
Es ist ein Februar der Extreme, dieser Winter des Jahres 2026. Während am Persischen Golf, in den klimatisierten Konferenzräumen von Abu Dhabi, Diplomaten in maßgeschneiderten Anzügen über Grenzen und Garantien feilschen, herrscht in Kiew eine Kälte, die nicht nur physisch, sondern auch existenziell ist. Das Thermometer in der ukrainischen Hauptstadt fällt in diesen Tagen auf minus 30 Grad Celsius. Der Dnipro ist so fest zugefroren, dass Menschen darauf Schlitten fahren können, während ihre Wohnungen dunkel und kalt bleiben. Es ist eine groteske Szenerie: Knapp vier Jahre nach Beginn der Invasion blickt die Welt auf einen Frieden, der sich anfühlt wie eine Erfrierung.
Donald Trump, nun seit einem Jahr zurück im Weißen Haus, verkündet Durchbrüche, die bei näherer Betrachtung so brüchig sind wie das Eis auf dem Fluss. Die Realität dieses Winters ist kein Tauwetter, sondern eine neue, zynische Phase der Erpressung. Was uns als diplomatischer Fortschritt verkauft wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein gefährliches Spiel mit der Erschöpfung eines Volkes, gefangen zwischen dem imperialen Maximalismus Moskaus und dem transaktionalen Eifer Washingtons.
Der Elefant im Raum – Die „Anchorage-Formel“
Um zu verstehen, warum dieser Frieden so schwer zu greifen ist, muss man den Blick von den Emiraten zurück nach Alaska lenken. Dort, im hohen Norden, scheint im Sommer 2025 der Grundstein für das gelegt worden zu sein, was nun als „Anchorage-Formel“ oder „Geist von Anchorage“ durch die diplomatischen Korridore geistert. Es ist ein Begriff, der in Kiew Angstschweiß auslöst. Offenbar haben sich Donald Trump und Wladimir Putin bei einem Gipfel darauf verständigt, dass der Krieg enden könnte – wenn, und nur wenn, die Ukraine den Rest der Region Donezk kampflos übergibt.
Es geht hier nicht um bloßes Land. Es geht um 2.082 Quadratmeilen ukrainischen Bodens, die Kiew noch immer kontrolliert. Ein Gebiet, kleiner als der US-Bundesstaat Delaware, das aber zum symbolischen Kern des Konflikts geworden ist. Für Putin ist die vollständige Einnahme des Donbas, dieses industriellen Herzstücks, das er seit 2014 als historisch russisch reklamiert, unverzichtbar für sein „Narrativ des Sieges“. Ohne Donezk, ohne Städte wie Slowjansk, wo der von Moskau inszenierte „Russische Frühling“ begann, kann er seinen Krieg vor den eigenen Nationalisten kaum rechtfertigen.

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Doch die „Anchorage-Formel“ ignoriert eine fundamentale Realität: Die Ukraine hält diese Gebiete noch immer. Marco Rubio, Trumps Außenminister, nannte das Donezk-Problem im Senat treffend die „eine verbleibende Sache“, eine „Brücke, die wir noch nicht überquert haben“. Der Kreml besteht darauf, am Verhandlungstisch zu bekommen, was seine Armee in vier Jahren nicht mit Gewalt nehmen konnte. Für Wolodymyr Selenskyj ist das ein unmögliches Dilemma. Die ukrainische Verfassung verbietet Gebietsabtretungen ohne nationales Referendum. Und wie soll man ein Volk, das seit Jahren für genau diese Erde blutet, davon überzeugen, sie nun auf dem Silbertablett zu servieren? Es ist, wie der Analyst Alexander Gabuev bemerkt, eine „tickende Zeitbombe unter der ukrainischen Einheit“.
Ein kurzer Atemzug bei minus 30 Grad
In diesem diplomatischen Patt setzt Donald Trump auf die Macht der Inszenierung. Seine jüngste Ankündigung, Putin habe einer „Waffenruhe“ für Kiew und Energieziele zugestimmt, klang wie die Erlösung. „Ich habe Präsident Putin persönlich gebeten, eine Woche lang nicht auf Kiew zu feuern“, brüstete sich Trump im Kabinettssaal. Doch was als humanitäre Geste verkauft wird, entpuppt sich als zynisches Manöver.
Der Kreml bestätigte die Pause zwar, limitierte sie aber sofort bis zum 1. Februar – einem Sonntag, an dem die Kältewelle ihren Höhepunkt noch gar nicht erreicht haben würde. Während Trump den Deal als Erfolg feierte, froren die Menschen in Kiew weiter. Ein technischer Defekt, ausgelöst durch die massiven russischen Angriffe der Vorwochen, legte Teile des Stromnetzes in der Ukraine und sogar im benachbarten Moldawien lahm. Wasserleitungen versiegten, U-Bahnen standen still.
