
Es war ein Moment, der in den Geschichtsbüchern nicht als trockener Verwaltungsakt, sondern als Zäsur verzeichnet werden dürfte. Im Roosevelt Room des Weißen Hauses, umgeben von Kameras und getreuen Gefolgsleuten, trat Donald Trump am 12. Februar 2026 vor die Presse. Auf seinem Gesicht lag jenes triumphierende Grinsen, das seine Anhänger lieben und seine Gegner fürchten. „Das ist so groß, wie es nur sein kann“, verkündete der 47. Präsident der Vereinigten Staaten. Er sprach nicht über einen neuen Krieg oder ein Handelsabkommen, sondern über ein bürokratisches Dokument aus dem Jahr 2009. Doch der Schein trügt: Was Trump als „die bei weitem größte deregulierende Maßnahme der Geschichte“ verkaufte, ist in Wahrheit der Versuch, die physikalische Realität per Dekret abzuschaffen.
Die Administration hat die sogenannte „Gefährdungsfeststellung“ (Endangerment Finding) für ungültig erklärt. Damit wird jenes wissenschaftliche und juristische Fundament zertrümmert, auf dem der gesamte US-Klimaschutz der letzten 16 Jahre ruhte. Es ist ein Schritt, der weit über das bloße Zurückdrehen von Umweltauflagen hinausgeht. Es ist eine institutionelle Strategie der verbrannten Erde, die darauf abzielt, den Staat blind für die Gefahren einer sich aufheizenden Welt zu machen – und künftigen Regierungen die Hände zu binden, noch bevor diese gewählt sind. Während draußen die Stürme heftiger und die Hitzewellen tödlicher werden, erklärt die mächtigste Regierung der Welt das Problem offiziell für beendet.
Der juristische Hebel: Das Ende der Gefährdung
Um die Tragweite dieses 12. Februar zu verstehen, muss man tief in die Mechanik der US-Umweltgesetzgebung blicken. Im Zentrum steht der „Clean Air Act“ von 1970, ein Gesetz, das ursprünglich gegen den sichtbaren Smog in amerikanischen Städten und lokale Schadstoffe wie Schwefeldioxid geschaffen wurde. Lange Zeit war umstritten, ob dieses alte Gesetz auch auf das unsichtbare Kohlendioxid angewendet werden kann. Der Oberste Gerichtshof entschied jedoch im Jahr 2007 im wegweisenden Fall Massachusetts v. EPA, dass die Umweltbehörde EPA sehr wohl Treibhausgase regulieren muss – allerdings unter einer entscheidenden Bedingung: Sie muss zuvor wissenschaftlich feststellen, dass diese Gase die öffentliche Gesundheit gefährden.
Genau das tat die EPA unter Barack Obama im Jahr 2009. In einem über 200 Seiten starken Dokument, dem „Endangerment Finding“, wurden sechs Treibhausgase als Gefahr für die Gesundheit der Amerikaner eingestuft. Diese Feststellung war der Schlüssel, der das Schloss zum Klimaschutz öffnete. Ohne sie darf die Regierung CO2 nicht regulieren; mit ihr muss sie es.

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Trumps Strategie ist von brutaler Eleganz: Er attackiert nicht die einzelnen Vorschriften für Kraftwerke oder Autos – er entzieht ihnen die Existenzberechtigung. Indem seine Administration erklärt, dass Treibhausgase keine Gefahr darstellen, entfällt die Pflicht zur Regulierung. Die Argumentation des Weißen Hauses wirkt dabei fast zynisch: Man behauptet, die düsteren Vorhersagen von 2009 seien nicht eingetreten – und ignoriert dabei geflissentlich, dass dies gerade auf die weltweit ergriffenen Gegenmaßnahmen zurückzuführen ist. Zudem zieht sich die Trump-Regierung auf den Standpunkt zurück, der Clean Air Act sei nur für lokale Luftverschmutzung gedacht, während der Klimawandel ein globales Phänomen sei.
