Der Pakt der Unberührbaren: Wie die neuen Epstein-Akten die europäische Elite entblößen

Illustration: KI-generiert

Es ist der 1. Februar 2026. Das US-Justizministerium öffnet die Schleusen und flutet die Öffentlichkeit mit drei Millionen Seiten, Tausenden Videos und über 100.000 Fotos. Was als juristische Aufarbeitung eines Sexualstrafskandals begann, hat sich über Nacht in eine geopolitische Systemkrise verwandelt, deren Epizentrum sich dramatisch über den Atlantik verschiebt. Die neuen Akten sind keine bloße Sammlung schmutziger Wäsche; sie sind das Autopsieprotokoll einer westlichen Führungskaste, die ihre moralische Immunität für unantastbar hielt.

Wenn man vor dem Townhouse in der 71. Straße der Upper East Side steht, blickt man auf eine Fassade von mondäner Unschuld. Sieben Etagen, schweres Eichenportal, der Anschein eines gediegenen Landsitzes inmitten von Manhattan. Doch die nun veröffentlichten Bilder aus dem Inneren dieses Hauses zerstören endgültig die Legende vom exzentrischen Finanzgenie Jeffrey Epstein. Sie offenbaren eine Architektur des Grauens, die jedem Besucher hätte ins Auge springen müssen.

Der Kontrast zwischen der bürgerlichen Außenhaut und der verkommenen Realität im Inneren könnte nicht schreiender sein. Es ist, als hätten Edgar Allan Poe und Stanley Kubrick gemeinsam die Inneneinrichtung entworfen. Wer das Foyer betrat, wurde von einer Serie gerahmter, künstlicher Augäpfel angestarrt. Im Arbeitszimmer thronte ein ausgestopfter Tiger, in den Salons hingen Gemälde entstellter Männerköpfe. Doch das vielleicht verstörendste Symbol dieser „Haunted House“-Atmosphäre ist eine Frauenfigur im Hochzeitskleid, die an einem Stahlseil leblos zwischen den Stockwerken baumelt.

Dies war keine bloße Geschmacksverirrung eines Neureichen. Es war eine offene Inszenierung. Auf Epsteins Schreibtisch lag Marquis de Sades „Justine“. Jener Roman von 1791, in dem ein Waisenmädchen hinter den ehrwürdigen Mauern von Klöstern und Schlössern immer wieder Opfer von Ausschweifung und Gewalt wird. Epstein hatte den Hinweis, in welcher Tradition er sich sah, für alle sichtbar drapiert. Von der Puppe am Galgen führte ein direkter Weg zu den realen Frauen auf den Massageliegen in den oberen Etagen. Und dennoch gingen sie alle ein und aus: Präsidenten, Prinzen, Premierminister. Die neuen Akten belegen, dass diese Elite nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen dieses transgresiven Ambientes die Nähe zum Täter suchte – selbst als dieser längst als Sexualstraftäter verurteilt war.

Skandinavische Kernschmelze (I) – Die Kronprinzessin

Der vielleicht tiefste Fall, den die Dokumente protokollieren, ereignet sich derzeit im hohen Norden. Norwegen, das sich gerne als moralische Supermacht inszeniert, blickt in den Abgrund seiner Monarchie. Im Zentrum steht Kronprinzessin Mette-Marit, deren Name in den Akten nicht nur als Randnotiz, sondern Hunderte Male auftaucht. Die nun lesbaren E-Mails zeichnen das Bild einer erschütternden Banalität des Bösen. Zwischen 2011 und 2014, Jahre nach Epsteins erster Verurteilung und Haftstrafe, unterhielt die künftige Königin eine Korrespondenz von irritierender Intimität mit dem registrierten Sexualstraftäter.

Der Tonfall ist vertraut, fast kumpelhaft. Als Epstein ihr schreibt, er sei in Paris auf der „Jagd nach einer Ehefrau“, aber Skandinavierinnen seien ihm lieber, antwortet die Kronprinzessin in einem Duktus, der eher nach einer zynischen Büro-Affäre klingt als nach royaler Würde: „Paris ist gut für Untreue, Skandinavien besser für Ehefrauen“. Sie nennt den Mann, der Minderjährige missbrauchte, „weichherzig“ und „so ein Schatz“. Sie unterschreibt mit „Love, Mm“ und gesteht: „Du bringst mich immer zum Lächeln, weil du mein Gehirn kitzelst“.

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Es gibt in diesen Akten keinen Raum für die Ausrede der Unwissenheit. Am 23. Oktober 2011 schreibt Mette-Marit an Epstein, sie habe ihn nach der letzten Mail gegoogelt. Ihr Fazit: „Stimme zu, es sieht nicht besonders gut aus“ – garniert mit einem Smiley. Sie wusste es. Und sie blieb. 2013 besuchte sie ihn für vier Tage in seinem Haus in Palm Beach und schrieb danach, sie habe „schon lange nicht mehr so viel Frieden gespürt“.

