
Wenn die Vereinigten Staaten am 4. Juli 2026 ihren 250. Geburtstag begehen, wird in der Hauptstadt eine unheimliche Stille herrschen, wo eigentlich Fanfaren erklingen sollten. Ausgerechnet an diesem symbolträchtigen Datum, dem Vierteljahrtausend-Jubiläum der Nation, werden im nationalen Kulturzentrum die Lichter ausgehen. Donald Trump hat angeordnet, das John F. Kennedy Center for the Performing Arts für zwei Jahre zu schließen. Was als notwendige Renovierung einer „müden, kaputten und baufälligen“ Einrichtung verkauft wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als der finale Akt eines Kulturkampfes, der mit einer feindlichen Übernahme in der Vorstandsetage begann und nun in der physischen Verriegelung des Gebäudes gipfelt.
Es ist eine Ironie, die kaum schriller sein könnte: Um das nationale Heiligtum der Künste zu „retten“, muss es geschlossen werden – so zumindest die Logik des Präsidenten. Doch hinter den weißen Marmorfassaden am Potomac River spielt sich weit mehr ab als nur der Austausch von veralteten Heizkesseln oder Bühnentechnik. Wir erleben die systematische Umcodierung des amerikanischen Gedenkens. Das Gebäude, das einst als lebendiges Denkmal für John F. Kennedy und die Ideale der Demokratie errichtet wurde , trägt nun nicht nur den Namen seines politischen Antipoden an der Fassade, sondern wird auch seiner inhaltlichen Seele beraubt. Die angekündigte Schließung ist weniger eine bauliche Maßnahme als vielmehr das Eingeständnis, dass die Trump-Administration zwar die Hülle des Centers erobern, seinen Geist aber nicht beherrschen konnte.
Die Architektur der Machtübernahme
Der Weg in die Dunkelheit begann nicht mit Bauplänen, sondern mit einer kalten bürokratischen Exekution im sonnigen Florida. Als sich der Vorstand des Kennedy Centers im Dezember 2025 versammelte, um über die Umbenennung der Institution abzustimmen, war das Ergebnis längst vorprogrammiert. Es war ein Lehrstück darüber, wie moderne Autokratie funktioniert: nicht durch den gewaltsamen Umsturz, sondern durch die Manipulation der Statuten.
Bereits im Mai des Jahres, Monate vor der entscheidenden Sitzung, waren die „Bylaws“, die Satzung des Centers, stillschweigend geändert worden. Das Ziel war so simpel wie effektiv: Den sogenannten „Ex-officio“-Mitgliedern – jenen Vertretern, die kraft ihres Amtes im Kongress im Board sitzen und oft der Opposition angehören – wurde das Stimmrecht entzogen. Während die Administration später behauptete, dies entspreche lediglich einer „langjährigen Praxis“ , sahen Rechtsexperten und Betroffene darin einen gezielten Verstoß gegen die Gründungsurkunde der Institution.

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Die Atmosphäre dieser entscheidenden Sitzung, bei der Präsident Trump virtuell aus Palm Beach zugeschaltet war, lässt sich am besten durch einen einzigen technischen Eingriff illustrieren: die Stummschaltung. Als die demokratische Abgeordnete Joyce Beatty, ein Vorstandsmitglied von Amts wegen, versuchte, gegen die Umbenennung Protest einzulegen, wurde sie digital zum Schweigen gebracht. Ein Teilnehmer berichtete, dass Beatty zweimal ansetzte zu sprechen, bevor jemand die Möglichkeit für virtuelle Teilnehmer, sich selbst laut zu schalten, deaktivierte. Es ist ein Bild von beklemmender Symbolkraft: Die gewählte Volksvertreterin, die versucht, die Stimme zu erheben, wird per Mausklick „gemutet“, während der Präsident am Ende der Leitung den einstimmigen Beschluss seiner Loyalisten entgegennimmt.
Das Resultat dieser Sitzung war die Geburt des „The Donald J. Trump and The John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“. Die Begründung für diesen historischen Bruch mit der Tradition, lebende Präsidenten nicht auf diese Weise zu ehren , lieferte Roma Daravi, die Vizepräsidentin für Öffentlichkeitsarbeit, gleich mit: Der aktuelle Vorsitzende habe die Institution vor dem „finanziellen Ruin und der physischen Zerstörung“ gerettet. Sofort nach dem Votum wurde die digitale Identität des Hauses überschrieben; Webseite und Logos trugen den neuen Doppelnamen , und an der Fassade wurde der Name Trumps über dem Kennedys montiert. Es war die architektonische Besiegelung einer Machtverschiebung, die jedoch auf einem Fundament aus juristischen Zweifelhaftigkeiten und unterdrücktem Widerspruch ruht.
