
Es gehört zu den gefährlichsten Ritualen der amerikanischen Gegenwart, die Worte des Präsidenten zu sezieren, in der Hoffnung, den Unterschied zwischen bloßem Lärm und drohender Katastrophe zu finden. Ist es nur das ziellose, narzisstische Raisonieren eines Mannes, der die Aufmerksamkeit liebt wie die Luft zum Atmen? Oder hören wir hier die Ouvertüre zu einem verfassungsrechtlichen Bruch, der das Fundament der Republik erschüttern könnte? Im Februar 2026, wenige Monate vor den entscheidenden Midterms, ist diese Unterscheidung obsolet geworden. Die Alarmglocken in Washington schrillen nicht mehr nur, sie dröhnen. Denn Donald Trump hat den nebulösen Bereich der Wahlkampfrhetorik verlassen. Was er fordert, ist nichts Geringeres als die administrative Enteignung der Bundesstaaten in ihrer heiligsten demokratischen Pflicht: der Durchführung von Wahlen.
Der Präsident spricht offen davon, die anstehenden Wahlen zu nationalisieren. Für jeden, der die amerikanische Verfassung auch nur flüchtig kennt, ist dies eine Absurdität. Artikel 1, Sektion 4 weist die Hoheit über Wahlen explizit den Einzelstaaten zu – eine bewusste Sicherung der Gründerväter gegen tyrannische Zentralgewalt. James Madison und Alexander Hamilton hätten sich wohl eher die Hand abgehackt, als dem Weißen Haus die Kontrolle über die Urnen zu überlassen. Doch Trump wischt diesen föderalen Konsens mit einer Handbewegung beiseite. In seiner neuen, radikalen Lesart sind die Bundesstaaten lediglich Agenten der Bundesregierung, bloße Erfüllungsgehilfen, deren Autonomie dort endet, wo seine politische Paranoia beginnt. Dies ist kein Wahlkampfmanöver mehr. Es ist der Versuch, die Architektur der Demokratie so umzubauen, dass das Ergebnis feststeht, bevor der erste Wahlzettel gedruckt ist.
Die Geografie des Misstrauens
Trumps Plan ist weder subtil noch flächendeckend; er ist chirurgisch präzise und zutiefst rachsüchtig. Wenn er von einer Übernahme der Wahlleitung spricht, meint er nicht das ganze Land. Er meint exakt jene politischen Biotope, die ihm 2020 die Gefolgschaft verweigerten. Es geht um etwa 15 spezifische Orte – die üblichen Verdächtigen in der Mythologie des MAGA-Kosmos: Detroit, Philadelphia, Atlanta. Es sind die großen, blauen Festungen, jene Städte mit hohem Anteil an Minderheiten, in denen Demokraten traditionell stark sind und die in Trumps Narrativ als Brutstätten des Betrugs gelten.

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Die Strategie dahinter ist so simpel wie perfide: Da er weiß, dass er diese urbanen Zentren nicht durch Überzeugung gewinnen kann, will er die Kontrolle über den Zählprozess erzwingen. In seiner Logik sind die Begriffe republikanische Kontrolle und Nationalisierung deckungsgleich. Er fordert, dass seine Partei die Wahlvorgänge übernimmt, gestützt auf das Argument, die Staaten seien korrupt und unfähig, ein faires Ergebnis zu liefern. Dass Bundesgerichte seine Versuche, Briefwahlen zu stoppen oder Wahlmaschinen auszutauschen, in der Vergangenheit reihenweise kassiert haben, ficht ihn nicht an. Wo die Justiz blockiert, soll nun die Exekutive mit roher Kraft durchbrechen. Es ist der Versuch, das Wahlrecht durch administrative Willkür zu ersetzen, fokussiert auf jene Bezirke, die das Zünglein an der Waage spielen könnten.
Geheimdienste als Wahlkampfhelfer
Das vielleicht beunruhigendste Novum dieses Jahres 2026 ist jedoch die Instrumentalisierung des Sicherheitsapparates. Die Intelligence Community, jene Dienste, die Amerikas Augen und Ohren gegen äußere Feinde sein sollen, werden nun nach innen gerichtet, gegen das eigene Volk. Tulsi Gabbard, die Direktorin der nationalen Nachrichtendienste, reist nicht etwa zu Krisengipfeln nach Übersee, sondern nach Fulton County, Georgia, und nach Puerto Rico.