Doch das verstörendste Detail dieser Korrespondenz wirft einen dunklen Schatten auf die Gegenwart. In einer Mail fragt die Kronprinzessin den Sexualstraftäter allen Ernstes um Erziehungsrat: Ob es „unangemessen“ sei, wenn sie ihrem damals 15-jährigen Sohn als Bildschirmschirmhintergrund zwei nackte Frauen vorschlagen würde, die ein Surfbrett tragen. Jener Sohn ist Marius Borg Høiby. Und das Schicksal entbehrt nicht einer grausamen Ironie.

Skandinavische Kernschmelze (II) – Der Sohn und der Untergang

Während die Mutter in den Epstein-Akten als Vertraute eines Missbrauchsrings enttarnt wird, steht genau dieser Sohn, Marius Borg Høiby, heute, am 3. Februar 2026, in Oslo vor Gericht. Die Anklage wiegt schwer: In 38 Punkten wird ihm unter anderem die Vergewaltigung von vier Frauen vorgeworfen. Er soll seine Opfer im Schlaf missbraucht und die Taten gefilmt haben.

Die Ereignisse überschlagen sich in einer Weise, die das norwegische Königshaus in seinen Grundfesten erschüttert. Erst am Sonntagabend, nur Stunden vor Prozessbeginn, wurde der 29-Jährige erneut festgenommen. Wieder geht es um Gewalt, diesmal um Körperverletzung und die Bedrohung mit einem Messer. Ein Richter ordnete vier Wochen Untersuchungshaft an. Marius Borg Høiby wird aus der Zelle in den Gerichtssaal 250 des „Oslo Tinghus“ geführt.

Es ist das Bild einer totalen moralischen Verwahrlosung. Der Sohn, der einst auf dem Schlossbalkon in die Herzen der Nation lächelte, ist zu einem Mann geworden, der Frauen in den Schwitzkasten nimmt, bis ihnen die Luft wegbleibt, und der laut eigenen Angaben unter dem Einfluss von Kokain und Alkohol handelte. Währenddessen entzieht sich seine Mutter der Öffentlichkeit durch eine „private Reise“. Die Monarchie, einst Symbol für Stabilität und Anstand, wirkt dysfunktional. In Umfragen stürzt die Zustimmung ab, Jugendverbände fordern offen die Abschaffung des „Irrenhauses“. Die Frage der Zeitung „Aftenposten“ hallt laut durch das Land: Kann eine Frau mit diesem Urteilsvermögen noch Königin werden?

London Calling – Staatsgeheimnisse als Währung

Doch der Sumpf beschränkt sich nicht auf Skandinavien. In Großbritannien zeigen die Akten, wie sich die Epstein-Affäre von einem gesellschaftlichen Skandal zu einer Frage der nationalen Sicherheit ausweitet. Im Zentrum steht Peter Mandelson, der Architekt von New Labour, Baron und bis vor kurzem britischer Botschafter in Washington. Sein Rücktritt aus der Partei und dem Oberhaus, um „weitere Peinlichkeiten“ zu ersparen, wirkt wie ein hastiges Rückzugsgefecht vor der juristischen Lawine.

Die Vorwürfe wiegen schwerer als bloße moralische Verfehlungen. Mandelson wird verdächtigt, sensible Regierungsinformationen als Währung im Austausch für Epsteins Gunst eingesetzt zu haben. Die Akten legen nahe, dass er 2009 interne Regierungsberichte über die britische Strategie nach der Finanzkrise an Epstein übermittelte. Noch brisanter: 2010 informierte er den Finanzier vorab darüber, dass ein 500-Milliarden-Euro-Rettungspaket der Eurozone fast besiegelt sei – marktrelevantes Insiderwissen von unschätzbarem Wert.

Was bekam er dafür? Die Dokumente zeigen Überweisungen von Epstein in Höhe von 75.000 Dollar an Konten, die mit Mandelson oder dessen Lebensgefährten Reinaldo Avila da Silva verbunden waren. Mandelson flüchtet sich in die klassische Amnesie der Ertappten: Er habe „keine Aufzeichnungen“ und könne sich „nicht erinnern“. Doch die Nähe war nicht nur finanzieller Natur. Nach Epsteins Haftentlassung riet Mandelson dem Sexualstraftäter, seine Reputation mit Taktiken aus Sun Tzus „Die Kunst des Krieges“ wiederherzustellen. Ein britischer Staatsmann als PR-Berater des Teufels.

