Das 75-Millionen-Dollar-Nichts: Warum „Melania“ der wichtigste Horrorfilm der Ära Trump 2.0 ist

Illustration: KI-generiert

In London-Islington, an einem trüben Freitagnachmittag, ereignete sich kürzlich eine Szene von fast poetischer Trostlosigkeit. Um 15:10 Uhr öffnete ein Kinosaal seine Pforten für die Premiere eines Werkes, das vorgab, Weltgeschichte zu dokumentieren. Doch in den samtbezogenen Reihen verlor sich lediglich ein einziger Zuschauer. Dieses Bild der Leere, das sich von Großbritannien über Südafrika bis in die Vorstädte Virginias replizierte, wo Vorstellungen mangels Interesses kurzerhand abgesagt wurden, steht in einem bizarren Missverhältnis zum gigantischen Lärm, der dieses Projekt ankündigte.

Es ist eine gespenstische Stille, die diesen Film umgibt, nur unterbrochen vom Rascheln unverkaufter Popcorn-Eimer. Für 12,99 Dollar konnte das geneigte Publikum spezielle „Melania“-Behälter erwerben – gehalten in strengem Schwarz und Weiß, verziert mit dem unbewegten Antlitz der First Lady, die von einem weißen Stuhl herab den Betrachter fixiert. Dass diese Eimer nun als Monumente des Desinteresses in den Foyers verstauben, ist die erste, ungewollte Pointe einer Dokumentation, die eigentlich den Titel „Melania“ trägt, aber im Grunde eine Studie über die totale Abwesenheit von Substanz inmitten maximalen Aufwands ist. Denn was hier unter dem Deckmantel des intimen Porträts verkauft wird, ist in Wahrheit ein geopolitisches Tauschgeschäft, maskiert als Kino.

Der teuerste Bestechungsversuch Hollywoods

Um die Existenz dieses Werkes zu begreifen, darf man es nicht als Film betrachten, sondern muss es als Transaktion lesen. Die ökonomischen Eckdaten spotten jeder marktwirtschaftlichen Vernunft im Filmgeschäft. Amazon MGM Studios legte die astronomische Summe von 40 Millionen Dollar allein für die Rechte auf den Tisch – ein Betrag, der das Gebot von Disney weit übertraf und eher an die Budgets großer Blockbuster erinnert als an die Nische des politischen Dokumentarfilms. Hinzu kamen weitere 35 Millionen Dollar für eine Marketingkampagne, die so aggressiv wie ineffektiv war, inklusive Werbespots während der NFL-Playoffs.

Die eigentliche Frage lautet: Warum? Warum investiert ein Tech-Gigant wie Amazon 75 Millionen Dollar in ein Projekt, dessen kommerzieller Misserfolg so vorhersehbar war wie der Sonnenaufgang in Florida? Die Antwort liegt in der politischen Landschaft der Ära Trump 2.0. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es hier weniger um Zuschauerzahlen geht als um eine Art vorweggenommene Schutzgeldzahlung. Kritische Stimmen bezeichnen das Projekt bereits offen als „75-Millionen-Dollar-Bestechungsfilm“. In einer Zeit, in der Präsident Trump Medienunternehmen und Tech-Konzerne offen ins Visier nimmt, erscheint dieses „Vanity Project“ für die Gattin des Mächtigen wie ein teures Friedensangebot von Jeff Bezos an das Weiße Haus.

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Die Perfidie dieser Strategie offenbart sich im Kontrast zu dem, was nicht gezeigt wird. Während Amazon Millionen verbrennt, um Melania Trumps Image auf Hochglanz zu polieren, meiden Streamingdienste und Verleiher den Film Ask E. Jean wie radioaktiven Abfall. Jene Dokumentation über E. Jean Carroll, die Trump erfolgreich wegen sexuellen Missbrauchs verklagte, verschwindet in den Giftschränken der Industrie, aus reiner Furcht vor der Rache des re-elected President. Das ist die neue Währung in Washington: Wer sich den Schutz des Königs erkaufen will, finanziert die Hobbys der Königin und lässt die Stimmen ihrer Opfer verstummen. Von den 40 Millionen Dollar Lizenzgebühr soll sich Melania Trump übrigens rund 28 Millionen direkt selbst ausgezahlt haben – ein Honorar für die bloße Erlaubnis, sie dabei zu filmen, wie sie existiert.

