
Ein Jahr nach Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus offenbart sich eine beunruhigende neue Realität. Razzien gegen Reporter, Milliardenklagen und der vorauseilende Gehorsam der Medienkonzerne zeigen: Die Vierte Gewalt wankt nicht mehr nur – sie kapituliert.
Es war nur eine Randbemerkung, hastig eingefangen von einem Mikrofon, das noch lief, als die Scheinwerfer eigentlich schon erloschen waren. Aber in diesem flüchtigen Moment im Januar 2026 offenbarte sich die ganze Kälte der neuen amerikanischen Medienrealität. Tony Dokoupil, der neue Moderator der CBS Evening News, hatte gerade ein Interview mit Präsident Donald Trump beendet, als Karoline Leavitt, die Pressesprecherin des Weißen Hauses, auf ihn zutrat. Ihre Botschaft war so präzise wie brutal: Der Präsident verlange, dass das Interview ungeschnitten gesendet werde. Und dann, in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete: „Er sagte: ‚Wenn es nicht vollständig ausgestrahlt wird, verklagen wir euch in Grund und Boden‘“.
Dokoupil versuchte, die Situation mit einem Lachen zu entschärfen, ein Reflex aus einer Zeit, in der solche Drohungen noch als politische Hyperbel galten. „Das sagt er immer!“, entgegnete er jovial. Doch Leavitt lachte nicht. Und warum sollte sie auch? In den ersten zwölf Monaten seiner zweiten Amtszeit hat Donald Trump bewiesen, dass seine Angriffe auf die Presse längst über das Stadium wütender Tweets hinausgewachsen sind. Was wir erleben, ist keine bloße Rhetorik mehr. Es ist ein systematischer Zangenangriff, bei dem staatliche Repression und wirtschaftliche Erpressung ineinandergreifen, um die kritische Öffentlichkeit nicht nur zu delegitimieren, sondern finanziell und existenziell zu brechen.
Die Drohung gegen CBS war kein Ausrutscher, sie war Programm. Denn Trump hat bereits Klagen gegen ABC, CBS, die New York Times, die Washington Post und sogar die BBC eingereicht. Es ist eine Strategie der verbrannten Erde, in der Journalismus zum unkalkulierbaren Haftungsrisiko wird. Wer im Jahr 2026 noch glaubt, die amerikanischen Institutionen würden diesen Sturm unbeschadet überstehen, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Die Demokratie stirbt diesmal nicht im Dunkeln, sondern im grellen Licht von Gerichtssälen und Fusionsverhandlungen.

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Der Preis der Fusion: Justiz als Geschäftswaffe
Um zu verstehen, wie tief die Krise reicht, muss man den Blick von den Redaktionen in die Vorstandsetagen richten. Dort, wo Bilanzen wichtiger sind als Prinzipien, hat Trump seinen effektivsten Hebel angesetzt. Die großen Medienkonzerne der USA sind heute verletzliche Riesen, hoch verschuldet und in einem brutalen Verdrängungswettbewerb gefangen, der sie abhängig macht von staatlichem Wohlwollen. In dieser Atmosphäre gleicht die Medienpolitik einem mittelalterlichen Turnier, bei dem der König die rivalisierenden Bittsteller gegeneinander antreten lässt und Loyalität zur Währung des Überlebens wird.
Nichts illustriert diesen Mechanismus deutlicher als der Kniefall von ABC. Im Dezember 2024, nur einen Monat nach Trumps Wahlsieg, einigte sich der Sender – beziehungsweise dessen Mutterkonzern Disney – auf einen schmachvollen Vergleich. Trump hatte ABC wegen Verleumdung verklagt, nachdem Moderator George Stephanopoulos fälschlicherweise behauptet hatte, Trump sei der Vergewaltigung schuldig gesprochen worden, obwohl die Jury technisch auf sexuellen Missbrauch entschieden hatte. Juristische Beobachter waren sich uneins über die Erfolgsaussichten der Klage, doch Disney wollte es nicht darauf ankommen lassen.
Der Konzern stimmte zu, 15 Millionen Dollar als „wohltätige Spende“ an eine zukünftige Trump-Präsidentschaftsstiftung zu zahlen und übernahm zudem eine Million Dollar an Anwaltskosten. Der Zeitpunkt dieses teuren Friedensschlusses war keineswegs zufällig. Er erfolgte nur Wochen, bevor Disney die behördliche Genehmigung für die Übernahme des Streaming-Dienstes Fubo bekannt gab – ein Deal, der die Zustimmung des Justizministeriums erforderte. Man muss kein Zyniker sein, um hier ein Muster zu erkennen: Der Frieden mit dem Präsidenten wurde erkauft, um das Geschäft zu sichern.