Lee Zeldin, der von Trump eingesetzte Chef der Umweltbehörde, macht aus seiner ideologischen Motivation keinen Hehl. Für ihn war die bisherige Klimapolitik eine „linke Wunschliste“, die darauf abzielte, Segmente der US-Wirtschaft „aus der Existenz zu regulieren“. Mit der Rücknahme der Gefährdungsfeststellung, so das Narrativ, werden die „Taschen der großen Ölkonzerne gefüllt“, während der Schutz der Bevölkerung vor Stürmen und Fluten als unnötiger Ballast abgeworfen wird.
Der „leninistische Plot“: Die ideologischen Architekten
Dieser Schlag gegen den Klimaschutz ist kein spontaner Einfall eines launischen Präsidenten. Er ist das Ergebnis eines jahrelang gereiften Plans, dessen Wurzeln tief in den ideologischen Grabenkämpfen der amerikanischen Rechten liegen. Bereits während der Präsidentschaft von Joe Biden formierte sich im Umfeld von Trump eine Gruppe, die den totalen Krieg gegen den „Verwaltungsstaat“ vorbereitete. Zu den Architekten gehören Russell Vought, heute Direktor des mächtigen Amtes für Management und Budget, und der Anwalt Jeffrey Clark.
Für diese Männer ist die Regulierung von CO2 nicht einfach eine wirtschaftliche Belastung, sondern ein „leninistischer Plot“ zur Kontrolle der amerikanischen Wirtschaft. Sie sehen im Klimaschutz ein Instrument des Sozialismus, das es zu zerschlagen gilt. Die Vorbereitung war minutiös: Man feilte an Plänen, die weit radikaler waren als alles, was Trump in seiner ersten Amtszeit gewagt hatte.
Doch der ideologische Eifer kollidiert mit der wissenschaftlichen Realität – und das führt selbst innerhalb der Trump-Administration zu Reibungen. Das Büro für Information und regulatorische Angelegenheiten (OIRA), das eigentlich die Deregulierung überwachen soll, äußerte im Vorfeld massive Bedenken. Die Experten warnten, dass die wissenschaftliche und ökonomische Analyse, die die Rücknahme rechtfertigen soll, zu schwach sei, um vor Gericht Bestand zu haben.
Tatsächlich stützte sich die EPA in ihrer Argumentation primär auf einen Bericht des Energieministeriums, der von einer Arbeitsgruppe aus fünf bekannten Klimaskeptikern verfasst worden war. Dieser Bericht war derart fehlerhaft und wurde unter so fragwürdigen, teils geheimen Umständen erstellt, dass Umweltverbände erfolgreich dagegen klagten und die Arbeitsgruppe aufgelöst werden musste. Ein Anwalt des Natural Resources Defense Council nannte das Werk „vernichtet“; die Kritik habe „nichts stehen lassen“. Dennoch peitschte Jeffrey Clark, nun in offizieller Funktion, die Maßnahme durch. Die Devise lautet: Fakten schaffen, egal wie wackelig das Fundament ist.
Angriff auf die Wahrheit: Die Zerschlagung des NCAR
Während die juristische Demontage in Washington vollzogen wird, spielt sich in Colorado ein Drama ab, das noch weitreichendere Folgen für die Sicherheit der USA haben könnte. Die Administration hat angekündigt, das National Center for Atmospheric Research (NCAR) zu zerschlagen. Das 1960 gegründete Institut am Fuße der Rocky Mountains ist eines der weltweit führenden Zentren für Erd- und Atmosphärenforschung.
Die Begründung für diesen Schritt offenbart die ganze Wissenschaftsfeindlichkeit der neuen Machthaber: Russell Vought bezeichnete die Einrichtung auf der Plattform X schlicht als „eine der größten Quellen für Klima-Alarmismus im Land“. Weil die Daten des NCAR nicht ins politische Weltbild passen, soll der Bote der schlechten Nachrichten eliminiert werden. Ein Beamter des Weißen Hauses bestätigte anonym, die Einrichtung stehe „nicht im Einklang mit der Agenda des Präsidenten“.
Doch das NCAR ist weit mehr als eine Denkfabrik für Klimamodelle. Es betreibt Supercomputer und Forschungsflugzeuge, die essenzielle Daten für die Vorhersage von Unwettern, Waldbränden und Überschwemmungen liefern. Die geplante Zerschlagung – inklusive des Verkaufs der Flugzeuge und der Verlagerung der Computer – bedroht die Fähigkeit der USA, ihre Bürger vor Naturkatastrophen zu warnen. Antonio Busalacchi, Präsident der Trägergesellschaft, warnte eindringlich, dieser Schritt werde die Fähigkeit der Nation zurückwerfen, auf schwere Wetterereignisse zu reagieren.