Der künstlerische Aderlass
Doch Gebäude kann man leichter umbenennen als den Geist der Kunst, der in ihnen wohnt. Was der Administration als triumphale Übernahme erschien, löste eine Welle des kulturellen Widerstands aus, die die Bühnen des Centers leerfegte, noch bevor die Bauarbeiter anrückten. Die Künstler, jene „Seele“ des Hauses, begannen, sich in einem Akt kollektiver Verweigerung zurückzuziehen.
Der prominenteste Fall ist der des Komponisten Philip Glass. Seine Symphony No. 15, die den Untertitel „Lincoln“ trägt, sollte im Juni ihre Weltpremiere feiern – ein Werk, das explizit für das Kennedy Center und das National Symphony Orchestra (NSO) in Auftrag gegeben worden war, um Abraham Lincoln und das 50-jährige Jubiläum des Centers zu ehren. Doch Glass, eine Ikone der amerikanischen Musik, zog das Werk zurück. Seine Begründung war von einer schneidenden Klarheit: „Symphonie Nr. 15 ist ein Porträt von Abraham Lincoln, und die Werte des Kennedy Center heute stehen in direktem Konflikt mit der Botschaft der Symphonie“.
Dass ein Künstler von Glass‘ Statur – er selbst Träger der Kennedy Center Honors – eine Premiere absagt, ist ein Vorgang von seltener Drastik. Es ist ein Protest, der tief in das historische Bewusstsein greift. Glass reiht sich damit, wie Beobachter anmerkten, in eine Tradition ein, die von Beethovens Rücknahme der Widmung der Eroica an Napoleon bis zu Toscaninis Weigerung reicht, unter den Nazis in Salzburg zu dirigieren. Es geht hier nicht um Terminkonflikte, sondern um die Unmöglichkeit, ein Werk über Freiheit und Lincoln in einem Haus aufzuführen, das nun den Namen eines Mannes trägt, der diese Werte in den Augen des Künstlers mit Füßen tritt.
Der Rückzug von Glass war nur der Anfang einer Lawine. Die Washington National Opera (WNO), seit 1971 eine der tragenden Säulen des Hauses, kündigte an, ihre Aufführungen aus dem Center abzuziehen. Ein institutioneller Bruch, den die Vorsitzende des NSO-Vorstands mit dem Verlust eines „Geschwisters“ verglich. Die Oper weicht nun in das Lisner Auditorium aus , getrieben von den Veränderungen des Geschäftsmodells und der politischen Atmosphäre.
Die Liste der Absagen liest sich wie ein „Who is Who“ der amerikanischen Hochkultur. Die gefeierte Sopranistin Renée Fleming sagte ihre Auftritte ab, ebenso wie der Banjo-Virtuose Béla Fleck. Fleck brachte das Dilemma auf den Punkt: „Eine Symphonie kann nicht rot oder blau sein“. Doch genau das ist das Center geworden: ein politisch markiertes Terrain. Die Musikerin Kristy Lee formulierte es noch drastischer: Das Center für „persönliche Werbung“ zu nutzen, mindere die Würde, die dem Vermächtnis eines gefallenen Präsidenten geschuldet sei. Selbst das Broadway-Schwergewicht Stephen Schwartz, Komponist von „Wicked“, weigerte sich, eine Gala im Haus zu moderieren. Was bleibt, ist eine Bühne, auf der niemand mehr spielen will.
„Common Sense“ vs. Leere Ränge
Der kulturelle Aderlass korrespondiert mit einer ökonomischen und ideologischen Krise, die die neuen Hausherren selbst herbeigeführt haben. Richard Grenell, der von Trump installierte Präsident des Centers, rief die Doktrin des „Common-Sense Programming“ aus. Die Idee: Schluss mit „elitären“ Experimenten, her mit profitabler Unterhaltung. Trump selbst gab die Marschrichtung vor: mehr „Les Misérables“, weniger „Hamilton“. Grenell forderte „Revenue Neutrality“ – jede Aufführung muss ihre Kosten durch Ticketverkäufe und Spenden selbst decken.
Diese populistische Milchmädchenrechnung prallt jedoch hart auf die Realität des Kulturbetriebs. Statt volksnaher Kassenschlager produziert das neue Regime vor allem eines: gähnende Leere. Die Besucherzahlen des National Symphony Orchestra sind im Vergleich zur Vorsaison um dramatische 50 Prozent eingebrochen. Bei Konzerten klaffen große Lücken im Zuschauerraum, und das benachbarte Opernhaus steht oft komplett leer. Das Publikum, das dem Center über Jahrzehnte die Treue hielt, stimmt mit den Füßen ab.