Ein ähnliches Schauspiel bot sich bei CBS. Auch hier hatte Trump geklagt, diesmal wegen eines Interviews mit Kamala Harris in der Sendung 60 Minutes, das seiner Meinung nach irreführend geschnitten worden war. Die Konzernmutter Paramount, die gerade inmitten einer heiklen Fusion mit Skydance Media steckte, entschied sich ebenfalls für den Weg des geringsten Widerstands. Im Juli 2025 flossen 16 Millionen Dollar an Trumps Bibliothek.
Kurz darauf erhielt die Übernahme durch Skydance grünes Licht von den Regulierungsbehörden. Der Late-Night-Moderator Stephen Colbert, selbst ein Gesicht von CBS, fand für diesen Vorgang drastische Worte: Er nannte es „ein großes, fettes Bestechungsgeld“. Dass seine Show nur drei Tage später abgesetzt wurde – offiziell aus rein finanziellen Gründen – wirkt in diesem Kontext wie eine weitere, bittere Pointe in einem Drama, das Drehbuchautoren kaum düsterer hätten schreiben können. Die Botschaft an die Branche ist unmissverständlich: Wer fusionieren will, muss zahlen. Und wer zahlt, der schweigt.
Ideologische Säuberung von innen
Doch Geld ist nur die eine Seite der Medaille. Gefährlicher noch als die finanziellen Tribute ist die schleichende ideologische Umgestaltung der Redaktionen, die oft als notwendige Neuausrichtung getarnt wird. Wenn Konzerne wie Paramount-Skydance unter der Führung von David Ellison – dem Sohn des Trump-Unterstützers Larry Ellison – die Kontrolle übernehmen, ändern sich nicht nur die Besitzverhältnisse, sondern auch die redaktionellen Leitlinien.
Der Fall CBS zeigt exemplarisch, wie diese Corporate Capture funktioniert. Ellison installierte Bari Weiss, eine prominente Kritikerin des Mainstream-Journalismus, als neue Chefredakteurin. Unter ihrer Ägide kam es schnell zu Konflikten, die den Verdacht nähren, dass kritischer Journalismus systematisch entschärft werden soll. Ein fertig produzierter Beitrag von 60 Minutes über das berüchtigte CECOT-Gefängnis in El Salvador und die Abschiebepolitik der Trump-Administration wurde kurzfristig aus dem Programm genommen. Die offizielle Begründung lautete, der Bericht benötige mehr Kontext. Kritiker innerhalb und außerhalb des Senders sahen darin jedoch den Versuch, ein für die Regierung unangenehmes Thema zu unterdrücken.
Diese Eingriffe erzeugen ein Klima der Angst, das tief in die journalistische DNA eindringt. Wenn selbst ein gestandener Nachrichtenmann wie Tony Dokoupil offen zugibt: „Die Leute vertrauen uns nicht mehr wie früher“, und seinen Interviewstil spürbar anpasst, dann ist das Ziel der Einschüchterung erreicht. Es ist eine Form der Selbstzensur, die keinen staatlichen Zensor benötigt, weil der vorauseilende Gehorsam der Eigentümer und Chefredakteure diese Aufgabe bereits erledigt.
Auch bei der Washington Post sind die Risse unübersehbar. Unter dem Eigentümer Jeff Bezos hat sich die einst liberale Meinungsseite merklich nach rechts verschoben. Bereits vor der Wahl hatte Bezos interveniert, um die redaktionelle Unabhängigkeit zu beschneiden, wohl wissend, dass Trumps Zorn seine anderen Geschäftsinteressen gefährden könnte. Das Ergebnis ist eine Medienlandschaft, in der die großen Leuchttürme der Demokratie nicht gesprengt, sondern langsam gedimmt werden, bis ihr Licht kaum noch durch den Nebel der Propaganda dringt.
Der eiserne Vorhang im Pentagon
Während in den Konzernzentralen Deals gemacht werden, zieht die Regierung an den Schaltstellen der Macht einen institutionellen eisernen Vorhang hoch. Besonders dramatisch ist die Lage im Pentagon. Das Verteidigungsministerium, traditionell ein Ort, an dem Journalisten trotz aller Geheimhaltung Zugang zu Entscheidungsträgern hatten, hat sich in eine Festung der Informationskontrolle verwandelt.