Regie im Schatten – Der gefallene Mann und der Blick

Die moralische Leere des Unterfangens spiegelt sich nicht nur in der Finanzierung, sondern auch in der Wahl des Personals. Dass ausgerechnet Brett Ratner auf dem Regiestuhl Platz nahm, entbehrt nicht einer gewissen toxischen Ironie. Ratner, einst ein Hitmaker Hollywoods, war seit 2017 aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, nachdem ihn ein halbes Dutzend Frauen des sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt hatten. Dass dieser Mann, der die Vorwürfe stets bestritt, nun sein Comeback mit einem Film über die Frau eines Mannes feiert, der selbst Dutzenden ähnlicher Anschuldigungen ausgesetzt war, wirkt wie eine bewusste Provokation des Zeitgeistes.

Ratner, der Berichten zufolge inzwischen in einer Acht-Zimmer-Villa in Mar-a-Lago residiert, nähert sich seinem Subjekt mit einer Kameraführung, die oft weniger dokumentarisch als fetischistisch wirkt. Der Film beginnt mit einer Nahaufnahme von Melania Trumps beschuhten Füßen, unterlegt mit den Klängen der Rolling Stones. Es ist ein Motiv, das sich so obsessiv durch die 104 Minuten Laufzeit zieht – Stilettos auf Asphalt, Stilettos auf Teppich, Stilettos beim Einsteigen in Limousinen –, dass man sich fragen muss, ob hier eine First Lady porträtiert oder eine private Obsession des Regisseurs ausgelebt wird.

Hinter den Kulissen scheint das Unbehagen über diese Propagandamaschinerie greifbar gewesen zu sein. Ein Großteil der New Yorker Filmcrew – immerhin zwei Drittel – bat darum, namentlich nicht im Abspann genannt zu werden. Man wollte den eigenen Ruf nicht durch die Assoziation mit diesem Werk beschädigen. Es ist ein Film, dessen Macher sich für ihn schämen, während sie versuchen, ihn der Welt als Meisterwerk zu verkaufen. Ratner versucht dabei verzweifelt, Momente der Menschlichkeit zu inszenieren, etwa wenn er Melania dazu animieren will, zu ihrem Lieblingslied „Billie Jean“ von Michael Jackson mitzusingen. Doch die First Lady bleibt unnahbar, eine Sphinx, die sich weigert, die Rolle der gut gelaunten Protagonistin zu spielen, die ihr zugedacht war.

Die Ästhetik der Leere (Das Kartoffel-Prinzip)

Wer hoffte, dieser Film würde hinter die makellose Fassade blicken, wird bitter enttäuscht. Das liegt daran, dass Melania Trump nicht nur vor der Kamera stand, sondern als Produzentin faktisch jeden Aspekt des Endprodukts kontrollierte. Es gibt keine Interviews mit kritischen Beobachtern, keine Einordnung durch Historiker, kaum Interaktion mit Familienmitgliedern jenseits kurzer, gestelzter Cameos. Stattdessen hören wir Melanias Stimme aus dem Off, die in banalen Sätzen über ihre „Vision“ und ihre „Verpflichtung“ philosophiert, während wir ihr dabei zusehen, wie sie Tischdecken auswählt.

Die Dramaturgie des Films erschöpft sich in endlosen Anproben. Wir sehen Hervé Pierre, ihren langjährigen Stylisten und Vertrauten, wie er und sein Team um sie herumwuseln, Säume abstecken und Stoffe drapieren. Melania prüft ihr Spiegelbild mit einer klinischen Distanz, die fast beunruhigend wirkt. Sie sucht nicht nach Schönheit im menschlichen Sinne, sondern nach Fehlern im System ihrer Erscheinung. Ein „zu langer Saum“ wird zum Cliffhanger stilisiert, begleitet von spannungsgeladener Musik, als ginge es um die Entschärfung einer Bombe und nicht um ein Kleid für den Starlight Ball.

Die metaphorische Kraft dieser Szenen ist gewaltig. Man könnte Melania Trump mit einer Zwiebel vergleichen, bei der man Schicht für Schicht abträgt, in der Hoffnung auf einen Kern. Doch dieser Film beweist das Gegenteil: Sie gleicht eher einer Kartoffel. Man kann sie schälen, so lange man will, das Material bleibt immer identisch. Es gibt keinen verborgenen Kern, kein geheimes Ich, das darauf wartet, enthüllt zu werden. Die Oberfläche ist der Inhalt.

Besonders schmerzhaft wird dies in den Momenten, die Intimität simulieren sollen. Ein Videocall mit Brigitte Macron, der First Lady von Frankreich, verkommt zu einer hölzernen Performance. Während Macron in ihrer Muttersprache plaudert, macht sich Melania pflichtschuldig Notizen in ein Heftchen mit dem Aufdruck ihrer „Be Best“-Kampagne: „Kein Handy vor 11 Uhr“. Es wirkt wie eine Szene aus einem schlechten Laientheater, in der Aliens versuchen, menschliche Interaktion nachzustellen. Diese Frau hat ihre Persönlichkeit so perfekt hermetisch abgeriegelt, dass selbst ein 75-Millionen-Dollar-Budget keinen Riss in der Panzerung erzeugen kann.