Besonders tragisch ist die Situation des National Symphony Orchestra (NSO). Während die Oper ihre Koffer packen konnte, befindet sich das Orchester in einer Art finanzieller Geiselhaft. Es ist zu sehr mit der Infrastruktur und den Geldern des Centers verflochten – rund 10 Millionen Dollar jährlich steuert das Center zum Budget bei –, um einfach gehen zu können. Musikdirektor Gianandrea Noseda versucht verzweifelt, den Fokus auf die Arbeit zu legen: „Nicht zu viele Reden halten: Die Arbeit machen“. Doch wie soll man arbeiten, wenn der Konzertsaal nur halb gefüllt ist? Nosedas Mantra, er sei hier, um „der Kunst, der Musik und der Gemeinschaft zu dienen“, klingt zunehmend wie das Pfeifen im Walde.
Zwar gelang es den Verbündeten des Präsidenten, bei einer Fundraising-Gala die Rekordsumme von 3,5 Millionen Dollar einzusammeln, doch dies wirkt wie eine Potemkinsche Fassade. Einmalige Spenden von politischen Loyalisten können den strukturellen Kollaps der regulären Einnahmen und das Ausbleiben des bürgerlichen Publikums nicht dauerhaft kompensieren. Das „Common-Sense“-Modell scheitert daran, dass Kunst eben kein reines Geschäft ist, sondern auf Resonanz, Vertrauen und einer Atmosphäre der Freiheit basiert – alles Dinge, die im „Trump Kennedy Center“ Mangelware geworden sind.
Das Chaos hinter den Kulissen
Hinter den Kulissen herrscht derweil ein Zustand, den Mitarbeiter intern nur noch mit „WTF-Vibes“ beschreiben. Die administrative Stabilität hat sich in ein Chaos aus Misstrauen, Inkompetenz und politischer Säuberung aufgelöst. Dutzende erfahrene Mitarbeiter, viele mit Jahrzehnten an Expertise in der Programmplanung, wurden entlassen oder haben das Handtuch geworfen.
Wie dysfunktional die Personalpolitik geworden ist, zeigt exemplarisch der Fall Kevin Couch. Mitte Januar wurde Couch, zuvor Manager für Touring-Acts wie die R&B-Gruppe Color Me Badd und Direktor für Programmierung bei einer Theaterkette, als neuer Senior Vice President für künstlerische Programmierung vorgestellt. Grenell pries seinen „klaren Blick“. Doch keine zwei Wochen später, am 28. Januar, trat Couch ohne Angabe von Gründen zurück. Eine Amtszeit von 13 Tagen für eine der wichtigsten Positionen im amerikanischen Kulturbetrieb ist kein bloßer Fehlgriff mehr, es ist ein Symptom des Zerfalls.
An die Stelle von Fachkompetenz ist Loyalität getreten. Das Board of Trustees wurde von Mitgliedern gesäubert, die nicht von Trump ernannt wurden. Stattdessen füllen nun Vertraute die Plätze: Fox-News-Moderatoren wie Laura Ingraham und Maria Bartiromo sowie Usha Vance, die Second Lady, bestimmen über die Geschicke der Kultur. Grenell diffamiert die Künstler, die absagen, pauschal als von „linken Aktivisten“ getrieben oder behauptet, sie seien vom „vorherigen linksextremen Management“ gebucht worden. Es ist eine Rhetorik der Feinderklärung, die jede Brücke, die Noseda und die verbliebenen Künstler zu bauen versuchen, sofort wieder einreißt.
„Rattenloch“ oder Renovierung?
Und nun also die Schließung. Am 4. Juli soll der Vorhang fallen, für zwei Jahre. Die offizielle Lesart aus dem Weißen Haus zeichnet das Bild einer Ruine: Das Center sei „müde, kaputt und baufällig“, ja regelrecht in einem Zustand des Verfalls. Trump und seine Entourage sprechen von kaputten Aufzügen, bröckelndem Beton in der Parkgarage und sogar von Rattenplagen. Nur eine radikale „Konstruktion, Revitalisierung und kompletter Wiederaufbau“ könne die Institution retten.
Doch diese Erzählung hält einem Faktencheck kaum stand. Erst 2019 unterzog sich das Kennedy Center einer massiven Erweiterung und Renovierung – dem „Reach“-Projekt –, die 250 Millionen Dollar kostete. Damals schon äußerte sich Trump abfällig über die neuen Räumlichkeiten: „Sie haben diese Räume gebaut, die niemand nutzen wird“. Dass das Gebäude nun, nur wenige Jahre später, ein unrettbares Wrack sein soll, erscheint wenig glaubwürdig. Die demokratische Abgeordnete Chellie Pingree vermutet daher ein ganz anderes Motiv: Die Schließung sei ein Versuch, das finanzielle Desaster zu vertuschen, das Trump durch seine Misswirtschaft angerichtet habe. „Er hat den Laden finanziell gegen die Wand gefahren“, so ihr vernichtendes Urteil.