Im Oktober 2025 trat eine neue Richtlinie in Kraft, die einem Maulkorb gleichkommt. Journalisten wurden aufgefordert, ein 21-seitiges Formular zu unterzeichnen, in dem sie sich verpflichten, nur noch genehmigte Informationen zu veröffentlichen. Wer nicht unterschreibt, verliert seinen Presseausweis und den Zugang zum Gebäude. Es ist ein unverhohlener Versuch, unabhängige Berichterstattung durch staatlich sanktionierte PR zu ersetzen.
Die Reaktion der großen Medienhäuser war diesmal – noch – ein Akt des Widerstands. Die New York Times, die Washington Post, CNN und selbst Fox News verweigerten die Unterschrift und zogen ihre Korrespondenten ab. Doch das entstandene Vakuum blieb nicht lange leer. Das Verteidigungsministerium füllte die verwaisten Plätze schnell mit freundlichen, größtenteils rechten Medien auf.
Die New York Times hat nun Klage gegen das Pentagon eingereicht, um diesen eklatanten Verfassungsbruch zu stoppen. Doch der Schaden ist bereits angerichtet. Wenn Reporter nicht mehr frei mit Militärangehörigen sprechen können, wenn sie keine kritischen Fragen mehr stellen dürfen, ohne den Rauswurf zu riskieren, dann verliert die Öffentlichkeit ihr Auge und Ohr im mächtigsten Militärapparat der Welt. Es ist ein Rückfall in Zeiten, in denen Krieg und Frieden alleinige Sache des Herrschers waren, entzogen jeglicher demokratischen Kontrolle.
Physische Gewalt und der Chilling Effect
Doch juristische Schikanen und Zugangssperren sind nur die saubere Oberfläche einer weitaus brutalerem Realität. Wo bürokratische Hürden nicht ausreichen, greift der Staat inzwischen ohne Zögern zu physischer Gewalt. Der Januar 2026 markierte hierbei einen neuen Tiefpunkt, als das FBI das Haus der Washington-Post-Reporterin Hannah Natanson stürmte.
Natanson, die für ihre exzellenten Kontakte in die Bundesverwaltung bekannt war und von über 1.000 Whistleblowern kontaktiert wurde, sah sich plötzlich mit einer Hausdurchsuchung konfrontiert. Die Beamten beschlagnahmten ihre Telefone, Laptops und sogar ihre Uhr. Offiziell diente die Razzia der Untersuchung gegen einen Regierungsmitarbeiter, der geheime Dokumente entwendet haben soll. Doch die Botschaft war an alle gerichtet: Wer mit der Presse spricht, lebt gefährlich. Und wer als Journalist diese Gespräche führt, ist nicht mehr geschützt.
Experten warnen vor einem massiven Chilling Effect, einer Schockstarre, die Quellen verstummen lässt. Und Natanson ist kein Einzelfall. Der salvadorianische Journalist Mario Guevara wurde nach seiner Berichterstattung über Proteste in Georgia nicht nur verhaftet, sondern nach monatelanger Inhaftierung deportiert. Selbst gewählte Volksvertreter sind nicht sicher: Senator Alex Padilla wurde bei einer Pressekonferenz der Heimatschutzministerin Kristi Noem zu Boden geworfen und in Handschellen gelegt, nur weil er dazwischengerufen hatte.
Noch düsterer wird das Bild, wenn man auf die Straße blickt. Der Tod von Renee Good, die in Minneapolis von einem ICE-Agenten erschossen wurde, steht wie ein Menetekel über dem Land. Die Regierung rechtfertigte die Tötung als Selbstverteidigung und verwies auf Goods angebliche Verbindung zu linken Gruppen – ein Signal, das Protest faktisch kriminalisiert, wenn nicht gar zum Tode verurteilt. In einem Land, in dem das Filmen von Polizeieinsätzen von Regierungsmitgliedern als Gewalt bezeichnet wird, ist die Pressefreiheit nicht nur eingeschränkt – sie ist physisch bedroht.
Der totale Krieg – Niemand ist sicher
Was diese Phase der Präsidentschaft so beängstigend macht, ist die Maßlosigkeit der Angriffe. Es gibt kein Ziel, das zu klein, zu unbedeutend oder zu absurd wäre, um nicht ins Fadenkreuz des Präsidenten zu geraten. Trump führt einen totalen Krieg gegen jede Form von Widerspruch, getrieben von einem Rachebedürfnis, das selbst durch politische Siege nicht gestillt wird.
