Der Angriff auf 2026: Wie Trump Wirtschaft, Wahlrecht und Wahrheit für den Machterhalt verbiegt

Illustration: KI-generiert

Februar 2026. In den USA herrscht eine seltsame, fast fiebrige Stimmung. Es ist ein Zustand der künstlichen Euphorie, unterlegt von einem tiefen, vibrierenden Unbehagen. Wer dieser Tage auf die amerikanische Hauptstadt blickt, sieht eine Administration, die mit dem Rücken zur Wand steht – und genau deshalb zum gefährlichsten Schlag ihrer Amtszeit ausholt.

Der politische Kalender ist unerbittlich, und er zeigt auf den November. Die Midterms, jene traditionelle Abrechnung der Wähler mit der Partei des Präsidenten, werfen ihre Schatten voraus. Doch dieses Mal ist etwas anders. Donald Trump, im zweiten Jahr seiner zweiten Amtszeit, scheint nicht gewillt, sich den üblichen Gesetzen der politischen Schwerkraft zu beugen. Stattdessen erleben wir eine dreigleisige Offensive, die in ihrer Radikalität und Rücksichtslosigkeit alles in den Schatten stellt, was Washington bisher kannte. Es ist der Versuch, die Realität durch schiere Exekutivgewalt zu beugen: Eine Wirtschaft wird unter Drogen gesetzt, die eigene Partei durch Chaos gelähmt und – was am beunruhigendsten ist – der föderale Wahlapparat durch Geheimdienste und Justizbehörden unterwandert.

Während im Weißen Haus von einem „Blockbuster“-Jahr geträumt wird, kämpfen die Bürger draußen im Land mit Preisen, die sich hartnäckig weigern, auf das Niveau der „guten alten Zeit“ zurückzukehren. Es ist ein Vabanquespiel historischen Ausmaßes. Trump setzt alles auf eine Karte, um die Kontrolle über den Kongress zu behalten – und damit seine eigene Immunität zu sichern.

Die ökonomische Doping-Strategie: Ein Rausch auf Kredit

Der Plan der Administration klingt auf dem Papier so verlockend wie riskant: Man will die Wirtschaft „heiß laufen“ lassen. Es ist der Versuch, einen Boom zu erzwingen, koste es, was es wolle. Finanzminister Scott Bessent und die Berater im Weißen Haus setzen dabei auf eine „seltene Trifecta“ aus massiven Steuergeschenken, Zinssenkungen und einer aggressiven Deregulierung.

Im Zentrum steht Trumps „one big beautiful bill“, die Verlängerung der Steuerkürzungen von 2017. Die Regierung verkauft dies als direkten Geldsegen für das Volk: Durchschnittlich fast 800 Dollar mehr sollen die Steuererstattungen in diesem Jahr betragen als noch 2024. Insgesamt werden so rund 200 Milliarden Dollar als fiskalisches Adrenalin direkt in den Kreislauf gepumpt. Doch das ist nur die Nachfrageseite.

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Gleichzeitig wird die Angebotsseite mit einer fast religiösen Inbrunst dereguliert. Trumps Team prahlt damit, Regulierungen der Biden-Ära zurückzunehmen, die die Wirtschaft angeblich eine Billion Dollar gekostet hätten. Noch tiefer greift der Plan, die Kapitalanforderungen für Banken zu senken. Die Logik dahinter ist simpel und brutal: Wenn Banken weniger Sicherheitspuffer brauchen, können sie mehr Geld verleihen – laut einer Studie bis zu 2,6 Billionen Dollar an neuen Krediten.

Das eigentliche Zauberwort, das diesen Rausch vor dem Kater bewahren soll, lautet jedoch „Künstliche Intelligenz“. Die Administration wettet darauf, dass KI-gestützte Produktivitätsgewinne die Inflation im Zaum halten, selbst wenn die Wirtschaft überhitzt. Man beschwört die Geister der späten 1990er Jahre, als das Wachstum explodierte, ohne die Preise zu treiben. Pierre Yared, der amtierende Vorsitzende des Council of Economic Advisors, betont, man stimuliere nicht die Nachfrage wie früher, sondern das Angebot, was zu „disinflationärem Wachstum“ führen soll. Es ist eine Wette auf die Zukunft, abgeschlossen mit dem Geld der Gegenwart.

