
Es ist der 7. Februar 2026. In Los Angeles, im Scheinwerferlicht der Directors Guild of America, wird ein Mann gefeiert, der das Grauen dokumentiert hat. Mstyslav Chernov, der ukrainische Regisseur, nimmt den Preis für herausragende Regie entgegen. Sein Werk, „2,000 Meters to Andriivka“, ist ein cineastisches Denkmal für eine Gegenoffensive, die bereits drei Jahre zurückliegt. Es ist eine Anerkennung der Kunst, zweifellos. Doch während Chernov auf der Bühne steht und die liberale Weltöffentlichkeit applaudiert, spielt sich in seiner Heimat eine Realität ab, die sich nicht in festliche Dankesreden pressen lässt.
Es ist eine Realität, in der die Temperatur in Kyiv auf minus 25 Grad Celsius fällt und über tausend Wohnblöcke ohne Heizung dastehen. Eine Realität, in der der Krieg nicht mehr nur an einer definierten Frontlinie im Donbas stattfindet, sondern wie ein bösartiges Geschwür in alle Himmelsrichtungen metastasiert hat. Wir schreiben das Jahr 2026, und der Konflikt hat seine Form gewandelt. Er ist totalitärer geworden, globaler und zynischer. Wer heute, im vierten Jahr der vollen Invasion, noch glaubt, dies sei ein rein territorialer Streit um den Osten der Ukraine, der hat den Blick für das große, verstörende Bild verloren.
Der Krieg wird heute in den eisigen Gewässern der Arktis ebenso ausgefochten wie in den Sitzungszimmern japanischer Automobilhersteller und den überfüllten Wartezimmern kyiver Arztpraxen. Er ist ein Hybrid aus klassischer Artillerie-Schlacht und modernster ökonomischer Kriegsführung, bei der Pipelines und Seekabel zu den neuen Schlagadern der Front geworden sind.
Der Schattenkrieg im Eis und auf hoher See
Wenn wir den Blick nach Norden wenden, jenseits des Polarkreises, sehen wir, wie Russland die Geografie selbst zur Waffe schmiedet. Die Arktis, einst eine Zone der wissenschaftlichen Kooperation, ist zur Bühne eines „Schattenkrieges“ geworden. Es ist kein Zufall, dass zwischen Ende 2024 und Anfang 2026 über 20 Unterseekabel in der Ostsee und den arktischen Gewässern beschädigt wurden. Diese Vorfälle sind keine nautischen Missgeschicke; sie tragen die Handschrift einer systematischen Strategie.
Besonders alarmierend ist die Lage um Svalbard. Hier verlaufen Glasfaserkabel, die vitale Satellitendaten transportieren – Daten, die nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Verteidigung der Ukraine durch alliierte Netzwerke essenziell sind. Russlands Luftwaffenbasis Nagurskoye liegt nur 260 Kilometer entfernt, ein Katzensprung in modernen militärischen Maßstäben. Der Kreml nutzt dabei eine perfide Taktik: Die Sabotage wird so durchgeführt, dass sie wie ein Unfall aussieht oder die Urheberschaft im Nebel der Unklarheit verbleibt. Man operiert mit staatlichen Akteuren, dem FSB und dem Verteidigungsministerium, tarnt diese aber oft hinter zivilen Fassaden.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben
Doch die maritime Bedrohung beschränkt sich nicht auf den hohen Norden. Tausende Kilometer entfernt, im Indischen Ozean, manifestiert sich eine andere Facette dieses globalen Konflikts. Am 9. Februar 2026 enterte das US-Militär den Tanker „Aquila II“. Das Schiff, Teil der berüchtigten „Schattenflotte“, transportierte venezolanisches Öl, um internationale Sanktionen zu unterlaufen. Diese Flotte ist mehr als nur ein ökonomisches Vehikel für Moskau; sie ist ein Instrument der hybriden Kriegsführung, das zudem massive Umweltrisiken birgt. Die Tatsache, dass US-Kräfte nun bis in den Indischen Ozean greifen müssen, um diese Adern der russischen Kriegswirtschaft abzuklemmen, zeigt, wie sehr sich der Radius dieses Krieges ausgedehnt hat. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel auf den Weltmeeren, bei dem Schiffe falsche Flaggen hissen und Staatenlose mimmen, um den Fluss der Petrodollars nach Moskau nicht abreißen zu lassen.
Die Löcher im Sanktionsnetz & die zynische Kriegswirtschaft
Während auf See gejagt wird, offenbart sich an Land die ganze Brüchigkeit der westlichen Isolationsstrategie. Das Beispiel Mazda steht symptomatisch für das Scheitern moralischer Ansprüche in der globalisierten Wirtschaft. Im Jahr 2022 hatte sich der japanische Autobauer unter großem medialen Getöse aus Russland zurückgezogen und seine Anteile für einen symbolischen Euro verkauft. Doch 2026 ist die Marke zurück. Modelle wie der CX-5 und der CX-50, gefertigt in China, strömen auf den russischen Markt und katapultieren Mazda zurück in die Top 10 der Verkaufszahlen.