Das ist kein Frieden, das ist „Weaponizing Winter“ – der Winter als Waffe. Moskau nutzt die Kälte, um den Widerstandswillen der Zivilbevölkerung zu brechen, während es gleichzeitig am Verhandlungstisch so tut, als sei man zu Kompromissen bereit. Selenskyjs Skepsis ist greifbar; er spricht von einem „Gentlemen’s Agreement“, nicht von einem echten Waffenstillstand. Denn die Realität sieht anders aus: Selbst während der angeblichen Pause feuert Russland über 100 Drohnen und Raketen auf andere Teile des Landes ab. Die Botschaft aus Moskau ist klar: Wir können den Schmerz jederzeit wieder einschalten. Die kurze Atempause ist kein Ende der Gewalt, sondern Teil der psychologischen Kriegsführung.
„Feuerwehr“ an der Front
Wer die Dissonanz zwischen den Konferenzräumen in Abu Dhabi und der Wirklichkeit spüren will, muss in den Süden der Ukraine blicken, in die Region Saporischschja. Hier, weit weg von den klimatisierten Hotels, kämpfen Männer wie Hauptmann Dmytro Filatov einen Krieg, der nichts mit den sauberen Linien auf Trumps Landkarten zu tun hat. Auf seiner Brust trägt Filatov einen Aufnäher: ein Todesengel, der Flöte über einem Totenkopf spielt. Es ist ein passendes Symbol für den makabren Tanz, den seine Truppen vollführen.
Die ukrainische Armee agiert hier wie eine überforderte Feuerwehr. Sie rennt von einem Brandherd zum nächsten, versucht verzweifelt, Lücken in der 700 Meilen langen Frontlinie zu stopfen. Die Personalnot ist dramatisch. Ein Bataillon, das eigentlich 500 Mann stark sein sollte, verfügt oft nur noch über 100 Soldaten, von denen vielleicht 50 tatsächlich kampfbereit sind. Erschöpfung und Verwundungen haben die Reihen gelichtet, während im Hinterland zwei Millionen Männer wegen Wehrdienstentziehung gesucht werden.
Moskau nutzt diese Schwäche gnadenlos aus. Die russische Armee rückt vor, langsam, oft nur 15 bis 70 Meter am Tag, aber unaufhaltsam. Der Preis dafür ist astronomisch: Seit Kriegsbeginn verzeichnet Russland laut westlichen Schätzungen 1,2 Millionen Verluste an Toten und Verwundeten. Doch Putin ist bereit, Menschenleben gegen Quadratmeter zu tauschen. In Orten wie Huliaipole, wo Zivilisten wie die 70-jährige Svitlana Lystopad jahrelang im Schatten der Front ausharrten, ist der Krieg nun in Form von Kamikaze-Drohnen direkt in die Vorgärten eingezogen.
Die strategische Gefahr ist immens. Sollte die Ukraine gezwungen werden, Donezk aufzugeben, verliert sie ihre am besten befestigten Verteidigungslinien, die seit 2014 ausgebaut wurden. Ein solcher Schritt würde das Land militärisch entblößen und Moskau die Tür für zukünftige Invasionen weit aufstoßen. Der Kampf im Süden zeigt: Es gibt keinen „sauberen“ Schnitt. Jeder Meter Boden ist mit Blut getränkt, und die ukrainischen Soldaten wissen, dass ein Rückzug am Verhandlungstisch ihren Tod von morgen bedeuten könnte.
Die Kinder des hybriden Krieges
Während an der Front mit Artillerie und Drohnen gekämpft wird, führt Russland im Hinterland einen noch perfideren Krieg – einen Krieg gegen die Seele der ukrainischen Jugend. Die Geschichte der 18-jährigen Vika aus Mykolajiw steht exemplarisch für diese neue, hybride Bedrohung. Arbeitslos und ohne Perspektive in einer von Bomben gezeichneten Stadt, erhielt sie eine Nachricht auf Telegram: Ein Jobangebot, 2.500 Dollar für eine einfache Kurierfahrt.
Vika wusste nicht, dass sie Teil einer großangelegten Sabotagekampagne des russischen Geheimdienstes war. In den Taschen, die sie transportieren sollte, befand sich eine Bombe, getarnt in einem Kanister mit Flüssigkeit. Sie ist kein Einzelfall. Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU hat in zwei Jahren rund 1.400 solcher Operationen aufgedeckt. Erschreckend dabei: Ein Viertel der Rekrutierten sind Minderjährige. Russland zielt gezielt auf Teenager zwischen 14 und 17 Jahren ab, nutzt ihre finanzielle Not und ihre psychologische Unreife aus.
Die Methoden sind so simpel wie brutal. Es beginnt mit kleinen Aufgaben für wenig Geld, dann steigt der Einsatz. Wer aussteigen will, wird erpresst. „Ich war wie unter Hypnose“, sagt Vika später. Die russischen Agenten hinter den Bildschirmen drohen, wissen, wo die Familien wohnen. Es ist eine Zersetzung der Gesellschaft von innen heraus. Vika drohen nun bis zu zehn Jahre Haft wegen Terrorismus. Die Bombe, die sie trug, war von vier anderen ukrainischen Jungen gebaut worden – keiner älter als 16. Während in Abu Dhabi über Frieden gesprochen wird, verwandelt Moskau ukrainische Kinder in Werkzeuge des Terrors. Das ist kein Krieg, der mit einer Unterschrift endet; das ist ein Gift, das noch Generationen wirken wird.