Es ist ein Vorgang ohne historischen Präzedenzfall: Ein amerikanischer Geheimdienstchef durchkämmt lokale Wahlbüros auf der Suche nach ausländischer Einmischung, um Zugang zu rein innerstaatlichen Prozessen zu erzwingen. Die Begründungen dafür entstammen dem Sumpf längst widerlegter Verschwörungstheorien. Auf Trumps eigener Plattform Truth Social wird die Mär von italienischen Spionagesatelliten wiederbelebt, die angeblich Wahlmaschinen gehackt hätten – eine Theorie, die nun durch chinesische Finanzierung und eine Vertuschung durch das FBI angereichert wurde. Die Absurdität gipfelt darin, dass der Präsident diese Theorien verbreitet, während sein eigener Vizepräsident in Italien weilt, um der Sache angeblich auf den Grund zu gehen.
Doch es bleibt nicht bei wilden Posts in den sozialen Medien. Der Präsident greift persönlich zum Hörer, um FBI-Agenten vor Ort zu kontaktieren und sie für ihre Arbeit zu loben, während Gabbard im Hintergrund agiert. Damit wird jede unabhängige Untersuchung kontaminiert. Es ist eine Fishing Expedition mit staatlichen Mitteln: Man saugt Informationen ab, in der Hoffnung, im künstlich erzeugten Rauch irgendeinen Funken zu finden, der die Narrative von 2020 und 2022 nachträglich legitimieren könnte. Experten warnen, dass allein die Präsenz der Geheimdienste an lokalen Wahlbehörden eine Einschüchterungskulisse schafft, die den föderalen Charakter der US-Wahlen aushöhlt.
Die Ästhetik der Einschüchterung
Während die Geheimdienste die bürokratische Front bearbeiten, wird auf der Straße die Kulisse der Angst aufgebaut. Steve Bannon, Trumps einstiger Chefstratege und ewiger Einflüsterer, fungiert dabei als Vorhut des Sagbaren. Er lanciert Ideen, die so radikal sind, dass sie das politische Immunsystem testen sollen: Warum nicht die 101. Luftlandedivision an Wahllokalen stationieren? Warum nicht das Militär nutzen, um Ordnung zu garantieren?
Das Weiße Haus spielt virtuos mit diesen Bällen. Auf die konkrete journalistische Nachfrage, ob Agenten der Einwanderungsbehörde ICE an Wahllokalen patrouillieren werden, gibt es keine klare Absage, sondern nur Ausflüchte. Die Pressesprecherin nennt die Frage albern oder unaufrichtig, verweigert aber die Garantie, dass uniformierte Bundesagenten fernbleiben. Das Ziel dieser Ambivalenz ist offensichtlich: Abschreckung. In einer Zeit, in der der sogenannte SAVE Act verschärfte Nachweise der Staatsbürgerschaft bei jeder Adressänderung fordert, wirkt die bloße Möglichkeit von ICE-Präsenz an der Urne wie ein physisches Hindernis für Migranten und eingebürgerte Minderheiten.
Es ist ein koordiniertes Spiel: Bannon und Aktivisten wie Laura Loomer werfen die extremsten Szenarien in den Äther, der Präsident greift sie auf, und die offizielle Sprecherin des Weißen Hauses normalisiert sie durch Nicht-Dementis. Die Botschaft an den demokratischen Wähler ist unmissverständlich: Das Wahllokal ist kein sicherer Ort mehr. Es ist ein Ort der Überwachung, der potenziellen Konfrontation mit Staatsgewalt.
Die Panik vor der blauen Welle
Warum dieser radikale Aufwand? Warum jetzt? Die Antwort liegt nicht in der Stärke des Präsidenten, sondern in seiner fundamentalen Schwäche. Hinter den Kulissen der Macht herrscht nackte Angst vor den Midterms. Die jüngsten Wahlergebnisse erzählen eine Geschichte, die Trump nicht hören will, die aber in den Fluren des West Wing für Panik sorgt: Verluste in New Jersey, Verluste in Virginia und ein geradezu seismischer Schock in Texas. Dort fiel ein Distrikt, der seit 1978 sicher republikanisch war, mit einem dramatischen 31-Punkte-Swing an die Demokraten.