Die Mittel für den Umbau – 257 Millionen Dollar – stammen ironischerweise aus einem vom Kongress bewilligten Topf für Kapitalreparaturen, den Trump nun als seinen persönlichen Triumph verkauft. Dabei mischt sich der Präsident bis ins kleinste Detail ein. Er ordnete bereits an, die goldenen Säulen des Gebäudes weiß zu streichen – ein mikromanagierter Eingriff in die Ästhetik, der zeigt, dass es hier nicht um Instandhaltung geht, sondern um eine visuelle Säuberung. Die Schließung dient somit einem doppelten Zweck: Sie kaschiert die peinliche Leere im Spielplan und ermöglicht gleichzeitig den radikalen Umbau des Ortes nach dem Geschmack des neuen Namensträgers. Es ist keine Renovierung, es ist eine kulturelle Entkernung unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Das rechtliche Minenfeld
Der Widerstand gegen diese Demontage formiert sich auf juristischem und familiärem Terrain, doch die Erfolgsaussichten sind ungewiss. Joyce Beatty hat Klage eingereicht, um die Umbenennung rückgängig zu machen. Ihr Argument stützt sich auf das Gesetz von 1964, das das Center als „Living Memorial“ für JFK etablierte. Nach ihrer Lesart – und der vieler Rechtsexperten – kann nur der Kongress den Namen einer solchen Institution ändern, kein Vorstandsbeschluss. Dass Trump bereits versucht hat, andere Institutionen wie das United States Institute of Peace eigenmächtig in „Donald J. Trump Institute of Peace“ umzubenennen, unterstreicht das Muster einer systematischen Aneignung staatlicher Symbole, die sich über geltendes Recht hinwegsetzt.
Die Kennedy-Familie reagierte mit einer Mischung aus Wut und Unglauben. Maria Shriver nannte den Vorgang „jenseits des Begreiflichen“ , während Jack Schlossberg, Kennedys Enkel, kämpferisch verkündete, dass das Erbe seines Großvaters durch den Widerstand gegen Trump lebendig bleibe. Kerry Kennedy kündigte gar an, Trumps Namen notfalls eigenhändig mit der Spitzhacke zu entfernen, sobald dessen Amtszeit vorbei sei.
Doch während die Gerichte noch prüfen, ob die Statutenänderung und die Stummschaltung von Vorstandsmitgliedern rechtens waren, schafft Trump Fakten. Die geplante Schließung wirft zudem massive rechtliche Fragen auf: Was geschieht mit den bestehenden Verträgen der Künstler und Angestellten?. Kann der Präsident eine vom Kongress finanzierte Einrichtung einfach dichtmachen, ohne das Parlament zu konsultieren?. Die Unsicherheit ist Teil der Strategie. Indem er Chaos stiftet, lähmt er die Institution und ihre Verteidiger.
Das stille Jubiläum
Wenn im Sommer 2026 die Feuerwerke über Washington explodieren, wird das Kennedy Center dunkel bleiben. Die Stille am Potomac wird dröhnend sein. Trumps Plan, das Center zu schließen, um es zu „schützen“, erinnert an die zynische Logik, ein Dorf zu zerstören, um es zu retten.
Der Umbau des Centers ist dabei nur ein Puzzleteil in einer viel größeren architektonischen Neugestaltung der Hauptstadt. Trump hat bereits den Abriss des Ostflügels des Weißen Hauses veranlasst, um Platz für einen gigantischen Ballsaal zu schaffen , und plant einen Triumphbogen gegenüber dem Lincoln Memorial. Es ist der Versuch, die liberale Geschichte Amerikas physisch zu überschreiben und Washington in eine imperiale Kulisse zu verwandeln, die nur noch einen Protagonisten kennt.
Das Drama um das Kennedy Center ist damit weit mehr als eine Anekdote aus dem Kulturbetrieb. Es ist ein Warnsignal. Wenn nach zwei Jahren die Bauzäune fallen und das „Trump Kennedy Center“ wiedereröffnet wird, mag der Marmor glänzen und die Klimatechnik funktionieren. Doch die Frage bleibt: Wird in dieser sterilen Hülle noch Platz für den Geist von Lincoln, Kennedy oder Philip Glass sein? Oder wird die Kunst endgültig zur bloßen Dekoration der Macht degradiert worden sein? Die Leere im Zuschauerraum war nur der Anfang; nun folgt die Leere des Gebäudes selbst. Und in dieser Leere hallt das Echo einer Demokratie wider, die ihren kulturellen Ankerplatz verloren hat.