Es ist ein Lehrstück über die Gier: Obwohl Mazda im November 2025 sein Rückkaufsrecht verlor, erwirtschaftete die russische Einheit im Jahr 2024 einen Umsatz von 1,6 Milliarden Rubel. Das Geld fließt, die Autos rollen, und die moralische Entrüstung des Westens verhallt im Motorenlärm der neuen Crossover. Russland nutzt diese ökonomische Resilienz, um seine Kriegsmaschine zu schmieren, und stützt sich dabei zunehmend auf chinesisches Kapital, besonders bei der Erschließung der arktischen Ressourcen.
Doch die russische Kriegswirtschaft fordert nicht nur Rubel, sie fordert Menschenleben – und hier zeigt sich der Rassismus des Kremls in seiner ganzen Hässlichkeit. Um die Verluste an der Front auszugleichen, rekrutiert Moskau überproportional Männer aus den indigenen Völkern der Arktis. Gleichzeitig wurden Umweltstandards und Schutzmechanismen für diese Regionen faktisch abgeschafft; das Ökosystem wird als bloße Verfügungsmasse behandelt, um die Extraktion von Rohstoffen für den Krieg zu beschleunigen. Es ist eine doppelte Ausbeutung: Das Land wird geplündert, und seine Ureinwohner werden in den Schützengräben der Ukraine verheizt.
Der Energieterror und die physischen Folgen
In der Ukraine selbst zielt die russische Strategie darauf ab, das physische und psychische Rückgrat der Gesellschaft zu brechen. Der „Energieterror“ ist 2026 keine bloße Phrase, sondern eine tägliche, zermürbende Realität. In der Nacht zum 9. Februar startete Russland 149 Drohnen und 11 ballistische Raketen. Zwar konnte die ukrainische Luftabwehr 116 Drohnen abfangen, doch was durchkam, traf präzise: Energieanlagen in Wolyn, Schieneninfrastruktur und Gasleitungen.
Die Konsequenzen sind in den Untersuchungszimmern von Ärztinnen wie Hanna Serova in Kyiv sichtbar. Sie spricht nicht von plötzlichen Verletzungen, sondern von einer schleichenden, kumulativen Abnutzung des menschlichen Körpers. Die Kälte kriecht in die Knochen und schwächt das Immunsystem über Wochen hinweg. Serova beobachtet Phänomene, die medizinisch alarmierend sind: Selbst geimpfte Menschen erkranken schwer an Grippe, weil ihre Körper durch den Dauerstress und die Kälte keine Abwehrkräfte mehr mobilisieren können.
Hinzu kommt eine Welle von Lebensmittelvergiftungen, da die ständigen Stromausfälle die Kühlketten unterbrechen. Es ist ein stiller Gesundheitsnotstand. Wenn der Strom ausfällt, fallen auch die Sauerstoffkonzentratoren für Lungenkranke aus; wenn das Wasser stoppt, leidet die Hygiene. Russland führt hier einen Krieg gegen die Biologie der Ukrainer, gegen ihren Schlaf, ihre Konzentration und ihre Widerstandskraft.
Die innere Zerreißprobe – Mobilisierung & Moral
Diese permanente Belastung hinterlässt Spuren im gesellschaftlichen Gefüge der Ukraine. Das Land, das stolz auf seinen demokratischen Unterschied zu Russland verweist, steht vor einer Zerreißprobe. Die Mobilisierung neuer Soldaten, notwendig angesichts der russischen Übermacht, stößt zunehmend auf Reibung. Der Ombudsmann für Menschenrechte, Dmytro Lubinets, legte am 9. Februar Zahlen vor, die aufhorchen lassen: Über 6.000 Beschwerden gegen Rekrutierungsoffiziere gingen ermittelbar im Jahr 2025 ein. Das ist eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr und ein Anstieg um das 333-fache seit Beginn der Invasion.
Die Vorwürfe wiegen schwer: Menschen werden auf der Straße festgehalten, medizinische Untersuchungen werden zur Farce degradiert, Eigentum wird konfisziert. Lubinets warnt zu Recht vor einer „systemischen Krise“. Während Russland seine Soldaten wie Wegwerfware behandelt und bereits über 1,2 Millionen Mann verloren hat, muss die Ukraine den Spagat schaffen, wehrhaft zu bleiben, ohne ihre eigenen Werte zu verraten.
