Der Verrat des Mäzens: Wie Jeff Bezos die „Washington Post“ der Macht opfert

Illustration: KI-generiert

Es gibt Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis brennen, weil sie die Absurdität einer Epoche in einer einzigen Szene verdichten. Lizzie Johnson, Reporterin der Washington Post, sitzt auf dem Rücksitz eines Autos in der Ukraine. Draußen herrscht Krieg. Sie hat keinen Strom, keine Heizung, kein fließendes Wasser. Sie schreibt ihren Bericht mit einem Bleistift, weil die Tinte in ihren Kugelschreibern gefroren ist. Sie ist dort, um Zeugnis abzulegen, um Licht in die dunkelsten Ecken der Weltpolitik zu bringen. Doch während sie frierend ihre Arbeit verrichtet, erreicht sie eine Nachricht aus der warmen, gut ausgeleuchteten Zentrale in Washington, D.C. Es ist eine E-Mail. Der Betreff entscheidet über ihr Schicksal. Lizzie Johnson erfährt in diesem Moment, mitten im Kriegsgebiet, dass ihre Stelle gestrichen wurde.

Sie ist nicht allein. Johnson ist eine von 300 Journalistinnen und Journalisten, die in diesen Tagen von einer Institution vor die Tür gesetzt werden, die einst als unantastbares Bollwerk der Demokratie galt. Der Slogan „Democracy Dies in Darkness“ – „Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit“ –, der seit 2017 unter dem Zeitungskopf jeder Ausgabe prangt, liest sich heute nicht mehr wie eine Warnung. Er liest sich wie eine zynische Arbeitsanweisung des Eigentümers. Jeff Bezos, der Multimilliardär, der die Washington Post 2013 kaufte und damals eine goldene Ära versprach, hat sich entschieden, das Licht auszuschalten. Was wir erleben, ist nicht einfach ein Sparprogramm. Es ist die systematische Entkernung einer der wichtigsten Zeitungen der Welt, vollzogen am helllichten Tag.

Anatomie eines Massakers

Man muss die Dimension dessen verstehen, was hier geschehen ist, um nicht dem Trugschluss zu verfallen, es handle sich um normale unternehmerische Anpassungsprozesse. Ein Drittel der redaktionellen Belegschaft wurde ausgelöscht. Es ist ein Kahlschlag, der mit der Präzision und Empathielosigkeit eines Algorithmus exekutiert wurde. In einem Zoom-Call, der an Kälte kaum zu überbieten war, verkündete Chefredakteur Matt Murray das Ende einer Ära, während die Betroffenen darauf warteten, ob in ihrem Posteingang die E-Mail mit dem Betreff „Your role is eliminated“ landen würde.

Nichts blieb verschont. Das Sportressort, über Jahrzehnte Heimat legendärer Autoren und fester Bestandteil der Washingtoner Identität, wurde schlichtweg abgeschafft. Wer wissen will, wie die lokalen Teams spielen oder welche gesellschaftliche Relevanz der Sport hat, wird in der Post keine Antworten mehr finden. Das Literaturressort „Book World“, ein kultureller Leuchtturm, der Sonntagsausgaben über Jahrzehnte prägte? Gestrichen.

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Noch gravierender ist der Rückzug aus der Welt. Wer glaubt, Amerika ziehe sich unter der neuen Administration politisch zurück, sieht diesen Isolationismus in der Post bereits vorweggenommen. Die Büros im Nahen Osten, in einer der volatilsten Regionen der Welt? Geschlossen. Alle Korrespondenten und Redakteure entlassen. Die Berichterstattung aus Indien, Australien und selbst aus Berlin wird massiv reduziert oder ganz eingestellt. Es ist eine provinzielle Schrumpfung. Die Washington Post, die einst den Anspruch hatte, die Welt zu erklären, begnügt sich nun damit, nur noch Fragmente davon abzubilden. Man kann nicht Leuchtturm sein, wenn man die Glühbirne herausschraubt.

Das wirtschaftliche Alibi und die Realität des Reichtums

Die offizielle Begründung für diese Zerstörung ist so alt wie der korporative Kapitalismus selbst: Es fehle am Geld. Man habe „zu lange zu viel Geld verloren“, argumentiert die Führung um Murray und den britischen CEO William Lewis. Tatsächlich soll die Zeitung im Jahr 2024 rund 100 Millionen Dollar Verlust gemacht haben. In der Welt normaler Unternehmen wäre das ein Alarmzeichen. Doch die Washington Post gehört keinem normalen Unternehmen. Sie gehört einem Mann, dessen Vermögen sich auf fast 250 Milliarden Dollar beläuft.