Es mischt sich hier politische Rachsucht mit strategischer Blindheit. Der Angriff auf das in Boulder ansässige Institut wird auch als Attacke auf den demokratischen Gouverneur von Colorado, Jared Polis, gewertet, der sich in politischen Fragen gegen Trump gestellt hatte. Leidtragende sind jedoch nicht die Politiker, sondern die Wissenschaftler, deren Karrieren zerstört werden, und die Bürger, die künftig auf präzise Warnungen verzichten müssen. Wie Kevin Trenberth, ein renommierter Forscher des NCAR, es formulierte: „Die nächste Generation von Menschen, die sich mit Wetter und Wissenschaft in den USA beschäftigen, wird verloren sein.“
Die Realität der Katastrophe: Fakten gegen Ideologie
Während Donald Trump den Klimawandel als „Scam“ (Betrug) und „riesigen Schwindel“ abtut, spricht die Realität eine grausame Sprache. Die Leugnung der Gefahr durch das Weiße Haus steht in einem bizarren Kontrast zu den Daten, die sich in den Leichenhallen und Notaufnahmen des Landes ansammeln.
Die Zahl der hitzebedingten Todesfälle in den USA hat sich im letzten Vierteljahrhundert mehr als verdoppelt – von 1.069 im Jahr 1999 auf den Rekordwert von 2.325 im Jahr 2023. Dies ist keine abstrakte Zukunftsprognose, sondern sterbende Gegenwart. Über 29.000 Peer-Review-Studien dokumentieren inzwischen den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Gesundheit. Eine Untersuchung in Nature Climate Change ergab, dass mehr als ein Drittel aller Hitzetote direkt auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen sind – global sind das fast 10.000 Menschenleben pro Jahr, die allein für das Verbrennen von fossilen Brennstoffen geopfert werden.
Doch Trump und seine Entourage wischen diese Erkenntnisse vom Tisch. „Es hat nichts mit der öffentlichen Gesundheit zu tun“, behauptete der Präsident. Eine Aussage, die der Mediziner Howard Frumkin mit der Behauptung verglich, die Erde sei eine Scheibe. Die kognitive Dissonanz ist atemberaubend: Während die Regierung behauptet, die Klimaregeln würden den Familien zu hohe Kosten aufbürden, verursachen die ungebremsten Wetterkatastrophen Schäden in Milliardenhöhe. Allein im Jahr 2025 beliefen sich die Schäden durch klimabedingte Wetterkatastrophen auf 115 Milliarden Dollar.
Die Rechnung der Deregulierung geht nicht auf. Die kurzfristigen Einsparungen für die Industrie werden durch explodierende Versicherungskosten, Gesundheitsausgaben und die Zerstörung von Eigentum um ein Vielfaches übertroffen. Die Amerikaner verlieren bereits jetzt 12 Prozent ihres Nettoeinkommens durch steigende Temperaturen und verändertes Wetter. Die Politik der Administration behandelt den Nutzen von Klimaschutz als „im Wesentlichen null“, während jeder Blick aus dem Fenster – auf brennende Wälder oder überflutete Städte – das Gegenteil beweist.
Ein vergiftetes Erbe: Die Langzeitfolgen
Was die Maßnahmen der Trump-Regierung so perfide macht, ist ihre kalkulierte Unumkehrbarkeit. Es geht nicht nur darum, vier Jahre lang Pause zu machen. Ziel ist es, den Klimaschutz so tiefgreifend zu sabotieren, dass auch künftige Regierungen ihn kaum wiederbeleben können.
Sollte der Oberste Gerichtshof, der inzwischen fest in konservativer Hand ist, die Rücknahme der Gefährdungsfeststellung bestätigen, wäre der Weg zurück versperrt. Eine neue, klimafreundliche Regierung müsste den gesamten wissenschaftlichen und bürokratischen Prozess von vorn beginnen, um eine neue Gefährdungsfeststellung zu erlassen – ein Unterfangen, das Jahre dauern würde. Alternativ müsste der Kongress ein neues Gesetz verabschieden, doch angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse und der Hürde von 60 Stimmen im Senat gilt dies als „ausgeschlossen“.