Horror im Elfenbeinturm

Betrachtet man den Film unter diesem Aspekt, wandelt er sich von einer Dokumentation zu einem Werk des psychologischen Horrors. Er erzeugt eine Atmosphäre der Klaustrophobie, die im diametralen Gegensatz zum gezeigten Luxus steht. Wir sehen eine Frau, die sich fast ausschließlich in einer Schleife zwischen Florida, New York und Washington bewegt, isoliert in gepanzerten Fahrzeugen, Privatjets und goldenen Türmen.

Es gibt in diesem Leben keine Freunde, keine Nachbarn, keine zufälligen Begegnungen. Es gibt nur Angestellte, Stylisten und Sicherheitsbeamte. Wenn Melania in ihrem Voiceover davon spricht, an verschiedenen Orten „gelebt“ zu haben, möchte man den Bildschirm anschreien: Du hast dort nicht gelebt, du hast dort nur residiert. Das „echte Leben“ – das Lachen mit Freunden, das Streicheln eines Hundes, der Ärger über den Verkehr – existiert in diesem Kosmos nicht. Stattdessen sehen wir Milliardäre, die goldene Eier serviert bekommen, und ein Paar, das zu den Klängen der „Battle Hymn of the Republic“ walzt.

Diese Isolation führt zu einer beängstigenden Entkoppelung von der Realität. In einer Szene sitzt Melania vor dem Fernseher und sieht Berichte über verheerende Waldbrände in Los Angeles. Ihre Augen bleiben glasig, ihr Gesicht unbewegt. Es ist keine Bösartigkeit, sondern eine völlige emotionale Unerreichbarkeit. Die Welt da draußen ist nur ein Bild auf einem Schirm, ohne Konsequenz für die Frau im Elfenbeinturm.

Diese Paranoia überträgt sich auch auf die nächste Generation. Als es bei der Amtseinführung um Sicherheitsfragen geht, erwähnt Melania beiläufig, dass ihr Sohn Barron nicht aus dem Auto steigen werde – es sei seine Wahl. Später, als die Feierlichkeiten wegen extremer Kälte nach drinnen verlegt werden, gesteht sie ihre Erleichterung: Der geschlossene, kontrollierte Raum bringt ihr Frieden. Draußen ist Gefahr, draußen ist Unkontrollierbarkeit. Drinnen ist Sicherheit, Gold und Stille. Alexandra Petri hat es treffend formuliert: Dieser Film fühlt sich an, als würde man jemandem dabei zusehen, wie er löffelweise „gold-encrusted garbage“ isst und dabei lächelt, ohne zu merken, dass es Müll ist.

Der Moment, der fehlte

Am Ende dieser 104 Minuten steht man vor den Trümmern eines gigantischen Missverständnisses. Amazon wollte Einfluss kaufen, Melania wollte ihren Mythos zementieren, und Brett Ratner wollte sich rehabilitieren. Alle drei sind gescheitert, und doch ist ein Dokument von historischem Wert entstanden – wenn auch anders als geplant. Es ist das ultimative Zeugnis einer Ära, in der die Verpackung den Inhalt endgültig erwürgt hat.

Vielleicht liegt die einzige Wahrheit dieses Films in dem, was er uns vorenthält. Ganz am Schluss, nach 22 Stunden auf den Beinen am Tag der Amtseinführung, kehrt das Paar ins Weiße Haus zurück. Es ist 2 Uhr morgens. Melania setzt sich auf ein Sofa und beginnt, ihre High Heels auszuziehen. Wir sehen einen Fuß, der sich von der Qual des Tages befreit. Es ist der erste Moment, in dem diese Frau, die sich stets als übermenschliches Ideal inszeniert, physische Realität annimmt, in der sie verletzlich, müde, vielleicht sogar menschlich wirkt.

Doch genau hier, in der Sekunde, in der der Film interessant werden könnte, in der die Maske fallen könnte, blendet Ratner ab. Der Abspann rollt. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wir sollen das Produkt kaufen, nicht den Menschen verstehen. Die Schuhe bleiben an, zumindest solange die Kamera läuft. Und solange Konzerne bereit sind, Millionen für die Aufrechterhaltung dieser Illusion zu zahlen, wird die Welt weiterhin in leeren Kinosälen sitzen und auf eine Wahrheit warten, die niemals kommen wird.

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