Hier entlarvt sich die Scheinheiligkeit der Argumentation. Für Jeff Bezos entspricht der Jahresverlust der Post in etwa dem, was er in einer einzigen Woche verdient. Es ist eine Rundungsdifferenz in seinem Imperium. Noch grotesker wird das Sparargument, wenn man betrachtet, wofür Bezos durchaus bereit ist, Geld auszugeben. Fast zeitgleich zu den Entlassungen investierte sein Konzern Amazon rund 75 Millionen Dollar in die Produktion und Vermarktung einer Dokumentation über Melania Trump. Für einen PR-Film über die Frau des Präsidenten ist Geld da – fast so viel, wie der gesamte Jahresverlust der Zeitung beträgt. Für Reporter, die unter Lebensgefahr aus der Ukraine berichten, offenbar nicht.

Der Verweis auf die schwierige Marktlage ist zudem faktisch widerlegbar. Der große Konkurrent, die New York Times, zeigt, dass Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter profitabel sein kann. Die Times hat ihr Personal im letzten Jahrzehnt verdoppelt und floriert, weil sie investiert hat – in Spiele, in Kochrezepte, aber vor allem in Journalismus. Die Krise der Post ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen. Sie ist hausgemacht.

Der Wendepunkt: Vorauseilender Gehorsam

Der eigentliche Grund für den Niedergang ist nicht in der Bilanzbuchhaltung zu suchen, sondern im Rückgrat des Eigentümers. Und dieses Rückgrat erwies sich im entscheidenden Moment als erschreckend flexibel. Der Sündenfall ereignete sich im Vorfeld der US-Wahl 2024. Traditionell spricht die Post Wahlempfehlungen aus. Eine Empfehlung für Kamala Harris war bereits verfasst, lag bereit zum Druck. Doch sie erschien nie. Jeff Bezos persönlich blockierte die Veröffentlichung.

Er begründete dies mit der Sorge um die Wahrnehmung von Unparteilichkeit. Doch die Leserschaft durchschaute das Manöver sofort als das, was es war: Feigheit vor dem kommenden Machthaber. Es war eine Unterwerfung, noch bevor die erste Stimme ausgezählt war. Die Reaktion war verheerend. Über 200.000, nach manchen Schätzungen bis zu 250.000 Abonnenten, kündigten ihre Verträge.

Wenn Chefredakteur Murray nun behauptet, man habe zu lange aus einer Perspektive berichtet und damit Kunden vergrätzt, verdreht er die Kausalität auf zynische Weise. Die Leser flohen nicht, weil die Post zu kritisch war. Sie flohen, weil sie ihren eigenen Eigentümer dabei beobachteten, wie er die Werte der Zeitung verriet. Ex-Chefredakteur Martin Baron nannte es treffend eine Fallstudie in fast sofortiger, selbstverschuldeter Markenzerstörung. Die Post verlor nicht an Relevanz, weil sie ihre Arbeit machte, sondern weil ihr Besitzer sie daran hinderte.

Ideologische Säuberung: „Freie Märkte“ statt freier Presse

Doch Bezos begnügte sich nicht damit, eine Wahlempfehlung zu stoppen. Was folgte, war der Versuch einer ideologischen Umpolung. Anfang 2025 ordnete er an, dass die Meinungsseiten der Zeitung sich künftig primär auf persönliche Freiheiten und freie Märkte konzentrieren sollten. Das klingt harmlos liberal, ist aber in der Praxis ein Maulkorb für jede Kritik, die dem libertären Weltbild des Silicon Valley oder der Agenda der Trump-Regierung widerspricht.

Die Folgen waren sofort spürbar. Kritische Stimmen wurden unterdrückt. Eine Karikatur der Pulitzer-Preisträgerin Ann Telnaes, die Bezos zeigte, wie er sich vor Trump verneigt, wurde von der Redaktionsleitung abgelehnt – Telnaes kündigte aus Protest. Auch eine Kolumne der renommierten Journalistin Ruth Marcus, die den Eigentümer kritisieren wollte, durfte nicht erscheinen.

Der Umbau des Meinungsressorts zielt darauf ab, die Zeitung politisch unschädlich zu machen. Es geht nicht um Meinungsvielfalt, wie oft behauptet wird. Es geht um Konformität. Bezos, der sich vom scharfen Kritiker Trumps zu dessen Unterstützer gewandelt hat, formt die Post nach seinen Bedürfnissen. Und diese Bedürfnisse sind rein geschäftlicher Natur. Er braucht das Wohlwollen des Weißen Hauses für Amazon, für seine Raketenfirma Blue Origin, für Regierungsaufträge. Die Washington Post ist dabei nur noch Verhandlungsmasse. Sie wurde entzahnt, damit sie nicht beißt, wenn der Präsident ihr die Hand tätschelt.