Die Folgen dieser institutionellen Sabotage sind global verheerend. Experten des Environmental Defense Fund schätzen, dass die Treibhausgasemissionen der USA in den nächsten 30 Jahren um zehn Prozent steigen könnten, anstatt zu sinken. Als zweitgrößter Emittent der Welt senden die USA damit ein fatales Signal. Wenn die größte Wirtschaftsmacht der Erde den Klimaschutz aufgibt, sinkt der Anreiz für Länder wie China, ihre eigenen Maßnahmen zu verschärfen, drastisch.
Trump schafft Tatsachen, die weit über seine Amtszeit hinausreichen. Er zementiert einen Pfad in eine 2,6 Grad wärmere Welt bis zum Ende des Jahrhunderts, ungeachtet der Warnungen des Weltklimarats. Es ist, als würde man bei einem Zug nicht nur die Bremse ausbauen, sondern auch die Schienen in Richtung Abgrund festschweißen.
Die Profiteure und der Widerstand
Inmitten dieser düsteren Aussichten knallen bei einigen wenigen die Sektkorken. Die Kohleindustrie begrüßte die Ankündigung der Regierung euphorisch. Michelle Bloodworth vom Branchenverband America’s Power hofft offen, dass nun die Stilllegung alter, dreckiger Kohlekraftwerke abgewendet werden kann. Auch die Automobilindustrie erhält einen Freifahrtschein, wieder schmutzigere und billigere Fahrzeuge zu verkaufen, statt in die notwendige, aber teure Elektromobilität zu investieren. Kurzfristige Profite triumphieren über langfristige Wettbewerbsfähigkeit und Überleben.
Doch der Widerstand formiert sich bereits. Ein breites Bündnis aus Umweltgruppen wie Greenpeace und dem Environmental Defense Fund sowie demokratisch regierten Bundesstaaten hat angekündigt, bis vor den Obersten Gerichtshof zu ziehen. Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien, kündigte Klagen an und erklärte kämpferisch: „Jetzt brechen wir die Normen“. Bislang haben die Gerichte die Gefährdungsfeststellung stets gestützt, zuletzt noch 2023. Doch das Vertrauen in die Justiz ist brüchig geworden. Der Supreme Court hat bereits 2022 bewiesen, dass er bereit ist, EPA-Befugnisse radikal zu beschneiden.
Der Ausgang dieses juristischen Tauziehens ist ungewiss. Experten wie Miranda Schreurs von der TU München warnen, dass selbst ein Sieg vor Gericht Jahre dauern könnte – Jahre, in denen Investitionen ausbleiben und Emissionen steigen.
Im Auge des Sturms
Donald Trumps Entscheidung vom 12. Februar 2026 ist mehr als Deregulierung. Es ist der Versuch, den amerikanischen Staat aus der Verantwortung für die Zukunft seines Territoriums und seiner Bürger zu entlassen. „Sie wollen die US-Bundesregierung aus dem Regulierungsgeschäft herausnehmen, Punkt“, analysierte Jody Freeman von der Harvard Law School treffend.
Barack Obama fasste die Konsequenzen in einer seltenen öffentlichen Intervention auf der Plattform X zusammen: „Ohne sie werden wir weniger sicher, weniger gesund und weniger in der Lage sein, den Klimawandel zu bekämpfen“. Es ist eine Warnung, die in der Stille nachhallt, die auf Trumps triumphale Pressekonferenz folgt.
Die Politik mag entscheiden, die Augen vor der Wissenschaft zu verschließen und Institute wie das NCAR zu zerstören. Sie kann Gesetze umschreiben und Gefahren leugnen. Doch die Atmosphäre verhandelt nicht. Die Physik lässt sich nicht durch Dekrete im Roosevelt Room beeindrucken. Während Washington den Kopf in den Sand steckt, zieht der Sturm weiter auf. Und er wird treffen – härter und unbarmherziger als je zuvor. Die Tragödie ist nicht, dass wir es nicht wussten. Die Tragödie ist, dass wir beschlossen haben, es nicht wissen zu wollen.