Der Inflations-Geist und die Realität der Wähler

Doch Ökonomie lässt sich selten durch bloße Willenskraft diktieren. Während das Weiße Haus von Produktivitätswundern träumt, warnen Realisten vor dem bösen Erwachen. Michael Strain, ein ehemaliger Fed-Ökonom, bringt es auf den Punkt: Wenn eine Wirtschaft weit über ihrem langfristigen Potenzial wächst, erzeugt das per Definition Preisdruck. Die Gefahr ist real, dass der Investitionsboom in Datenzentren und Energie für KI die Kosten für Kapital und Ressourcen in die Höhe treibt, lange bevor die versprochenen Produktivitätsgewinne überhaupt materialisiert sind.

Die Finanzmärkte, oft der sensibelste Seismograph für kommende Erschütterungen, senden bereits Warnsignale. Zwar hat die Federal Reserve ihre Leitzinsen seit September 2024 um 1,75 Prozentpunkte gesenkt, doch die langfristigen Zinsen spielen nicht mit. Die Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen steigen, getrieben von der Angst der Investoren vor ausufernden Defiziten und einer zurückkehrenden Inflation. Die bittere Konsequenz für den Häuslebauer in Ohio oder Arizona: Die Hypothekenzinsen verharren stur über der 6-Prozent-Marke.

Noch gravierender ist die Stimmungslage der Wähler. Zwar zeigt der Konsumentenindex der Universität von Michigan leichte Verbesserungen, doch das Niveau liegt immer noch bedrückende 20 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Menschen sind unglücklich über hohe Preise und schwierige Jobaussichten. Auch wenn die Inflation im Dezember auf 2,7 Prozent gesunken ist, liegt sie damit noch immer spürbar über dem 2-Prozent-Ziel der Fed.

Für die Republikaner ist das eine existenzielle Bedrohung. Die Wähler entscheiden nicht nach makroökonomischen Theorien, sondern nach dem Gefühl an der Supermarktkasse. Und dieses Gefühl verfestigt sich Monate vor dem Wahltag. Wenn die Inflation zur Jahresmitte nicht signifikant sinkt, könnte der geplante Boom zum politischen Bumerang werden. Claudia Sahm, Chefökonomin bei New Century Advisors, warnt eindringlich: Um die Stimmung wirklich zu drehen, bräuchte Trump Wachstumszahlen von fünf oder sieben Prozent – Ziele, die selbst mit maximalem Stimulus illusorisch wirken.

Ein General ohne Truppenführung: Das politische Chaos

Während Trump versucht, die Wirtschaft auf Linie zu zwingen, scheint ihm die Kontrolle über seine eigene Partei zu entgleiten. Es ist das Paradoxon eines Anführers, der absolute Loyalität fordert, aber strategische Führung vermissen lässt. Seine Kriegskasse, die „MAGA Inc.“, ist mit über 300 Millionen Dollar prall gefüllt, doch niemand weiß, wie dieses Geld eingesetzt werden soll. Der Präsident hat bisher keinen Ausgabenplan genehmigt, was die Parteistrategen in nervöse Unruhe versetzt.

Besonders deutlich wird das Führungsversagen in Texas. Dort tobt ein brutaler und teurer Vorwahlkampf um den Senatssitz von John Cornyn. Cornyn, ein Veteran der Partei, muss sich gegen den Generalstaatsanwalt Ken Paxton verteidigen. Strategen schätzen, dass es 100 Millionen Dollar kosten könnte, den Sitz zu halten, wenn Paxton die Nominierung gewinnt, da er im allgemeinen Wahlkampf als schwächer gilt. Doch statt ein Machtwort zu sprechen, zögert Trump mit einer Unterstützung für Cornyn. Er wirkt seltsam distanziert, zitiert am Telefon Umfragen, trifft aber keine Entscheidungen.