Pay-to-Play: Der Preis der Unterwerfung

Das Muster ist so transparent, dass es schmerzt. Man sieht Bezos bei der Amtseinführung von Donald Trump in der ersten Reihe sitzen, umgeben von anderen Tech-Milliardären. Man sieht den grotesk überteuerten Deal für die Melania-Trump-Doku, bei dem 40 Millionen Dollar Produktionskosten und 35 Millionen Dollar Marketingbudget fließen – Summen, die in keinem Verhältnis zu einem möglichen wirtschaftlichen Ertrag stehen. Es wirkt wie eine verdeckte Parteispende, wie ein Tribut an den neuen König.

Während Bezos diese Millionenbeträge freihändig verteilt, um sich politischen Einfluss und Sicherheit zu erkaufen, lässt er seine eigene Redaktion ausbluten. Er nimmt den Tod des Blattes nicht nur in Kauf; er befördert ihn aktiv. Es ist ein Tauschgeschäft: Die Integrität einer 150 Jahre alten Institution gegen die Sicherheit seiner Lagerhallen und Rechenzentren. Die Journalisten, die nun ihre Büros räumen müssen – sofern sie überhaupt noch welche hatten –, sind die Kollateralschäden dieses Deals.

Der Staat greift zu

Wie gefährlich eine derart geschwächte Presse ist, zeigt sich bereits. Wenn eine Zeitung ihre Zähne verliert, wird sie zum leichten Opfer. Mitten in dieser Phase der inneren Zersetzung durchsuchten FBI-Agenten die Privaträume der Post-Reporterin Hannah Natanson. Sie beschlagnahmten Laptop und Smartphone, angeblich auf der Suche nach Informationen über einen Verdächtigen. Es ist ein eklatanter Bruch des Informantenschutzes und ein Angriff auf die Pressefreiheit.

In Zeiten, in denen der US-Präsident Journalisten als Feinde des Volkes bezeichnet und sie öffentlich beleidigt, bräuchte es eine starke, geschlossene Redaktion und einen verlegerischen Rückhalt, um solchen staatlichen Übergriffen zu begegnen. Stattdessen findet das FBI eine Redaktion vor, die mit sich selbst beschäftigt ist, die dezimiert und demoralisiert ist. Ein Eigentümer, der vorauseilend den Kopf einzieht, lädt den Staat geradezu ein, noch weiter zu gehen. Die Schwäche der Post ist kein internes Problem; sie ist ein Sicherheitsrisiko für die amerikanische Demokratie.

Das Ende des „Tech-Retter“-Mythos

Der Fall der Washington Post ist mehr als eine Tragödie eines einzelnen Blattes. Er markiert das endgültige Scheitern eines Modells, auf das die Medienbranche jahrelang hoffte: den Milliardär als Retter. Das Narrativ lautete, dass reiche Gönner den Journalismus vom Joch des Marktes befreien würden. Bezos wurde anfangs genau so gesehen. Doch die Realität zeigt nun das hässliche Gegenteil.

Wir sehen es überall. Elon Musk kaufte Twitter und verwandelte es in eine Echokammer für Desinformation. David Ellison baut CBS um und füllt den Sender mit Influencern. Auch in Deutschland versuchen IT-Millionäre und Unternehmer, sich Medienimperien zu kaufen, oft um politische Agenda zu betreiben oder Eitelkeiten zu pflegen.

Für diese Tech-Oligarchen ist Journalismus nichts anderes als eine Ansammlung von Ineffizienzen, die es zu fixen gilt. Sie verstehen den Wert redaktioneller Arbeit nicht, die teuer, zeitaufwendig und oft unbequem ist. Sie sehen Medien als Spielzeuge oder Werkzeuge für Einfluss. Und wenn das Spielzeug kaputtgeht oder politisch zu teuer wird, werfen sie es weg wie zerkauten Plastikmüll.

Die letzte Dunkelheit

Was bleibt, ist eine bittere Erkenntnis. Die Washington Post, die Watergate aufdeckte und die Pentagon-Papiere publizierte, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie mag als Marke weiter existieren, vielleicht als Lifestyle-Magazin oder als Aggregator von Agenturmeldungen. Aber die lebende, atmende Redaktion, die den Mächtigen auf die Finger schaut, stirbt gerade.

Die Zukunft des unabhängigen Journalismus kann nicht in den Händen von Multimilliardären liegen, deren Geschäftsinteressen immer schwerer wiegen werden als die Wahrheit. Medien, die ihren Mitarbeitern gehören oder von ihren Lesern finanziert werden – seien es Genossenschaften oder Stiftungsmodelle –, sind die einzigen, die wirklich frei sind.

Für die Washington Post kommt diese Einsicht zu spät. Der Slogan „Democracy Dies in Darkness“ war einst eine Mahnung an die Welt. Heute ist er der Epitaph auf dem Grabstein der Zeitung selbst. Und während in Washington die Lichter ausgehen, friert in der Ukraine die Tinte weiter ein. Nur dass es bald niemanden mehr geben wird, der das Geschriebene noch druckt.

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