Die royale Resterampe – Fergie, Andrew und die anderen

Auch der Rest der britischen High Society nutzte Epstein offenbar als Mischung aus Bankomat und Beichtvater. Sarah Ferguson, die Herzogin von York, bettelte in E-Mails regelrecht um Almosen. „Ich brauche heute dringend 20.000 Pfund für die Miete. Irgendwelche Ideen?“, schrieb sie an den Mann, den sie als „den Bruder, den ich mir immer gewünscht habe“, bezeichnete. Die Konsequenz dieser Enthüllungen ist die sofortige Schließung ihrer Wohltätigkeitsorganisation „Sarah’s Trust“.

Noch tiefer sinkt ihr Ex-Mann, Prinz Andrew. Die neuen Akten enthalten Fotos, die ihn in grotesken Posen zeigen – auf allen Vieren über eine Frau gebeugt, die Hand auf ihrem Bauch. Ihm wurden bereits alle Titel entzogen, doch die neuen Bilder zementieren das Bild eines Mannes, der jede royale Würde verspielt hat. Und dann ist da Richard Branson, der Epstein 2013 auf seine Privatinsel Necker Island einlud. Die Bedingung, formuliert in einem Altherrenwitz, der heute im Halse stecken bleibt: „solange Du Deinen Harem mitbringst“.

Transatlantische Netzwerke – Helikopter, Oligarchen und Sport

Die Akten offenbaren, wie sehr Epstein auch nach seiner Verurteilung 2008 fester Bestandteil des transatlantischen Machtgefüges blieb. Es ist eine Welt, in der US-Militärgerät für Urlaubsgrüße missbraucht wird. Tom Pritzker, Hyatt-Erbe und Milliardär, schrieb Epstein 2011 aus einem abgelegenen Dorf in Afghanistan. Er sei dort mit „boys with toys“ (Jungs mit Spielzeug) unterwegs – gemeint waren offenbar Soldaten und schweres Gerät – und habe sich von General David Petraeus, dem damaligen Oberbefehlshaber, zwei Hubschrauber geliehen. Eine bizarre Machtdemonstration per E-Mail an einen verurteilten Straftäter.

Auch die Sportwelt ist betroffen. Todd Boehly, das Gesicht hinter dem FC Chelsea und den LA Dodgers, ließ sich 2011 gleich zweimal Treffen mit Epstein vermitteln, um Peter Mandelson in geschäftliche Deals einzubinden. Tech-Mogul Elon Musk erkundigte sich per Mail nach der „wildesten Party“ auf Epsteins Insel. Und der Filmproduzent Steven Tisch diskutierte mit Epstein über ein „Ukrainisches Mädchen“ mit der kühl kalkulierenden Frage: „Profi oder Zivilistin?“.

Über allem schwebt der Schatten von Donald Trump. Zwar liefern die neuen Akten bisher keinen juristischen „Smoking Gun“ für persönliches Fehlverhalten des US-Präsidenten, und viele Seiten sind geschwärzt oder fehlen. Doch die Frage, ob die US-Justiz ihn durch diese Eingriffe schützt, bleibt ein politischer Dauerbrenner, der seine Präsidentschaft belastet.

Das Testament – Wer erbt die Millionen?

Vielleicht am aufschlussreichsten für das Verständnis dieser Parallelgesellschaft ist der Blick auf das Geld. Am 8. August 2019, nur Tage vor seinem Tod, unterzeichnete Epstein den „1953 Trust“. Es ist das finanzielle Vermächtnis eines Mannes, der wusste, dass sein Ende naht. Hauptbegünstigte ist seine Verlobte Karyna Shuliak, die neben Immobilien und Diamanten stolze 100 Millionen Dollar erhalten soll. Seine Anwälte und Buchhalter, Indyke und Kahn, sicherten sich als Vollstrecker 50 beziehungsweise 25 Millionen Dollar.

Doch inmitten dieser Zahlen taucht eine Verbindung auf, die erneut nach Norwegen führt. Die Kinder von Mona Juul, einer der bekanntesten Diplomatinnen des Landes, und ihres Mannes Terje Rød-Larsen, stehen als Erben einer Summe von bis zu 10 Millionen Dollar im Testament. Juul wurde sofort von ihrem Posten suspendiert. Warum bedenkt ein US-Sexualstraftäter die Kinder einer norwegischen Botschafterin mit einem Vermögen? Es ist eines der vielen Rätsel, die zeigen, wie tief die Verflechtungen reichten. Selbst Ghislaine Maxwell, Epsteins Komplizin, wurde im letzten Willen noch mit 10 Millionen Dollar bedacht.