Dieses Zögern ist symptomatisch. Anstatt die Reihen zu schließen, betreibt Trump Rachepolitik. Er rekrutiert aktiv Herausforderer gegen eigene Senatoren wie Bill Cassidy in Louisiana, einzig und allein, weil dieser ihn einst im Impeachment-Verfahren verurteilte. Senator Thom Tillis aus North Carolina warnt frustriert vor diesem „Republikaner-gegen-Republikaner“-Geldverbrennen, während man eigentlich gegen den politischen Gegenwind segeln müsste.

Die Demokraten riechen derweil Morgenluft. In den sogenannten „Generic Ballots“ und bei der Wählerregistrierung stehen die Republikaner zwar laut Trumps Team gut da, doch die Realität in den Einzelstaaten spricht eine andere Sprache. Demokratische Kandidaten sammeln in Schlüsselrennen wie Georgia und Ohio mehr Geld ein als ihre republikanischen Kontrahenten. Die knappe Mehrheit im Repräsentantenhaus wackelt bedenklich, und interne Umfragen deuten darauf hin, dass selbst sicher geglaubte Sitze in Gefahr geraten könnten.

Der kulturelle Riss – Wenn Disziplinlosigkeit zur Gefahr wird

Inmitten dieser strategischen Wirren zeigt sich, dass Trump auch im zweiten Jahr seiner zweiten Amtszeit seinen schlimmsten Impulsen nicht entkommen kann. Ein einziger Social-Media-Post genügte im Februar, um die mühsam aufgebaute Fassade der Professionalität einzureißen. Trump teilte einen Videoclip, der die Obamas in einer rassistischen Darstellung als Affen zeigte.

Die Reaktion war verheerend. Selbst engste Verbündete wie Senator Tim Scott, der einzige schwarze Republikaner im Senat, zeigten sich entsetzt und nannten den Clip „das Rassistischste, was ich je aus diesem Weißen Haus gesehen habe“. Zwar löschte das Weiße Haus den Post später und schob die Schuld auf einen unbekannten Mitarbeiter, doch der Schaden war angerichtet. Trump selbst lehnte eine Entschuldigung ab, auch wenn er die Darstellung verurteilte.

Dieser Vorfall ist mehr als nur ein medialer Aufreger. Er offenbart die Brüchigkeit von Trumps Koalition. Strategen wie Barrett Marson warnen, dass solche Ausfälle die Gewinne, die die Republikaner bei schwarzen und hispanischen Wählern erzielt haben, „bis auf die Grundmauern niederbrennen“ könnten. Es zeigt sich ein Muster: Trump beugt sich kurz dem Druck, nur um wenig später wieder in alte Verhaltensweisen zurückzufallen – so wie er einst nach Charlottesville „beide Seiten“ verantwortlich machte. In einem Wahljahr, in dem jede Stimme zählt, ist diese mangelnde Disziplin ein unkalkulierbares Risiko.

Der institutionelle Putsch – „Nationalize the Voting“

Doch während wirtschaftliche Risiken und verbale Entgleisungen Teil des bekannten Trump-Repertoires sind, vollzieht sich im Hintergrund eine weitaus düstere Entwicklung. Es ist der systematische Versuch, die Kontrolle über die Wahlen selbst an sich zu reißen. Trumps Rhetorik hat eine neue, gefährliche Qualität erreicht. Er spricht offen davon, Wahlen zu „nationalisieren“ und fordert, dass die Bundesregierung in „15 Orten“ die Kontrolle übernehmen sollte.

Was zunächst wie das übliche Poltern klingt, wird durch Taten untermauert. Das FBI beschlagnahmte Wahlunterlagen der Wahl 2020 in Fulton County, Georgia – ein Vorgang ohne Präzedenzfall. Noch beunruhigender ist die Rolle von Tulsi Gabbard, der Direktorin der nationalen Nachrichtendienste (DNI). Sie nutzt ihre Befugnisse im Bereich der Wahlsicherheit, um sich in innenpolitische Untersuchungen einzuschalten, und war sogar persönlich in Georgia vor Ort – auf Wunsch des Präsidenten. Dass eine Geheimdienstkoordinatorin, deren Fokus auf ausländischen Bedrohungen liegen sollte, nun heimische Wahlmaschinen untersucht, lässt bei Verfassungsschützern alle Alarmglocken schrillen.