Das Sicherheits-Paradoxon
Doch selbst wenn die territorialen Fragen gelöst und die hybriden Angriffe gestoppt würden, bleibt das zentrale Dilemma ungelöst: Wer garantiert, dass Russland nicht wieder angreift? Kiew fordert Sicherheitsgarantien, die dem Artikel 5 der NATO entsprechen – eine Beistandsverpflichtung der USA. Selenskyj betont, diese Garantien seien „zu 100 Prozent fertig“. Doch der russische Außenminister Sergej Lawrow hat diese Hoffnung in Moskau mit einer einzigen Pressekonferenz zerschmettert.
Lawrow nannte Garantien für das „regime in Kiew“ inakzeptabel und drohte unverhohlen: Europäische Truppen, die als Teil eines Friedensplans in der Ukraine stationiert würden, seien „legitime Ziele“ für Russland. Damit stürzt er die Verhandlungen in ein Henne-Ei-Problem: Die USA wollen Garantien erst unterzeichnen, wenn alle territorialen Fragen geklärt sind. Die Ukraine hingegen weigert sich, Land abzutreten, bevor die Tinte unter dem Schutzvertrag trocken ist.
Es ist ein Paradoxon, das den Kern des Konflikts berührt. Trump und sein Vizepräsident JD Vance schrecken davor zurück, amerikanischen Soldaten eine automatische Kriegsbeteiligung aufzubürden. Stattdessen kursieren Ideen von einer „Handvoll europäischer Truppen“ mit einer amerikanischen Rückendeckung aus der Ferne. Doch Lawrows Drohung macht klar: Ohne die volle, abschreckende Macht der USA ist jedes Papier wertlos. Russland will ein Vetorecht über die ukrainische Sicherheit. Solange Moskau dieses Ziel nicht aufgibt, bleibt jeder „Friedensplan“ eine Einladung zur nächsten Invasion.
Trumps Poker – Business und Ego
Warum also drängt Donald Trump so vehement auf einen Deal, der so offensichtlich hinkt? Die Antwort liegt wohl in einer Mischung aus geschäftlichem Kalkül und gekränktem Ego. In Mar-a-Lago schwärmte der Präsident kürzlich gegenüber Selenskyj von den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Wiederaufbaus: „Da ist viel Reichtum zu holen“. Trump sieht die Ukraine nicht primär als souveränen Staat, sondern als Immobilienprojekt mit Problemen. Seine Vision von „strategischer Stabilität“ beinhaltet eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland, inklusive Handel und Öl.
Dabei überschätzt er seinen Einfluss auf Putin massiv. Der russische Präsident versteht es meisterhaft, Trump zu manipulieren. Er ruft ihn kurz vor Treffen mit Selenskyj an, um das Narrativ zu setzen. Als Trump von einem angeblichen ukrainischen Drohnenangriff auf Putins Residenz hörte – für den es keinerlei Beweise gab –, reagierte er prompt mit Wut auf Kiew: „Ich mag das nicht“. Putin spielt auf der Klaviatur von Trumps Eitelkeit, während russische Propagandisten Selenskyj als „provinziellen Napoleon“ verhöhnen und seine Ermordung fordern.
Trump träumt vom Friedensnobelpreis und einem schnellen Erfolg. Er glaubte einst, dieser Krieg sei „am einfachsten zu lösen“. Nun muss er erkennen, dass Putin nicht an einem fairen Deal interessiert ist, sondern an der Kapitulation der Ukraine. Doch statt den Kurs zu korrigieren, erhöht Trump den Druck auf das Opfer. Seine Frustration über die Komplexität des Konflikts entlädt sich nicht gegen den Aggressor, sondern gegen jene, die sich weigern, sich seinem Deal zu fügen.
Der Winter 2026 zeigt uns eine düstere Vision der Zukunft. Es ist nicht der Frieden, der hier verhandelt wird, sondern die Modalitäten eines eingefrorenen Konflikts. Albina Sokur, eine 35-jährige Mutter aus Donezk, die seit Wochen ohne Heizung lebt, hat keine Illusionen mehr über eine Rückkehr in ihre Heimat. „Ich denke, es wird einfach ein Einfrieren der Frontlinie geben, wie vor 2022“, sagt sie resigniert.
Die Gespräche in Abu Dhabi mögen seriöser sein als frühere Versuche, da nun Generäle und Geheimdienstchefs am Tisch sitzen. Doch die Lücke zwischen Russlands imperialem Hunger und dem Überlebenswillen der Ukraine bleibt gigantisch. Putins Strategie ist das Warten. Er wartet darauf, dass die ukrainische Front bricht, dass dem Westen die Geduld ausgeht oder dass Trump ihm in einem Moment der Frustration gibt, was er will. Der „Frieden“, der sich hier abzeichnet, ist trügerisch. Er ist nur eine Atempause, erkauft mit ukrainischem Land und ukrainischer Sicherheit – bis der Bär wieder Hunger bekommt.