Doch der Preis des Widerstands ist hoch, und er wird täglich entrichtet. Der Tod einer Mi-24-Helikopterbesatzung der 11. Brigade, die von ihrer Kampfmission nicht zurückkehrte, ist nur eines der vielen tragischen Beispiele. „Sie liebten den Himmel und die Ukraine“, hieß es im Nachruf. Solche Sätze klingen poetisch, doch sie maskieren kaum den Schmerz über den Verlust erfahrener Piloten, deren Fähigkeiten in diesem Abnutzungskrieg unersetzlich sind.
Diplomatische Nebelkerzen – Das „Anchorage“-Gerücht
Auf der internationalen Bühne wird derweil ein ganz anderer Kampf geführt – einer aus Desinformation und diplomatischen Täuschungsmanövern. Der russische Außenminister Sergej Lawrow zündete jüngst eine verbale Nebelkerze, die für Unruhe sorgen sollte. Er behauptete, es habe 2025 ein geheimes „Anchorage-Abkommen“ mit den USA gegeben, das die kampflose Übergabe des gesamten Donbas an Russland vorsah. Lawrow inszeniert sich als Opfer eines amerikanischen Wortbruchs, klagt über eine „wirtschaftliche Dominanzpolitik“ und nutzt dies als Rechtfertigung für die Fortsetzung des Krieges.
Washington dementiert diese Darstellung vehement. Es gibt keine Bestätigung für solche Absprachen, und US-Quellen betonen, dass man keine territorialen Zugeständnisse von Kiew erzwingen wolle. Doch der Zweck solcher Gerüchte ist erreicht: Misstrauen zu säen. Lawrows Aussagen zielen darauf ab, einen Keil zwischen die Ukraine und ihre Unterstützer zu treiben, gerade jetzt, wo die Trump-Administration in den USA wieder im Amt ist und die geopolitischen Karten neu gemischt werden.
Als konkretes Gegenmittel zu diesen nebulösen Gerüchten wirkt die vertiefte Kooperation mit Europa. Frankreich und die Ukraine unterzeichneten am 9. Februar eine Absichtserklärung, die weit über bloße Lieferungen hinausgeht. Es geht um gemeinsame Produktion: Von der Mirage 2000 bis hin zu Langstreckenwaffen wie der SCALP und AASM Hammer. Während Moskau über imaginäre Abkommen in Alaska phantasiert, schaffen Paris und Kiew Fakten in Form von harter Währung: Rüstungsgütern.
Agentenkrieg und Attentate
Und dann gibt es noch jene Ebene des Krieges, die meist im Verborgenen bleibt, bis sie blutig an die Oberfläche bricht. Der Mordversuch an General Wladimir Alekseew, dem ersten stellvertretenden Chef des russischen Militärgeheimdienstes GRU, liest sich wie ein schlechter Spionageroman, offenbart aber die Risse im russischen Machtapparat. Der FSB präsentiert rasch eine fast zu perfekte Geschichte: Ukrainische Dienste hätten Attentäter via Telegram und familiäre Verbindungen in Polen rekrutiert.
Doch Experten zweifeln. Alekseew war eine Schlüsselfigur bei der Niederschlagung des Wagner-Aufstands 2023. Dass nun, Jahre später, Schüsse auf ihn abgefeuert werden, deutet eher auf interne Abrechnungen in den Schlangengruben Moskaus hin als auf eine komplexe Operation aus Kiew. Interessanterweise arbeitete einer der Verdächtigen für eine Firma, die Überwachungstechnologie für den FSB herstellt. In diesem Krieg der Schatten ist nichts, wie es scheint, und jeder Mordversuch ist eine Botschaft an die eigene Elite.
Die Illusion der Deadline
Wenn wir all diese Puzzleteile zusammensetzen – die Kabel in der Arktis, die frierenden Patienten in Kiew, die schmierigen Öldeals im Indischen Ozean und die diplomatischen Lügen –, entsteht das Bild eines Krieges, der sich in einer gefährlichen Dauerschleife befindet. Präsident Selenskyj mag hoffen, dass der Krieg vor dem Sommer endet, doch US-Botschafter Matthew Whitaker machte am 9. Februar klar: Es gibt keine amerikanische Deadline.
Die Realität diktiert nicht der Kalender der Diplomaten, sondern das Geschehen vor Ort. In Odesa starb in der Nacht zum 9. Februar ein Mensch, als Drohnen ein Wohnhaus und eine Gasleitung trafen. Das ist die Währung, in der dieser Krieg bezahlt wird. Chernovs Filmpreis in Hollywood ist wichtig, weil er das Gedächtnis der Welt wachhält. Aber er ändert nichts daran, dass in den Schützengräben vor Andriivka und in den kalten Wohnungen von Kiew der Überlebenskampf weitergeht – Tag für Tag, ohne Abspann.


