
Doch Russland verlässt sich nicht nur auf Sprengstoff. Im Februar 2026 erleben wir eine Renaissance der psychologischen Kriegsführung, die darauf abzielt, die Nerven der ukrainischen Gesellschaft bis zum Zerreißen zu spannen. Nichts illustrierte dies besser als der Orjoshnik-Alarm in Kiew.
Es war ein Moment, in dem der Atem einer ganzen Hauptstadt stockte. Als die Warnung vor dem Start einer ballistischen Rakete vom Testgelände Kapustin Yar auf den Bildschirmen der Überwachungskanäle aufleuchtete, war die Angst greifbar. Die Redaktion der Kyiv Post evakuierte, Menschen strömten in die Untergründe. Der Name Orjoshnik ist mittlerweile aufgeladen mit der Androhung der totalen Vernichtung. Wladimir Putin selbst hatte diese Waffe als unaufhaltsam gepriesen, ausgestattet mit Dutzenden Gefechtsköpfen, fähig, Ziele in ganz Europa zu erreichen.
Dass sich der Vorfall später als Teststart oder gar als gezielte Desinformationskampagne entpuppte, mindert die Wirkung kaum. Im Gegenteil: Die Unsicherheit ist die Waffe. Die Androhung des Einsatzes von strategischen Waffen, selbst wenn sie konventionell bestückt sind, soll die ukrainische Führung und ihre westlichen Partner mürbe machen. Es ist ein zynisches Spiel mit der Urangst vor der nuklearen Eskalation, inszeniert, um Panik zu säen, während an der echten Front, etwa in Pokrovsk, die russische Infanterie in Wellen gegen die ukrainischen Stellungen anrennt. Dort, im Schlamm, sterben täglich Hunderte russische Soldaten – etwa 800 allein am 13. Februar – in einem Fleischwolf, der von der Führung in Moskau ebenso kaltblütig in Kauf genommen wird wie das Leid der ukrainischen Zivilisten.
Die unsichtbare Front: Eine Gesellschaft am Limit
Abseits der Schlagzeilen über Raketen und Drohnen frisst sich der Krieg wie eine Säure in das soziale Gefüge der Ukraine. Die ständige Bedrohung, der Verlust und die Perspektivlosigkeit hinterlassen Spuren, die keine Wiederaufbaukonferenz so schnell beseitigen kann. Das Jahr 2025 war, wie bereits erwähnt, das tödlichste für Zivilisten, wobei Drohnen zur Haupttodesursache avancierten. Diese omnipräsente Gefahr aus der Luft verändert das Verhalten, sie verändert die Psyche.
Wie tief die Traumata sitzen, zeigt ein verstörender Vorfall in Kiew-Obolon. Ein Soldat, der seine Einheit unerlaubt verlassen hatte, zündete während eines Trinkgelages in einer Wohnung eine Handgranate. Ein Freund starb, andere wurden verletzt. Es ist ein grelles Schlaglicht auf die brutalisierte Realität einer Gesellschaft, in der Waffen und Gewalt allgegenwärtig sind und in der die psychischen Wunden der Kämpfer oft unbehandelt bleiben. Die unsichtbare Front verläuft mitten durch die Wohnzimmer.
Gleichzeitig sehen wir die Verzweiflung derer, die nicht kämpfen wollen oder können. Über 70 Männer sind seit Beginn des Krieges gestorben, als sie versuchten, illegal die Grenze zu überqueren, oft ertrunken in den eisigen Flüssen der Karpatenregion. Auch wenn die Zahlen im Jahr 2026 leicht rückläufig sind, bleibt jedes dieser Schicksale ein Zeugnis der Ausweglosigkeit, die viele empfinden. Es ist der stille, tragische Unterstrom eines Volkes, das um sein Überleben kämpft, aber dafür einen entsetzlichen Preis zahlt.
Das diplomatische Poker: Aufrüstung für den Frieden?
Während in der Ukraine gestorben wird, dreht sich das internationale Karussell der Diplomatie und der Rüstungshilfe weiter. Es ist eine fast schizophrene Parallelwelt. In Ramstein sicherten die Partner der Ukraine für das Jahr 2026 Militärhilfen in Höhe von gewaltigen 38 Milliarden Dollar zu. Geld für Drohnen, für Patriot-Raketen, für Artillerie – Treibstoff für den Krieg, damit die Ukraine nicht fällt. Gleichzeitig liefert Deutschland hochmoderne Robotersysteme wie den Gereon RCS, um Verwundete zu bergen. Die Botschaft ist klar: Der Westen stellt sich auf einen langen Konflikt ein.
Und doch, fast paradox, mehren sich die Zeichen für Gespräche. In Genf bereiten sich der ukrainische Verteidigungsminister Umerov und der russische Unterhändler Medinsky auf eine neue Runde von Verhandlungen vor. Präsident Selenskyj reist nach München, um die Verteidigungskooperation zu stärken, während Frankreichs Präsident Macron Bedingungen für einen direkten Draht zum Kreml formuliert.
Man könnte meinen, wir stünden an einem Wendepunkt. Doch die Realität ist komplexer. Die massive Aufrüstung und die gleichzeitige diplomatische Aktivität sind keine Widersprüche, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Beide Seiten versuchen, ihre Position am Verhandlungstisch durch Fakten auf dem Schlachtfeld zu verbessern. Für die Ukraine bedeutet das: Durchhalten, die russische Ölindustrie treffen und den Preis für Moskau in die Höhe treiben. Für Russland bedeutet es: Die Ukraine in Dunkelheit und Kälte stürzen, bis der Widerstand bricht.
Ein tödliches Gleichgewicht
Im Februar 2026, am 1451. Tag des Krieges, hat sich das Gesicht des Konflikts gewandelt. Es ist nicht mehr der Bewegungskrieg der ersten Tage, und es ist mehr als der Stellungskrieg der mittleren Jahre. Es ist ein totaler Krieg der Reichweiten geworden. Die Frontlinie ist überall. Sie verläuft durch das Herz der Raffinerie in Komi, durch den Hafen von Odessa, durch das Wohnzimmer in Kramatorsk und durch die Psyche der Menschen in den Luftschutzkellern von Kiew.
Die Ukraine beweist eine erstaunliche Resilienz und Innovationskraft. Sie hat den Krieg nach Russland getragen, nicht mit Panzerarmeen, sondern mit intelligenter Technologie und präzisen Nadelstichen. Doch Russland antwortet mit der stumpfen Gewalt des Stärkeren, bereit, alles in Schutt und Asche zu legen, was es nicht besitzen kann.
Die Milliardenhilfen aus dem Westen und die zarten diplomatischen Fühler in Genf sind Hoffnungsschimmer, aber sie ändern nichts an der unmittelbaren Realität: Das Sterben geht weiter, und die Spirale der Gewalt dreht sich schneller und weiter als je zuvor. Der Ausgang dieses Jahres 2026 wird davon abhängen, ob es gelingt, diese Spirale zu durchbrechen – oder ob der Krieg der Reichweiten alles verschlingt, was von der zivilen Ordnung noch übrig ist. Bis dahin bleibt den Menschen in der Ukraine nur der Blick zum Himmel und das Hoffen auf die nächste ruhige Nacht.