Die politischen Berater drängen den Präsidenten inständig, über die Wirtschaft zu sprechen, Erfolge zu verkaufen, Optimismus zu verbreiten. Doch Trump ist dazu psychologisch kaum in der Lage. Er ist gefangen in der Retrospektive. Beim National Prayer Breakfast gab er einen seltenen, fast tragischen Einblick in sein Seelenleben, als er in Bezug auf eweige Wahlniederlagen zugab: Ich musste gewinnen. Ich brauchte es für mein eigenes Ego.
Statt Politik zu gestalten, verliert sich der Präsident in Obsessionen um sein Vermächtnis. Er will seinen Namen auf dem Penn Station in New York und dem Dulles Airport in Washington sehen – Projekte, für die er bereit ist, Milliarden an bereits bewilligten Infrastrukturgeldern als Geiseln zu nehmen. Er blockiert Tunnelprojekte, um Senator Schumer zu erpressen, und ignoriert dabei, dass solche Egotrips politisch oft nach hinten losgehen. Diese fast monarchische Fixierung auf Namensgebungen und Porträts im Weißen Haus zeigt einen Führer, der sich von den realen Sorgen der Wähler entkoppelt hat. Er spürt, dass die Umfragen keine republikanische Mehrheit hergeben, und baut deshalb vor. Er bereitet den Boden, um bei einer Niederlage sofort Betrug schreien zu können. Fatalismus paart sich hier mit Aggression.
Der Fall der Brandmauern
Wer darauf hofft, dass die Institutionen wie 2020 standhalten, macht sich Illusionen. Die Personaldecke hat sich dramatisch verändert. Damals drohte die gesamte Führungsebene des Justizministeriums mit Rücktritt, als Trump die Wahl kippen wollte. Heute sind diese Posten mit Loyalisten besetzt. Der Generalstaatsanwalt und die Geheimdienstkoordinatorin führen aus, was der Präsident wünscht – ohne Widerrede. Wo einst Figuren wie Bill Barr zumindest eine Grenze zogen, stehen heute Erfüllungsgehilfen bereit.
Auch die mediale Landschaft bietet kaum noch Schutz. Die Washington Post, einst stolzes Bollwerk unter dem Motto Democracy Dies in Darkness, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Nach der Entlassung von 300 Mitarbeitern und dem opportunistischen Kurswechsel ihres Besitzers Jeff Bezos, der im Angesicht sinkender Umfragewerte vor Trump einknickte und kritische Editorials stoppte, sprechen Beobachter von einer existenziellen Bedrohung für das Blatt. Wenn die vierte Gewalt schweigt oder ausblutet und die Justiz zur Waffe der Exekutive wird, wer bleibt dann noch, um den administrativen Putsch zu stoppen?
Jenseits des Wahltags
Was wir erleben, ist die Vorbereitung eines Szenarios, in dem das Votum der Wähler irrelevant wird. Donald Trumps Strategie für 2026 zielt nicht darauf ab, mehr Stimmen zu gewinnen. Sie zielt darauf ab, den Prozess der Stimmenauszählung zu diskreditieren und, wo möglich, physisch zu übernehmen. Durch die Vermischung von wilden Verschwörungstheorien, staatlicher Autorität und der Androhung polizeilicher Gewalt schafft er ein Klima, in dem jede demokratische Niederlage als Beweis für Korruption umgedeutet werden kann.
Die Tragik liegt darin, dass selbst seine eigenen Berater wissen: Diese Strategie könnte nach hinten losgehen. Schon einmal, in den Runoff-Wahlen in Georgia, kostete Trumps Gerede von manipulierten Wahlen die Republikaner zwei Senatssitze, weil seine Wähler demotiviert zu Hause blieben. Doch Trump, getrieben von Ego und Rache, scheint unfähig zur Kurskorrektur. Er setzt alles auf eine Karte: Wenn er das Spiel nicht nach den Regeln gewinnen kann, tritt er das Spielbrett um – und nennt es Nationalisierung. Die amerikanische Demokratie steht vor einem Stresstest, den sie in dieser Form noch nie bestehen musste.