Man betrachte den bizarren Feldzug gegen das Pulitzer-Preiskomitee. Trump verklagte 20 einzelne Mitglieder des Boards persönlich, darunter prominente Journalisten, weil sie sich weigerten, die Preise für die Russland-Berichterstattung von 2018 zu widerrufen. Die Klage zielt nicht auf die Institution, sondern auf die Individuen, deren Steuererklärungen und medizinische Unterlagen Trump nun fordert. Es ist der Versuch, Kritiker durch die schiere Last der Prozessführung zu zermürben.
Ebenso grotesk mutet die Klage gegen den Des Moines Register und die Meinungsforscherin Ann Selzer an. Sie hatten es gewagt, kurz vor der Wahl eine Umfrage zu veröffentlichen, die Trump in Iowa hinten sah. Trump gewann den Staat mit großem Vorsprung, doch anstatt den Triumph zu genießen, zog er vor Gericht. Sein Vorwurf: Wahlbeeinflussung und Betrug am Konsumenten. Selbst ein Wahlsieg ist kein Grund für Gnade, wenn das Ego gekränkt wurde.
Auch internationale Medien sind nicht immun. Die BBC sieht sich einer Klage über die astronomische Summe von 10 Milliarden Dollar ausgesetzt. Der Grund: Ein Dokumentarfilm, der Trumps Rede vom 6. Januar 2021 angeblich irreführend geschnitten hat – ein Film, der in den USA nicht einmal im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Dass die Erfolgsaussichten solcher Klagen oft gering sind, spielt keine Rolle. Das Ziel ist nicht der juristische Sieg, sondern die Zermürbung des Gegners durch Kosten und Angst. Steve Bannon nannte diese Strategie einst „Flood the zone with shit“ – Trump flutet die Gerichte mit Klagen.
Die Architektur des Schweigens
Wer heute, ein Jahr nach dem zweiten Amtsantritt, den Blick über die amerikanische Republik schweifen lässt, sieht auf den ersten Blick noch immer die vertrauten Konturen einer Demokratie. Die Gerichte tagen, die Zeitungen werden gedruckt, und im Kongress wird debattiert. Doch der Schein trügt. Politische Beobachter wie M. Gessen haben für diesen Zustand einen präzisen Begriff gefunden: elektoraler Autoritarismus. Es ist ein System, das die Requisiten der Freiheit – Wahlen, Parlamente, Justiz – beibehält, sie aber zur bloßen Dekoration degradiert.
In diesem Szenario stirbt die Pressefreiheit nicht durch ein einziges, dramatisches Dekret. Sie stirbt einen leisen Tod durch tausend Schnitte. Wir erleben die Amerikanisierung des ungarischen Weges, vor dem Kritiker seit Jahren warnten. Wie Viktor Orbán zwingt Trump die Medien nicht in den Staatsbesitz, sondern orchestriert ihren Transfer an wohlgesonnene Verbündete, die Opposition effektiv stumpf machen. Wenn Skydance CBS übernimmt und die redaktionelle Linie anpasst, ist das Ergebnis dasselbe wie bei einer Verstaatlichung, nur dass es als Marktmechanismus getarnt daherkommt.
Der öffentliche Raum, einst ein Marktplatz der Ideen, verwandelt sich zusehends in einen Wilden Westen, in dem Wahrheit zur Verhandlungssache wird und das Recht des Stärkeren gilt. Wer in Ländern gelebt hat, die in die Autokratie abglitten, kennt das Gefühl, das sich nun auch in den USA breitmacht: Die Wände kommen näher. Der Raum für das Sagbare, das Machbare, das Denkbare schrumpft.
Es ist verlockend, auf die verbliebenen Inseln des Widerstands zu hoffen – auf die Anwälte, die noch klagen, oder die Reporter der New York Times, die sich nicht beugen. Doch Zivilcourage ist eine endliche Ressource, wenn der Preis dafür die eigene Existenz, die Freiheit oder gar das Leben ist. Die einzige Möglichkeit, das Implodieren dieses Raumes zu verhindern, besteht darin, ihn auszufüllen, solange er noch existiert. Man muss die Wände abstützen, mit jedem verbliebenen Wort, jedem Protest und jedem Akt der Weigerung. Denn wenn die großen Scheinwerfer von ABC und CBS gedimmt werden, wird es in Amerika nicht sofort dunkel. Es wird dämmrig. Und in diesem Zwielicht ist der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur oft erst dann zu erkennen, wenn es zu spät ist.