Politische Schockwellen in Europa: Von Bratislava bis zum Osloer Nobelkomitee

Die Detonationen der „Epstein Files 2026“ beschränken sich nicht auf royale Indiskretionen; sie destabilisieren Regierungen und korrumpieren Institutionen, die als moralisches Gewissen Europas gelten. Ein Brennglas dieser Erosion ist die Slowakei. Dort musste Ex-Außenminister Miroslav Lajčák – ein Mann, der von 2017 bis 2018 immerhin als Präsident der UN-Generalversammlung amtierte – als Regierungsberater zurücktreten. Die veröffentlichten Chatprotokolle enthüllen einen Tauschhandel von atemberaubendem Zynismus: Epstein bot dem Diplomaten junge Frauen an („wahrscheinlich zu jung für dich“), woraufhin Lajčák prahlte: „Du hast mich nicht in Action erlebt“. Im Gegenzug offerierte der Diplomat dem Sexualstraftäter das, was dieser am meisten begehrte: politischen Zugang, in diesem Fall zu Premierminister Robert Fico. Lajčáks jetzige Behauptung, er stehe „unter Schock“, wirkt angesichts der Dokumentenlage wie Hohn.

Noch tiefer reicht der Sumpf in Norwegen, wo nicht nur das Königshaus, sondern auch die politische Elite kompromittiert erscheint. Die Akten werfen ein grelles Licht auf Thorbjørn Jagland, den ehemaligen Ministerpräsidenten und langjährigen Vorsitzenden des Friedensnobelkomitees. Während er als Generalsekretär des Europarates über Demokratie und Menschenrechte wachte, ließ er sich laut Medienberichten Hotelaufenthalte von Epstein im Voraus bezahlen und besuchte dessen Anwesen in Florida. Besonders brisant: Jagland diskutierte mit Epstein über Kontakte nach Russland, während er gleichzeitig im Europarat durch eine auffällige Nachsicht gegenüber dem Kreml auffiel. Hier verknüpft sich der Missbrauchsskandal potenziell mit geopolitischer Einflussnahme.

Auch Børge Brende, ehemaliger Außenminister und heutiger Präsident des Weltwirtschaftsforums (WEF), gerät in Erklärungsnot. Die Akten belegen Treffen mit Epstein in New York in den Jahren 2018 und 2019 – also ein Jahrzehnt nach Epsteins erster Verurteilung. Brendes frühere Aussage, er habe „nie etwas zu tun gehabt“ mit dem Mann, ist damit als Lüge entlarvt. In Frankreich schließlich räumte der ehemalige Kulturminister Jack Lang Verbindungen ein, nachdem auch der Name seiner Tochter in den Papieren auftauchte. Es zeigt sich ein Muster: Epstein war für die europäische Elite kein Pariah, sondern ein geschätzter Makler, dessen Netzwerk bis in die Herzkammern der Demokratie reichte.

Die Kammerdiener der Moralität

Wenn Hegel davon sprach, dass es für den Kammerdiener keinen Helden gibt, weil dieser den Helden nur beim Essen, Trinken und Kleiden sieht, dann erleben wir gerade eine perverse Umkehrung dieses Prinzips. Die Weltöffentlichkeit blickt wie ein kollektiver Kammerdiener auf die schmutzige Unterwäsche der Mächtigen – auf Mandelson in Unterhosen, auf Prinz Andrew auf allen Vieren, auf Mette-Marits peinliche E-Mails. Wir ergötzen uns an der „Einzelnheit der Individualität“, an den menschlichen Abgründen.

Doch dabei droht das Wesentliche, die „Allgemeinheit der Handlung“, aus dem Blick zu geraten. Das wahre Erschrecken sollte nicht den bizarren sexuellen Vorlieben gelten oder der Geschmacklosigkeit eines ausgestopften Tigers. Der eigentliche Skandal ist die Systematik. Es ist die Erkenntnis, dass Epstein kein einsamer Wolf war, der einige wenige verführte. Er war der Knotenpunkt eines hermetisch abgeriegelten Ökosystems, in dem Gesetze nur für die anderen galten. In dem Staatsgeheimnisse, Millionenbeträge und junge Frauen wie Handelswaren zirkulierten – und zwar Jahre nachdem der Gastgeber offiziell als Sexualstraftäter gebrandmarkt war.

Die Akten zeigen eine Elite, die ihre moralische Kompassnadel mutwillig zerstörte, solange der Profit stimmte oder der Kick groß genug war. Während die US-Justiz den Fall juristisch zu den Akten legen will, beginnt für die westlichen Demokratien die eigentliche Beweisaufnahme. Das Vertrauen in die Integrität derer, die uns regieren und repräsentieren, ist der größte Kollateralschaden dieser drei Millionen Seiten. Und anders als das Geld in Epsteins Trust, lässt sich dieses Vertrauen nicht vererben oder transferieren. Es ist, wie die Puppe im Treppenhaus, leblos und hängt an einem seidenen Faden.

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