Parallel dazu instrumentalisiert das Justizministerium (DOJ) seine Macht. Thomas Albus, ein Mann aus der konservativen Bewegung Missouris, leitet landesweite Untersuchungen. Das DOJ hat bereits über 20 Bundesstaaten verklagt, um die Herausgabe kompletter Wählerverzeichnisse zu erzwingen. Flankiert wird dies durch den legislativen Vorstoß des „SAVE Act“, der einen dokumentarischen Beweis der Staatsbürgerschaft (wie Pass oder Geburtsurkunde) für die Registrierung verlangt. Kritiker wie Stacey Abrams warnen, dass dies Millionen von Wählern, insbesondere Frauen, die ihren Namen geändert haben, faktisch entrechten würde. Es ist ein Lösungsvorschlag für ein Problem, das faktisch nicht existiert, da Wahlbetrug durch Nicht-Bürger eine absolute Rarität ist.

Der Vertrauensbruch – Staaten gegen Washington

Die Konsequenz dieser aggressiven Übergriffe ist ein historischer Bruch im föderalen Gefüge der USA. Die traditionelle Partnerschaft zwischen den Bundesstaaten, die laut Verfassung die Wahlen organisieren, und der Bundesregierung ist kollabiert. „Das Vertrauen“, so Shenna Bellows, die Staatssekretärin von Maine, „ist absolut zerstört“. Wahlleiter betrachten FBI und DOJ nicht mehr als Partner beim Schutz der Demokratie, sondern als Gegner, vor denen man sich schützen muss.

Die Paranoia greift um sich. In Georgia arbeiten Wahlbeamte Überstunden, um sich mit Strafverteidigern zu beraten, aus Angst, ins Fadenkreuz bundesstaatlicher Ermittlungen zu geraten. Im Bezirk Maricopa in Arizona werden Mitarbeiter aufgefordert, ihre privaten Handys auf Daten zur Wahl 2024 zu prüfen, um möglichen Vorwürfen der Justizbehinderung zuvorzukommen.

Die Angst wird durch die Rhetorik aus dem Trump-Umfeld weiter geschürt. Steve Bannon fordert in seiner Sendung offen den Einsatz der 82. Luftlandedivision an den Wahllokalen. Zwar dementiert das Weiße Haus Pläne, Einwanderungsbehörden (ICE) an den Urnen zu postieren, doch Pressesprecherin Karoline Leavitt fügte vielsagend hinzu, sie könne nicht garantieren, dass kein Agent in der Nähe sein werde. Die Botschaft ist klar: Der Staat ist präsent, und er schaut zu.

Die Weichenstellung für 2028: Demokratie als bloße Hülle?

Am Ende geht es bei diesen Midterms um weit mehr als um Sitze im Kongress. Für Trump geht es um den ultimativen Schutzschild. Er fürchtet ein erneutes Impeachment durch ein demokratisch kontrolliertes Repräsentantenhaus und will sicherstellen, dass seine Agenda bis zur Wahl 2028 nicht blockiert wird.

Die Strategie ist perfide: Wenn man die Wähler nicht mehr mit Argumenten oder wirtschaftlichen Erfolgen überzeugen kann, ändert man die Regeln des Spiels. Stacey Abrams weist zu Recht darauf hin, dass auch Autokratien Wahlen abhalten – Russland und Venezuela tun es auch. Der Unterschied liegt darin, dass das Ergebnis schon feststeht, bevor die erste Stimme abgegeben wurde.

Die USA stehen an einem Scheideweg. Die Kombination aus einer künstlich aufgeblähten Wirtschaft, die jeden Moment in eine Inflationsspirale kippen kann, und einem Exekutivapparat, der die unabhängige Durchführung von Wahlen als Bedrohung der eigenen Macht ansieht, bildet eine toxische Mischung. Wenn der ökonomische Rausch verfliegt und die Wähler im November zur Urne schreiten – oder davon abgehalten werden –, wird sich zeigen, ob die Institutionen der amerikanischen Demokratie stark genug sind, diesem konzertierten Angriff standzuhalten. Es ist, als würde man dabei zusehen, wie bei einem gigantischen Gefährt die Bremsen gelöst werden – und niemand weiß genau, wie schnell die Fahrt bergab gehen wird.

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